Navigation und Service

Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere

Ergebnisse

27 Modellvorhaben auf dem Weg

Die Auftaktveranstaltung zum Forschungsfeld im Herbst markierte für die Modellvorhaben den Übergang von der Vorbereitung in die Durchführung der Projekte. Den Modellvorhaben stehen auch Bundesmittel für "forschungsbedingte Mehrausgaben" im investiven Bereich zur Verfügung. Insgesamt werden über 100 einzelne Bausteine gefördert. Neben ExWoSt-typischen Aufgaben wie projektbezogenen Gutachten, Machbarkeitsstudien, Umsetzungskonzepten, Moderationsleistungen und wissenschaftlicher Beratung können also auch der Neubau, Umbau, die technische Anpassung und Modernisierung sowie andere konkrete innovative Maßnahmen gefördert werden.

Allen geförderten Maßnahmen liegt das Interesse des Bundes zugrunde, die vielfältigen Ideen zur Stärkung städtischer Quartiere zu unterstützten; denn aus der Praxis sollen Hinweise gewonnen werden, wie unsere Städte wieder attraktiv werden können – für Jung und Alt. Das Forschungsfeld versteht sich nämlich als konkreter Beitrag, die Ambitionen des Bundes für eine Nationale Stadtentwicklungspolitik mit Leben zu erfüllen. Eine nachhaltige Rückbesinnung auf städtische Lebensweisen kann nur dann gelingen, wenn die städtischen Räume auch lebenswert gestaltet werden.

Bezüge zu anderen Bundesaktivitäten

Die Bezüge zu anderen laufenden Aktivitäten des Bundes sind vielfältig und eng. So sind einige Modellvorhaben zugleich anerkannte Gebiete des Stadtumbaus – besonders im Osten. In der Fachwelt entsteht zuweilen der Eindruck, dass Stadtumbau nur Abriss von Wohnungen bedeutet. Tatsächlich ist aber neben dem Rückbau auch die Aufwertung ein zentrales und zunehmend bedeutsameres Aufgabenfeld. Das Forschungsfeld unterstützt diese lokalen Bemühungen gezielt durch Modellvorhaben in den Stadtumbaugebieten mit innovativem Ansatz.

Gewinnbringende Bezüge zum Programmbereich "Soziale Stadt" sind in mehreren Modellvorhaben gegeben. Das ExWoSt-Forschungsfeld ist nicht als Zusatzförderung für soziale Projekte in den Gebieten der Sozialen Stadt misszuverstehen. Gleichwohl ergeben sich positive Wechselwirkungen. Gerade im Themenschwerpunkt "Gemeinschaftseinrichtungen" kann das Forschungsfeld besonders interessante Akzente setzen und dabei auf vorhandenes bürgerschaftliches Engagement bauen. Allerdings bleibt festzustellen, dass das ExWoSt-Forschungsfeld kein Förderprogramm für benachteiligte Gebiete ist. Vielmehr ist es ein Forschungsprogramm mit dem Ziel zu klären, wie Stadtquartiere für alle Menschen attraktiv gestaltet werden können.

Der Einsatz innovativer Verfahren und Bausteine steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Begleitforschung. Der Bund will Erfahrungen sammeln: Wie sehen die Erfolgsfaktoren aus und wie können Probleme praxisgerecht gelöst werden? In diesem Sinne sind die Modellvorhaben "städtebauliche Labore". Sie haben über ihre Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge, Stolpersteine und Trittsteine als Gegenleistung für die Förderung zu berichten und werden wissenschaftlich begleitet.

Mit dem Forschungsfeld sollen Reurbanisierungstendenzen argumentativ unterstützt und damit ein Beitrag zur verminderten Neuinanspruchnahme von Siedlungsfläche im Umland geleistet werden. Gerade durch ein besseres Angebot an wohnungsnahen Grün- und Erholungsflächen sowie durch Gemeinschaftseinrichtungen für Jung und Alt werden die Aufenthalts- und Versorgungsqualitäten der Stadtquartiere erhöht. Ein verbindendes Anliegen ist dabei, die bisher auf einzelne Zielgruppen spezialisierten Einrichtungen durch Umbau, Erweiterung und Ergänzung für alle Bewohner zu öffnen. Dadurch ergeben sich in mehreren Modellvorhaben günstige Verknüpfungen mit dem Projekt "Mehrgenerationenhäuser" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Während jenes Bundesprogramm flächendeckend angelegt ist und den laufenden Betrieb fördert, erhalten die ausgewählten Projekträger im ExWoSt-Forschungsfeld Unterstützung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) durch Förderung der baubedingten Investitionen.

