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Laufende Raumbeobachtung - Raumabgrenzungen

Raumtypen 2010

Die Raumtypen 2010 dienen analytischen Zwecken im Rahmen der Erarbeitung des kommenden Raumordungsberichtes im BBSR und nicht als planerische Festlegung. Sie stellen eine Weiterentwicklung der im Raumordnungsbericht 2005 vorgestellten "Raumstrukturtypen ROB 2005" dar, indem sie neue inhaltliche Kriterien und methodische Möglichkeiten aufgreifen.

Die Raumstrukturtypen ROB 2005 unterfütterten den Entstehungsprozess der im Sommer 2006 erschienenen neuen Leitbilder der Raumentwicklung, die sich aufgabenorientiert an alle Raumkategorien richten sollten und daher Bezugnahmen auf Kategorien wie den "Ländlichen Raum" bewusst mieden. Die neuen Raumtypen 2010 greifen nun Aspekte möglicher Auswirkungen der neuen Leitbilder der Raumentwicklung auf die Politik für ländliche Räume auf: Sie bilden das Stadt-Land-Kontinuum ab und kennzeichnen neue homogene Raumeinheiten als Analyseraster zur Raumordnungsberichterstattung des Bundes.

Besiedelung und Lage

Das Typisierungskonzept beruht auf der Betrachtung zweier räumlicher Basisstrukturmerkmale:

  • der Besiedelung durch Unterscheidung zwischen überwiegend städtisch und ländlich geprägten Gebieten, klassifiziert nach Bevölkerungsdichte und Siedlungsflächenanteil (lokale/kleinräumige Maßstabsebene)
  • der Lage, d.h. Unterscheidung zwischen zentral und peripher gelegenen Räumen, klassifiziert nach potenziell erreichbarer Tagesbevölkerung; (regionale/großräumige Maßstabsebene)

Die Raumtypisierung ist flächendeckend für das Bundesgebiet nach einheitlichen Kriterien vorgenommen und bleibt weitgehend unabhängig von (veränderlichen) administrativen Grenzen. Aggregiert auf Gemeinden oder Gemeindeverbände steht damit in Ergänzung zu den vorliegenden Raumabgrenzungen ein kleinräumiges Analyseraster zu Raumbeobachtungszwecken zur Verfügung.

Im Ergebnis unterscheiden die Raumtypen hinsichtlich der Besiedelung zwischen ländlicher und städtischer Umgebung und bei der Lage zwischen sehr zentraler, zentraler, peripherer, sehr peripherer Lage. Eine Kombination aller Typen ist zwar möglich, aber als Analyseraster nicht unbedingt vorgesehen. Auswertungen sollen vielmehr nach den beiden Basisstrukturmerkmalen getrennt und je nach Untersuchungszusammenhang problemorientiert für bestimme, ausgewählte Typkombinationen erfolgen. So lassen sich etwa die Typen ländlich und peripher/sehr peripher zur Raumkategorie "ländlich-peripherer Raum" kombinieren und vergleichend zu anderen Räumen auswerten.

Die regionale Wirtschaftkraft und ihre Entwicklung ist ein drittes Basisstrukturmerkmal, das zunächst nicht Bestandteil der Raumtypisierung ist. Diese dritte Dimension lässt sich keinesfalls an den Dimensionen Lage und Siedlungsstruktur festmachen, sondern muss unabhängig davon betrachtet werden.

Abgrenzungsmethodik Besiedlung

Karte der Raumtypen nach Besiedlung

Das Basisstrukturmerkmal Besiedlung beruht auf zwei siedlungsstrukturellen Merkmalskomponenten, Bevölkerungsdichte und Siedlungsflächenanteil. Hoch verdichtete Gebiete stehen genau wie hohe Siedlungsabdeckung für städtisch geprägte Umgebung und gering verdichtete Gebiete und hoher Feiraumanteil für ländlich geprägte Umgebung.

