Suburbaner Raum im Lebenszyklus
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Unter dem Einfluss veränderter gesellschaftlicher und ökonomischer Rahmenbedingungen sind in Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht mehr nur die Kernstädte von negativen Entwicklungsdynamiken wie Bevölkerungsabwanderung oder -stagnation gekennzeichnet, sondern auch suburbane Räume. Damit ist insbesondere der bebaute Raum am Rand der Kernstädte bzw. der Verdichtungsräume gemeint. Das Vorhaben untersucht den Strukturwandel suburbaner Räume in ausgewählten Stadtregionen Deutschlands. Besonderes Gewicht wird auf differenzierte Analysen der räumlichen und zeitlichen Entwicklungsdynamiken gelegt. Auf dieser Grundlage werden Strategien zur Anpassung suburbaner Räume an veränderte Rahmenbedingungen benannt.
Ausgangslage
Die suburbanen Räume haben in der jüngeren Vergangenheit zwar eine Reihe typisch urbaner Eigenschaften angenommen, wie vielfältiges Wohnumfeld, Standortqualität und Arbeitsmarktpotenziale; sie bleiben aber auch von negativen Begleiterscheinungen der Urbanisierung – z. B. steigender Überbauungsgrad, Flächennutzungskonflikte, wachsende Verkehrsbelastungen – nicht verschont. Insbesondere ausgelöst durch die Alterung der Nachkriegssuburbanisierungsgebiete und den feststellbaren Wandel der Wohnungs- und Grundstücksmärkte zeigen sich spezifische Anpassungszwänge und -probleme suburbaner Siedlungen. Unter veränderten demografischen Rahmenbedingungen sowie mit Blick auf künftig weiter steigende Transportkosten könnten wichtige Merkmale bzw. Konstitutionsbedingungen des suburbanen Raums (anhaltend hohe Wohn- und Gewerberaumnachfrage, Expansion der Gesamtstadt/-region, preiswerte Mobilität) in Frage gestellt sein.
Ränder zwischen Siedlung und Landschaftsraum
Quelle: Uwe Grützner 2011
Obwohl diese Probleme keineswegs völlig neu sind, finden sie erst in jüngerer Zeit nennenswerte Beachtung. Dies hat vor allem mit dem laufenden Generationenwechsel in den in großer Zahl in den 1960er und 1970er Jahren errichteten suburbanen Wohngebieten zu tun (vgl. de Temple 2005, Nierhoff 2008, Schmitt et al. 2006, Empirica 2009). Hinzu kommt die programmatisch-normative Fokussierung der Stadtplanung und Stadtforschung auf Kerngebiete und Innenstädte bzw. innenstadtnahe Räume, die dem Leitbild der europäischen Stadt deutlich näher sind als die Randräume. Entstanden aus der Entwicklungslogik der wachsenden Agglomeration, stellt der Wandel der suburbanen Räume sowohl die Stadt- und Raumforschung als auch die planenden Akteure vor neue Herausforderungen; diese wurden zwar mit Ideen wie der Zwischenstadt (Sieverts 1997) oder der Netzstadt (Jessen 1998) thematisiert. Für den strategischen Umgang mit suburbanen Standorten gibt es jedoch weder theoretische Blaupausen noch hinreichende praktische Erfahrungen, auch verglichen mit dem Umbau der Kernstädte bzw. deren Teilräume. Die Rahmenbedingungen sind so grundverschieden (etwa hinsichtlich Eigentumsverhältnissen, Dichte, städtebaulicher Struktur sowie Größe und Erfahrungen der betroffenen Kommunen), dass kaum auf die bisher beim Stadtumbau eingesetzten Methoden zurückgegriffen werden kann.