Modellregionen ergänzen den Blick

Vor kurzem sind weitere Projekte aus den beiden "Modellregionen des Demographischen Wandels" aufgenommen worden. Im Stettiner Haff wird in der Stadt Eggesin ein Gemeinschaftshaus gefördert. Im Südharz/Kyffhäuser Kreis werden u.a. generationenübergreifende Wohnformen unterstützt. Beide Regionen sind durch eine hohe Abwanderung gekennzeichnet und arbeiten daran, die Standorte zukunftsfähig zu gestalten. Auch wenn die lokalen Bedingungen hier gänzlich anders erscheinen als in großstädtischen Lagen, geht es auch hier darum, dem Zusammenleben von Jung und Alt eine Perspektive zu geben.

ExWoSt-Forschung bedeutet Erfahrungstransfer

Zentral in der ExWoSt-Forschung ist der Erfahrungsaustausch. Angesichts der großen Zahl von 27 Modellvorhaben und 30 Fallstudien ist dies in diesem Forschungsfeld eine große Herausforderung. Zwei Erfahrungswerkstätten in München und Berlin wurden mit allen Akteuren des Forschungsfeldes in 2007 durchgeführt, zwei weitere stehen dieses Jahr in Ludwigshafen und Braunschweig an.

Zur Zeit laufen die Werkstätten mit den 30 Fallstudien. Diese erhalten keine ExWoSt-Förderung, sind aber für den Wissenstransfer und für den Erfahrungsaustausch im Forschungsfeld als Referenzprojekte unverzichtbar. Zudem werden durch ein Gutachten auch Vergleichsprojekte aus dem europäischen Ausland ausgewertet. Die Ergebnisse aus beiden Gruppen werden im November 2008 im Rahmen einer großen Fachveranstaltung des BMVBS in Braunschweig vorgestellt.

Spezialität: Neue Technologien

Die Modellvorhaben des Forschungsfeldes verfolgen einen besonderen innovativen Anspruch. Gerade der Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien auf Quartiersebene ist eine Herausforderung. Über zwei Dutzend Projektbausteine sind diesem Anspruch gewidmet. In über einem Dutzend Modellvorhaben werden internetgestützte "Quartiersplattformen" erprobt. Sie sollen klären, wie durch diese virtuellen Medien das alltägliche Zusammenleben gefördert werden kann, indem man mehr voneinander weiß. So werden Hilfestellungen begünstigt und das nachbarschaftliche Zusammenleben gefördert. Einblick in dieses Thema geben auch die ExWoSt-Informationen 32/2 (siehe auch Rubrik "Veröffentlichungen" in der Marginalspalte).

Zum Thema erhalten Sie weitere Informationen in der Rubrik "Sondergutachten".
>> weitere Informationen

Erkenntnisse

Bei der Begleitung der Einzelprojekte mit ihren speziellen Ausgangssituationen, Zielsetzungen und Akteurskonstellationen und durch die Auswertung sowohl der Erfolge als auch insbesondere derjenigen Schritte, die nicht den gewünschten Erfolg erbrachten, konnten einige generelle Erkenntnisse erarbeitet werden:

