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Gartenstadt 21 – ein neues Leitbild für die Stadtentwicklung in verdichteten Ballungsräumen – Vision oder Utopie?

Veranstaltungen

Fachveranstaltung Gartenstadt21 grün-urban-vernetzt

Eine Fachveranstaltung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) am 2. März 2017 im Ernst-Reuter-Haus in Berlin.

Die über einhundert Jahre alte Idee der Gartenstadt von Ebenezer Howard findet immer wieder aufs Neue Beachtung in der Fachwelt. Ihr Gegenentwurf zur damaligen verdichteten und überlasteten Stadt wird immer dann, interessant, wenn der Zuzug in die Ballungsräume so stark ansteigt, dass in kurzer Zeit viele neue Wohnungen gebaut werden müssen. So werden auch heute wieder manche neuen Projekte als "Gartenstadt" bezeichnet.

Die Forschungsstudie "Gartenstadt21 – ein neues Leitbild für die Stadtentwicklung in verdichteten Ballungsräumen – Vision oder Utopie?" befasste sich zunächst mit den grundlegenden historischen Ideen der Gartenstadt und untersuchte deren Umsetzung im Laufe des letzten Jahrhunderts an verschiedenen Fallbeispielen. Dabei wurde deutlich, dass eine Gartenstadt viel mehr ist als eine ansprechende, kleinteilige Siedlung im Grünen. Es handelt sich bei der Gartenstadt vielmehr um ein nachhaltiges und integriertes Stadtentwicklungsmodell für eine qualitätvolle Transformation von Stadt- und Landschaftsräumen. Eine proaktive und nachhaltige Bodenpolitik bildet dabei die Grundlage.

Im Ergebnis des Projektes wurden zehn Thesen zu einer zeitgemäßen Gartenstadt21 entwickelt und im Rahmen eines dreitägigen Zukunftslabors näher untersucht.

Während der von rund 100 Akteuren aus Wissenschaft, Verwaltung und Planungspraxis besuchten Fachveranstaltung wurden die Ergebnisse des Zukunftslabors öffentliche präsentiert und die wesentlichen Aspekte der historischen Gartenstadt sowie der Gartenstadt21 näher betrachtet und diskutiert.

Nach der Begrüßung durch Harald Herrmann, Direktor und Professor des BBSR, erläuterte der Moderator Frank Schlegelmilch, Partner des Büros BPW baumgart+partner den Tagesablauf.

Claudia Dappen, Projektleiterin im Büro BPW baumgart+partner stellte zunächst die historischen Rahmenbedingungen und Gartenstadtideen von Ebenezer Howard vor. Sie machte deutlich, dass viele der heutigen als "Gartenstadt" bezeichneten Projekte einem Etikettenschwindel unterliegen.

Denn eine Gartenstadt im historischen Sinne bezeichnet ein integriertes Stadtentwicklungsmodell, das neben den Aspekten der Freiraumentwicklung insbesondere bodenpolitische und soziale Aspekte beinhaltet.

Gartenstädtische Ansätze in der aktuellen Planungspraxis

Dr. Martin Klamt, persönlicher Mitarbeiter der Stadtbaurätin der Landeshauptstadt München legt in seinem Vortrag dar, dass eine kommunale Bodenpolitik in der Stadt München bereits längere Tradition besitzt. Diese umfasst die Nutzung planungsbedingter Wertsteigerungen, den Zwischenerwerb von Grundstücken sowie eine Grundstücksvergabe nach Verkehrswert, in Abhängigkeit vom vorgelegten Konzept. Dadurch ist es möglich, dass in neuen Baugebieten ein Großteil der Wohnungen durch Genossenschaften und Baugemeinschaften entwickelt wird. Diese gründen Konsortien, um notwendige infrastrukturelle Einrichtungen gemeinsam zu entwickeln. Um langfristig Einfluss zu behalten, wird aktuell eine Vergabe im Erbbaurecht diskutiert. Seit einigen Jahren finden auch Kooperationen mit den Umlandgemeinden statt, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Erste Projekte sind bereits angestoßen worden.