Konzeptioneller Hintergrund - Das Modell der Lebenszyklen
Absicht des Lebenszyklus-Ansatzes ist es, die in Abhängigkeit von den jeweiligen Rahmenbedingungen zeitlich differenzierten Entwicklungsverläufe der Teilräume nachzuzeichnen und die für die verschiedenen Phasen bzw. Zyklen ausschlaggebenden Faktoren zu ermitteln. Zu diesen Phasen gehören in aller Regel Wachstum, Reife, Stagnation, Niedergang, ggf. Resilienz, also das Vermögen, eine Abwärtsbewegung aufzuhalten oder gar eine Trendumkehr zu erreichen. Zu Zyklen entwickeln sich die Phasen dann, wenn es zwischen ihnen temporäre oder periodische Wechsel gibt, die einer bestimmten Logik folgen, wenn auch nicht zwingend durch einzelne Faktoren determiniert sind. Die Grundidee des Lebenszyklusmodells hat vor allem im ökonomischen Kontext Anwendung gefunden, ausgehend von der Produktlebenszyklustheorie von Vernon (1966). Der zugrunde liegende Ansatz wird noch heute in ähnlich gelagerten Kontexten angewandt, etwa bezogen auf den industriellen Lebenszyklus (Klepper 2007) oder mit Blick auf Lebenszyklen von Clustern (Menzel/Fornahl 2009).
Die klassische Untersuchung von Lebenszyklen im räumlichen Kontext wurde in der sozialökologischen Schule der soziologischen Stadtforschung ("Chicago-School") entwickelt, insbesondere durch Robert Park (1952). Sie basierte auf dem bereits 1925 in "The City" vorgelegten Verständnis von Stadt als eine Art ökologischem Lebensraum. In diesem Konzept kam den sogenannten "natural areas" eine zentrale Rolle zu – städtische Teilräume bzw. Nachbarschaften, die sich durch eine spezifische Abfolge von Invasion und Sukzession von Populationen (Wohnbevölkerung) herausbilden und stetig verändern. (Diesen naturwissenschaftlichen Begrifflichkeiten verdankt die Denkrichtung der Chicago-School ihre Klassifizierung als "sozial-ökologisch"). Die Abfolge von Wachstum, Niedergang und Rückkehr zum Wachstumspfad spielte auch in den Analysen städtischer Bodenmärkte durch Homer Hoyt, einem weiteren Vertreter der Chicago-School, eine wichtige Rolle (vgl. Beauregard 2007).
Hoover und Vernon (1959) haben diese Überlegungen in ihrem Ansatz zum lebenszyklischen Wandel städtischer Nachbarschaften am Beispiel von New York City weiterentwickelt. Ihre Arbeit brachte eines der populärsten bzw. meistrezipierten Modelle dieser Art hervor. Sie haben den Wandel einer größeren Zahl städtischer Teilräume in den Kontext lebenszyklischer Veränderungen gestellt und dabei verschiedene Phasen oder Stufen identifiziert: Entwicklung, Übergang (Transition), Niedergang, Ausdünnung, Erneuerung. Der Phasenwechsel wird in diesem Modell nicht nur anhand der klassischen Indikatoren wie Bevölkerung oder Erwerbstätigkeit analysiert, sondern auch bezogen auf Dichte, sozialen Status oder Segregation, also die räumlich ungleiche Verteilung bestimmter Merkmale bzw. Gruppen. Selektiver Zu- und Fortzug bestimmter Bevölkerungsgruppen ist der zentrale Faktor in der Analyse von Hoover und Vernon. In der Phase der Erneuerung sind auch Elemente dessen angelegt, was später unter dem Stichwort Gentrifizierung anhaltend hohe Aufmerksamkeit erfahren sollte.
Auch Choldin et al. (1980) haben Statusveränderungen suburbaner Räume als Element lebenszyklischen Wandels untersucht. Dies führte auch hier zur These, dass suburbane Räume ähnlich wie Kernstädte nach einer Phase stetigen Wachstums in Niedergang übergehen: "Recent suburban trends imply that local socioeconomic status may not be stable. The oldest suburbs, built in the first decades of the twentieth century, now have old housing, noncompetitive business districts, and concomitant local problems. The suburban zone is absorbing many central city functions such as apartment housing and various types of employment […].” (Choldin et al. 1980, 973) Die entsprechende Analyse der zeitlichen Variation und Pfadentwicklung suburbaner Räume bleibt zunächst deskriptiv, hat noch kein eigenständiges Erklärungsvermögen. Sie bettet die verschiedenen Phasen oder Zyklen jedoch in einen größeren Kontext ein (auslösende Faktoren, lokale und regionale Rahmenbedingungen) und bezieht daraus ihren Mehrwert gegenüber einer statischen Betrachtung.
