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Berlin Friedrichshain-Kreuzberg: Wriezener Freiraum Labor

Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere - Modellvorhaben

Angaben zum Projekt
Kontakt

Elisabeth Simmon, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg,
Fachbereich Naturschutz- und Grünflächen
Tel: +49 30 90298-8005
elisabeth.simmon@ba-fk.verwalt-berlin.de

Ines-Ulrike Rudolph, tx – büro für temporäre architektur
Tel: +49 30 21019781, lab@tx-architekten.de

http://www.freiraumlabor.org

ProjekttypNeue Freiräume durch Umstrukturierung von Infrastrukturflächen
Nutzfläche2,0 ha
EigentümerBezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin
Kooperationspartnertx – Büro für temporäre architektur, Berlin
AkteureBezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg; tx-Büro für temporäre Architektur; Dathe-Gymnasium; Feld11 Projects; complizen Planungsbüro, Berlin; Winfried Schiffer, workstation Ideenwerkstatt Berlin e.V., Trägerverbund Lokschuppen (Lokdock und BUND Berlin e.V.); BMX-Verein-52grad e.V.
PlanungAriane Röntz, Landschaftsarchitektur, Berlin (Freiraum), AFF Architekten, Berlin (Lokschuppen), Feld11 Projects, Berlin (FreiFunkHain)
Projektentwicklungtx – Büro für temporäre architektur, Berlin

Kontext

Mit der Konversion des Bahn- und Industrieareals auf dem Wriezener Bahnhof ergeben sich für das Stadtquartier Warschauer Straße vielfältige neue stadträumliche Bezüge und Verflechtungen. Neben Gewerbe- und Mischgebieten entstehen öffentliche Grün- und Freiflächen, die zu einem Freiraumband mit öffentlich wirksamen Aktivitäten entwickelt werden sollen. Kernstück dieses Bandes ist die zwei ha große Brachfläche an der Helsingforser Straße, die im Bebauungsplan als öffentliche Parkanlage festgesetzt ist.

Zahlreiche örtliche Initiativen zeigten von Beginn an ein großes Interesse, an der Gestaltung des neuen Stadtraumes mitzuwirken. Daher beauftragte der Bezirk die AG Wriezener Bahnhof+, eine extra für das Beteiligungsverfahren gegründete Kooperation lokaler Friedrichshainer Initiativen, mit der Durchführung der Bürgerbeteiligung zum Bebauungsplanverfahren. In einer fachlich moderierten Planungswerkstatt wurden differenzierte Ideen und Gestaltungsansätze für die Grün- und Freiflächen entworfen. Als erster Erfolg der Planungswerkstatt gelang die Installation eines Sportfeldes für die Stadtteilvereine auf dem Dach eines neu errichteten Einzelhandels-Großmarktes.

Angaben zum Quartier
EinwohnerStadt: 3.388.500
Quartier: 20.000
Lage Innenstadt
Quartierstyp/BaualterGründerzeit mit Plattenbauten der 1960er Jahre
SozialdatenMenschen < 18 Jahre 11 %
Menschen > 65 Jahre 26 %
Zuwanderer k.A
Arbeitslose 12 %

Konzept

Das Modellvorhaben Wriezener Freiraum Labor setzt den mit der Planungswerkstatt begonnenen Partizipationsprozess für den künftigen Park an der Helsingforser Straße fort. Der Park soll schrittweise mit Anwohnern, Nutzern und lokalen Akteuren gestaltet und bereits vor der eigentlichen Fertigstellung nutzbar gemacht werden. Durch die aktive Einflussnahme auf die Entwicklung ihres Stadtteils sollen Bürgerkompetenzen gestärkt und neue Kooperationsformen zur Inwertsetzung von öffentlichem Raum, wie Patenschaften, Bürgerstiftung, Freiraum-Fonds und unternehmerische Formen entwickelt und getestet werden. Das Grundgerüst des Parks und das Kooperationsmodell mit den Akteuren sollen so ausgerichtet werden, dass eine nachhaltige und anpassungsfähige Gestaltung der Freiflächen für Jung und Alt erreicht wird.

Der gebietsprägende ehemalige Lokschuppen sowie erhaltenswerte Gehölzbestände, die sich über einen längen Zeitraum auf der Freifläche entwickeln konnten, werden als Potenziale für die Freiflächenentwicklung verstanden und sollen in das Umgestaltungskonzept einbezogen werden.