Es wurden Parallelen zwischen dem "virtuellen" und dem öffentlichen Raum festgestellt. Beides sind Orte, in denen viele Akteure in unterschiedlichen Rollen Verantwortung übernehmen und agieren. So gibt es in der "virtuellen Realität" ähnliche Problemlagen wie in den IFAS-Freiraumprojekten (Sicherheit und soziale Kontrolle, Vandalismusschutz, Kriminalprävention, Interessenskonflikte, Fragen der Unterhaltung und der Folgekosten, rechtliche Unsicherheiten). Der Innovationsanspruch bei den realisierten Technologieanwendungen bestand nicht darin, neue Technik zu entwickeln, sondern darin, vorhandene Technologien in einen neuen Kontext zu setzen. Es ging darum, Technologien, die im privaten Bereich Anwendung finden, im städtischen Quartierskontext zu erproben und Technologien, die bisher nicht für den "kleinen" Markt des Stadtquartiers angeboten werden, einem Praxistest zu unterwerfen. Dieser praxisorientierte Ansatz erforderte einen intelligenten Umgang mit bestehender Technik. Unterschiedliche Erfolgsfaktoren beim Einsatz Neuer Technologien stellten sich heraus. Diese Technologien müssen in ein Gesamtkonzept zur Quartiersentwicklung eingebettet sein, um vorhandene Elemente zu unterstützen, die Lebensqualität im Stadtquartier zu erhöhen. Sie werden angenommen, wenn sie für die Quartiersakteure und Bewohner einen Mehrwert darstellen, das Miteinander fördern, wenn ihr Gebrauch einfach ist und Spaß macht und sie daher von vielen Akteuren nachgefragt werden. Wichtig ist darüber hinaus, dass die Gebrauchsfähigkeit und nicht die Technik im Vordergrund steht und Technologien langfristig wirksam und weiter entwickelbar sind. Bezüglich der Rolle der digitalen Kommunikation in der Stadtquartiersentwicklung wurde deutlich, dass digitale Medien immer nur dann projekteffizient einsetzbar
sind, wenn sie die analoge Kommunikation, d. h. die persönliche Interaktion unter Menschen ergänzen. Außerdem muss digitales Kommunizieren geübt werden, damit es sinnvoll und gern benutzt wird. Wesentliche Projektfortschritte fanden im Rahmen von bzw. im Nachgang zu Workshops und Schulungen statt. Der Grund mag darin liegen, dass persönliche Zusammentreffen eine höhere Konzentration auf die Gesprächspartner erfordern und eine höhere Verbindlichkeit haben. Der große Vorteil liegt in der Möglichkeit asynchroner Kommunikation bzw. in der Zeitlosigkeit der über das Internet erreichbaren Dienstleistungen. Dadurch können Anfragen und Informationen unabhängig von der Arbeitszeit und dem Aufenthaltsort des Gegenübers bearbeitet werden. Gebrauch und Akzeptanz neuer Technologien sind stark abhängig von den eigenen Gewohnheiten und denen des jeweiligen Gegenübers, sowie von der persönlichen Betroffenheit und dem Anlass. Gründe für eine Nutzung sind z. B., dass das bisher gewohnte Angebot nicht mehr besteht, das analoge Angebot teurer ist, das es neue Qualitäten oder Funktionen bietet oder aber aktueller oder besser ist. Die Erfahrungen in den Projekten zeigen, dass die "digitale Spaltung" nicht nur zwischen Jung und Alt verläuft

Zugang und Nutzung digitaler Technologien sind maßgeblich vom sozialen Kontext, vom Bildungsstand und von der Frage eines Beschäftigungsverhältnisses abhängig, d. h. es begrenzen nicht die unzureichenden technischen Zugangsmöglichkeiten die Nutzung, sondern die sozialen, finanziellen und kognitiven Fähigkeiten des Einzelnen. Den digitalen Medien wird zugeschrieben, dass sie bei der Aktivierung und Einbindung von Jugendlichen im Kontext der Quartiersentwicklung eine große Rolle spielen können. Ob dies tatsächlich der Fall ist, kann auf Basis der vorliegenden Erkenntnisse aus den Projekten nicht beantwortet werden, in einigen Fallstudien ist dies allerdings gut gelungen. Bezogen auf ältere Menschen kann festgestellt werden, dass diese vielfach bereits vertraut sind im Umgang mit Neuen Medien, dass sie nicht von Information ausgegrenzt werden wollen und eine gesteigerte "Informationslust" haben. Ihre Aufgeschlossenheit gegenüber der Technik ist vielfach größer als angenommen. Da viele Rentner über genügend Zeit und Geld verfügen, um sich mit digitalen Medien eingehend zu beschäftigen, holen sie bei der Medienkompetenz deutlich auf und stellen inhaltliche Ansprüche an digitale Angebote. Dies alles zeigt, dass die in den Projekten erprobten NT-Bausteine auch
die Zielgruppe der älteren Menschen im Quartier anzusprechen vermögen. Hemmend bei der Einführung von Neuen Technologien sind die vorhandene Gesetzeslage und Rechtsprechung, die dem digitalen Zeitalter hinterherläuft. Die Gesetze stammen aus der analogen Welt und werden übertragen. Die juristische Beurteilung im Zusammenhang mit Internetdiensten ist grundsätzlich schwierig, da nationale Gesetze durch die internationale und dezentrale Struktur des Netzes und durch dessen (vermeintliche) Anonymität schwer durchsetzbar sind. Die unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen führten in den NT-Projekten teilweise zu Unsicherheiten bei den Verantwortlichen, die eine Umsetzung der beantragten Module erschwerte. Die gutachterliche Beratungstätigkeit diente sowohl der gezielten Einzelfallberatung als auch der Wissensvermittlung und der Netzwerkbildung. Diese Sondersituation war für die beispielhafte Entwicklung von praxistauglichen und innovativen Projekten förderlich, wird aber in ihrer Intensität nicht auf den Planungsalltag von Nachfolgeprojekten zu übertragen sein.