Schema Lebenszyklusmodell
Quelle: Markus Hesse 2011
Das Modell des Lebenszyklus und der Einsatz entsprechender Grundgedanken in der Stadtforschung ist weit verbreitet und wird unter gleichen oder ähnlichen Termini auch in empirischen Zusammenhängen heute noch verwendet (vgl. etwa Friedrich 2003, Bizer et al. 2008). In der wissenschaftlichen Diskussion wurde es auch einer grundlegenden Kritik unterzogen, wie die sozial-ökologische Schule insgesamt. Die differenzierte raum-zeitliche Analyse wurde als großer Vorteil dieser Modelle gesehen. Kritisiert wurde zugleich die stark deterministische Interpretation des räumlichen Wandels. Auch die naturalistische Sprache und Denkweise der Sozialökologie ist seit längerem Gegenstand kritischer Kommentierung; allein aus diesen beiden Gründen gelten diese Ansätze heute nicht mehr als hinreichend. So wurden im nordamerikanischen Diskurs Aussagen zur Entwicklung der Immobilienmärkte (Gotham 2006), zu Konsumentenpräferenzen (Short 1978; Clark et al. 2002) oder zur Bedeutung struktureller Faktoren wie ökonomische Restrukturierung eingefordert. Nachfrageseitig sind sicher auch ‚weiche’ Faktoren wie Image oder konstruierte Identitäten zu berücksichtigen. Ein kritischer Punkt in Zyklenmodellen bleibt schließlich, warum sich wann welche Tendenzen durchsetzen und wo die berühmten ‚tipping points’ (M. Gladwell) liegen – also die Schwellenwerte, nach deren Überschreiten eine Trendentwicklung modifiziert wird, abbricht oder sich neu konstituiert. Diese Fragen stehen heute auch im Zentrum der Forschung unter dem konzeptionellen Dach von "Resilienz".
Konsequenzen für das Vorhaben
Welche Schlussfolgerungen und weiterführenden Erkenntnisse lassen sich aus diesen methodologischen Überlegungen ziehen? Wir folgen hier prinzipiell der Annahme, dass suburbane Räume im Zeitablauf und unter veränderten Randbedingungen ihr Entwicklungstrajekt ändern (können) – wie andere städtische Teilräume auch. Außerdem gehen wir davon aus, dass sie dabei Restrukturierungen erfahren, die je nach ihrer Positionierung im Lebenszyklus und je nach betrachtetem Gegenstand (Bewohner, Wohngebäude, Betriebsgebäude, Infrastrukturen) spezifisch ausfallen.
Vor diesem Hintergrund dient das Lebenszyklusmodell als konzeptionelle Richtschnur für die weitere Arbeit. Dazu wird es aber nicht als formal rigider Erklärungsansatz verwendet, der zur Bestätigung kausal-deterministischer Annahmen über die Entwicklung der suburbanen Räume dient. Es ist eine analytische Brille und ein Mittel zur Strukturierung, mit dessen Hilfe sich zentrale Eigenschaften des Forschungsgegenstandes besser erkennen, einordnen und abbilden lassen. Ein solches Vorgehen kann sich nicht nur als ein hilfreiches analytisches Instrumentarium erweisen, Veränderungsdynamiken zu erkennen; ggf. können diese Dynamiken auch durch frühzeitiges strategisches Gegensteuern beeinflusst werden. Dies setzt allerdings voraus, dass zu den einzelnen Dimensionen des lebenszyklischen Wandels hinreichende Informationen vorliegen, so dass ausgehend von der aktuellen Entwicklung die jüngeren Trajekte der einzelnen Teilräume rekonstruiert und entscheidende Ereignisse, die zur Pfadmodifikation beitragen, ermittelt werden können (siehe auch die Abbildung).