Zentrale Bausteine des Modellvorhabens sind die Projektsteuerung, das Schnittstellenmanagement sowie die Freiraummodule Grünes Klassenzimmer, Garten-Claims und der Sportparcours. Die Freiraummodule werden von lokolen Modulakteuren betreut und gemeinsam mit weiteren Nutzungsinteressierten generationsübergreifend gestaltet und bewirtschaftet. Das Modul FreiFunkHain soll den öffentlichen Freiraum für die WLAN-Nutzung erschließen und durch attraktiv gestaltete Aufenthaltsbereiche nutzbar machen. Der ehemalige Lokschuppens wird als neuer Anlaufpunkt und Aktivitätsort im Park für eine gemeinschaftliche, quartiersbezogene Nutzung umgestaltet.

Finanzierung

Für die "einfache" Herrichtung der Parkfläche stehen dem Bezirk Mittel für den naturschutzrechtlichen Ausgleich aus dem Bebauungsplanverfahren für das ehemalige Bahnareal zur Verfügung.

Über das ExWoSt-Forschungsfeld werden die Projektsteuerung, die partizipative Basisplanung und die Planungsleistungen für den Freiraum, den Umbau des Lokschuppens und die Entwicklung des FreifunkHains finanziert. Da das kooperative, dialogische Parkentwicklungsverfahren besonders hohe Anforderungen an die Koordninierungs-, Abstimmungs- und Betreuungsleistungen stellt und diese Leistungen mit den im Bezirksamt verfügbaren Personalressourcen nicht abgedeckt werden können, wurde im Laufe des Projektes der externe Projektsteuerungsanteil erhöht.

Das Grüne Klassenzimmer, die Garten-Claims und der Sportparcours erhalten in der Entwicklungsphase ein Budget für Sachkosten, Betreuungsleistungen und für kleinere bauliche Maßnahmen. Über ExWoSt wird auch der Grundausbau des ehemaligen Lokschuppens zur Gemeinschaftseinrichtung, die WLAN-Erschließung des Freiraums sowie die Photovoltaikanlagen zur nachhaltige Energieerzeugung finanziert.

Für die Instandhaltung und Pflege des Grundgerüsts des Parks bleibt das Bezirksamt verantwortlich. Die von lokalen Akteuren getragenen Module sollen möglichst selbsttragend organisiert werden. Vorgesehen ist einen Anteil der Betriebs- und Unterhaltungskosten der Parkmodule durch die Rückvergütung von Strom zu refinanzieren, der über Solaranlagen im Park erzeugt und in das Stromnetz eingespeist werden wird.

Aspekte der generationen- und zielgruppenübergreifenden Nutzung

Die Parkmodule sprechen unterschiedliche Nutzergruppen an, die mit ihren Aktivitäten wiederum das Interesse anderer Zielgruppen zur Parkaneignung wecken sollen.

Das Grüne Klassenzimmer wird von Schülern und Lehrern des Dathe-Gymnasiums, das einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt hat, gestaltet und betreut. Mit Aktivitäten wie dem Anbau von Futterpflanzen für die Tiere der Biologiestation und Unterricht im Freiraum tritt die Schule an die Öffentlichkeit und macht den Park zum praktischen Anschauungs- und Lehrobjekt. Hierdurch werden auch Begegnung und Austausch mit anderen Parknutzern gefördert. Mit den Garten-Claims entstehen Anwohnergärten, die zu einer naturnahen, auf die besonderen Standort- und Bodenverhältnisse des ehemaligen Bahngeländes bezogene gärtnerische Nutzung anregen sollen. Der Sportparcours bietet Raum für Trendsportarten und kontemplative Freizeitnutzungen zum Mitmachen und Zuschauen. Die FreifunkHaine ermöglichen durch den kostenlosen WLAN-Zugang die Verbindung von Arbeiten und Freizeit. Der Betrieb und die Betreuung einer Klimamessstation und die Sichtbarmachung der Erträge der Photovoltaikanlagen sprechen u.a. auch Technikinteressierte an.

Über den moderierten Prozess soll sich eine generationenübergreifende Nutzergemeinschaft zusammenfinden, die sich im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten für die Gestaltung und Bewirtschaftung des Parks einsetzt. Unterstützt wird dies durch regelmäßige Jour fixe-Termine, eine Vortragsreihe mit relevanten Themen zum Entwicklungs- und Umsetzungsprozess sowie durch die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit.