Empfehlungen

Viele praxisorientierte Empfehlungen zur Konzeption, Planung und Umsetzung von Neuen Technologien im Quartierskontext wurden in den NT-Projekten erarbeitet, die – wenn sie übertragen werden sollen – vor dem Hintergrund des jeweiligen lokalen Kontextes und der speziellen Fragestellung und Akteurskonstellation betrachtet werden müssen. Deutlich wurde, dass der Erfolg eines Projektes vor allem an Menschen hängt, denn Vision, Überzeugung und Motivation der Projektakteure gehören zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren. Genau so wichtig ist die Einbindung des Technologieeinsatzes in eine Gesamtstrategie. Technik darf nicht Selbstzweck sein, sondern hat dienenden Charakter. Daher müssen alle Schritte zur Planung und Umsetzung eng mit anderen Maßnahmen im Projekt verknüpft sein. Die Zustimmung der Entscheiderebene zum geplanten Einsatz ist unabdingbar. Die angestrebten Ziele müssen realistisch und umsetzbar sein. Zu den notwendigen Vorarbeiten gehören u. a. die Klärung der Personalressourcen, Überlegungen, wie sich der Technikbaustein finanziell selbst tragen kann, unterstützende Beteiligungsverfahren und Kommunikationselemente, die Klärung möglicher technischer Restriktionen sowie der jeweiligen Genehmigungsvoraussetzungen, falls die Technologiebausteine in/an/auf Gebäuden vorgesehen sind.

Je nach Trägerschaft sind die organisatorischen Voraussetzungen unterschiedlich. Es müssen im Vorfeld klare Organisations- und Planungsstrukturen geschaffen sowie Verabredungen bezüglich der Kommunikation getroffen werden. Bezüglich der personellen Planungen ist zu beachten, dass die Kontinuität der Bearbeiter und Ansprechpartner sichergestellt wird. Bei den Akteuren und Zielgruppen müssen mentale und emotionale Hemmnisse identifiziert und offen angesprochen werden. Alle Beteiligten sind entsprechend zu qualifizieren. Es muss den Beteiligten klar sein, dass ein gewisses Maß an
Risikobereitschaft notwendig ist, um neue Entwicklungen zu erproben. Ehrenamtliche dürfen nicht überfordert werden. Es muss Freiraum und Zeit vorhanden sein, um Dinge auszuprobieren, denn gerade im Bereich Web-Technologien ist "learning by doing" die nachhaltigste Strategie. Jede technische Anwendung hat, bezogen auf den Einsatz in den Stadtquartieren, sehr spezifische Anforderungen, die technische Klärungen erfordert. Dabei handelt es sich u. a. um die Sicherstellung der technischen Infrastrukturen, Darlegung der Schnittstellenanforderungen, Klärung von Sicherheitsfragen und die Konzeption technischer Schulungen. Da der Technologieeinsatz zumeist mit unterschiedlichen technischen Fragestellungen einhergeht, stellt sich bei den meisten Vorhaben die Frage einer möglichen Unterstützung durch Fachleute. Die Vor- und Nachteile einer technischen Beratung und Unterstützung durch externe Experten müssen bedacht werden, da Berater einerseits nicht vorhandenes Wissen liefern, aber gleichzeitig Abhängigkeiten und Sachzwänge schaffen, die fast zwangsläufig eine dauerhafte externe Begleitung erfordern. Ähnliches gilt für die juristische Beratung und Unterstützung. Zu einem erfolgreichen Einsatz technischer Bausteine trägt auch die Unterstützung der Einführung der Angebote durch Events und ein entsprechendes Marketing bei.