Zur Umsetzung dieses konzeptionellen Ansatzes wird im weiteren Verlauf des Vorhabens an der Operationalisierung der Lebenszyklen gearbeitet. Dabei wird dieser Begriff als neutraler Oberbegriff auf alle betrachteten Analysegegenstände bezogen, d. h. auch auf die ‘nicht-lebenden’ Sachverhalte. Vermutlich ist es eine nicht leicht zu lösende methodische Herausforderung, aus Einzeldaten die jeweiligen Trajekte und Zyklen stimmig herzuleiten. Die Komplexität nimmt zu, wenn verschiedene Gegenstände oder Schichten, aus denen sich die jeweiligen räumlichen Analysegegenstände zusammensetzen, in ihrer Interdependenz betrachtet werden sollen. Also wenn beispielsweise ein Schlüsselereignis (Werkschließung) zu Arbeitsplatzverlusten, selektivem Wegzug, Anpassungsdruck und infolgedessen zu nachlassendem Immobilienwert führt. Ein solcher Wirkungszusammenhang lässt sich nicht auf dem Wege kausaler Beweisführung, sondern nur über empirische Plausibilitäten herstellen.
Vor diesem Hintergrund setzt sich das Untersuchungsfeld prinzipiell aus den folgenden Elementen zusammen:
- Räumlicher Analysegegenstand – suburbane Wohngebiete, Gewerbegebiete, Einzelhandelsstandorte, (Sub-)Zentren, gebündelt zu Typen;
- Phasen oder Stufen im Lebenszyklus: Aufbau, Entwicklung, Transition, Stagnation oder Niedergang, Erneuerung;
- Schichten des lebenszyklischen Wandels: Bevölkerung (Anzahl, Lebenssituation, Alter), Gebäudebestand, Arbeitsplatzbesatz, Infrastruktur, Image, Community und Selbstorganisation.
Zielsetzung
Das Ziel dieser Studie ist es, den Strukturwandel suburbaner Räume zu analysieren und Strategien für die Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen zu entwerfen. Entsprechende Ansätze sollen jeweils spezifisch, in einer dem Gegenstand bzw. seiner starken Differenzierung angemessenen Weise gesucht werden. Dies gilt nicht nur für die große Bandbreite an räumlichen bzw. städtebaulichen Typologien, die in der Kategorie des suburbanen Raums anzutreffen sind, sondern insbesondere für die Berücksichtigung der nutzungs- oder lebenszyklischen Abschnitte im suburbanen Entwicklungstrajekt. In Abhängigkeit von Alter, sozialer Schichtung bzw. Homogenität der Standorte ergeben sich sehr unterschiedliche planerische Herausforderungen. Darauf ist mit einem abgestuften, zeitlich variablen Set von Konzepten und Maßnahmen zu reagieren.
Projektbeginn: Dezember 2010
Literatur
- Beauregard, R. (2007): More Than Sector Theory: Homer Hoyt’s Contributions to Planning Knowledge. Journal of Planning History 6 (3), 248-271.
- Bizer, K., Dappen, C., Deffner, J., Heilmann, S., Knieling, J. u. I. Stieß (2008): Nutzungszyklus von Wohnquartieren in Stadtregionen. Modellentwicklung. Hamburg.
- Choldin, H., Hanson, C. u. R. Bohrer (1980): Suburban status instability. American Sociological Review 45, 972-983.
- Clark, T., Lloyd, R., Wong, K. u. P. Jain (2002): Amenities drive urban growth. Journal of Urban Affairs 24, 493–515.
- Friedrich, S. (2003): Umbau des Wohnens am Stadtrand. DISP 155, 38-48.
- Gotham, K. F. (2006): The Secondary Circuit of Capital Reconsidered: Globalization and the U.S. Real Estate Sector. American Journal of Sociology 112 (1), 231-75.
- Hoover, E. M. u. R. Vernon (1959). Anatomy of a Metropolis. Cambridge.
- Klepper, S. (1997): Industry life cycles. Industrial and Corporate Change 6 (1), 145–181
- Menzel, M.-P. u. D. Fornahl (2010): Cluster life cycles—dimensions and rationales of cluster evolution. Industrial and Corporate Change 19 (1), 205-238.
- Park, R. (1952): Human Communities. Glencoe.
- Schwirian, K. P. (1983): Models of Neighborhood Change. Annual Review of Sociology 9, 83-102.
- Short, J. R. (1978): Residential mobility. Progress in Human Geography 2 (1), 419-447.