In einer gemeinwohlorientierten Immobilienentwicklung sieht Frauke Burgdorff, Inhaberin von BURGDORFFSTADT Agentur für kooperative Stadtentwicklung den Schlüssel zur Gartenstadt21. Am Beispiel verschiedener Projekte, die durch die Montagsstiftung oder engagierte und ambitionierte Nutzer initiiert wurden, zeigt sie anschaulich auf, wie es gelingen kann durch Übernahme von Immobilien neue Qualitäten in einem Quartier herzustellen. Grund und Boden wird dadurch von spekulativen Interessen gesichert. Ein reduzierter Erbbauzins für gemeinnützige Einrichtungen kann eine fördernde Rolle spielen.

Die Weiterentwicklung des an den GreenBelt der historischen Gartenstadtidee anknüpfenden GrünGürtels Frankfurt wird von Michael Lennartz aus dem Grünflächenamt Frankfurt vorgestellt. Dieser soll zu einem grünen Netz weiterentwickelt werden, das neue Qualitäten beinhaltet und eine nachhaltige Mobilität im Grünen ermöglicht. Der Zugriff auf die Flächen stellt sich dabei als schwierig heraus, so dass das Grüne Netz insbesondere auf öffentlichen Flächen realisiert werden soll. Dem Umbau von Plätzen und Straßen zu Grünverbindungen kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Bedeutung zu.

Was ist eine Gartenstadt21?

Bastian Wahler-Żak vom Bundesinstitut für Bau-. Stadt und Raumforschung (BBSR) fasst die unterschiedlichen Aspekte der Gartenstadt21 in zehn Thesen zusammen: Die Gartenstadt21 zeichnet sich durch eine Funktionsmischung aus, die eine urbane Dichte mit Qualitäten von öffentlichen und privaten Räumen, hochwertiger Architektur mit unterschiedlichen Netzwerkten verbindet. Um dieses zu erreichen ist die Gartenstadt21 durch gemeinschaftliche Organisations- und Finanzierungsmodelle geprägt, welche ihre Entwicklung und dauerhafte Pflege sicherstellen. Sie ermöglicht anpassungs- und tragfähige Modelle der allgemeinen Mitwirkung und Teilhabe trägt zu einer Vernetzung vorhandener Siedlungs- und Freiraumstrukturen in wachsenden Großstadtregionen bei.

Die beschriebenen Aspekte wurden im Rahmen eines dreitägigen Zukunftslabors am Beispiel fiktiver Raumtypen, welche jedoch beispielhaft für Ballungsräume in Deutschland sind ("Metrozone", "Zwischenstadt", "Stadtrand") durch drei interdisziplinär besetzte Teams visualisiert.

Zukunftsbilder einer Gartenstadt21

Die drei Teams, die im September 2016 am Zukunftslabor teilnahmen, stellten ihre konzeptionellen Ansätze zur Gartenstadt21 vor.
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Die Grundidee der Gartenstadt des Teams "Metrozone" (vertreten durch Francesca Venier und Celine Baumann, TOPOTEK1; Simon Frommenwiler, HHF Architekten; Christian Frenzel, transsolar und Matthias Richter, Hoffmann & Leichter) besteht in der polyzentrischen Verdichtung bestehender Siedlungsgebiete, die durch eine intelligente Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel vernetzt werden. Zwischen den Siedlungsgebieten bilden durch neue Nutzungen angereicherte Grünräume ein identitätsstiftendes und zusammenhängendes Gerüst. Um dies zu erreichen wird eine Toolbox vorgeschlagen, die je nach Quartier in unterschiedlichem Maße zu Anwendung kommen kann. Dadurch können vorhandene Quartiere baulich ergänzt werden und neue Qualitäten erhalten. Partizipation und Multikodierung spielen dabei eine zentrale Rolle.

Die Gartenstadt21 des Teams "Zwischenstadt" (vertreten durch Oliver Bormann, yellowz; Julian Petrin, urbanista; Martin Diekmann, lad+ landschaftsarchitektur; Christian Scheler, argus; Andreas Nütten, FH NW Basel und Guido Spars, BU Wuppertal) legt explizit die Prinzipien Howards für das Modell der Gartenstadt21 zugrunde. Dieser werden sowohl auf stadtregionaler Ebene als auch auf Quartiersebene neu interpretiert. Soziale und finanzielle Aspekte werden ausdrücklich aufgegriffen.

