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Orte der Integration im Quartier

Veranstaltungen

Auftaktveranstaltung am 26. April 2012 in Berlin

Am 26. April 2012 fand im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung die Auftaktveranstaltung des ExWoSt-Forschungsfeldes "Orte der Integration im Quartier" statt. Das neue Forschungsfeld schließt an das Forschungsfeld "Integration und Stadtteilpolitik" an, welches mit dieser Veranstaltung abgeschlossen wurde. Rückblickend wurden die zwischen 2010 bis 2012 erarbeiteten Stadtteilkonzepte für Integration präsentiert und beschrieben, wie diese verbindlich in die jeweilige städtische Integrationsstrategie eingebunden werden.

Das neue Forschungsfeld knüpft an der Thematik Integration und Stadtteil an. Über einen Zeitraum von gut zwei Jahren werden bis März 2014 acht Modellkommunen dabei unterstützt, durch die Bündelung von Angeboten und die Erprobung neuer Kooperationen in Wohnortnähe zentrale Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen zu "Orten der Integration" zu qualifizieren. Mit einer Einführung in das Thema "Wie gelingt Integration vor Ort? – Stadtteile und Stadtteilzentren als Räume der Integrationspolitik" eröffnete der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung MdB Jan Mücke die Veranstaltung.

Anschließend referierte Prof. Dr. Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, über den "Nationalen Aktionsplans Integration" und unterstrich die Bedeutung von interdisziplinärer Zusammenarbeit. Zur weiteren Veranschaulichung präsentierte Ralf Zimmer-Hegmann vom ILS Ergebnisse aus dem Forschungsfeld "Integration und Stadtteilpolitik". Die vorgestellten Praxisbeispiele bekräftigten die Erfolge der Modellvorhaben: Özay Vural aus der Stadt Mülheim an der Ruhr und Kirsten Wiebking vom AWO Kreisverband Jena-Weimar e.V. stellten jeweils konkrete Ziele, Ansätze und Ergebnisse aus ihren Modellkommunen dar.

Der Nachmittag war zunächst der Vorstellung des neuen Forschungsfeldes sowie einzelner Modellvorhaben gewidmet. Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier und Meike Heckenroth von empirica stellten die Ziele und die Interessen des Bundes in dem neuen Forschungsfeld vor. Sie beschrieben die Schwerpunktthemen in den einzelnen Modellvorhaben und gaben damit Einblicke in alle acht Projekte.

Cordula Simon und Martin Grafe vertieften den Ansatz des Modellvorhabens in Berlin Neukölln. In den vergangenen Jahren sind sehr viele Roma-Familien aus Rumänien in den Stadtteil gezogen. Sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern bestehen große Sprach- und Bildungsdefizite. In dem Modellvorhaben steht eine Grundschule im Mittelpunkt, die durch ergänzende Angebote für Kinder, Eltern und den Stadtteil zum Ort der Integration qualifiziert werden soll. Durch den Umbau einer Hausmeisterwohnung auf dem Schulgelände, entstehen Räumlichkeiten, die es ermöglichen Elternarbeit anzubieten. Mittelfristiges Ziel ist der Aufbau einer Elternschule.

Auftaktveranstaltung "Orte der Integration im Quartier" am 26. April 2012 in BerlinQuelle: empirica ag

Auftaktveranstaltung "Orte der Integration im Quartier" am 26. April 2012 in BerlinQuelle: empirica ag

Der Ansatz im Modellvorhaben Schwäbisch Gmünd wurde durch Dieter Lehmann vorgestellt: Durch die räumliche Bündelung und inhaltliche Kooperation von Schule, Kita und Nachbarschaftstreff soll im Stadtteil Hardt ein Familien- und Bildungszentrum, offen für alle Altergruppen, entstehen. Die Leiterinnen der drei Einrichtungen verfolgen das Ziel, die Bildungsbiographien von Kindern - von Geburt bis zum Übergang zur weiterführenden Schule - professionell zu begleiten. Dabei sollen auch die Familien eingebunden werden und lernen, mehr Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder zu übernehmen.

Abgerundet wurde der Nachmittag durch einen Gastbeitrag von Dr. Carina Schnirch von der Bertelsmann Stiftung. Mit KECK "Kommunale Entwicklung – Chancen für Kinder" bietet die Stiftung ein Instrument für alle Kommunen an, welches den Stadtteil als Beobachtungs- und Handlungsebene für eine chancengerechte Unterstützung von Kindern in den Mittelpunkt stellt. KECK ermöglicht die zusammenhängende Betrachtung von Sozialraum und Kompetenzentwicklung von Kindern. Dabei werden Indikatoren zur sozialräumlichen Benachteiligung von Quartieren mit Indikatoren zur Kompetenzentwicklung von Kindern im vorschulischen Alter herangezogen.

KECK liefert ein kleinräumiges Beobachtungsinstrument als Grundlage für Quartiersstrategien. Zielsetzung ist es, trotz belasteter familiärer und sozialräumlicher Ausgangssituationen eine verbesserte Kompetenzentwicklung der Kinder zu erreichen. KECK steht allen Kommunen als Beobachtungs- und Informationsinstrument kostenfrei zur Verfügung.

In einer abschließenden Diskussionsrunde sprachen unter Moderation der freien Journalistin Ferdos Forudastan, Nicole Graf (BMVBS), Anton Rütten (Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen) und Paola Fabri Lipsch (Integrationsbüro Neu-Isenburg) über Stolpersteine und Lösungsansätze in den unterschiedlichen Ansätzen und Projekten.

Zwischen den einzelnen Themenblöcken konnte das Publikum Fragen stellen sowie Anregungen und Statements loswerden. Die lebendigen Diskussionsbeiträge im Verlauf des gesamten Tages sowie die Teilnehmerzahl von rund 120 Personen verdeutlichten das große Interesse an diesem aktuellen Thema.

Neben zahlreichen Vertreter/innen aus Politik und Verwaltung, waren Vertreter/innen von Universitäten und Forschungsinstituten, Verbänden und der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, von Stiftungen, gemeinnützigen Trägern sowie Planungsbüros unterschiedlicher Fachrichtungen anwesend. Etwa ein Drittel der Teilnehmer/innen waren Projektträger und Akteure aus den sechs "alten" und acht "neuen" Modellvorhaben.

1. Erfahrungswerkstatt am 27. April 2012 in Berlin

Die erste Erfahrungswerkstatt des ExWoSt-Forschungsfeldes "Orte der Integration im Quartier" fand am 27. April 2012 in Berlin statt. Gastgeber waren die Vertreter/innen der Hans-Fallada-Grundschule Neukölln, die im Rahmen des Modellvorhabens "WIS – Willkommen in der Schule" am Forschungsfeld partizipieren.

1. Erfahrungswerkstatt am 27. April 2012 in BerlinQuelle: empirica ag

1. Erfahrungswerkstatt am 27. April 2012 in BerlinQuelle: empirica ag

Ziel der Erfahrungswerkstatt war ein Austausch über die jeweiligen Schwerpunkte und Erfahrungen in den Modellvorhaben und diese inhaltlich zu diskutieren. Es wurde deutlich, dass trotz unterschiedlichster Orte der Integration (Schule, Schule/Kita/Nachbarschaftshaus, Jugendclub, Stadtteilbüro oder Community Art Center), viele gemeinsame Themen die Modellvorhaben begleiten werden. Die Fragen nach dem Zugang zu Gruppen, der Einbindung und Beteiligung vor allem auch von Eltern und die Möglichkeiten der Öffnung der Projekte für Interessierte aus dem gesamten Quartier, aber auch die Gewährleistung des Zugangs der Orte der Integration sind für alle Modellvorhaben von Bedeutung.

1. Erfahrungswerkstatt am 27. April 2012 in BerlinQuelle: empirica ag

1. Erfahrungswerkstatt am 27. April 2012 in BerlinQuelle: empirica ag

Zum Auftakt der Nachmittagsrunde wurde ein Kiezrundgang angeboten. Begleitet von dem Projektleiter der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH, Benjamin Marx, konnten die Teilnehmer/innen die im Umbau befindliche Hausmeisterwohnung auf dem Schulgelände als zukünftigen "Ort der Integration" kennenlernen. Bei der Begehung der umliegenden Wohngebäude wurde zudem die enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Bezirk und privaten Akteuren wie etwa dem Wohnungsunternehmen deutlich. In den überwiegend von Roma bewohnten Gebäuden werden nicht nur Sanierungsmaßnahmen durchgeführt, sondern auch soziale Projekte, die die Ziele des Modellvorhabens unterstützen. Dies sind z.B. Treffort für die Mieter, Kellerräume für Jugendliche, Außen- und Gartengestaltung für Familien.

1. Erfahrungswerkstatt am 27. April 2012 in BerlinQuelle: empirica ag

2. Erfahrungswerkstatt am 24. und 25. September 2012 in Schwäbisch Gmünd

Die zweite Erfahrungswerkstatt des ExWoSt-Forschungsfeldes "Orte der Integration im Quartier" fand am 24. und 25. September 2012 statt. Gastgeber war die Stadt Schwäbisch Gmünd mit den beteiligten Vertretern des ExWoSt-Modellvorhabens Bildungs- und Familienzentrum Hardt.

Ziel dieser zweiten Erfahrungswerkstatt war zum einen das bessere Kennenlernen des Modellvorhabens Bildungs- und Familienzentrum Hardt sowie der Austausch über die einzelnen Projekte. Zum anderen wurden Strategien der Aktivierung und Beteiligung von Akteuren und Akteuren diskutiert. Gäste aus Augsburg und Lindau berichteten über ihre positiven Erfahrungen und über Hürden in vergleichbaren quartiersbezogenen Projekten. Weitere inhaltliche Schwerpunkte waren die Evaluation der Modellvorhaben sowie die Einbindung privater Unternehmen und Stiftungen.

Das ExWoSt-Modellvorhaben Bildungs- und Familienzentrum Hardt in Schwäbisch Gmünd

Dieter Lehmann vom Amt für Familie und Soziales in der Stadt Schwäbisch Gmünd eröffnete die Veranstaltung mit einem Einblick in die Entstehung und Hintergründe des Bildungs- und Familienzentrums Hardt. In seinem Vortrag erläuterte er, wie wichtig die Umsetzung kommunaler Strategien ist, um Bildungsbiografien zu verbessern.

Bildungsmaßnahmen und Kapazitäten in geeigneten Infrastrukturen räumlich und strategisch zu bündeln sieht Nicole Graf, Referatsleiterin im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, als wesentlichen Bestandteil einer integrierten Stadtteilentwicklung. In ihrem Vortrag stellte sie die Erwartungen des Bundes an das Forschungsfeld heraus und verwies auf die Einbettung des Forschungsfeldes in den Nationalen Aktionsplan Integration, der auf Bundesebene die ressortübergreifende Klammer für Integrationsansätze bildet. Hier spielen ebenfalls der Stadtteil und lokale Einrichtungen für die Bewohner eine zentrale Rolle.

Dr. Joachim Bläse, Erster Bürgermeister der Stadt Schwäbisch Gmünd, erläuterte die Schwerpunkte der Erziehungs- und Bildungsarbeit der Stadt. Über die frühe institutionalisierte Förderung und Betreuung von Kindern sollen die Biografien von Kindern und Jugendlichen bis zur Ausbildung und zum Beruf unterstützt werden. Gleichzeitig verdeutlichte er den hohen Stellenwert der Elternarbeit im Rahmen der Bildungsarbeit. Für die Stadt Schwäbisch Gmünd ist das Bildungs- und Familienzentrum Hardt ein idealer Baustein, um die strategische Bildungsarbeit zu ergänzen. Die Bündelung von Bildungsmaßnahmen hat aus seiner Sicht hierbei eine besondere Bedeutung für die erfolgreiche Umsetzung.

Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier (empirica) sprach mit den Leiterinnen der Stadtteileinrichtungen Bärbel Schlienz (Grundschule Hardt), Petra Leyrer (Kindergarten St. Elisabeth) und Birgit Bormann (Familien- und Nachbarschaftszentrum FuN) über die aktuellen Projektentwicklungen. Ein zentrales Ergebnis war, dass es für die erfolgreiche Umsetzung eines Kooperationsprojektes notwendig ist, das Kollegium bzw. die Mitarbeiter der einzelnen Einrichtungen frühzeitig über die Ziele des Projektes zu informieren und mit ihnen über mögliche Vorteile für die eigene Arbeit zu diskutieren.

