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Urbane Freiräume – Qualifizierung, Rückgewinnung und Sicherung urbaner Frei- und Grünräume

Die Bedeutung urbaner Freiräume wächst in Politik, Planung und innerhalb der Fachdebatten. Frei- und Grünräume werden als Attraktivitätsfaktor städtischen Wohnens gesehen. Ebenso sind sie "grüne Infrastruktur" zur Versorgung der Quartiersbevölkerung. Damit stehen urbane Frei- und Grünräume unweigerlich im Spannungsfeld zwischen baulichen Nutzungsansprüchen, diversifizierten Nutzerinteressen, ökologischer Qualifizierung und dem Anspruch, durch ein Mehr an Grün und die gute Gestaltung in Anbetracht des Klimawandels auch zur Resilienz der Städte beizutragen. Mit einer bundesweiten Befragung kommunaler Akteure und einer Fallstudienanalyse wird untersucht, wie sich urbane Freiräume quantitativ und qualitativ darstellen, welche Herausforderungen in der kommunalen Praxis liegen und welche Synergiepotenziale es für Bebauungs- und Freiraumqualitäten gibt.

Projektstart: Oktober 2015

Ausgangslage

Die Erwartungen und Ansprüche an das Grün und die Freiräume in den Städten sind hoch. Die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen werden im Grünbuch Stadtgrün im Überblick dargestellt. In einem integrierten und langfristigen Prozess sowie einem breiten Dialog über den zukünftigen Stellenwert von Grün- und Freiflächen in unseren Städten wird die Thematik nun vertieft. Dabei ist diese Untersuchung eins von mehreren Vorhaben im Forschungscluster "Grün in der Stadt".

Nachfolgend wird das Verständnis von "urbanen Frei- und Grünräumen" im Forschungsprojekt dargestellt.

Typen urbaner Frei- und Grünräume

Der Untersuchung liegt ein breites Freiraumverständnis zugrunde. Als urbane Frei- und Grünräume werden alle unbebauten Flächen in der Stadt und in städtisch geprägten Regionen betrachtet. Hierzu gehören die grünen und blauen Flächen, die durch Bepflanzungen und Wasserflächen für die Erholung, das Naturerlebnis und die biologische Vielfalt von Bedeutung sind, wie öffentliche Parks und Grünanlagen, Spielplätze, Kleingärten, Friedhöfe, Gewässer und Uferbereiche, private Gärten und Grünflächen, Brachflächen, periurbane land- und forstwirtschaftliche Flächen sowie die Naturschutzflächen.

Urbane Freiräume sind jedoch nicht nur grün, auch versiegelte und bebaute Fläche können unter bestimmten Bedingungen das Potenzial für einen urbanen Freiraum besitzen. Entscheidend ist, dass sie Möglichkeiten für freiraumbezogene Nutzungen und Aneignungen bieten. Dazu gehören Aktivitäten wie das Treffen, das Sehen und Gesehenwerden, die Entspannung, das Bewegen, das Gärtnern oder Spielen außerhalb von Gebäuden in öffentlich bzw. gemeinschaftlich nutzbaren Räumen. Hierfür kommen "Frei"-Flächen zwischen, an und auf Gebäuden und baulichen Anlagen in Betracht, die eine solche Nutzung und Aneignung ermöglichen und die zumeist auch "grüne" Funktionen übernehmen (können). Somit gehören zu den urbanen Freiräumen auch die Straßen, Wege, Promenaden und städtischen Plätze, genauso wie Sportanlagen, Dachflächen, technische Infrastrukturbauwerke und sonstige Nischen, die als Begegnungs-, Bewegungs- und Freizeiträume nutzbar sind bzw. nutzbar gemacht werden könnten.

Auch Bauwerksbegrünungen auf Dachflächen und an Fassaden sowie das Grün der technischen Infrastrukturflächen – wie Regenrückhaltebecken, Bewirtschaftungswege entlang von Kanälen und Bahntrassen oder Lärmschutzwände – können, wenn sie entsprechend nutzbar gemacht werden und Funktionen der Klimaanpassung, der biologischen Anreicherung oder grünen Stadtgestaltung übernehmen, urbane Freiräume sein.

Die Grafik benennt Typen von urbanen Freiräumen in rechteckigen grünen Flächen Urbanes GrünTypen von urbanen Freiräumen Quelle: MBWSV NRW / bgmr Landschaftsarchitekten; modifiziert



Freiraum als Handlungs- und Erfahrungsraum der Stadtbewohner

Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessenlagen, Handlungsmöglichkeiten und Ansprüchen nutzen urbane Freiräume. Sie sind wichtige Orte der Kommunikation in den Stadtquartieren und dienen den Quartiersbewohnern als Alltagswege. Sie sind auch Orte mit kultureller Dimension und werden z.B. für Stadtteilfeste, Konzerte, Freilichtausstellungen genutzt oder zählen zu den stadtgeschichtlich besonderen Garten- und Freiraumanlagen. Manche sind Plattform für das Engagement oder die Versammlung der Stadtgesellschaft und wirken als solche identitätsstiftend.