Die sich aus Räumen der Zwischenstadt entwickelnde Gartenstadt21 wird als Metro-Gartenstadt bezeichnet, weil sie regionale Zusammenhänge berücksichtigt. Sie zeichnet sich durch eine breite Mischung, zahlreiche Möglichkeiten für Teilhabe, Teilen und Tauschen, neue Mobilitätsangebote und der Berücksichtigung der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft aus. Der "Metro-Park" bildet neue grüne Strukturen aus und leitet in die Landschaft über. Am Beispiel der Entwicklung monostrukturierter Gewerbe- und Einfamilienhausgebiete werden Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt. Zur Umsetzung wird das Instrument eines bundesweit verankerten Metrogartenstadt-Fonds vorgeschlagen, mit dem eine zielgerichtete Entwicklung mittels Zwischenerwerb unterstützt werden kann.

Das Team "Stadtrand" (vertreten durch Sanna Richter und Martin Sobota, cityförster; Börries von Detten, freiwurf und Anke Schmidt, landinsicht) stellt seine Ideen für die Weiterentwicklung des Stadtrands, im Grenzraum zwischen Metropole und Umland in wachsenden Ballungsräumen vor. Eine Entwicklung des Stadtrands kann nur im stadtregionalen Kontext erfolgen und muss großräumige Grünverbindungen und Entwicklungskorridore berücksichtigen. Kristallisationspunkt für die Entwicklung des Stadtrands bilden "Kraftfelder", die konkrete Räume mit den dort lebenden oder arbeitenden Akteuren und ihrem sozialen und finanziellen Kapital einschließen. Diese tragen dazu bei, vorhandene Quartiere, Gebiete und Kleinstädte in der Stadtregion im Sinne der dichteren, multifunktionalen und vernetzten Gartenstadt21 weiter zu entwickeln. Zur Umsetzung müssen sowohl kommunikative Instrumente, im Sinne einer "Gartenstadtagentur" als auch finanzielle Instrumente zum Zwischenerwerb und rechtliche Instrumente (beispielsweise Innenentwicklungsmaßnahmengebiet) weiter entwickelt werden.

Die Umsetzung der Gartenstadt21

Die Betrachtung der konzeptionellen Ideen und Bilder der Gartenstadt21 wirft die Frage auf, was getan werden kann, um eine solche Gartenstadt21 umzusetzen. Diese Frage wird in einer lebendigen Runde von Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen, den Teilnehmern des Zukunftslabors und dem Publikum diskutiert.

Prof. Dr. Ingrid Breckner, Stadtsoziologin der HafenCity Universität Hamburg merkt an, dass man die Gartenstadt nicht als neues Leitbild über alle Orte stülpen könne. Stattdessen müsse man an unterschiedlichen Orten jeweils neu diskutieren und darüber nachdenken, wie wir in der Stadt leben wollen und welche Akteure dort welche Interessen und Bedarfe haben. Auch die Vielfalt der Kulturen spiele eine große Rolle. Zudem sei es wichtig aus umgesetzten Beispielen zu lernen. Beispielsweise gebe es in Wien einen Bodenfonds, der dauerhaft in der Hand der Stadt verbleibt und damit der Spekulation entzogen wird. In der Seestadt Aspern bewirtschaften viele Eigentümer gemeinsam Einzelhandelsflächen, um nachhaltige Einzelhandelsstrukturen aufzubauen.

Christian Stupka, von der genossenschaftlichen Immobilienagentur München (GIMA) betont wie wichtig es sei, dass viele Akteure, auch zukünftige Eigentümer und Bewohner, gemeinsam am lebendigen Quartier arbeiten. Dies gelinge besonders gut bei einer Konzeptvergabe, denn gemeinsam lassen sich Mobilitätsangebote oder Gemeinschaftsräume viel effektiver organisieren. In der Gartenstadt21 müsse außerdem darüber nachgedacht werden, wie leistungslose Gewinne zugunsten einer sinnvollen Quartiersentwicklung abgeschöpft werden können.

Ein bundesweit beispielsweise bei der KfW angesiedelter und lokal agierender Fonds könnte dazu dienen eine gemeinwohlorientierte Baulandentwicklung zu befördern, erläutert Andreas Nütten, FH NW Basel. Der nächste Schritt besteht darin, diesen Fonds zu konkretisieren, mögliche Gebietskulissen und Ziele zu formulieren und die Leistungsfähigkeit des Fonds rechnerisch zu prüfen.