Trotz zunächst großer Skepsis und der Befürchtung eines Mehraufwands zeichnen sich mittlerweile erste Erfolge ab: Eine konkrete Zusammenarbeit von Schule, Kita und Familien- und Nachbarschaftszentrum gibt es z.B. im Rahmen des Elterncafés im Bildungs- und Familienzentrum.

Stand der Evaluationen

Timo Heyn (empirica) gab einen Überblick über die Evaluationen der Modellvorhaben. Bis auf Schwäbisch Gmünd und Augsburg erfolgt die Evaluation durch die Projekt-Teams selbst. In Augsburg evaluiert die Universität das Projekt und in Schwäbisch Gmünd übernimmt dies die Pädagogische Hochschule. Neben der Erhebung von Rahmendaten zur Quartiersentwicklung werden bei allen Modellvorhaben projektspezifische Entwicklungen beobachtet und bewertet. Erfasst werden z.B. bauliche Maßnahmen, die die Öffnung zum Quartier und damit die vielseitige Nutzung der Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen verbessern. Des Weiteren spielen die Erziehungskompetenz und der Aktivitätsgrad von Eltern, das Engagement von Bewohnern oder die Kooperationen von Akteuren eine Rolle. Methodisch erfolgen hierzu u.a. Interviews, Befragungen, Zählungen sowie Teamgespräche. Sowohl die Zielgruppen (z.B. Eltern, Bewohner) als auch weitere Akteure (z.B. Lehrer, Betreuer) werden dabei eingebunden. Unterschiedliche Fragebögen sind dazu entwickelt worden und befinden sich derzeit in der Anwendung.

Aktivierung und Beteiligung von Zielgruppen und weiteren Akteuren

Den zweiten Tag der Erfahrungswerkstatt begann Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier (empirica) mit einem Überblick zum Thema Aktivierung und Beteiligung von Zielgruppen und weiteren Akteuren. Die zentralen Zielgruppen in den Modellvorhaben "Orte der Integration im Quartier" sind bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche vor allem in sozialschwachen Quartieren. Eine weitere wichtige Zielgruppe sind die Eltern als zentrale Ansprechpartner der Kinder. Erweitert wird der Kreis durch Gruppen wie Geschwister, Großeltern, die Bewohnerschaft des Quartiers sowie die Akteure in Einrichtungen oder Initiativen, Vereinen, Behörden etc. Die Bündelung von Angeboten in den Quartieren und die räumliche Konzentration auf die Bildungs- oder Nachbarschaftseinrichtungen können die Beteiligung bzw. Aktivierung der Zielgruppen erleichtern. Wichtig für die Modellvorhaben ist es, Angebotslücken und fehlende Schnittstellen zu identifizieren und mit entsprechenden Maßnahmen im Rahmen des Modellvorhabens zu reagieren. Dabei sollte nach Altersgruppen unterschieden und eine passende Zielgruppenansprache gewählt werden.

2. Erfahrungswerkstatt am 24. und 25. September 2012 in Schwäbisch GmündQuelle: empirica ag

2. Erfahrungswerkstatt am 24. und 25. September 2012 in Schwäbisch GmündQuelle: empirica ag

Als externe Praxiserfahrung wurden in der Erfahrungswerkstatt Projekte aus Augsburg-Herrenbach und Lindau Zech vorgestellt. Über die Entstehung und Arbeit in dem MehrGenerationen-Treffpunkt in Augsburg-Herrenbach haben Eva Kramer und Simone Lehrl berichtet. Das Projekt ist in das gesamtstädtische Modell "Augsburger Stern" eingebunden, das MehrGenerationen-Treffpunkte an 12 Standorten in der ganzen Stadt unterstützt. Die MehrGenerationen-Treffpunkte setzen dabei auf vorhandene Infrastrukturen, z.B. Bürgerhäuser, Stadtteilbüchereien, Jugendtreffpunkte etc. Im Stadtteil Herrenbach wurde der MehrGenerationen-Treffpunkt an eine Kita angebunden. Als zentrales Projekt wurde eine Matinee (offener organisierter Treff mit Veranstaltungscharakter) als kreative Form der Elternarbeit und Erwachsenenbildung für Frauen des Stadtteils etabliert. Ausgehend von der Matinee entstanden mit den beteiligten Frauen zahlreiche Projekte von Infoveranstaltungen, Sprachkursen über Kunstprojekte, berufliche Qualifizierungen bis zu Kinoveranstaltungen und gemeinsame Gruppenreisen mit den Familien der Frauen.

Die Vielzahl der Angebote und Aktivitäten ist durch den gezielten Einsatz Ehrenamtlicher im Team sowie eine ständige kreative Sponsorensuche möglich. In Augsburg zeigt sich, dass enge finanzielle Spielräume durch Engagement und Kreativität kompensiert werden können. Gerade durch die - oft nicht einfache und manchmal kurvenreiche - gemeinsame Entwicklung von Aktivitäten entstehen neue Ideen, Kooperationen und Verbindlichkeiten. Voraussetzung ist eine professionelle Steuerung der Aktivierung und Netzwerke.

Gabriele Zobel, Mercan Tamer und Silvana Muharamagic berichteten von den verschiedenen Beteiligungsaktivitäten in Lindau-Zech. Der Stadtteil Zech befindet sich in der Gebietskulisse des Städtebauförderprogramms "Soziale Stadt – Investitionen im Quartier". Im Stadtteil Zech wurde die Stadtteilgrundschule in einem längeren Prozess zu einem Quartierstreffpunkt entwickelt. Der Garant für den Erfolg war dabei vor allem die gezielte persönliche Ansprache und Aktivierung von Bewohnerinnen und Bewohnern bzw. Gruppen. Die Ergebnisse, wie z.B. die Gründung einer Catering-Firma oder die feste Etablierung des Mittagstisches waren nicht geplant, sondern sind aufgrund der Wünsche und Bedarfe der Bewohner entstanden und haben ihre eigene Dynamik entwickelt.

Im Anschluss an die externen Praxisberichte haben die Modellvorhaben in einem Tandem-Verfahren ihre Zielgruppen und bisherigen Aktivierungsstrategien in Kleingruppen diskutiert und für das Plenum visualisiert. Die Erläuterungen und Visualisierungen haben verdeutlicht, dass die Zielgruppen in den Modellvorhaben bisher unterschiedlich differenziert bei der Zielgruppendefinition und -ansprache vorgegangen sind. Die Bandbreite reicht von einer sehr detaillierten, altersspezifischen Ausrichtung der Ansprache- und Aktivierungsinstrumente bei Kindern und Jugendlichen (und deren Eltern) bis hin zu Modellvorhaben, bei denen z.B. künstlerische Instrumente im Vordergrund standen, die an alle Altersgruppen gleichermaßen gerichtet waren. Neben den zentralen Zielgruppen der Kinder, Jugendlichen und deren Eltern sowie Quartiersbewohner verfolgen alle Modellvorhaben auch die Einbindung von Akteuren im Stadtteil, insbesondere der Mitarbeiter in Kitas und Schulen bzw. der Gemeinschaftseinrichtungen, die zum Teil als eigene Zielgruppe definiert werden.

Erfahrungen mit Sponsoring

2. Erfahrungswerkstatt am 24. und 25. September 2012 in Schwäbisch GmündQuelle: empirica ag

Abschließend wurden, moderiert von Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier, unterschiedliche Möglichkeiten und Erfahrungen mit dem Sponsoring von Stiftungen, Unternehmen oder Service-Clubs besprochen. Vorgestellt wurden verschiedene Stiftungen, die mit bundesweiter oder auch regionaler bzw. lokaler Reichweite mit unterschiedlichen Schwerpunkten für die Themenfelder der Modellvorhaben in Frage kommen.

2. Erfahrungswerkstatt am 24. und 25. September 2012 in Schwäbisch GmündQuelle: empirica ag

Die bisherigen Erfahrungen der Modellvorhaben in der Zusammenarbeit mit Sponsoren reichen von einzelnen projektbezogenen finanziellen Engagements von Sponsoren bzw. Förderern bis zu intensiven Kooperationen mit Stiftungen. Entscheidend für die bisher berichteten Aktivitäten von Sponsoren waren die bestehenden Kontakte und Erfahrungen der Projektverantwortlichen mit Sponsoren. Die Modellvorhaben, in denen bislang kein systematisches Sponsoring verfolgt wird, haben Anregungen aus der Praxis sowie Arbeitshilfen für die künftige Herangehensweise erhalten.

Die dritte Erfahrungswerkstatt wird am 14./15. Mai 2013 im Modellvorhaben "FamilienhORT - Alpheideschule" in Nienburg stattfinden.

3. Erfahrungswerkstatt am 14. und 15. Mai 2013 in Nienburg

Einführung

Die dritte Erfahrungswerkstatt des ExWoSt-Forschungsfeldes "Orte der Integration im Quartier" fand am 14. und 15. Mai 2013 in Nienburg statt. Gastgeber war die Stadt Nienburg mit den beteiligten Vertreterinnen und Vertretern des ExWoSt-Modellvorhabens FamilienhORT Alpheideschule.

Durch die Erfahrungswerkstatt konnten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forschungsfeldes das Modellvorhaben Nienburg besser kennen lernen und aus den Erfahrungen vor Ort Anregungen für das eigene Projekt gewinnen. Ziel der Erfahrungswerkstatt war der Austausch über aktuelle Arbeitsstände und zu inhaltlichen Fragen. Zusätzlich standen drei inhaltliche Schwerpunkte auf dem Programm:

  1. Schule als Partner für eine integrierte Quartiersentwicklung
  2. Wie schaffen wir Kontinuität in der Quartiersarbeit?
  3. Verankerung der Projekte in Verwaltung, Planung und Politik

Das ExWoSt-Modellvorhaben FamilienhORT Alpheideschule, Nienburg

Zum Auftakt der zweitägigen Veranstaltung hat Henning Onkes, Bürgermeister der Stadt Nienburg gemeinsam mit Anja Altmann, Schulausschussvorsitzende, die Teilnehmenden begrüßt. Bürgermeister Onkes hat in seinem Wortbeitrag die Intention der Stadt Nienburg dargestellt: nämlich erlebbare, vielfältige Quartiere zu schaffen, die komplexe und altersdifferenzierte Räume bieten. Dabei wurde auch die Rolle der Schule als ein wichtiger Partner in diesem Gefüge hervorgehoben.

Anja Altmann machte in ihrem Beitrag deutlich, dass auch die Politik in Nienburg ein hohes Interesse an dem Modellvorhaben hat. Mit dem Aufbau des Begegnungszentrums Sprotte e.V. in der Lehmwandlung wurde aus ihrer Sicht bereits gezeigt, wie erfolgreich quartiersbezogene Projekte sein können. Eine ähnlich positive Entwicklung erhofft sie sich für die weitere Umsetzung und Verstetigung des Modellvorhabens FamilienhORT Alpheideschule: mit Ergebnissen, die sowohl auf andere Stadtteile als auch andere Städte übertragbar sein könnten.

Frau Graf vom BMVBS hat anschließend dargestellt, dass sie jüngst der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung über das Forschungsfeld – als Teil des Nationalen Aktionsplans Integration – Bericht erstattet hat. Obwohl bisher noch keine Fortschrittsuntersuchungen anhand von Indikatoren vorliegen, haben die Zwischenberichte der Modellvorhaben erste Erfolge deutlich gemacht. Im Vergleich zu anderen Forschungsbereichen und -programmen wird auch klar, dass das Ziel des Forschungsfeldes sehr hochgesteckt ist. Es geht nicht um Einzelprojekte im Bereich Bildung oder Integration, sondern darum, eine sozialraumorientierte Strategie zu entwickeln, die eine Bündelung aller Kräfte ermöglicht und durch ein abgestimmtes Handeln erfolgreiche Bildungsbiographien von Kindern und Jugendlichen fördert. Hierbei stehen vor allem Schulen im Blickpunkt, die langfristig als Kooperationspartner im Quartier eingebunden werden sollen.

Begrüßung durch die SchulausschussvorsitzendeQuelle: empirica ag

Um den Teilnehmern der Erfahrungswerkstatt den aktuellen Stand des Modellvorhabens Nienburg vorzustellen, haben Volker Dubberke (Fachbereichsleitung Stadtentwicklung), Christine Kreide (Fachbereichsleitung Bildung, Soziales und Sport) sowie Barbara Weissenborn (Sprotte e.V.) in einem Gespräch mit Timo Heyn und Meike Heckenroth (empirica) die Bandbereite der unterschiedlichen Aktivitäten des Projekts "FamilienhORT Alpheideschule" dargestellt. Inhalt dieses Gesprächs war zudem die intensive Kooperation zwischen Stadt und Verein und welche Hemmnisse noch in Bezug auf die Zusammenarbeit mit der Schule bestehen. Vor allem der Zeitfaktor und die unterschiedlichen Planungsperspektiven spielen hier eine wichtige Rolle. Die kurzfristige Projekt- und Terminplanung im Modellvorhaben steht beispielsweise im starken Gegensatz zu den langfristigen Termin- und Planungsphasen an der Schule.