Ausblick

Die Beschäftigung mit Neuen Medien im Quartierskontext hat in den beteiligten Modellvorhaben und Fallstudien positive Spuren hinterlassen und die gewonnenen Erkenntnisse zeigen den Mehrwert der Förderung von NT-Bausteinen im Kontext des Forschungsfeldes "Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere". Es wurde der Beweis angetreten, dass das Zusammenleben der Generationen in einem Stadtteil vom Einsatz Neuer Technologien profitieren kann. Die Erwartung, dass mit Abschluss des Forschungsfeldes zu evaluieren sein wird, inwieweit Neue Technologien zur Verbesserung der Situation für alle Generationen im Quartier beigetragen haben und wo Grenzen der Anwendung ersichtlich geworden sind, kann allerdings zum Abschluss des Projektes leider nur hypothetisch beantwortet werden, denn Betrieb und Verstetigung der Anwendungen stehen erst noch an. In den Anwendungen der Quartiersplattform Q+ liegt ein großer Fundus an praktischer Anwendung der Informations- und Kommunikationstechnologie, der z. B. zu Gebrauchsfähigkeit, Nutzerverhalten, Wirkungsweisen und Akzeptanz sowie zu Hemmnissen und Erfolgsfaktoren solcher Angebote Aufschluss geben kann. Die Beobachtung des Gebrauchs der Technik wird viele Erkenntnisse zu den Auswirkungen der Neuen Technologien in der Stadtentwicklung liefern. Diese Chance sollte ergriffen werden, um mehr über die Wirkungen in den Quartieren, im nachbarschaftlichen Miteinander und in der Stadtteilarbeit zu erfahren. Die im Rahmen des Forschungsprojektes entwickelte Softwarelösung bietet sich im besonderen Maße an, sie als ein gutes Beispiel weiter zu verbreiten und damit einen Beitrag dazu zu leisten, dass in anderen Zusammenhängen bewährte Neue Technologien in den Stadtquartieren ihre positiven Anwendungen finden. Ihre Verbreitung bei Kommunen, Wohnungsunternehmen, Vereinen, Trägern der Stadtteilentwicklung und sonstigen Interessierten sollte auf Bundesebene aktiv betrieben werden. Mittlerweile hat die Zukunft bereits begonnen: Manche Projektideen, die noch zu Beginn des NT-Projekts technisch kaum realisierbar schienen, können Dank fortentwickelter Technik heute umgesetzt werden. Diese Weiterentwicklungen machen Lust auf weitere Projekte und beflügeln die Phantasie.

Zwölf Kernsätze als Botschaften aus dem Forschungsfeld

1. Attraktive Stadtquartiere sind der Schlüssel für eine Rückbesinnung auf städtische Lebensweisen.
Die Stadtflucht findet weiterhin statt. Eine nachhaltige Stadtentwicklungspolitik begegnet dieser Entwicklung, indem Vorteile des Lebens in der Stadt erkannt und Standortnachteile abgeschwächt werden. Zunehmende Mobilitätsanforderungen in der Arbeitswelt und Pluralisierung der Lebensstile sprechen für die "Stadt der kurzen Wege". Städte werden als Bühne gesellschaftlicher Prozesse wahrgenommen. Lebenswerte Stadtquartiere sind die unmittelbar erfahrbare Alltagswelt der Mehrzahl der Menschen. In ihnen entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit unserer Städte.

2. Stadtquartiere sind zukunftsfähig, wenn sie vielfältig und für alle attraktiv sind.
Das Image eines Stadtquartiers ist Ausdruck sehr unterschiedlicher Wertschätzungen. Die Vorteile urbaner Lebensweisen liegen in der Nachbarschaft von verschiedenen Funktionen, der Vielfalt von Wohnungsangeboten und wohnungsnaher Dienstleistungen, der Nutzungsqualität öffentlicher Räume und der heterogenen Zusammensetzung der Bevölkerung. Einseitig strukturierte Stadteile sind dagegen ungeeignet, flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren. Demographischer Wandel wird im Wohnquartier konkret: weniger, älter, ethnisch gemischter. Hier eröffnen sich die Chancen für ein tolerantes Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen.

3. Stadtquartiere sind als politische Handlungsebene zu begreifen.
Eine kluge Stadtpolitik ist gefordert, die Konsequenzen des wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandels vor Ort zu steuern. Die Zunahme von kleineren Haushalten führt tendenziell zu anderen Lebensformen und verlangt nach anderen wohnungsnahen Angeboten. Hieraus resultieren neue Anforderungen an die öffentliche Daseinsfürsorge, an das Wohnangebot und an das Zusammenleben im Stadtquartier. Diese Herausforderungen sollten mehr als bisher als politische Aufgaben begriffen werden, die die Stadtgesellschaft eigenverantwortlich in Angriff nehmen muss.

