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Oberhausen: Pro-Wohnen - Internationales Wohnen

Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere - Modellvorhaben

Eckdaten
Stadt220.000 EW
Stadtquartier2.000 EW
QuartierstypZeilenbau
KreistypKernstadt
Lagerandstädtisch
präg. Baualter1950er Jahre
Sozialdaten>65-Jährige: 9%
<18-Jährige: 31%
Zuwanderer: 53%
Arbeitslose: k.A.
Träger/EigentümerStadt Oberhausen,
Oberhausener Gebäude
Förderungkommunale Mittel

Das Projekt

Kontext

Die Stadt Oberhausen forciert eine soziale und städtebauliche Standortprofilierung für den zunehmenden Bedarf an Wohn- und Versorgungsangeboten für ältere Migranten und Migrantinnen. Als Modellvorhaben wurde ein Siedlungsbestand aus den 1950er Jahren in Oberhausen-Tackenberg gewählt. Dieser Stadtteil hat den höchsten Anteil an Migrantenhaushalten in Oberhausen.

Mit der Privatisierung der Siedlung haben vor allem zahlreiche türkische Familien die Chance ergriffen, Wohneigentum für sich im Gebiet zu erwerben. Im Zuge dessen werden aktuell zahlreiche Modernisierungsmaßnahmen meist in Eigeninitiative und mit hohem Selbsthilfeanteil durchgeführt. Hierzu gehören Grundrisszusammenlegungen, Dachausbauten und kleinteilige Anbauten. Vorhandene großflächige Freiraumqualitäten werden zum Teil durch kleinteilige "Aneignungsmaßnahmen" vermindert. Auf die oft "ungesteuerten" baulichen Aktivitäten hat die Stadt mit einer Veränderungssperre reagiert und ein Offenlegungsverfahren für einen Bebauungsplan mit Gestaltungssatzung eingeleitet.

Von 2006 bis 2008 existierte für Umbaumaßnahmen und bauliche Umgestaltungen im Freiraum ein umfassendes Planungs- und Beratungsangebot vor Ort, das einen "aufsuchenden" Beratungsansatz durch zwei Beratungsbüros verfolgte. Die Ansprache der türkischen Hauseigentümer (v.a. Familien) erfolgt u.a. durch einen türkischstämmigen Planer.

Konzept

Ziel des Projektes "Pro-Wohnen – Internationales Wohnen" ist die Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation insbesondere von älteren Migrantinnen und Migranten. Dafür sollen barrierefreie und bedarfsgerechte Wohnungen, u.a. auch Pendlerwohnungen entstehen sowie ergänzend eine Begegnungsstätte mit einem Büro für Beratungen und die Vermittlung von Serviceleistungen. Im Mittelpunkt des Vorhabens steht die Realisierung von selbstbestimmten Wohnangeboten im Alter als Alternative zur Heimunterbringung bei Berücksichtigung kulturspezifischer Wohnbedürfnisse.

Die Migranten der ersten Generation sind heute im Seniorenalter und die meisten entscheiden sich u.a. wegen Familie und gesundheitlicher Versorgung gegen eine endgültige "Rückwanderung" ins Herkunftsland. Viele verbringen jedoch einen Teil des Jahres in ihrer Heimat. Speziell geplante Pendlerwohnungen bieten Senioren mit Migrationshintergrund eine innovative Wohnmöglichkeit. Dabei handelt es sich um kleinere Wohneinheiten, die auch bei kurzer Wohndauer oder häufiger Abwesenheit zu finanzieren sind.

Durch die Schaffung von zusätzlichen Angeboten in den Räumlichkeiten der Begegnungsstätte soll das nachbarschaftliche und gemeinschaftliche Leben gefördert werden. Der Gemeinschaftsraum bietet allen Generationen die Möglichkeit, sich dort zu treffen und Kontakte zu anderen Mietern zu knüpfen.