Seitens der Stadt wurde betont, wie wichtig der Quartiersansatz ämterübergreifend bewertet wird und dass die Stadt durchaus auch Möglichkeiten sieht, die Schule bei einer stärkeren Öffnung zum Quartier zu motivieren und zu unterstützen. Insbesondere durch die Bindung von finanziellen Mitteln an bestimmte Projekte (z.B. Schaffung eines FamilienhORTs an der Schule) kann die Stadt als Schulträger Einfluss auf die Entwicklung der Schullandschaft nehmen. Ziel der Stadt ist es, die Erkenntnisse aus dem Modellvorhaben auch auf andere Quartiere zu übertragen. Neben Bildungslandschaften in Kooperation mit Schulen sind Orte der Integration in Verbindung mit Familienzentren, Kindertagesstätten, Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen – je nach Angebot, Bedarf und Netzwerken vor Ort – denkbar.

Neben der ämterübergreifenden Arbeit und der Arbeit mit einem Kooperationspartner vor Ort ist auch die Zusammenarbeit mit der Politik und Öffentlichkeit für ein erfolgreiches Projekt wichtig. Die Politik in Nienburg wird fortlaufend informiert, zu Ereignissen vor Ort eingeladen und eine positive Pressearbeit seitens der Stadt selber forciert.

Schule als Partner für eine integrierte Quartiersentwicklung

Einen Input in das Schwerpunktthema des ersten Tages "Schule als Partner für eine integrierte Quartiersentwicklung" gab Rolf Allrutz, stellvertretender Direktor der Alpheide Grundschule. Er referierte zu den Vor- und Nachteilen, die die Alpheideschule im bisherigen Projektverlauf für ihre Arbeit im Alltag resumieren kann. Vorteile, die bereits benannt werden können, sind z.B., dass

  • der Familienhort als Bindeglied zum Stadtteil Integration möglich macht.
  • Eltern erreicht werden, die die Schule bisher nicht oder nur sehr schwer erreichen konnte.
  • die Grundschule auf dem Weg ihrer Entwicklung zur Ganztagsschule personell, finanziell und räumlich gestärkt wird.
  • die Mitarbeiterinnen des Familienhorts bzw. der Sprotte durch die Initiierung neuer Projekte neue Kooperationspartner an die Schule herangeführt haben.

Als Hemmnisse bei der Umsetzung wurde insbesondere der kurze Zeitrahmen zur Vorbereitung und Einführung des Projektes beim Kollegium gesehen. Aus Sicht der Leitung hätte das Kollegium viel früher informiert und mit ins Boot geholt werden müssen. Die Erfahrungen zeigen, dass neue strukturelle Veränderungen bis zu einem Jahr Vorbereitungszeit benötigen, um Bedenken zu besprechen und ein gemeinsames Verständnis für das neue Projekt zu erarbeiten.

Ein weiteres Thema, dass bei der Öffnung der Schule bedacht werden muss, ist, dass schulfremde Personen in die Arbeit an den Schulen und in das Nachmittagsangebot mit einbezogen werden. Hier gilt es, klare Verhaltensregeln für alle aufzustellen. Außerdem helfen schriftliche Verträge bei Themen des Hausrechts, der Sicherheit etc..

Im Anschluss an die Darstellung von Rolf Allrutz wurde eine konzeptionelle Diskussion geführt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wer Angebote für Kinder, Jugendliche und Bewohner anbieten soll und wo diese stattfinden sollten. Folgende Fragen wurden zum Teil kontrovers diskutiert:

  • Soll die Veränderung der Ungleichheit der Bildungsteilhabe mehr der Alltagsbildung oder der Schule zugeschrieben werden? Brauchen Kinder eine Abgrenzung zwischen Schule und Alltagsbildung, um sich aus dem System der Leistung und Bewertung in den Nachmittagsstunden zurückziehen zu können? Können Lehrer, die die Kinder vormittags bewerten auch das Nachmittagsprogramm durchführen? Inwieweit sollen Lehrer im Alltagsbildungsbereich eingebunden werden? Welche Rolle haben die Jugendhilfe und Schulsozialarbeiter?
  • Sollen die Angebote in den Nachmittagsstunden alle in der Schule stattfinden? Oder muss der Ort der Integration auch neutral erreichbar sein, z.B. für Quartiersbewohner, die keine Berührungspunkte mit der Schule haben oder für Eltern und Kinder, die Schule nicht als offenes Haus verstehen? Benötigt es eine Bündelung der Angebote über die Schule hinaus, um Kindern Entscheidungsmöglichkeiten und damit auch Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten?

Gemeinsam mit den Teilnehmern der Erfahrungswerkstatt wurde eine Matrix erarbeitet, die Maßnahmen zur Zusammenarbeit mit Schulen aufzeigt. Dabei wurden die unterschiedlichen Perspektiven in Bezug auf die Schulleitung, das Kollegium, die Akteure im Quartier, die Verwaltung aber auch private Unternehmen/Stiftungen, Eltern/Familie sowie Schüler beleuchtet.

In der Diskussion kristallisierten sich zwei Fragen heraus, die in der Praxis bedacht und abgewogen werden müssen:

  1. Wie kann das Kollegium der Schulen eingebunden werden?
    Hier wurden zwei Positionen deutlich: Zum einen wird empfohlen, das Kollegium sehr frühzeitig in den Prozess einzubinden und Bedenken im Vorfeld zu besprechen und möglichst weitestgehend auszuräumen. Zum anderen wurde die Erfahrung gemacht, dass sichtbare Erfolge und erste spürbare Entlastungen dazu führen, dass Lehrer von sich aus Interesse an den Projekten zeigen und bereit sind, diese zu unterstützen. Dies spricht dafür, möglichst frühzeitig mit Projektumsetzungen zu starten.
  2. Müssen Verträge mit der Schule und Dritten abgeschlossen werden?
    Einerseits wurde empfohlen, klare Regeln zwischen den Kooperationspartnern aufzustellen und diese auch vertraglich festzuhalten. Der Vorteil wäre eine stärkere Verbindlichkeit, die die Kooperation im Alltag vereinfacht. Andererseits wurde die Erfahrung gemacht, dass komplizierte Vertragswerke und Verabredungen auch abschrecken können. Insbesondere bei Modellvorhaben, die einen großen Spielraum für neue Wege brauchen, sollte nicht direkt mit zu vielen Bedenken und komplizierten Absprachen begonnen werden.

Wie schaffen wir Kontinuität in der Quartiersarbeit?

Teilnehmende der ErfahrungswerkstattQuelle: empirica ag

Den zweiten Tag der Erfahrungswerkstatt begannen die Modellvorhaben mit der Vorstellung eines aktuellen Standes zum Thema "Anlässe für Begegnungen schaffen – Zielgruppen gewinnen". Jedes Modellvorhaben hatte eine Präsentation mit zehn Folien vorbereitet, die mit dem Pecha-Kucha-Verfahren präsentiert wurde. Die Vorträge haben verdeutlicht, dass sich seit Beginn des Forschungsfeldes in den Quartieren viel bewegt hat und dass sowohl die Angebote als auch die Ansprachen verschiedener Zielgruppen sehr unterschiedlich sind. Die Sortierung der Angebote nach Altersgruppen zeigt bisher noch wenige Angebote für drei- bis sechsjährige. Viele Modellvorhaben bestätigten hier eine intensive Kooperation mit Kindertagesstätten, die in der Regel bereits Angebote für diese Altersgruppen abdecken. Im Sinne einer Bündelung aller Bildungsangebote im Quartier sollen diese Angebote jedoch ebenfalls mit eingebunden werden und sich als weiterer Teil des Ortes der Integration verstehen.

Am Nachmittag wurde in Kleingruppen im Tandem-Verfahren die Frage nach einer Kontinuität in der Quartiersarbeit diskutiert und für das Plenum visualisiert. Dabei standen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wie können wir Einzelaktivitäten besser bündeln? Wie schaffen wir mittel- bis langfristige Projekte, die den Ort der Integration stabilisieren? Welche Partner brauchen wir für eine kontinuierliche Quartiersarbeit und wie können die verschiedenen Akteure gemeinsam agieren? Gibt es Strukturen, Kooperationsmodelle oder Vertragsformen, die die Nachhaltigkeit sichern?

Die Erläuterungen und Visualisierungen haben gezeigt, dass die Modellvorhaben folgende Punkte für die Kontinuität in der Quartiersarbeit als wesentlich sehen:

  • Klärung der Verantwortlichkeiten
  • Raumressource vor Ort als Minimum
  • Initiierung fester Gremien und Vernetzung aller vor Ort Tätigen
  • Einbindung und Beteiligung von Politik und Bürgern
  • Entwicklung eines "Handlungskonzept für das Quartier" inkl. Dachmarke

Verankerung der Projekte in Verwaltung, Planung und Politik

Als letzten Tagesordnungspunkt wurde die Frage nach der Kontinuität vor dem Hintergrund der Verankerung der Projekte in Verwaltung, Planung und Politik diskutiert. Den Auftakt zum Thema machte ein Interview, geführt von empirica, mit Volker Dubberke (Stadt Nienburg, Fachbereichsleitung Stadtentwicklung) und Wolfgang Biller (Stadt Mannheim, Kulturamt). Trotz sehr unterschiedlicher Aufgabenbereiche innerhalb der Verwaltung und verschiedener Größe der Städte wurden einige wichtige Aspekte, deutlich herausgestellt, die u.a. in der offenen Diskussion mit den übrigen Modellvorhaben noch ergänzt wurden:

Erfahrungen zur Verankerung in der Verwaltung

Interne Koordination:

  • Verwaltungsinterne Koordination – neben hauptverantwortlichem Ressort sollten die Schlüsselressorts an der Planung/Umsetzung beteiligt sein
  • Hauptzuständigkeit mit Querschnittsfunktion (Person in leitender Funktion)
  • Diskussionen anstoßen (Projektakzeptanz in der Verwaltung; Schulterschluss der beteiligten Ressorts)
  • Einbindung von Fachzuständigkeiten auf Ebene der Sachbearbeiter (z.B. im Kreis)
  • Neue Themen in den Stadtteil holen, wie z.B. Kultur – damit breitere Einbindung
  • Berücksichtigung/Lösung von technischen/rechtlichen Rahmenbedingung, z.B. Zugang zu Schulgelände, Schulgebäude, Versicherungsthematik etc. – Beratung durch Fachressorts

In bestehende Planungen integrieren:

  • Einbindung in den Steuerungsansatz Sozialraum – ggf. Anstoß für entsprechenden Steuerungsansatz
  • Absicherung des Projektes mit der Bildungsentwicklungsplanung/Kita-Planung
  • Verankerung des Projektes im Haushalt (wesentliche Maßnahmen) vor dem Hintergrund der strategischen Entwicklungsziele

Einbindung der Bürger:

  • Ehrenamtliches Engagement zentral begleiten – Aktivierung und Begleitung von Ehrenamt erfordert Ressourcen (Zeit, Kompetenz, Geld)

Erfahrungen zur Einbindung der Politik

  • Alle Fraktionen einladen, "im geschützten Raum", das Projekt diskutieren
  • Erforderliche Gremien einbinden (z.B. Fachausschüsse, Landkreis)
  • Absicherung der Sozialraumorientierung
  • Bezug des Bildungsthemas "Schule" (Land) mit der kommunalen Praxis (Stadtteilentwicklung) herstellen
  • Privates Engagement sichtbar machen als Komplementärstrategie zur öffentlichen Finanzierung

4. Erfahrungswerkstatt am 13. und 14. November 2013 in Offenbach

Einführung

Die vierte und letzte Erfahrungswerkstatt des ExWoSt-Forschungsfeldes "Orte der Integration im Quartier" fand am 13. und 14. November 2013 in Offenbach statt. Gastgeber war das Team des Modellvorhabens Offenbach "Stadtteilzentren als Integrationsräume für Familien" vertreten durch Mitarbeiter des Jugendamtes der Stadt Offenbach, das Quartiersmanagement der Stadtteile Nordend und Mathildenviertel sowie Mitarbeiterinnen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Offenbach.