4. Projekte müssen interdisziplinär entwickelt werden.
Die Entwicklung von Projekten in den Stadtquartieren ist ein Prozess, der aus konkreten Problemlagen und Lösungsmöglichkeiten resultiert. Fachpolitische Sichtweisen in den sektoralen Gliederungen der Stadtverwaltung erweisen sich zunehmend als ungeeignet für die Bewältigung lokaler Herausforderungen. Für den Projekterfolg ist deshalb entscheidend, alle relevanten Akteure kontinuierlich in die Prozessgestaltung einzubeziehen. Dies muss in allen Projektphasen bedacht werden - von der Klärung der Aufgabenstellung, der Ideenfindung und Konzeption über Entwicklung nachhaltiger Trägerschaftsmodelle und Konkretisierung der Planung bis hin zur Umsetzung.

5. Neue Informationstechnologien können das Zusammenleben bereichern, nicht etwa ersetzen.
Die Dominanz neuer Medien im Alltagsgeschehen wirkt zunehmend fremdbestimmt: hoher Fernsehkonsum, ständige Erreichbarkeit per Mobiltelefon, Elektronisierung privater Haushalte, Abhängigkeit vom PC, multimediale Präsenz von Werbung für globale Warenangebote. Im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklungspolitik ist demgegenüber das Interesse an den Herausforderungen im direkten Umfeld zu betonen. Technologische Errungenschaften können klug und kreativ für die Organisation des Alltages und die Förderung zwischenmenschlicher Begegnungen genutzt werden. Sie können dann dazu beitragen, Hilfestellungen und Orientierung im Alltag, lokales Wissen und Kompetenz sowie die Identität mit der unmittelbaren Lebensumwelt zu stärken.

6. Projekte für jung und alt sind wichtige Ressourcen der Stadtentwicklung.
Für Kinder, Familien und ältere Menschen bildet das Wohnquartier den unmittelbar erfahrbaren Lebensraum. Gemeinsam ist das Bedürfnis nach Überschaubarkeit, Sicherheit und Nähe. Die alltägliche Begegnung im Wohnumfeld und nachbarschaftliche Erfahrungen prägen die Bereitschaft zum gegenseitigen Verständnis, fördern die Toleranz und begünstigen solidarisches Handeln. Die Potenziale generationenübergreifender Begegnungen können durch gezielte Projekte noch gestärkt werden. Die große Chance dieser Projekte liegt in der Freiwilligkeit, die den hier eingegangenen Beziehungen zugrunde liegt, und der Möglichkeit eines wechselseitigen Nutzens für die Beteiligten und die Gesellschaft.

7. Lokale Verantwortungsgemeinschaften leben vom nachbarschaftlichen Engagement.
Gemeinschaftseinrichtungen nutzen vorhandene persönliche und institutionelle Strukturen. Sie bieten Raum für bürgerschaftliche Aktivitäten und eröffnen Chancen, Vorhandenes zusammenzuführen und durch neue Aktivitäten zu bereichern. Erfolgreiche Kooperationen und gewinnbringen-de Netzwerke setzen eigenen Kompetenzen, Ressourcen und Mitwirkungsbereitschaft voraus. Für erfolgreiche Trägerstrukturen gibt es keine Patentrezepte. Unverzichtbar ist aber, lokales Engagement zu wecken und gerade aus der Vielfalt einen gemeinsamen Nutzen zu schöpfen. Dies betriff vor allem das Zusammenleben von jung und alt.

8. Gemeinsinn braucht Raum. Gemeinschaftseinrichtungen sind aber keine Selbstläufer.
Sie benötigen öffentliche Unterstützung und vielfältiges persönliches Engagement. Es bedarf einer dauerhaften Balance zwischen Eigenverantwortung und Solidarität, zwischen Förderung der individuellen Selbstbestimmung und der Gewährung von Sicherheits- und Schutzfunktion. Öffentliche Daseinsvorsorge wir zunehmend in Kombination unterschiedlicher Fachgebiete und durch Selbsthilfe in Verknüpfung mit professionellen Angeboten zu organisieren sein. Die Mitwirkung der Menschen vor Ort ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Sie sind die eigentlichen Experten, die darüber entscheiden, ob das nachbarschaftliche Zusammenleben gelingt und die Gemeinschaftseinrichtungen als bauliche und soziale Angebote mit Leben gefüllt werden.