Wechselbeziehungen Wohnen – Freiräume – Gemeinschaftseinrichtungen

Das nördlich an den Park angrenzende innerstädtische Wohnquartier Warschauer Straße hat nur wenige nutzbare Freiflächen. Den großen Bedarf an Freiräumen zur Aneignung spiegelt der Wunsch vieler Beteiligter wider, die Brachfläche möglichst auch durch temporäre und einfache Maßnahmen nutzbar zu machen. Im Rahmen des Projektes ist es gelungen, eine bezirksweite Koordinierungsstelle für gärtnerische Freiraumnutzungen auf dem Gelände zu etablieren, die Anfragen zu solchen Aktivitäten zukünftig steuern soll.

Über die Schaffung gemeinschaftlich nutzbarer Räume im ehemaligen Lokschuppen sollen die Freiraumangebote im öffentlichen Park ergänzt werden, beispielsweise durch Ausstellungsflächen, eine kleine Galerie und ein Café für alle.

Fokus Prozess: Parkproduktion im Dialog

Projektinitiatoren des Modellvorhabens sind das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in enger Kooperation mit dem tx – büro für temporäre architektur. Die Besonderheiten des Projektes sind das Verfahren zur Parkentwicklung sowie die Organisation des Parkbetriebs. Während öffentliche Parks klassischerweise in Regie und nach den Standards der kommunalen Verwaltung geplant, gebaut und unterhalten werden, wird im Wriezener Freiraum Labor der Name zum Programm: Alle an der Parkproduktion Beteiligten sollen als möglichst gleichberechtigt in dem Entwicklungsprozess begriffen werden und ihr jeweiliges Planungswissen, Spezialistenwissen, Erfahrungswissen, Verwaltungswissen und ihre Berufung in den gemeinsamen Gestaltungprozess einbringen. In diesem "Entwicklungsprozess auf gemeinsamer Augenhöhe" vermittelt das Schnittstellenmanagement kontinuierlich zwischen den Modulakteuren, den Nutzungsinteressierten und der Verwaltung als Projektträger und Bauherr und sorgt für ein transparentes Verfahren.

Hemmnisse und Lösungsansätze in der Gestaltung des kooperativen Verfahrens

Da das kooperative Zusammenspiel von Bürgern und Verwaltung für die Gestaltung eines öffentlichen Park noch nicht erprobt ist, musste für das Modellvorhaben zunächst ein Verfahren gefunden werden, das auf die Netzwerkbildung und die Einbindung lokaler Akteure mit entsprechenden Kompetenzen ausgerichtet ist. Besonders die für die kommunale Verwaltung geltenden rechtlichen Grundlagen und Standards für die Umsetzung öffentlicher Projekte stellen ein Hemmnis für das praktische Agieren bürgerschaftlicher Akteure im Projekt dar.

Die Vorschriften der Landeshaushaltsordnung erschweren die Beauftragung lokaler Akteure und die schnelle Abrechnung von Sachmitteln. Oft steht der hierfür erforderliche Aufwand nicht in einem vertretbaren Verhältnis zu den vergleichsweise geringen Ausgabebeträgen von Low-Budget-Projekten mit ehrenamtlicher Beteiligung. Um unnötige Bürokratie zu vermeiden und eine Ausgabenkontrolle zu behalten, wurde eine pragmatische Lösung gefunden: Beträge bis 100 Euro können ohne Gegenangebote ausgegeben werden, bei höheren Beträgen sind drei vergleichende Angebote einzuholen und die Auswahl kurz zu begründen.

Auf Seiten der Verwaltung besteht eine besondere Schwierigkeit darin, die intensive Projektbetreuung zu gewährleisten. Die personellen Ressourcen des Grünflächenamtes sind nicht auf Kooperationsprojekte ausgerichtet. Außerdem beinhaltet die für die Berliner Verwaltung geltende Kosten-Leistungs-Rechnung für das Grünflächenamt keine "Freien Leistungen", wie beispielsweise die Beratung oder Begleitung partizipatorischer Projekte. Diese Leistungen müssen in anderen Produkten bzw. Leistungen verrechnet werden, die dann im Vergeleich mit den anderen Bezirken schechter abschneiden und daher unwirtschaftlich erscheinen.