Die Erfahrungswerkstatt hat allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des ExWoSt-Forschungsfeldes die Möglichkeit gegeben, das Modellvorhaben Offenbach – mit seinen zwei zu qualifizierenden Stadtteilbüros – besser kennen zu lernen. Neben Einblicken in die Arbeit vor Ort und einem Quartiersspaziergang, hatten die Besucher die Gelegenheit, Erfahrungsberichte von Projektleiterinnen als auch Teilnehmerinnen zu hören. Inhaltlich standen neben den übergeordneten Forschungsfragen des Forschungsfeldes drei thematische Schwerpunkte im Zentrum der Diskussionen:

  • Evaluation des bisher Erreichten – wie wird der Ort der Integration wahr- und angenommen?
  • Orte der Integration – Voraussetzung für ihr Gelingen
  • Verstetigung der Projekte – Orte der Integration 2020

Das ExWoSt-Modellvorhaben „Stadtteilzentren als Integrations-räume für Familien“, Offenbach

Zum Auftakt der zweitägigen Veranstaltung hat Hermann Dorenburg, Leiter des Jugendamtes der Stadt Offenbach, die Teilnehmenden begrüßt und in seinem Wortbeitrag die positive Entwicklung der Stadtteilbüros als "Orte der Integration" hervorgehoben. Es wurde deutlich, dass die Teilnahme am Forschungsfeld der Arbeit vor Ort weitere innovative Impulse gegeben hat, die auch auf die Arbeit in anderen Stadtteilen übertragen werden kann.

Interviewrunde mit Projektpartnern 4. Erfahrungswerkstatt in OffenbachQuelle: empirica ag

Nicole Graf vom ehemaligen Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) hat anschließend dargestellt, dass die Resonanz auf das im Frühjahr 2014 zu Ende gehende Forschungsfeld auch seitens der Politik groß ist. Dies wurde u.a. auch durch die Besuche von Staatsministerin Maria Böhmer, Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, im Modellvorhaben Schwäbisch Gmünd sowie von Bundespräsident Joachim Gauck im Modellvorhaben Mannheim dokumentiert. Nicole Graf hob hervor, dass die bisherigen Erfolge in den Modellvorhaben demonstrieren, dass es in den vergangenen zwei Jahren gelungen ist, durch städtebauliche Voraussetzungen in den Quartieren lebendige Orte der Integration zu schaffen. Dies belege die Bedeutung der Stadtentwicklung für die Integration. Bei der Entwicklung von Orten der Integration sei es wichtig, dass sie sich am Sozialraum orientieren und dass die Bündelung unterschiedlichster Inhalte, verschiedener Akteure und Netzwerke im Rahmen einer langfristigen Strategie erfolgen, um erfolgreich zu sein. Mit dem Aufruf der Forschungsfragen des Bundes leitete Nicole Graf die thematische Einführung ein, die Meike Heckenroth (empirica) weiterführte, indem die inhaltlichen Schwerpunktthemen der Erfahrungswerkstatt vorgestellt wurden.

Um das Modellvorhaben Offenbach näher vorzustellen, hat Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier (empirica) ein Interview mit Hermann Dorenburg (Leiter Jugendamt der Stadt Offenbach), Sebnem Erhan-Dammasch (Jugendamt der Stadt Offenbach), Beatrix Duttine-Eberhardt (DRK Kreisverband Offenbach e.V.) sowie Marcus Schenk (Quartiersmanager der Stadtteilbüros Nordend und Mathildenviertel) geführt.

In dem Gespräch wurde deutlich, dass die Stadtteilbüros Nordend und Mathildenviertel jeweils von unterschiedlichen Gruppen aus den Stadtteilen genutzt werden. In den Vormittagsstunden sind es vor allem Frauen mit Kleinkindern, die sich treffen. Zum Mittagstisch kommt auch die arbeitende Bevölkerung aus den umliegenden Einrichtungen (z.B. Jobcenter) und in den Nachmittags- und Abendstunden sind es vor allem Beratungsangebote und Kurse, die von den Bewohnern genutzt werden.

Marcus Schenk machte deutlich, wie wichtig die Räumlichkeiten in beiden Stadtteilen für eine gelungene Integrationsarbeit vor Ort sind. Hermann Dorenburg bestätigte, dass das Mathildenviertel in der Gebietskulisse des Bund-Länder-Programms "Soziale Stadt – Investitionen im Quartier" liegt. Das Nordend – mit mindestens dem gleichen Unterstützungsbedarf – ist jedoch ein kommunales Unterstützungsgebiet. Anhand der gesammelten Erfahrungen im Mathildenviertel haben sich verschiedene Ämter und der Stadtwerkekonzern geeinigt, die Grundfinanzierung im Nordend aus Eigenmitteln der Stadt zu übernehmen, weitere Fördertöpfe und Programme werden zur zusätzlichen Stärkung genutzt. Aus Sicht von Hermann Dorenburg ist es notwendig, neben den regulären behördlichen Angeboten (z.B. Jugendamt, Allgemeiner Sozialer Dient) Räume zu bieten, die bildungsferne Menschen niedrigschwellig aufsuchen können, um sich zu treffen aber ggf. auch, um Unterstützung beim Umgang mit den Behörden (Anträge etc.) zu erhalten.

Sebnem Erhan-Dammasch berichtete von dem Netzwerk Elternschule, einem Think-Tank, das seit ca. vier Jahren besteht und dem insgesamt 17 Träger sowie unterschiedliche Ämter der Verwaltung angehören. Dieses Netzwerk verfügt jährlich über rd. 220.000 Euro von der Stadt für innovative Projekte, die die Eltern- und Integrationsarbeit in der Stadt Offenbach voranbringen sollen. Ansätze werden vorgestellt, diskutiert und dann über einen Träger aus dem Netzwerk durchgeführt. Erweisen sich die erarbeiteten Strategien und Konzepte als erfolgreich, werden daraus Empfehlungen an die Politik formuliert. Aufgrund nachweislicher, erfolgreicher Pilotphasen, wurden die Empfehlungen seitens der Politik bisher immer angenommen und durch einen Übergang in eine Regelmaßnahme in die Kontinuität gebracht.

Das DRK Offenbach, vertreten durch Beatrix Duttine-Eberhardt, ist ein Partner im Netzwerk und hat im Rahmen des Modellvorhabens "Stadtteilzentren als Integrationsräume für Familien" mehrere Projekte initiiert. Als Multiplikatoren im Netzwerk werben die Träger für die verschiedenen Maßnahmen und gewinnen bestenfalls Teilnehmerinnen für die Projekte aus den eigenen Maßnahmen oder durch die Kooperation mit weiteren Beratungsangeboten (z.B. Migrationsberatung). Darüber hinaus werden die oft sehr zurückgezogen lebenden Familien auch durch Mitarbeiterinnen der Einrichtungen oder Teilnehmerinnen (als Schlüsselpersonen) auf der Straße, am Spielplatz, beim Einkauf etc. angesprochen und auf die Angebote aufmerksam gemacht. Diese persönliche Ansprache ist sehr wichtig bei der Zielgruppe "zurückgezogen lebende Migrantinnen/Migranten mit Kindern", da die Erfahrungen gemacht wurden, dass Flyer oder Aushänge in der Regel nicht verstanden oder angenommen werden. Zudem hat sich gezeigt, dass es erfolgversprechender ist, wenn Frauen (z.B. Stadtteilmütter) andere Mütter ansprechen, da hier (kommunikative) Hemmschwellen leichter überwunden werden können.

Im Rahmen des Modellvorhabens wurden in den Stadtteilbüros zum Beispiel (Sprach- und Lern-) Kurse für Kinder unter drei Jahren initiiert, ein Müttercafé aufgebaut, ein Nähkurs eingerichtet und ein Sprachlernkurs mit Filmen für Frauen entwickelt. Durch das Modellvorhaben wurden somit die Stadtteilbüros weiter zu Orten der Integration ausgebaut, indem neue Zielgruppen (u.a. sehr junge Kinder und Familien, bulgarische und rumänische Migranten) gewonnen wurden, neue Projektideen aufgebaut wurden und engere Partnerschaften zwischen Träger und Büro entstanden. Die zentrale Lage der Stadtteilbüros trägt weiterhin dazu bei, dass viele Menschen die Räume kennen, nutzen und eigene Ressourcen für die Weiterentwicklung mobilisieren (empowerment).

Die Erfahrungsberichte der drei Projektleiterinnen von Integrationsprojekten (Selda Seyhan, Barbara Detig-Dietz und Samira Humoud) haben im Anschluss deutlich gemacht, wie intensiv die Vorbereitungsphase der Projekte war. Durch zugehende Ansprachen der Zielgruppe auf Spielplätzen, beim Einkaufen, in Schulen und Kitas haben die Mitarbeiterinnen des DRK sehr isoliert lebende Frauen gewinnen können, an den Projekten teilzunehmen. Mittlerweile laufen die Projekte über ein Jahr und die Nachfrage wächst stetig. Viele Mütter, die ihre Kinder zunächst nicht "alleine" in den Frühförderkursen lassen wollten, freuen sich heute parallel im Müttercafé den Austausch mit anderen Frauen in ähnlichen Lebenslagen zu haben. Bei den Kindern sind deutliche Erfolge zu beobachten. Nicht nur, dass die Kinder erste Worte Deutsch lernen und diese auch anwenden, sie erproben das soziale Miteinander unter Kindern, lernen motorische Übungen, basteln und entdecken neue Spielmöglichkeiten.

Durch die Kurse der frühkindlichen (Sprach-)förderung in den Stadtteilbüros werden diese als "Orte der Integration" im Stadtteil gestärkt. Es wird deutlich, dass eine neue Zielgruppe (Mütter unterschiedlichster Nationalitäten mit Kleinkindern) die Angebote in den Treffs für sich entdeckt haben und sich neben dem Lernangebot für die Kinder weitere Angebote für die Mütter (z.B. Nähkurs) etablieren. Über den Zugang zu den Müttern können weitere Bedarfe wie Beratungen und Sprachkurse für die Eltern abgefragt und eingerichtet werden (z.B. Sprachkurs mit Filmen). Die Frühförderung der Kinder fördert damit nicht nur die Bildungsbiographie der Kleinsten sondern auch die der Eltern. Die Stadtteilbüros dienen als Treff-, Kommunikations- und Weiterbildungsorte im Quartier.

Evaluation des bisher Erreichten

Seit Beginn des Forschungsfeldes wird das Thema "Evaluation" in jedem Modellvorhaben als eigener Baustein verfolgt. Im Rahmen der Evaluationen findet eine Trennung zwischen der Betrachtung des Quartierskontexts (soziale/ökonomische Rahmenbedingungen, Bildungsdaten) und der konkreten Beobachtung der Projektwirkungen (im Hinblick auf Zielgruppen wie Eltern, Kinder/Jugendliche, Akteure etc.) statt.

In Bezug auf den Quartierskontext gibt es in den Modellvorhaben zum Teil sehr detaillierte und aussagekräftige Methoden und Beobachtungssysteme, wie zum Beispiel die Bildungsberichtserstattung in Augsburg oder das Sozialindexkonzept in Offenbach. Über diese gesamtstädtischen Ansätze, die sozialräumliche Unterschiede auf Quartiersebene deutlich machen, werden vor allem sozioökonomische Rahmenbedingungen (z.B. SGB II-Empfänger, Migrationshintergrund, Arbeitslosenzahlen) und Unterschiede in Bezug auf Bildungsaspekte/Bildungschancen in den Gebieten der Modellvorhaben deutlich.

In den meisten Modellvorhaben sind diese Daten verfügbar. Zum Teil wurden sie im Laufe der Modellvorhaben für das Quartier im Vergleich zur Gesamtstadt erhoben. Angesichts der relativ kurzen Projektlaufzeit von zwei Jahren und den eher langfristig beobachtbaren Veränderungen auf Quartiersebene (z.B. Wirtschaftslage, Fortzüge von Aufsteigerhaushalten, Zuzüge von sozioökonomisch schwachen Haushalten aufgrund günstiger Wohnraumangebote) dürften systematische Rückschlüsse in kurzer Zeit kaum möglich sein. Dennoch bildete die Beobachtung auf Quartiersebene eine wichtige Komponente im Sinne eines langfristigen Monitorings, die zudem über die einzelnen Modellprojekte hinausreicht. In den Diskussionen mit den Modellvorhaben wird deutlich, dass die Möglichkeit besteht, Bildungschancen für Kinder und Jugendliche durch gezielte Maßnahmen in den Bildungs- oder Gemeinschaftseinrichtungen zu verbessern. Im Ergebnis sollten die sozioökonomischen Rahmenbedingungen und Bildungschancen voneinander entkoppelt werden können. Dies ist mit einer langfristigen integrierten sozialräumlichen Beobachtung möglich.