Zielgruppenadäquate Anpassung des Bestandes

Machbarkeitsstudie zur Akzeptanz

Im Rahmen des Projektes wurde zunächst eine Machbarkeitsstudie durchgeführt, um die Nachfrage nach Wohnungen für Pendler und ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu ermitteln. Zudem wurden die Rahmenbedingungen des Projektes hinsichtlich Inhalt, Organisation, Finanzen und technischer Umsetzung überprüft. Es hat sich gezeigt, dass die Gruppe der älteren Migranten zwar konkrete Vorstellungen bezüglich Wohnungsgröße und Kosten haben, sich bisher aber wenig Gedanken um zusätzliche Ausstattungsmerkmale (Bereich Pflege, Dienstleistungen) gemacht haben. Gewünscht werden kleine bezahlbare Wohnungen mit Miethöhen um 4,00 Euro/m². Die Wohnungsgröße für ein Ehepaar soll ca. 40 bis 50 m², für eine allein lebende Person ca. 30 bis 35 m² betragen. Ein wichtiger Aspekt für die Älteren ist die Nähe zur Familie und die Finanzierbarkeit auch bei längeren Aufenthaltszeiten in der alten Heimat (Pendler).

Zielgruppenadäquate Anpassung des Bestandes

Für ein zuerst geplantes Neubau- bzw. Umbauvorhaben hat es sich als schwierig erwiesen, einen Investor zu finden, der bereit war entsprechend der Bedarfe der älteren Migranten Wohnangebote zu finanzieren und diese als Mietobjekt im Eigentum zu behalten.

Vor diesem Hintergrund musste nach alternativen Modellen gesucht werden. Mittlerweile wurden drei Gebäude in der Wasgenwaldstraße, welche in den 1990er Jahren als Wohnungsangebot für Aussiedler errichtet wurden, für das Projekt ausgewählt. Der Vorteil dieser Bestandsgebäude ist, dass sie im Eigentum der Stadt Oberhausen sind und von der Oberhausener Gebäudemanagement GmbH bewirtschaftet werden. Die Wohngebäude mit insgesamt 36 Wohnungen erschienen der Stadt als Projektinitiator aus folgenden Gründen für die Umsetzung des Modellvorhabens vorteilhaft:

  • Die drei Wohngebäude liegen in zentraler Lage in der Siedlung, in direkter Nachbarschaft zum Nahversorgungszentrum der Siedlung und in direkter Nachbarschaft zur evangelischen Apostelkirchengemeinde und der Moschee.
  • In den drei- und viergeschossigen Wohngebäuden leben derzeit junge und ältere Menschen, türkische und deutsche Familien (zum Teil mit Aussiedlerhintergrund) und unterschiedliche Haushaltsgrößen. Das Wohnungsangebot umfasst Wohnungsgrößen von 62 m² bis über 90 m².
  • Eine leer stehende Erdgeschosswohnung in dem Gebäude Wasgengenwaldstraße 49 wird als Gemeinschaftsraum mit Beratungs- und Begegnungsangebot umgebaut und schon seit 2008 provisorisch genutzt.
  • In den drei Gebäudekomplexen stehen vier Wohnungen leer.
  • Mit den drei Gebäuden bietet sich die Möglichkeit an, in einem Wohnungsbestand der Stadt Oberhausen, der bereits jetzt "international" belegt ist, barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen zu schaffen. Vor dem Hintergrund der Machbarkeitsstudie wurde deutlich, dass die leer stehenden Wohnungen aufgrund ihrer Größen für die Nutzung als Pendlerwohnung nicht geeignet sind. Insbesondere die Wohnungsgröße von 90 m² entspricht nicht den Bedarfen der Zielgruppe. In der Konsequenz wird die große Wohnung in zwei Appartements à 35 m² und 43 m² geteilt. In allen modernisierten Wohnungen werden zudem die Bäder und Türbreiten barrierefrei ausgestaltet. Für ein Wohngebäude wird der barrierefreie Umbau insgesamt durch den Anbau eines Aufzuges und die Umgestaltung der Wohnungszugänge durchgeführt.