Ein weit verbreitetes Phänomen ist, dass sich immer mehr Stadtakteure aktiv in die Gestaltung ihres Lebensumfeldes einbringen. Das reicht von der Mitsprache bei Entscheidungen der Freiraumentwicklung bis hin zum Wunsch, sich aktiv Freiräume – beispielsweise beim urbanen Gärtnern – anzueignen und mitzugestalten. Hierin liegt auch ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsförderung und Gesunderhaltung in der Stadt.

Urbane Freiräume sind vielfältige Lern- und Bildungsorte für junge Menschen und Erwachsene gleichermaßen, in denen diese Wahrnehmungs-, Interpretations- und Handlungsprozesse ausprobieren und erlernen. Die Mehrdimensionalität urbaner Freiräume ist für alle Alters- und Nutzergruppen entscheidend, da die Bewohner gerade in der dichten Stadt für viele ihrer Aktivitäten auf öffentliche Räume angewiesen sind. Urbane Freiräume dienen als Treffpunkt und Begegnungsort, Spiel- und Sportplatz, sind Rückzugs- und Erholungsräume sowie Orte für die Selbstdarstellung. Damit fungieren sie als wichtige Plattform für die Interaktion, möglichst für alle Nutzer- und Altersgruppen der Stadtgesellschaft. Besonders in der dichten und wachsenden Stadt sind die Ansprüche und Interessen an das Grün und die Freiräume in einer zunehmend bunteren oder vielfältigeren Gesellschaft sehr umfassend. Aufgrund der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Freiräume resultieren daraus auch Konflikte und Nutzungskonkurrenzen.

Im Forschungsprojekt liegt der Untersuchungsfokus auf der Funktion urbaner Freiräume als Handlungs‐, Erfahrungs- und Erlebnisräume für die Stadtgesellschaft. Neben den ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Funktionen schließt dies auch die Interessenlagen von Akteuren mit ein, die Freiräume besitzen, nutzen, aneignen und gestalten. Vor diesem Hintergrund müssen urbane Freiräume integrativer Teil des gesellschaftlichen Diskurses über die Stadtentwicklung sein.

Freiraum als ungeteilte Ressource

Hinsichtlich der positiven Gesamtwirkungen des städtischen Freiraumsystems spielen die Eigentumsverhältnisse oder die Zweckbestimmungen urbaner Freiräume häufig keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Daher wird das Freiraumsystem aus öffentlichen und privaten Flächen als Gesamtsystem begriffen, das in der integrierten Stadtentwicklung vielfältige soziale, kulturelle, ökologische und ökonomische Funktionen in der Gesamtstadt und in den Stadtteilen übernimmt und sowohl zur Identität als auch zur Resilienz der Städte beiträgt. Stadt wird als mehrdimensionaler Raum verstanden, der urbane Freiräume durch Überlagerung und Mehrfachnutzung integriert.

Für das Management, den Zugang und die Nutzung urbaner Freiräume (place-keeping) haben die eigentumsrechtlichen Verfügungsrechte und Verantwortlichkeiten eine nicht unerhebliche Bedeutung für die Verkehrssicherung, Pflege und Unterhaltung. Aufgrund der Gemenge- und Interessenlagen ergeben sich auch hier vor allem in der dichten und wachsenden Stadt besondere Handlungserfordernisse, um die Potenziale für die Gestaltung von mehrdimensionalen und gemeinschaftlich nutzbaren Freiräumen zu erschließen. Beispiele hierfür sind integrierte Planungsansätze, kooperative Planung, Organisation und (Pflege-)Management zwischen öffentlicher Verwaltung und privaten Eigentümern, proaktive Beteiligungsverfahren für eine stärkere Aktivierung der Stadtbewohner sowie die Unterstützung von Bottom-up-Initiativen. Solche Ansätze stehen im Fokus dieser Untersuchung, insbesondere bei den Fallstudien.

Ziel

Die übergreifende Zielsetzung des Vorhabens besteht darin, Lage, Relevanz und Perspektive urbaner Frei- und Grünräume für Umwelt- und Lebensqualität in den Städten sowie das Spannungsverhältnis zwischen baulichen Entwicklungen und der Sicherung und Entwicklung von Freiräumen zu klären. Im Ergebnis sind Leitorientierungen für eine integrierte Bebauungs- und Freiraumentwicklung sowie Handlungsanregungen für die städtebauliche Praxis und die Politik auf kommunaler Ebene sowie auf Ebene der Länder und des Bundes zu generieren.

Vor diesem Hintergrund sollen Veränderungen urbaner Freiraumstrukturen im Bundesgebiet sowie die Perspektiven ihrer Qualifizierung, Rückgewinnung und Sicherung untersucht werden. Konvergenzen und Divergenzen zwischen baulicher Entwicklung und Freiraumentwicklung sollen geklärt werden, sowohl auf der räumlichen Ebene der Gesamtstadt als auch auf der Ebene der Stadtquartiere.

Zusatzinformationen

  • Logo der Initiative Grün in der Stadt

Kontakt

Dr. Brigitte Adam
Referat I 6 - Stadt-, Umwelt- und Raumbeobachtung
Tel.: +49 228 99401-2325
Dr. Fabian Dosch
Referat I 6 - Stadt-, Umwelt- und Raumbeobachtung
Tel.: +49 228 99401-2160