Die Modellvorhaben präsentierten die individuell entwickelten Messinstrumente zur Evaluierung einzelner Maßnahmen. Ergebnis war, dass das Ausgangsziel vergleichbare Meßmethoden zu entwickeln, sehr ambitioniert war und in der Arbeit vor Ort nicht umgesetzt werden konnte (z.B. standartisierte Sprachstandserhebungen im Jahresrhythmus). Allerdings hat die frühzeitige Beschäftigung mit Indikatoren auch zu einer intensiven Beschäftigung mit sehr konkreten Projektzielen geführt und damit auch dazu beigetragen, die Vorgehensweisen zu schärfen. Deutlich wurde, dass mit Hilfe eines sehr großen Repertoires unterschiedlichster Indikatoren die Erfolge der einzelnen Maßnahmen darzustellen sind. Hierzu zählen beispielsweise:

  • Anzahl der Teilnehmer und Regelmäßigkeit der Teilnahme
  • Anzahl der (neuen) Aktivitäten bzw. Erreichen von (neuen) Zielgruppen
  • Entwicklung von Folgeprojekte durch das Engagement der Teilnehmer/innen (Spin-Off)
  • Veränderte Selbstverantwortung der Teilnehmenden /Zielgruppen
  • subjektive Einschätzungen der Akteure (z.B. Stimmungen beschrieben von Lehrern/Schulleitern, Kursleiterinnen, Quartiersmanagern, Trägern)
  • subjektive Einschätzungen/Feedback von Teilnehmer/innen
  • sichtbare Veränderungen im Außenraum (z.B. Fassadengestaltung‚ Gärten)
  • Erfolge von Veranstaltungen (Teilnehmerzahl, Stimmung, Außenwirkung)
  • positive Öffentlichkeitsarbeit (Resonanz im Stadtteil und darüber hinaus)

Um anhand von Indikatoren die Erfolge darstellen zu können, ist es wichtig, bei der Bewertung auch die Ausgangssituation aufzuzeigen. Nur so werden die Evaluationsergebnisse für Dritte nachvollziehbar und dokumentieren den Erfolg.

In manchen Modellvorhaben wurden zudem Befragungen von Nachfragegruppen o.Ä. durchgeführt, um Angebotslücken aufzuzeigen und ein Feedback zu den durchgeführten Angeboten zu erhalten.

Die Mehrzahl der Modellvorhaben hat eine interne Evaluation durchgeführt. Externe Partner wurden in der Regel hinzugezogen, wenn die Personalkapazität knapp war. Inhaltliche Gründe für eine externe Evaluation spielten lediglich im Modellvorhaben Schwäbisch Gmünd eine Rolle, da hier die Innenperspektive des Teams im Mittelpunkt der Betrachtung stand und daher auf eine neutrale Rolle des Evaluators Wert gelegt wurde.

Räume im Stadtteilbüro Mathildenplatz 4. Erfahrungswerkstatt in OffenbachQuelle: empirica ag

Abschließend wurde von den Modellvorhaben hervorgehoben, dass eine Bewertbarkeit der Ergebnisse zwar wichtig ist, aber konkrete aussagekräftige Indikatoren oftmals erst zum jetzigen Zeitpunkt aufgestellt werden könnten. In den meisten Projekten wurden die ersten zwei Modelljahre sehr ergebnisoffen gestaltet und der eine oder andere Stolperstein und Umweg mitgenommen. D.h. die Praxis hat gezeigt, dass zum Teil Indikatoren gewählt wurden, die im Verlauf des Projektes keine Aussagefähigkeit erbracht haben oder Indikatoren gewählt, die mit den vorhandenen Instrumenten nicht messbar waren. Damit hat sich rückblickend zum Teil auch die Erfolgsbewertung verändert.

In der Gesamtbilanz wurden die acht Modellvorhaben seitens der Projektverantwortlichen als sehr erfolgreich beschrieben, was auch bei den Verstetigungsaspekten zum Ausdruck kommt.

Orte der Integration - Voraussetzungen für ihr Gelingen

Der zweite Tag der Erfahrungswerkstatt fand in den Räumen des DRK Kreisverbandes Offenbach statt. Auch hier sind viele der Migrantinnen, die über das Projekt der frühkindlichen Förderung in die Stadtteilbüros gekommen sind, schon fast "zu Hause". Das DRK – als Träger vieler Angebote im Projekt – bietet hier zusätzliche Raumkapazitäten und eine Vielzahl von Kursen für die Mütter (und Väter) an.

Nach einer Zusammenfassung des ersten Tages durch Timo Heyn (empirica) wurde in Arbeitsgruppen das Thema: "Orte der Integration – Voraussetzungen für ihr Gelingen" durch die Vertreter der Modelvorhaben diskutiert. Die Ergebnisse wurden in einer Matrix zusammengestellt.

Orte der Integration – Voraussetzungen für ihr Gelingen
SchwerpunktErgebnisse
Lagebedingte/ städtebauliche Aspekte
  • Zentrale Lage im Quartier, z.B. am Stadtteilplatz oder stark frequentierten Verbindungswegen
  • Nähe zu Infrastruktureinrichtungen (v.a. Schule und Kita)
Bauliche Aspekte
  • Offener und barrierefreier Eingangsbereich (z.B. Ladenlokal/Schaufenster, Foyer)
  • Bei Anbindung an Regeleinrichtung z.B. gemeinsame Foyer- und Eingangssituation möglich, aber: eigenständiger Zugang und unabhängige zeitliche Öffnung garantieren
  • Gute Küchenausstattung
  • Mehrere Raumeinheiten für flexible Raumkonzepte
  • Gute technische Ausstattung (z.B. Licht, Ton, www, Beamer)
  • genügend Abstellmöglichkeiten (z.B. Lagerraum, Nebenraum, Garage)
  • Neutrale Ausgestaltung mit Möglichkeiten der individuellen Aneignung
Rechtliche Aspekte
  • Verbindliche Kooperationsvereinbarungen:

    • zur systematischen Teamarbeit verpflichtet
    • gemeinsame Ziele verfolgen
    • gemeinsame Evaluation
  • Benutzungsverordnung (Widmungszweck, Nutzungsentgelte, Haftung, Gebühren, Schlüsselfrage etc.)
  • Zur Klärung des Benutzungsverhältnisses Abschluss einer Nutzungsvereinbarung
  • Klare Verantwortlichkeiten
Akteursbezogene Aspekte
  • Gemeinsame Zielstellung muss an erster Stelle stehen (Keine Profilierung des Einzelnen)
  • "Allianz der Willigen" – Kooperationsbereitschaft muss vorhanden sein
  • Bestehende Strukturen nutzen, neue Partner einbinden (so früh wie möglich)
  • Kooperationspartner mit Entscheidungskompetenzen
  • Regelmäßige Treffen/Austausch – Transparenz
  • Außenwahrnehmung ist wichtig: Gemeinsame positive Öffentlichkeitsarbeit
  • Nutzer frühzeitig in Gestaltung/Planung verantwortlich/aktiv einbinden
Prozessbezogene Aspekte
  • Klare Sozialplanungsstrategie (Bestand-Bedarf-Maßnahmen-Evaluation)
  • Einrichtung von Lenkungs-/bzw. Steuerungsgruppe auf Verwaltungsebene
  • Zuzüglich regelmäßige Kooperationsrunden mit den Akteuren vor Ort/Planungsrunden
  • Struktur und Kontinuität aufbauen (wer, wo, wann – Verbindlichkeit) - Entwicklung braucht Ressourcen verlässlich (Personal und Geld)
  • Entwicklung benötigt Zeit (mehr als drei Jahre)
  • Leitbild "Lernende Organisation"
Finanzielle Aspekte
  • Klarheit für finanzielle Rahmenbedingungen
  • Ggf. bringen Akteure weitere Ressourcen ins Projekt ein (Klarheit)
  • Bestehende Strukturen nutzen (Personal, Verstetigung, Material, größere Anschaffungen gemeinsam nutzen)
  • Klarheit für Projektende - finanzielle Absicherung
  • Mindestens einen Kooperationspartner als Koordinator finanziell weiterführen
  • Stiftung und Fundraising für Innovationen - nicht für Standardangebot
  • Überblick und Hilfe/Unterstützung bei Antrag/Fördermittelaquise (Ansprechpartner in Kommune)
  • Budget für Raum, Ausstattung und Unterhalt

Im Anschluss besuchten rund 15 Teilnehmerinnen von Projekten (u.a. frühkindliche Entwicklung, Müttercafé, Sprachkurs mit Filmen, Nähkurs) mit ihren Kindern sowie ein Vater die Tagung und berichteten von ihren Erfahrungen mit den Angeboten im Stadtteilbüro. Die Frauen erzählten, dass sie durch persönliche Ansprache auf Spielplätzen, beim Einkaufen oder durch Bekannte auf das Angebot vor über einem Jahr aufmerksam gemacht wurden. Der Großteil der Frauen war zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwei Jahre in Deutschland, lebte isoliert und hatte kaum deutsche Sprachkenntnisse. Für sie waren die ausschlaggebenden Gründe die Stadtteilbüros zu besuchen, dass die Kinder Kontakt zu anderen Kindern bekommen und die deutsche Sprache hören und lernen konnten. In der Rückschau war für sie aber ebenso wichtig, selber aus der Isolation heraus zu kommen, Freundinnen mit ähnlichen Lebensbedingungen zu finden, die Sprache zu erwerben und sich weiter zu qualifizieren. Die Räumlichkeiten und niedrigschwelligen Angebote (z.B. Müttercafé), aber auch die Möglichkeit mitgestalten zu können und Bedarfe zu benennen, führen dazu, dass die Gruppe stetig wächst und bereits auf erfolgreiche Entwicklungen zurückblicken kann. Auch in Bezug auf ihre Kinder erleben die Mütter positive Veränderungen. Die Kinder freuen sich auf die Aktivitäten mit Gleichaltrigen, fordern den Besuch des Angebotes regelrecht ein und erlernen spielerisch Lieder, Fingerspiele und Reime in deutscher Sprache.

Verstetigung der Projekte – aktueller Stand in den Modellvorhaben

Gegen Mittag stand das Thema "Verstetigung der Projekte – Orte der Integration 2020" auf der Agenda. Hier präsentierten alle Modellvorhaben ihren Stand der Umsetzung. Es wurde deutlich, dass die Verstetigung des Modellvorhabens in fast allen Projekten sehr weit durchdacht ist und erste Umsetzungsschritte eingeleitet wurden. Hierbei sind in der Regel zwei Ebenen zu unterscheiden, die kommunale (Verwaltungs-) und die Quartiersebene.

Auf der kommunalen Ebene wurden beispielsweise Absprachen in der Verwaltung getroffen, Kontakte zur Politik gesucht, um politische Beschlüsse vorzubereiten, die Ergebnisse und Überlegungen der Verstetigung in unterschiedlichen Gremien bzw. Ausschlüssen vorgestellt sowie Kooperationsverträge mit Dritten eingegangen. Auf Quartiersebene spielte in allen Modellvorhaben die Vernetzung der Akteure eine essentielle Rolle für die Fortführung des Projektes. So ist die Einbindung des Initiierten in bestehende Strukturen, z.B. die Arbeit des Quartiersmanagements, die Kooperation mit Schule und Kita, die Vernetzung mit Trägern und anderen Quartiersakteuren aus Sicht der Modellvorhaben Erfolg versprechend. Anhand verschiedener Netzwerkspinnen haben die Modellvorhaben beeindruckend dargestellt, wie intensiv diese Strategien verfolgt wurden.

Übertragbarkeit der Ergebnisse – Empfehlungen aus Sicht der Modellvorhaben

Nach dem Mittagessen im DRK-Zentrum Offenbach, welches von engagierten Migrantinnen vorbereitet und serviert wurde, haben die Modellvorhaben zum Thema "Übertragbarkeit der Ergebnisse aus dem Forschungsfeld" in drei Arbeitsgruppen diskutiert und Empfehlungen erarbeitet. Inhaltliche Schwerpunkte wurden dabei erstens auf die Ansprache und das Erreichen von Zielgruppen, zweitens auf die Kooperation und Arbeit in Netzwerken sowie drittens auf die Finanzierung der Orte der Integration gelegt.