Aus Sicht eines Flächenentwicklers, so betont Olaf Geist, Aurelis Real Estate Management, erscheint dieser Fonds ebenfalls sehr interessant. Dabei sollte allerdings bedacht werden, dass es in einzelnen nicht so stark wachsenden Städte Flächen gibt, bei denen keine leistungslosen Gewinne entstehen. Hier müsse vielmehr darauf Wert gelegt werden, die eingesetzten Mittel wieder zu erwirtschaften.

Er bestätigt, dass die Leitthemen der Gartenstadt21 grün-urban-vernetzt auch bei den Projekten der Aurelis eine zentrale Rolle spielen. Beispielsweise wurde bei der Entwicklung des Ehrenfelder Güterbahnhofs ein umfassendes partizipatives Verfahren durchgeführt. Grundsätzlich sei stets zu prüfen, ob der Mensch immer im Mittelpunkt der Entwicklung steht.

Sanna Richter, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Berlin ergänzt, dass ein Problem der Entwicklung vorhandener Quartiere darin bestehe, dass Grundstücke, die sich für eine bauliche Ergänzung eignen würden, von den Eigentümern nicht bebaut werden. Daher werde gerade in der Fachwelt das Instrument Innenentwicklungsmaßnahmengebiet diskutiert. Allerdings sei mit der Einführung eines neuen rechtlichen Instrumentariums häufig ein langer Weg verbunden bis dieses rechtssicher greifen kann.

Zum Abschluss der Diskussion wird der Begriff "Gartenstadt21" kritisch diskutiert. Grundsätzlich besteht Konsens, dass die zehn Thesen durchaus eine sehr gutes Modell für den Umgang mit den Herausforderungen darstellt und Ansätze moderner Stadtentwicklung wiedergeben. Der Begriff der Gartenstadt könne der Kommunikation dienlich sein kann, weil er positiv besetzt ist aber auch in die Irre führen, weil er ein anderes Bild von Stadt impliziert. Er sollte daher im Laufe des weiteren Prozesses angepasst werden können.

Prof. Hagen Eyink, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) weist in seinem Fazit auf den Weißbuchprozess hin. Die zehn Thesen fließen darin ein. Der Entwurf des Weißbuchs wird am 8./9. Mai in Essen vorgestellt.

Bastian Wahler-Żak vom Bundesinstitut für Bau-. Stadt und Raumforschung (BBSR) betont abschließend: "Die Gartenstadt ist kein finaler Zustand, sondern verändert sich immer wieder und muss durch Prozesse begleitet werden, die dauerhaft moderiert, begleitet und von Beginn an in die städtebauliche Entwicklung implementiert werden. Es muss eine Form von Institutionalisierung geben. Dafür brauchen die Kommunen Unterstützung."

Teilnehmervorträge

Referent
Claudia DappenDie historische Gartenstadt als Grundlage der Gartenstadt21
Martin Klamt Aktive Bodenpolitik im Ballungsraum München
Frauke BurgdorffTeilhabe in der Stadt(teil)entwicklung – Mehr als Ringelpietz mit anfassen
Michael LennartzEntwicklung des GrünGürtels Frankfurt – Von einer visionären Idee zum Grünen Netz
Bastian Wahler-ŻakGartenstadt21 grün – urban – vernetzt Ein Modell für aktuelle Herausforderungen der Stadtentwicklung? 10 Thesen
Simon Frommenwiler
Francesca Venier
Metrozone - Auf dem Weg zur Gartenstadt 21
Oliver Bormann
Martin Diekmann
Andreas Nütten
Die Zwischenstadt als Metro_Gartenstadt
Börries von Detten
Anke Schmidt
Stadtteil "Rand" - Stadt weiterdenken


Downloads

Flyer zur Fachtagung und Ergebnispräsentation
"Gartenstadt21 grün-urban-vernetzt"
Vision oder Utopie?
2. März 2017, Ernst-Reuter-Haus, Berlin


Thesen zur "Gartenstadt 21 grün – urban – vernetzt"

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Kontakt

Bastian Wahler-Żak
Projektgruppe ZIP: Zukunftsinvestitionsprogramm
Tel.: +49 228 99401-1326