9. An Freiräumen können neue Planungskulturen entwickelt werden.
Die Gestaltung urbaner Freiräume ist ein Thema, an dem viele Bewohner im Quartier interessiert sind, weil sie diese Räume nutzen und sich mit ihnen identifizieren. Der Freiraum dient als Bühne der Quartiersgesellschaft, der Bildung sozialer Netze, aber auch als Austragungsort von Konflikten zwischen sozialen Gruppen. Deshalb ist der Freiraum das ideale Erprobungsfeld für eine neue Planungskultur, in der die Verwaltung gemeinsam mit der Zivilgesellschaft und Unternehmen neue Wege geht. Dies erfordert Offenheit, Transparenz und Kommunikation - und neue Methoden, mit denen dies gewährleistet werden kann.

10. Bürgerschaftliches Engagement ist als Potenzial der Freiraumgestaltung zu nutzen.
Die Kommunen haben angesichts finanzieller Notlagen und sinkendem Personalstand immer weniger Kapazitäten, um Freiraumprojekte zu entwickeln und nachhaltig zu bewirtschaften. Bürgerschaftliches Engagement stellt gerade für Freiräume ein großes Potenzial dar, Stadtverwaltungen zu entlasten und die Quartiere attraktiver zu machen. Für die Kommunen entsteht so eine neue Rolle: der ermöglichende Staat unterstützt bürgerschaftliche Gruppen, moderiert Prozesse und achtet auf die Einhaltung von Qualitätskriterien. Für die Bürger entstehen dabei bereichernde Kontakte und sinnstiftende Tätigkeiten. Dabei ist Vertrauen in die Verlässlichkeit von Vereinbarungen unerlässlich. Ebenso wichtig ist Anerkennung für die im Sinne der Allgemeinheit geleistete Arbeit.

11. Zukunftsfähige Stadtquartiere erfordern differenzierte Wohnungsangebote.
Homogene Bestandsquartiere sind durch unterschiedliche Wohnungstypen anzureichern. Dies erfolgt durch Neubau aber auch durch Anpassung des Bestandes, im Eigentum oder zur Miete. Eine Attraktivitätssteigerung des Wohnungsangebotes in städtischen Quartieren hat von den Anbietern auszugehen. Diese müssen den latenten, oft unspezifisch bleibenden Wohnwünschen der Nachfrager nachspüren und adäquate Angebote entwickeln, nicht nur in Einzelprojekten sondern als strukturelle Breitenwirkung. Erst dies ermöglicht den Bewohnern, ihre individuellen Bedürfnisse außerhalb der Standardprodukte zu befriedigen. Attraktive Wohnangebote für städtisches Wohnen stärken die Präferenzen für die Stadt für alle Haushaltstypen, Altersgruppen und Milieus.

12. Vielfalt der Quartiere durch angepasste Entwicklungsverfahren sichern.
Die Entwicklung von funktionierenden Nachbarschaften bedarf nicht nur baulicher Anpassungsmaßnahmen. Die im Quartier anzusprechenden Zielgruppen benötigen spezifische Entwicklungsverfahren für eine erfolgreiche Durchführung der Projekte. Baugemeinschaften zur Herstellung von Wohnungen sprechen vor allem junge Familien an, während ältere Haushalte zunehmend an gemeinschaftlichen Wohnprojekten interessiert sind. Diese Verfahren bedingen eine frühzeitige Integration der zukünftigen Bewohner durch gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit Zielen und Inhalten. Nicht zuletzt ist dies ein wichtiger Baustein, um langfristig nachbarschaftliche Netzwerke im Quartier zu entwickeln.

Endbericht

Lebenswerte Stadtquartiere für Jung und Alt – Fortschrittsbericht 2011, Endbericht, November 2011
Fortschrittsuntersuchung zum ExWoSt-Forschungsfeld "Innovationen für familien-und altengerechte Stadtquartiere"
Bearbeitung:
plan zwei
Dr. Klaus Habermann-Nieße, Kirsten Klehn, Bettina Schlomka
bgmr Landschaftsarchitekten
Dr. Carlo W. Becker, Sven Hübner
empirica
Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier,
Meike Heckenroth