Projektteilnehmer/innen berichten über ihre Erfahrungen 4. Erfahrungswerkstatt in OffenbachQuelle: empirica ag

Um die gewünschten Zielgruppe zu erreichen, waren drei Empfehlungen elementar. Zum einen muss aus Sicht der Modellvorhaben die zugehende Arbeit (Streetwork) im Auftrag an den "Ort der Integration" enthalten sein. Zweitens müssen die Zielgruppen persönlich durch "Projektmacher", Schlüsselpersonen und Multiplikatoren angesprochen werden (auf dem Spielplatz, in der Schule und Kita etc.) und drittens sind Kinder und Jugendliche wichtige Personengruppen, über die die Ansprache der Eltern gelingen kann.

In Bezug auf Kooperationen und Netzwerke ist beispielsweise eine Bestandsaufnahme der Angebote im Quartier zu Beginn eines Projektes aus Sicht der Modellvorhaben unerlässlich. Bestehende Netzwerkstrukturen gilt es zu nutzen, aufeinander abzustimmen und weitere Kooperationen bedarfsabhängig aufzubauen. Ebenfalls von Bedeutung ist eine gemeinsame Zielformulierung aller Partner für das Quartier sowie damit verbundene Verbindlichkeiten in der Zusammenarbeit (z.B. Kooperationsverträge, Rahmenvereinbarungen zwischen Schule und Jugendhilfe). Außerdem wurde als wichtiger Aspekt die Benennung eines Hauptverantwortlichen im Netzwerk angegeben, der den Prozess steuert und das Netzwerk zusammenhält. Letztere Aufgabe kann auch an eine externe, kontinuierliche Moderation als Begleitung der Akteure (Einladung, Protokolle, Hausaufgaben) abgegeben werden.

Bei den Empfehlungen zur Finanzierung gab es große Einigkeit unter den Modellvorhaben, dass bestimmte Voraussetzungen beim Projektstart geklärt sein müssen. Dazu zählen klare, eindeutige Beschlüsse mit Finanzierungsplan seitens der Kommune sowie eine Budgetverantwortung. Die Steuerung sollte in der Hauptverantwortung bei der Verwaltung/Politik (Steuerungsgruppe) liegen, wobei die Verantwortung von Teilbudgets auch bei den Teams vor Ort angesiedelt sein können (Teams müssen gestalten können). Um Orte der Integration erfolgreich umzusetzen, sollten folgende Anforderungen erfüllt sein:

  • Mindestfinanzierung eines professionellen Grundangebots (dauerhaft niedrigschwelliges Angebot – Kristallisationspunkt "Ort der Integration")
  • Budget für laufende Arbeit (pädagogische Arbeit und Material)
  • Budget zum Anpassen und gestalten von Räumen oder Finanzierung eines Neubaus sowie für Bewirtschaftungskosten
  • Budget für Ehrenamtsmanagement (Begleitung, Qualifizierung, Supervision etc.) sowie Vergütung der Ehrenamtlichen
  • Budget für externe Begleitung z.B. von Steuerungsgruppen, Reflexionsprozessen
  • Budget für Evaluation/Monitoring
  • Spenden/Sponsoring/Stiftungsmittel (durch Stiftungen, Wohnungsunternehmen, lokale Ökonomie etc.) darf nicht für Grundangebot genutzt werden, sondern muss immer ein "Plus" sein.

Abschließend wurde noch einmal auf die Rolle der Verwaltung bei der Initiierung von "Orten der Integration" hingewiesen. Unabhängig davon, ob eine Bildungseinrichtung oder eine Gemeinschaftseinrichtung qualifiziert wird, müssen sowohl die Steuerung (von Auswahl der Sozialräume über Zusammenarbeit unterschiedlicher Ressorts bis zur Erstellung des Finanzierungsplans und zur Einbindung der Politik) als auch die Hauptverantwortung bei der Kommune liegen. Nur dann sind Orte der Integration im Sozialraum erfolgreich umzusetzen.

Abschlussveranstaltung am 05. Juni 2014 in Berlin

Veranstaltungsdokumentation

Gunther Adler, Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, begrüßte die Teilnehmenden zur Abschlussveranstaltung „Orte der Integration im Quartier“. Integration, so Gunther Adler, wird heute an vielen Orten, wie Schulen, an Arbeitsplätzen, in Nachbarschaften und im Quartier gelebt. Vor Ort in den Kommunen und Städten liegen die Potenziale und Ressourcen, um Integration gelingen zu lassen. Dabei ist Bildung der Schlüssel für gelungene Integration. Vor diesem Hintergrund wurde im Forschungsfeld „Orte der Integration im Quartier“ die Bildung in den Mittelpunkt gestellt.

Der Stadtteil, in dem Kinder aufwachsen, entscheidet auch über Zukunftschancen in Bezug auf Bildung, qualifizierte Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe. Das ist nicht neu, sollte aber immer wieder vor Augen geführt werden und macht vor allem auch deutlich, dass auch der Ansatz der Bundesregierung richtig ist, gerade die benachteiligten Stadtteile zu unterstützen. Dies wird vor allem in der Aufstockung der Gelder von 40 Mio. Euro auf 150 Mio. Euro im Haushalt 2014 für das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ deutlich. Gleichzeitig wird ein integrierter Ansatz auf Bundesebene angestrebt, bei dem das Programm Soziale Stadt als Leitprogramm die Bündelung unterschiedlicher Programme und Gelder ermöglicht. Es ist wichtig, über die Städtebauförderung die baulichen Missstände anzugehen und Räume für Integration zu schaffen. Gleichzeitig bedarf es aber auch der vielen Aktiven vor Ort, die die Räume mit Leben füllen und durch ihr Engagement Integration im Alltag überhaupt erlebbar machen. St Adler dankte den Akteuren vor Ort, die in der Projektlaufzeit von zweieinhalb Jahren erfolgreiche Ansätze erprobt haben und nun praxistaugliche Empfehlungen weiter geben, die das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in den Nachbarschaften fördern und stärken.

Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier, empirica, stellte im Anschluss die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsfeldes vor. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Stadtentwicklung durch das Schaffen von Räumen und Anlässen einen wesentlichen Beitrag leisten kann, damit Integration vor Ort gelingt. In benachteiligten Quartieren ist dabei ein sozialräumlicher Ansatz notwendig, durch den zum Beispiel gezielt auf den qualitativen Ausbau der vorhandenen Infrastruktur eingewirkt werden kann.

Im Forschungsfeld hat sich gezeigt, dass sich als Orte der Integration sowohl Bildungs- als auch Gemeinschaftseinrichtungen eignen. Wichtig ist, dass keine neuen Strukturen geschaffen werden, sondern auf vorhandene Infrastrukturangebote aufgebaut wird, um Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Durch investive Maßnahmen müssen diese zu Orten entwickelt werden, die Anlässe zur Teilnahme und Teilhabe bieten. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass insbesondere Schulen gute Voraussetzungen für Orte der Integration bieten. Die Ergänzung der vorhandenen schulischen Angebote durch außerschulische Bildungsangebote (Schule plus) – in Verbindung mit weiteren Akteuren – ermöglichen es, vor allem auch Eltern stärker einzubinden. Bei der Qualifizierung von Schulen ist es notwendig, diese von Beginn an in die Entwicklungen einzubeziehen und den Mehrwert zu verdeutlichen. Gleichzeitig ist die Unterstützung durch die Kommune und Politik unabdingbar. Erfolgreich ist die Öffnung der Schule, wenn die Angebote (z.B. Mittagstisch, Quartiersschulgarten, Bibliothek) über die Schule hinaus ins Quartier wirken bzw. die vorhandenen Angebote durch die Schule gebündelt werden.

Es wird zudem empfohlen, dass die Kommunen eine (ämterübergreifende) Quartiersstrategie verfolgen, die die unterschiedlichen Ziele (Bildungsplanung, Stadtentwicklungsplanung, Jugendplanung etc.) sowie verschiedenen Akteure (Träger, Wohnungsunternehmen etc.) zusammenführt (gemeinsame Ziele und Verbindlichkeit).


Darüber hinaus machte Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier deutlich, welche Voraussetzungen für erfolgreiche Integrationsmaßnahmen notwendig sind. Hierzu zählen bauliche Lösungen (separater Zugang, Ausstattung etc.) ebenso wie eine genaue Benennung der Zielgruppen und zielgruppenspezifische Methoden der Ansprache. Aber auch die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen (Finanzierung eines Grundangebots) sind festzustecken.

Im Mittelpunkt der drei folgenden Gesprächsrunden mit Meike Heckenroth und Timo Heyn (beide empirica) standen die Erfahrungen der Modellvorhaben, die im Verlauf des Forschungsfeldes Bildungs- oder Gemeinschaftseinrichtungen als Orte der Integration qualifiziert haben.

Gemeinsam mit Sabine Schilf (Modellvorhaben Neumünster), Mandy Grazek (Modellvorhaben Glauchau) und Klaus Maciol (Modellvorhaben Augsburg) wurde das Thema „Der räumliche und bauliche Beitrag zur erfolgreichen Integration“ erörtert und die Erfahrungen der Modellvorhaben sowie ihre Übertragbarkeit diskutiert.

Timo Heyn, Sabine Schilf, Mandy Grazek, Klaus Maciol und Meike Heckenroth (v.l.n.r.) Timo Heyn, Sabine Schilf, Mandy Grazek, Klaus Maciol und Meike Heckenroth (v.l.n.r.)Timo Heyn, Sabine Schilf, Mandy Grazek, Klaus Maciol und Meike Heckenroth (v.l.n.r.) Quelle: empirica ag


Klaus Maciol, Bildungsbeauftragter der Stadt Augsburg, berichtete von der Löweneckschule, die gemeinsam mit den Partnern der Jugendhilfe, des Jugendamtes, der Jugendarbeit und Initiativen zum Bildungshaus entwickelt wird, um der non-formalen Bildung einen höheren Stellenwert im Alltag der Kinder, Eltern und Quartiersbewohner einräumen zu können. In dem Beitrag von Klaus Maciol wurde deutlich, dass die Öffnung der Schule zum Quartier auch baulich dokumentiert werden muss (zum Beispiel durch einen eigenen Eingang zum öffentlichen Raum, der unabhängig von den Schulöffnungszeiten ist). Gleichzeitig wurde aufgezeigt, welchen Herausforderungen die Öffnung der Schule (Altbau) gegenübersteht (z.B. Brandschutz). Klaus Maciols Plädoyer ging dahin, mutig zu sein, auszuprobieren und wenn man an Grenzen stößt nach Lösungen zu suchen – in Augsburg wurde ein Ort der Integration für Kinder, Eltern und Quartiersbewohner in der Schule geschaffen.

Sabine Schilf, Stadt Neumünster, Stadtplanung, schilderte, welche Vorteile durch den Neubau einer Stadtteilschule für das Projekt KiBITZ entstanden sind. Nicht nur die räumliche Ausstattung (unter anderem flexible Wände), sondern auch die technische Ausstattung (Bühne, Veranstaltungstechnik, Musikräume, Bibliothek, Lernzentrum etc.) konnte durch den Neubau den Bedarfen der zukünftigen Nutzer (Schule und Stadtteilaktivitäten mit Schwerpunkten im interkulturellen Bereich) angepasst werden. Durch den Neubau und die damit zur Verfügung stehenden Räume und Zeitkontingente bestand aber auch ein großer inhaltlicher und organisatorischer Abstimmungsbedarf zwischen Schule und den verschiedenen Initiativen, Vereinen, Trägern etc. im Quartier, der im Nachgang auch als Gewinn gesehen wurde, da dadurch die zukünftigen Nutzer der Stadtteilschule bereits im Vorfeld einen Austausch und Kooperationen begonnen haben. Die Stadtteilschule wurde vor über einem Jahr eröffnet.

Mandy Grazek, Jugendbeauftragte der Stadt Glauchau, beschrieb, dass in Glauchau die bauliche Veränderung des Jugendclubs „Würfel“ – ein Betonbau, der ehemals als Technikstützpunkt diente – unabdingbar war, um die inhaltlich konzeptionelle Neuausrichtung der Gemeinschaftseinrichtung auch nach außen zu dokumentieren. Ohne die baulichen Aufwertungen wie Anbau, Einbau neuer und zusätzlicher Fenster, Entfernung von Gittern vor den Fenstern, neues Farbkonzept etc. wäre es aus Sicht von Mandy Grazek keinesfalls gelungen, neue Zielgruppen für die Angebote in der Einrichtung zu gewinnen. Neben der baulichen Veränderung war zudem eine intensive Öffentlichkeitsarbeit im Quartier notwendig. Diese richtete sich sowohl an die Bewohner als auch an alle anderen Akteure im Quartier, um das Image der Gemeinschaftseinrichtung „Jugendclub mit rechtsorientiertem Klientel“ abzuschütteln. Heute wird der Würfel sowohl von Kindern, Jugendlichen, Senioren aber auch von anderen Trägern für ihre Angebote (zum Beispiel Familienentlastender Dienst) genutzt. Die Mitarbeiter des ehemaligen Jugendclubs verfügen über ein dichtes Netzwerk im Stadtteil und darüber hinaus.