Den Gemeinschaftsraum als Mittelpunkt gestalten

Der Gemeinschaftsraum mit Beratungs- und Informationsangeboten sowie Servicedienstleistungen ist ca. 75 m² groß und wird multifunktional ausgerichtet. Die Umbauplanungen sind abgeschlossen, der Bauantrag wurde gestellt, der Umbau erfolgt im Mai 2009. Der Gemeinschaftsraum dient insbesondere als generationenübergreifender Nachbarschaftstreff. Für private/halbprivate Veranstaltungen und kleine Feste können die Räumlichkeiten gemietet werden. Des Weiteren bietet das "Pro-Wohnen-Büro" Platz für öffentliche Veranstaltungen und Kurse. Das Dienstleistungsangebot soll zukünftig z.B. auch Postempfang für Pendler anbieten; Hilfe bei Rentenangelegenheiten und Behördengängen werden für die Bewohner im Quartier schon geleistet.

Im Büro wird auch eine Anlaufstelle und ein Netzwerk für eine kulturspezifische Infra- und Versorgungsstruktur aufgebaut. Geeignete Partner werden bei Bedarf hinzugezogen wie beispielsweise ein Dienstleister, der "Essen auf Rädern" für ältere Migranten anbietet. Ein Raum wird mit Computerplätzen für Jung und Alt ausgestattet, in dem auch entsprechende Kurse angeboten werden. Darüber soll die Verknüpfung von Alltagshilfen, Angeboten und Informationen entstehen und die Nachbarschaftsstrukturen unterstützt werden.

Kulturspezifische Prozessgestaltung

Zielgruppenspezifische Ansprache der Migranten

Für den Erfolg des Entwicklungsprozesses ist die Ansprache der Migranten von besonderer Bedeutung. Von Beginn an wurde ein ergebnisoffener und kulturspezifischer Prozess angestrebt, der u.a. Informationsveranstaltungen in türkischer Sprache und in "vertrauten Räumlichkeiten" (z.B. Moschee) zur Folge hatte.

Darüber hinaus wurden im bisherigen Projektverlauf folgende Methoden und Verfahren für die quartiersbezogene Arbeit und Ansprache der Zielgruppe gewählt:

  • Allgemeine Öffentlichkeitsarbeit
  • Persönliche Gespräche mit Migrantinnen und Migranten
  • Kontaktaufnahme zu Vertrauenspersonen im Quartier
  • Erstellung von verständlichen und bildhaften Präsentationen
  • Erstellung von zweisprachigen Flyern
  • Durchführung von zweisprachigen Werkstattgesprächen mit am Projekt Interessierten
  • Interviews mit Quartiersbewohnern durch die Kümmerinnen und Vertreter der WohnBund-Beratung NRW
  • Filmische Dokumentation der bisherigen Projektarbeit
  • Angebot an Exkursionen
  • Regelmäßige Abstimmungsrunden sowohl im Quartier als auch mit den Akteuren der Stadt, Oberhausener Gebäudemanagement GmbH (OGM), beauftragten Architekten etc.

Des Weiteren hat sich gezeigt, dass die familialen generationenübergreifenden Strukturen innerhalb der türkischen Community spezifische Beratungsangebote erfordern.

Die bisher aufgebauten Vernetzungsstrukturen und Kooperationen ermöglichen z.B. die Organisation einer Informationsreihe für türkische Familien in den Räumen der Moschee. So wurden im ersten Halbjahr 2008 Veranstaltungen zu den Themen Pflegeversicherung, Diabetes, Herzkrankheiten, spezifische Frauenkrankheiten und Depression angeboten. Die Veranstaltungen wurden in türkischer Sprache gehalten, um auch die älteren Migrantinnen und Migranten zu erreichen. Darüber hinaus wurde bereits ein Quartiersfest durch die Kümmerer und Akteure vor Ort organisiert, das ebenfalls dazu diente, das Projekt im Stadtteil bekannter zu machen.