Fokus Bauliche Lösungen im Prozess entwickeln

Der Basisplan setzt die jeweiligen Entwicklungsschritte der gemeinsamen Parkproduktion zu einem Gesamtkonzept zusammen. Darauf aufbauend entwickelt ein Landschaftsarchitekturbüro das Gestaltungs- und Erschließungskonzept für den öffentlichen Park als Grundgerüst, das Räume und Möglichkeiten für Aktivitäten und Weiterentwicklungen der Modulakteure und sonstiger Nutzer einbindet. Als erste bauliche Maßnahmen für das Grundgerüst des Parks sind vereinbart:

  • ein neuer Zugangs auf der Höhe des Helsingforser Platzes
  • der Bau eines multifunktionalen Sportfeldes (Asphalt, ca. 15 m x 25 m)
  • das Aufstellen erster Mülleimer und die Reinigung der Fläche durch eine vom Grünflächenamt beauftragte Firma
  • Testmodule für ein individuell nutzbares Parkmobiliar (Pflanzbeet mit Liegefläche, Arbeitsplatz mit integriertem Pausenort etc.)

Obwohl das Parkgrundgerüst noch nicht fertiggestellt ist und die baulichen Maßnahmen erst Ende 2009 umgesetzt werden, ist der Park bereits seit August 2007 öffentlich zugänglich. Auch dies entspricht dem experimentellen Vorgehen der sukzessiven Parkproduktion.

Fokus Kooperationen: Öffentlich-Private Partnerschaften auch im Betrieb

Auch der Betrieb und die Unterhaltung des Parks sollen dem beschriebenen kooperativen Prinzip folgen. Bezirksamt und Modulakteure versuchen gemeinsam eine tragfähige und nachhaltige Nutzer- und Trägerstruktur zu entwickeln, die dann in Nutzerverträgen mit den verschiedenen Modulakteuren verankert werden soll. Seit Projektstart waren die auf dem angrenzenden Gewerbegebiet ansässigen Unternehmen in unterschiedlicher Form unterstützend tätig. Auf dieser Kooperationsbasis aufbauend, wird versucht auch diese Nachbarn in das zukünftige Trägerkonzept für den Park einzubinden.
Inwieweit ein tragfähiges kooperatives Betriebskonzept gefunden werden kann, wird erst in Auswertung des weiteren Projektverlaufs dokumentiert werden können. Von zentraler Bedeutung wird die Frage sein, ob es gelingt, die Modulakteure und die Nutzungsinteressierten über den experimentellen und nicht immer einfachen Entwicklungsprozess hinaus, für ein längerfristiges Engagement zu motivieren.

Erfahrungen und Übertragbarkeit

Das Modellvorhaben Wriezener Freiraum Labor ist ein beispielgebendes Projekt für die Verknüpfung von Bottom-up-Initiative mit Top-down-Planung. In einer gemeinsamen Produktion eines öffentlichen Parks werden neue Formen der Gestaltung, Aneignung und Bewirtschaftung von öffentlichem Raum ausgetestet (Privat schafft Öffentlichkeit, Park wächst mit der Bürgerträgerschaft).

Der bisherige Prozess zeigt allerdings, dass solche Gestaltungsverfahren für öffentliche Parks, die auf einer Kooperation der kommunalen Verwaltung mit lokalen und bürgerschaftlich verankerten Akteuren basieren, bislang noch keine geübte Praxis darstellen. Alle Beteiligten (Verwaltung, Modulakteure und weitere im Prozess hinzukommende Akteure) vollziehen diesen Prozess zum ersten Mal. Das setzt ein hohes Maß an Kooperationsfähigkeit und konstruktivem Handeln voraus. Eine gute und kontinuierliche Projektsteuerung mit klaren Ansprechpartnern, Verantwortlichkeiten und Zielvereinbarungen erweist sich dabei als eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen des Projektes. Für solche öffentlich-private Kooperationsprojekte müssen neue Verfahren und rechtliche Grundlagen gefunden werden, um ein unbürokratisches und projektorientiertes Handeln zu ermöglichen.

Weiterführende Informationen

Die Projektbeschreibung können Sie sich hier auch als barrierefreie PDF herunterladen.

Zusatzinformationen

Logo  Experimenteller Wohnungs- und Städtebau

Kontakt

Iris Ammann
Referat II 12 - Wohnen und Gesellschaft
Tel.: +49 228 99401-1576
Stephan Willinger
Referat I 2 - Stadtentwicklung
Tel.: +49 228 99401-1275