In der zweiten Gesprächsrunde mit Şebnem Erhan-Dammasch, Marcus Schenk (beide Modellvorhaben Offenbach), Wolfgang Biller (Modellvorhaben Mannheim) sowie Petra Leyrer und Dieter Lehmann (beide Modellvorhaben Schwäbisch Gmünd) stand das Thema „Bildung im Quartier – Erfolgsfaktoren und Hemmnisse“ im Mittelpunkt der Diskussion.

Meike Heckenroth, Dieter Lehmann, Petra Leyrer, Marcus Schenk, Şebnem Erhan-Dammasch, Wolf-gang Biller, Timo Heyn (v.l.n.r.) Meike Heckenroth, Dieter Lehmann, Petra Leyrer, Marcus Schenk, Şebnem Erhan-Dammasch, Wolfgang Biller, Timo Heyn (v.l.n.r.)Meike Heckenroth, Dieter Lehmann, Petra Leyrer, Marcus Schenk, Şebnem Erhan-Dammasch, Wolf-gang Biller, Timo Heyn (v.l.n.r.) Quelle: empirica ag



Petra Leyrer, Leiterin Kindergarten St. Elisabeth und Dieter Lehmann, Amtsleiter für Familie und Soziales, berichteten von den Erfahrungen, die in Schwäbisch Gmünd durch die Zusammenarbeit von Kita, Grundschule und Gemeinschaftseinrichtung als gleichberechtigte Partner im Projekt BiKiFa (Bildung-Kinder-Familie) gemacht wurden. Der Bildungsansatz hat zum Ziel, Kinder im Quartier von der Geburt bis zum Übergang in eine weiterführende Schule durch die Zusammenarbeit und Bündelung der Angebote der drei Einrichtungen „lückenlos“ begleiten zu können. Aus Sicht von Dieter Lehmann war ein Schlüssel zum Erfolg, dass die Leiterinnen der drei Einrichtungen im Modellprojekt gleichberechtigt eingebunden waren und gleichermaßen Verantwortung übernommen haben. Dies war auch vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit des Projektes (Aufbau eines Netzwerkes, Übergänge schaffen) sinnvoll. Gleichzeitig machte Petra Leyrer deutlich, welcher Mehrwert für Familien, Eltern und Kinder entstanden ist (frühzeitiges und niedrigschwelliges Heranführen an die unterschiedlichen Einrichtungen, Beratungsangebote im Haus, Qualifizierung und Einbindung der Eltern Institutionen übergreifend) und welche Vorteile die Kooperation unter einem Dach für die drei Einrichtungen mit sich bringt (gemeinsame Zielsetzung, Bündelung von Angeboten, Schließen von Angebotslücken, gemeinsame Nutzung multifunktionaler Räume, kurze Wege der Absprache).

Das Modellvorhaben Offenbach a. M. steht für die Qualifizierung von zwei Stadtteilbüros, die bereits sehr gut in den Quartieren verankert waren. Şebnem Erhan-Dammasch vom Jugendamt der Stadt Offenbach erläuterte, dass durch Kleinkinderkurse zur Sprachentwicklung in den Stadtteiltreffs neue Zielgruppen (zurückgezogen lebende Migrantinnen und Migranten mit kleinen Kindern) gewonnen werden konnten. Die Ansprache der Eltern ist über sehr niedrigschwellige zugehende Methoden (Ansprache auf dem Spielplatz oder im Supermarkt und über Schlüsselpersonen) gelungen. Marcus Schenk, Quartiersmanager und Verantwortlicher in den Stadtteilbüros, bestätigte, dass die Stadtteilbüros durch diese Angebote eine zusätzliche Qualität gewonnen haben. Neben den frühkindlichen Bildungsangeboten sind – in erster Linie durch das Engagement der Mütter – Sprachlernangebote für die Eltern, ein Müttercafé, Nähkurse und vieles mehr (Kontakte, Beratung, Austausch etc.) entstanden, bis hin zur Weiterqualifizierung einiger Frauen durch das DRK Offenbach, dem Träger der Kurse. Außerdem, so Marcus Schenk, ist die Niedrigschwelligkeit und die Flexibilität von Gemeinschaftseinrichtungen in der Praxis ein großer Vorteil bei der Ansprache von neuen Gruppen und Umsetzung von Ideen (im Vergleich zu städtischen Institutionen).

Wolfgang Biller vom Kulturamt der Stadt Mannheim stellte die Arbeit des Community Art Centers in der Neckarstadt West vor. In Kooperation mit der Freudenberg Stiftung wurde ein Ort geschaffen (eingebettet in eine bereits bestehende intensive Quartiersarbeit), von dem aus künstlerische Projektarbeit zu Themen des Stadtteils Bewohner aktivierend oder beteiligend initiiert werden. Diese Projektarbeit richtet sich auf der einen Seite an Bildungseinrichtungen wie Kitas und Schulen, die kulturpädagogische Formate abrufen oder an freier Projektarbeit partizipieren können sowie an unterschiedliche Bewohnergruppen des Stadtteils. Die Erfolgsfaktoren des Projektes liegen vor allem in der Zusammenarbeit mit der Freudenberg Stiftung, die bereits jahrelange Erfahrungen im Bereich Bildung und Integration gesammelt hat und ein starker Finanzpartner ist, sowie in der Auswahl der beteiligten Künstler. Diese müssen, um sich den Herausforderungen des Quartiers stellen zu können, sehr kommunikationsstark sein und sollten mit dem Stadtteil und seinen Bewohnern vertraut sein.

Inhaltlicher Schwerpunkt der dritten Gesprächsrunde mit Cordula Simon und Carsten Paeprer (beide Modellvorhaben Berlin) sowie Barbara Weissenborn und Volker Dubberke (beide Modellvorhaben Nienburg) war das Thema "Öffnung der Schule zum Quartier – horizontale und vertikale Vernetzung“. In beiden Modellvorhaben wurden Grundschulen als Orte der Integration qualifiziert. Umgebaut wurde dazu jeweils eine leer gezogene Hausmeisterwohnung auf dem Schulgelände.

Die Ausgangssituation der beiden Modellvorhaben war dennoch sehr unterschiedlich: Während ein großer Teil des Einzugsbereichs der Schule in Nienburg in der Förderkulisse des Programms Soziale Stadt liegt und damit bereits ein gut verankertes Netzwerk von Akteuren besteht, war die Hans-Fallada-Schule in Berlin zunächst alleiniger Akteur im Quartier und ohne Programmkulisse aktiv.

Timo Heyn, Cordula Simon, Carsten Paeprer, Barbara Weissenborn, Volker Dubberke, Meike Hecken-roth (v.l.n.r.) Timo Heyn, Cordula Simon, Carsten Paeprer, Barbara Weissenborn, Volker Dubberke, Meike Hecken-roth (v.l.n.r.)Timo Heyn, Cordula Simon, Carsten Paeprer, Barbara Weissenborn, Volker Dubberke, Meike Hecken-roth (v.l.n.r.) Quelle: empirica ag



Cordula Simon, Europabeauftragte im Bezirksamt Berlin-Neukölln, schilderte, dass eine sich zuspitzende Situation in der Schule und im Quartier durch den Zuzug rumänischer Roma im Jahr 2011 es notwendig machte, dass Schule und Bezirk gemeinsam reagierten. Die Schule als Ankerpunkt im Kiez zu wählen, war ein "Experiment", da zum Zeitpunkt der Projektinitiierung der Harzer Kiez keiner Förderkulisse angehörte und damit kaum Vereine, Träger und Wohlfahrtsverbände aktiv das Quartiersleben unterstützten. Mit Beginn des Projektes wurden Kooperationen begonnen und ein Kieznetzwerk sämtlicher Akteure aufgebaut. Heute wird unter Ort der Integration nicht mehr „nur“ die Schule verstanden – vielmehr sind alle Vereine und Träger eingebunden und in einem gemeinsamen Kiezflyer werden neben den Angeboten ebenfalls die Verortungen im Quartier dargestellt.

Carsten Paeprer, Leiter der Hans-Fallada-Schule, beschrieb anschaulich, welche Vorteile die Öffnung der Schule in das Quartier mit sich bringt. So ist es für die Schule beispielsweise ein unschätzbarer Gewinn, dass durch den entstandenen Elterntreff und die vielen zusätzlichen Angebote und Kooperationen Eltern die Schule vielmehr als einen Ort der Begegnung und Kommunikation verstehen und nicht als einen Ort, zu dem man gerufen wird, wenn es Probleme mit dem Kind gibt. Unterstützend dabei war vor allem das Engagement der Schulsozialarbeit aber auch von Lehrern und Erziehern der Schule, die gemeinsam einen Blick von der Schule ins Quartier entwickelt haben.

Volker Dubberke, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung der Stadt Nienburg, machte deutlich, wie hilfreich ein starker Partner im Quartier sowohl für die Schule aber auch für die Verwaltung sein kann. Durch die Zusammenarbeit mit dem Verein Sprotte e.V. im angrenzenden Soziale Stadt-Gebiet existiert ein Partner, der sowohl inhaltlich als auch organisatorisch (zum Beispiel Akquise von Geldern) mit den Themen der Stadtteilentwicklung vertraut ist. Gleichzeitig bedarf es aber auch erfahrener Mitarbeiter in der Verwaltung, um den Projekten sowohl in der Verwaltung aber auch in der Politik den Weg zu ebnen. Im Fachbereich Stadtentwicklung in Nienburg hat sich in den vergangenen 13 Jahren durch die Erfahrung mit dem Programm Soziale Stadt ein Team herausgebildet, das heute weiß, wie bestimmte Personengruppen anzusprechen sind, welche Sprache gesprochen werden muss, zum Beispiel um Bedarfe und Ideen von Vereinen oder Initiativen in Verwaltungshandeln umzusetzen, oder wer in anderen Fachbereichen ein engagierter Partner ist.

In Bezug auf die Zusammenarbeit mit der Schule im Quartier machte Barbara Weissenborn, Leiterin des Sprotte-Begegnungszentrums in Nienburg, deutlich, wie die Alpheideschule bei ihrer Öffnung zum Quartier von dem Netzwerk und den Kooperationen des Sprotte Vereins profitieren konnte. Innerhalb der letzten zwei Jahre konnten viele zusätzliche Angebote für Kinder, Eltern und Quartiersbewohner im FamilienhORT verankert werden. Besonders anschaulich wird der Erfolg auch an den zusätzlich eingeworbenen finanziellen Mitteln in Höhe von über 20.000 Euro zum Beispiel durch Service Clubs, größere Firmen, Verbände, Stiftungen und Banken für Projekte an der Schule (zum Beispiel Stadtteilschulgarten, Leseprojekt und Chemie AG).

In der anschließenden Diskussion mit dem Plenum wurden konkrete Fragen zu den Projekten aber auch zum Forschungsfeld gestellt. Es ging

  • um Lösungsmöglichkeiten bei der Öffnung der Schulhöfe für den Stadtteil
  • um den Umgang mit problematischen Gruppen (zum Beispiel rechtsorientierte Jugendliche)
  • um die Größe des Einzugsbereichs eines Ortes der Integration
  • um die Frage, welche Einrichtungen können/müssen/sollten sich öffnen (Schule, Kita, Familienzentrum, Seniorentreff etc.)?
  • um die Frage nach dem Gleichgewicht beziehungsweise der Bündelung von Angeboten einer "realen Ganztagsschule" und Freizeitangeboten von Vereinen oder Trägern im Quartier
  • um die Einordnung von Bildungslandschaften in den sozialräumlichen Ansatz


Dr. Frank Gesemann, Institut für demokratische Entwicklung und Soziale Integration (DESI), stellte die Ergebnisse der Studie "Engagement im Quartier" vor, die im Rahmen des Forschungsfeldes durchgeführt wurde. Es wurden Freiwilligenorganisationen, die in Gebieten des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ aktiv sind, im Rahmen einer Online-Befragung, Gruppeninterviews und leitfadengestützte Interviews zu ihren Erfahrungen mit bürgerschaftlichem Engagement in den Bereichen Bildung und Integration befragt.