Kümmerinnen und Kümmerer zum Aufbau von Netzwerken

Um den Umbauprozess zu begleiten und nachbarschaftliche Strukturen aufzubauen, wurde eine so genannte "Kümmererstruktur" erarbeitet. Als Kümmerer und Kümmerinnen wurden zwei deutsch-/türkischsprachige Frauen, ein deutsch-/türkischsprachiger Mann und eine deutsch-/polnischsprachige Frau eingestellt, die sich in den Netzwerken vor Ort auskennen. Sie haben ein Verständnis für die deutsche und die türkische bzw. polnische Kultur und Zugang zu jungen und älteren Menschen sowie zu Frauen und Männern. Durch ihre Zweisprachigkeit können sie den Kontakt sowohl zu den deutschen als auch Bewohnern mit Migrationshintergrund aufbauen und integrative Arbeit für das Quartier leisten. Die Kümmerer haben ihren Sitz im "Pro-Wohnen-Büro". Sie sind zuständig für das Veranstaltungsprogramm im Quartier, organisieren Aktivitäten und unterstützen das Gemeinschaftsleben.

Träger, Rechtsformen, Kooperation und Finanzierung

Die Stadt Oberhausen ist Eigentümer des Gebäudebestandes Wasgenwaldstraße 49-53. Als Bewirtschaftungsträger und Verwalter der Gebäude fungiert die städtische Gesellschaft Oberhausener Gebäudemanagement GmbH (OGM). Zentrale Kooperationspartner und Akteure sind die örtliche Moschee und die evangelische Kirchengemeinde, der Migrationsrat, politische Vertreter, einzelne Fachbereiche der Stadt Oberhausen, Träger und Einrichtungen aus dem Bereich Soziales, Gesundheit und Pflege sowie weitere Akteure aus dem vorhandenen Stadtteilnetzwerk Tackenberg. Hinzu kommen Kontakte zu örtlichen Wohnungsbaugesellschaften.

Die Finanzierung des Wohn- und Gemeinschaftsraumangebots erfolgt über die Bundesförderung im Rahmen des ExWoSt-Projektes und über einen städtischen Eigenanteil der Stadt Oberhausen.

Das "Pro-Wohnen-Büro" im Erdgeschoss der Wasgenwaldstraße 49 kann seitens der Stadt Oberhausen für den Zeitraum der Bindefrist mietfrei überlassen werden. Nach 2009 müssen allerdings Bewirtschaftungs- und Nebenkosten über den Trägerverein aufgebracht werden, der bis dahin gegründet sein soll. Dieser soll die jeweiligen Akteure bündeln, die sich bislang als aktive Unterstützer des Projektvorhabens herauskristallisiert haben. Ziel ist ein Trägernetzwerk aufzubauen, um eine langfristige Stabilität für das Gesamtangebot zu gewährleisten.

Erfahrungen und Übertragbarkeit

In Oberhausen wird deutlich, dass entsprechend der Zielgruppe der Migranten eine besondere Ansprache gewählt werden muss. In diesem Projekt war zum Beispiel Kontaktsuche zu den Migranten über Schlüsselpersonen und Multiplikatoren von großer Bedeutung. Ebenso waren die Veranstaltungsorte der Informationsveranstaltungen (u.a. in der Moschee oder in der evangelischen Kirche) mit ausschlaggebend für das Interesse und Vertrauen der älteren Migranten. Der Erfolg von Projekten mit spezifischen Zielgruppen hängt damit stark von Schlüsselpersonen vor Ort ab. Des Weiteren hat das Modellvorhaben gezeigt, dass es sinnvoll ist, die konkreten Belange der Zielgruppe (Pendler) vor Initiierung eines Projektes abzufragen, um entsprechende Lösungsmöglichkeiten anzubieten (hier beispielsweise relativ kleine Wohnungen und niedrige Mieten).

Kontakt

Stadt Oberhausen
Dezernat 3
Koordinierungsstelle Leben im Alter
Nese Özcelik
Tel.: +49 208 8253-967
nese.oezcelik@oberhausen.de

Zusatzinformationen

Logo  Experimenteller Wohnungs- und Städtebau

Kontakt

Iris Ammann
Referat II 12 - Wohnen und Gesellschaft
Tel.: +49 228 99401-1576
Stephan Willinger
Referat I 2 - Stadtentwicklung
Tel.: +49 228 99401-1275