Bei den Ergebnissen wurde deutlich, dass dem bürgerschaftlichen Engagement seitens der Organisationen eine sehr hohe Bedeutung in Bezug auf das nachbarschaftliche Miteinander aber auch in Bezug auf die Verbesserung der Bildungschancen vor Ort sowie die Verbesserung der Integration und Teilhabechancen von Migranten gesehen wird. Deutlich wurde auch, dass Schulen und Kitas gefolgt von Gemeinschaftseinrichtungen die wichtigsten Partner für Freiwilligenorganisationen in sozialbenachteiligten Quartieren darstellen. Die Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen werden vor allem durch Angebote wie Lesepaten in Schulen und Kindertageseinrichtungen, ehrenamtliche Lotsen beim Übergang Schule-Beruf, Mentoren- und Patenprogramme durch Ältere und Integrationslotsen unterstützt. Gleich-zeitig war auch Ergebnis der Analyse, dass die Stärkung des freiwilligen Engagements sowie Begleitung und Qualifizierung der freiwillig Engagierten professionelle Strukturen in Freiwilligenorganisationen und Bildungseinrichtungen braucht. Um bisher weniger aktive Gruppen für bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen, bedarf es in Zukunft laut Frank Gesemann direkte und gezielte Ansprachen der Zielgruppen über konkrete und lebensweltnahe Aktionen sowie zielgruppengerechte Formate. Nur so kann die Einbindung bisher weniger erreichter Zielgruppen (zum Beispiel Männer) in Zukunft erfolgreich sein und das Engagement weiter ausgebaut werden.

Aydan Özoguz, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, sprach über "Bildung und Integration vor Ort als zentrale Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt". Sie unterstrich, dass es wichtig ist, dass wir uns gemeinsam auf dem Weg zu einer vielfältigen Gesellschaft bewegen und durch diese Einsicht stärker werden. Teilhabe an dieser vielfältigen Gesellschaft ist dabei eine Aufgabe, der wir uns zukünftig intensiv widmen müssen und für dessen Voraussetzungen Lösungen in den Quartieren benötigt werden.

Bei der Debatte um Migration und Einwanderung muss in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern – wie den USA – aber auch die zählweise bedacht werden. So sind Menschen, die in Deutschland geboren wurden und zur Schule gegangen sind, dennoch Menschen mit Migrationshintergrund, was in der Interpretation oft falsche Schlüsse zulässt. Gleichzeitig gilt es, gute Mechanismen zu entwickeln, mit denen man Einwanderung, die aus Sicht von Aydan Özoguz auch zukünftig benötigt wird, gut gestalten kann. Hierbei nehmen Bildungseinrichtungen in den Quartieren eine wichtige Rolle ein, da hier Weichen für Kinder und Jugendliche gestellt werden und Teilhabe ermöglicht werden kann. Aber auch Eltern sollten in Bildungseinrichtungen der Kinder stärkere Unterstützung erfahren. Alle, insbesondere Eltern von Kindern, wissen, wie wichtig die Unterstützung bei der Bildungsbiographie durch das Elternhaus ist. Es ist notwendig, dass Familien mit Unterstützungsbedarf hier gestärkt werden – hier kann auch Ehrenamt helfen.

Ein weiteres wichtiges Thema, dass Aydan Özoguz ansprach, ist die Angst vor Überfremdung. Insbesondere die Debatte um die polemische Aussage "Wer betrügt, der fliegt" hat – so Aydan Özoguz – gezeigt, dass die Gesellschaft bereits sehr weit ist und sich eine breite Allianz von Arbeitgebern bis Gewerkschaft für Zuwandernde gebildet hat. Dies zeigt, dass durch gesellschaftlichen Zusammenhalt viel bewegt und Politik verändert werden kann. Und dieses Verständnis beginnt im Quartier in den Einrichtungen vor Ort, warum die Projekte zur Bildung und Integration auch in Zukunft insbesondere in den Soziale Stadt-Gebieten eine so wichtige Rolle spielen. Mit einem Dank an alle Modellvorhaben und ihre Arbeit verabschiedete sich Aydan Özoguz.

Den Abschluss der Veranstaltung stellte die Podiumsdiskussion "Stadtteil und Bildung Hand in Hand!" dar. Moderiert von Kerstin Stromberg-Mallmann diskutierten die Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln:

  • Barbara Weissenborn, Sprotte e.V. Nienburg,
  • Nicole Graf, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB),
  • Marie-Luise Hümpfner, Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein Westfalen,
  • Rüdiger Bockhorst, Reinhard Mohn Stiftung und
  • Helga Summer-Juhnke, Landeshauptstadt München.

Barbara Weissenborn, Nicole Graf, Moderatorin Kerstin Stromberg-Mallmann, Marie-Luise Hümpfner, Rüdiger Bockhorst, Helga Summer-Juhnke (v.l.n.r.) Barbara Weissenborn, Nicole Graf, Moderatorin Kerstin Stromberg-Mallmann, Marie-Luise Hümpfner, Rüdiger Bockhorst, Helga Summer-Juhnke (v.l.n.r.)Barbara Weissenborn, Nicole Graf, Moderatorin Kerstin Stromberg-Mallmann, Marie-Luise Hümpfner, Rüdiger Bockhorst, Helga Summer-Juhnke (v.l.n.r.) Quelle: empirica ag


Helga Summer-Juhnke berichtete vom Aufbau einer quartiersorientierten Bildungs- und Entwicklungsstrategie für München im Rahmen des Programms "Lernen vor Ort", gefördert durch das Bundesbildungsministerium. Die Strategie, die 2009 begonnen wurde, setzt auf zwei Ebenen an, zum einen auf der individuell-biographischen Ebene (Verbesserung der Lern-, Ausbildungs- und Lebenschancen) und zum anderen auf der teilräumlichen Ebene (Aufbau verbindlicher Kooperationsstrukturen der Akteure vor Ort). Hierzu werden vor Ort Bildungslokale eingerichtet, die jeweils mit einer Bildungsmanagerin und Bildungsberaterin besetzt sind. Die Bildungslokale sind als "offene Bildungswerkstätten" konzipiert, so dass jeder zu den Öffnungszeiten (20 Stunden pro Woche) willkommen ist. Gleichzeitig gibt es feste Angebote entsprechend der Bedarfe vor Ort. Ziel ist, vor Ort die Kombination einer gesellschaftlichen Integrationsstrategie für Personen und Familien als auch eine Aufwertungsstrategie für segregierte Stadtteile. Seit Dezember 2013 gibt es sechs Bildungslokale in München, die über die "Normalverwaltung" finanziert werden und kein „Programm“ mehr sind.

Marie-Luise Hümpfner stellte das Konzept der Kommunalen Integrationszentren (KIZ) vor, die seitens des Landes gefördert werden. Auf Grundlage des Teilhabe- und Integrationsgesetzes sollen feste integrationspolitische Infrastrukturen vor Ort verankert werden. Die Zentren führen die bisherige Bildungsarbeit der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwanderfamilien (RAA) sowie des Programms KOMM-IN NRW (Innovation in der kommunalen Integrationsarbeit), das Kommunen seit Einführung des Zuwanderungsgesetzes vor rund zehn Jahren bei der Gestaltung von Integrationspolitik vor Ort unterstützt hat, zusammen. Ziel ist es, in allen 54 kreisfreien Städten und Kreisen Kommunale Integrationszentren zu etablieren, welche dann in der kommunalen Verantwortung geführt werden. In den vergangenen zwei Jahren sind bereits 49 Kommunale Integrationszentren gestartet. Die Umsetzung der Arbeit der Zentren erfolgt sowohl im gesamtstädtischen Kontext als auch auf Ebene einzelner Quartiere, wenn es zum Beispiel um das konkrete Zusammenbringen von Kita – Schule und Eltern auf Stadtteilebene geht. Dass heißt aber auch, hier ist eine Zusammenarbeit mit den Aktiven vor Ort als wesentliche Ressource (personell und finanziell) notwendig.

Rüdiger Bockhorst ermöglichte mit seinem Beispiel der Stadt Toronto/Kananda einen Blick über den Tellerrand. Toronto wurde im Jahr 2008 als vorbildliches Beispiel für erfolgreiche Integration mit dem Karl-Bertelsmann-Preis ausgezeichnet. In Toronto ist es gelungen die individuelle Bildungsentwicklung der Kinder von der sozialen Herkunft abzukoppeln. Insgesamt waren sieben Merkmale entscheidend für den Erfolg: Bildungsqualität, Übergänge, Elternarbeit, multifunktionelle Teams, Öffnung der Bildungseinrichtungen, Steuerung über Daten und ein abgestimmtes Leitbild. Rüdiger Bockhorst berichtete, dass die Reinhard Mohn Stiftung in Ostwestfalen in der Zusammenarbeit mit Schulen, Kommunen und anderen lokalen Akteuren diese Merkmale modularisieren und einzelne Elemente zum Beispiel zum Thema Elternarbeit oder Übergänge entwickeln. Ziel ist, die Ansätze so aufzubereiten, dass sie auch für andere Kommunen, Schulen, Kitas etc. nutzbar sind.


In ihrem Eingangsstatement unterstrich Nicole Graf, dass der Bund zwar keine Zuständigkeit für den Bereich Bildung hat, aber dass sich seit Initiierung des Städtebauförderungsprogramms "Soziale Stadt" die integrierte Herangehensweise sowohl im Verwaltungshandeln in den Kommunen als auch zwischen den Partnern vor Ort deutlich entwickelt hat. Seitens des BMUB wurde sich im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Integration mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ("Lernen vor Ort") abgestimmt, die eigentliche Kooperation muss jedoch vor Ort stattfinden und dies soll auch vom Bund weiter gefördert werden. Vor diesem Hintergrund ist auch das Forschungsfeld "Orte der Integration im Quartier" entstanden, um zu erproben, wie ein Hand in Hand von Bildung und Stadtteil möglich ist.

Barbara Weissenborn bestätigte, dass die Erfolge im Modellvorhaben auch auf die vorhandenen Strukturen, die durch die Teilnahme am Programm "Soziale Stadt" seit 2002 auf allen Ebenen – Stadtteil, Stadt und Land – ausgebaut wurden. Darüber hinaus merkte Barbara Weissenborn an, dass sie das Zusammenwachsen von Bildung und Stadtteil bisher sehr einseitig wahrnimmt. Das Interesse der Bildungsvertreter (von Schule bis Bildungsministerium) an einer Zusammenarbeit mit dem Stadtteil erscheint ihr bisher wenig ausgeprägt, während der Stadtteil und dessen Akteure sich intensiv um Kooperationen bemühen. Aus ihrer Sicht nehmen die Schulen die Aufgabe, sich auch mit den Stadtteilen beziehungsweise Sozialräumen und deren Problemen auseinanderzusetzen, bisher zu wenig an.

In der anschließenden Diskussion im Expertenkreis aber auch mit dem Plenum wurde dieser Aspekt mehrfach aufgegriffen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln beurteilt.

Im Ergebnis wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit mit Schulen als Dreh- und Angelpunkt für erfolgreiche Integrationsarbeit in benachteiligten Quartieren gesehen wird. Es ist notwendig, über gute Beispiele die Vorteile einer Öffnung zum Stadtteil und einer Zusammenarbeit aufzuzeigen. Aus Sicht der Experten existieren bereits viele gute Ansätze, Konzepte und Lösungen zu den unterschiedlichsten Problemstellungen (zum Beispiel Versicherungsschutz), die es gilt nach vorne zu stellen. Analog zu buisness improvement districts kam die Idee, educational improvement districts auszuweisen, in denen dann beispielsweise auch einfachere Verfahren in Bezug auf bauliche Umsetzungen die Lösung sein könnten.

Aus Sicht der Experten bedarf es einer anderen Ansprache der Schulen, damit diese anschlussfähig sind und zudem die Schärfung des Bewusstseins der Lehrer für ihre Schüler. Dass Kinder stärker noch im Zusammenhang mit ihren Sozialisationsinstanzen gesehen werden und Elternbildung ein integrativer Bestandteil der Arbeit von Schulen sein sollte, kann beispielsweise bereits in der Ausbildung verankert oder über Fortbildungen vermittelt werden.

Es wurde festgehalten, dass mit dem Programm „Soziale Stadt“ der richtige Weg gewählt wurde, um diese Themen vor Ort weiter zu entwickeln und über integrierte Ansätze voran zu bringen. Dabei bedarf es jeweils auch der Unterstützung und klaren Bekennung für eine Kooperation mit den Schulen in benachteiligten Quartieren seitens der Kommunen, so resümierte Nicole Graf (BMUB) abschließend.

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Juliane Wagner
Referat I 4 - Städtebauförderung, Soziale Stadtentwicklung
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