Um zu einer vom sichtbaren Erscheinungsbild geprägten, morphologischen Abgrenzung zu kommen, werden beide Merkmale nicht bezogen auf Verwaltungseinheiten, sondern in einer kleinräumigen Rasterzellenanalyse jeweils innerhalb eines 3-km-Umkreises grenzübergreifend betrachtet. Die Fläche eines Kreises mit 3 km Radius entspricht in etwa der durchschnittlichen Flächengröße einer Gemeinde in Deutschland. Diese Fläche ist in der landschaftlichen Umgebung oft noch einsehbar und damit für den jeweiligen Standort prägend. Darüber hinaus spielt sich in diesem Umkreis Nahversorgung ab.

Die Komponente Bevölkerungsdichte nutzt das Ergebnis einer rasterbasierten Disaggregation von Bevölkerungszahlen. Dabei wurden Bevölkerungen von Gemeinden und Stadtbezirken auf Siedlungsflächen mit unterschiedlichen Gewichtungen heruntergebrochen (Rasterzellen mit 250 m Kantenlänge).

Die Komponente Siedlungsflächenanteil beruht auf einer Berechnung der Siedlungsflächen im 3-km-Umkreis, gestützt auf Geobasisdaten: ATKIS Basis DLM25 (Digitales Landschaftsmodell des BKG, Layer Ortslagen und baulich geprägte Flächen mit Stand 2004) sowie CORINE 2000 (Flächen durchgängig städtischer Prägung, Flächen nicht-durchgängig städtischer Prägung und Industrie- und Gewerbeflächen).

Eine Raumtypisierung ist stark abhängig von der Körnigkeit der Analyse und der Bildung von Klassengrenzen. Die Klassifikation wurde so vorgenommen, dass die innere Differenzierung größerer Gemeindegebiete bzw. von Stadtregionen im Stadt-Land-Kontinuum erfasst wird: Als städtisch geprägte Umgebung gelten in Anlehnung an die auf ähnlichen Kriterien gestützte Abgrenzung von Verdichtungsräumen gemäß Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) von 1993 diejenigen Gebiete (Rasterzellen), die sowohl bei der Bevölkerungsdichte als auch beim Siedlungsflächenanteil überdurchschnittlich hohe Werte aufweisen. Flächen (oder Flächenaussparungen) unter einer Mindestgröße von 5 ha bleiben unberücksichtigt. Alle übrigen Flächen gelten als ländlich geprägt.

Abgrenzungsmethodik Lage

Karte der Raumtypen nach Lage

Die Raumabgrenzung des Basisstrukturmerkmales Lage beruht auf Erreichbarkeitsanalysen mit dem Erreichbarkeitsmodell des BBSR. Die Lagetypisierung im regionalen bis großräumigen Maßstab betrachtet mithilfe eines Zentralitäts-Indexes die Nähe zu Konzentrationen von Bevölkerung und Arbeitsplätzen, die sich auch durch ein gebündeltes Angebot an Beschäftigungsmöglichkeiten und Versorgungseinrichtungen auszeichnen.

Eine vollständige Quelle-Ziel-Matrix aller knapp 4.800 Gemeindeverbände bildet die Grundlage für die Berechnung des Tagesbevölkerungspotenzials innerhalb von 2 Stunden Fahrzeit im motorisierten Individualverkehr (MIV). Tagesbevölkerung bedeutet, dass nicht nur die die Wohnbevölkerung repräsentierende Einwohnerzahl sondern die Einwohnerzahl mitsamt des (Berufs-)Pendlersaldos der Gemeindeverbände einbezogen wird, um die funktionale Bedeutung von (Arbeitsmarkt-) Zentren zu berücksichtigen.

Die erreichbare Tagesbevölkerung wird dabei jeweils sowohl für den Gemeindeverband selbst, als auch für diejenigen Gemeindeverbände, deren Siedlungsschwerpunkt innerhalb von 2 h Fahrzeit erreichbar sind, berechnet und kumuliert, wobei die erreichten Bevölkerungen alle 10 min Fahrzeit nur noch zur Hälfe eingehen. Die angelegte Distanzfunktion gewichtet in Anlehnung an ein Gravitationsmodell nahe liegende Bevölkerungs- und Arbeitsplatzkonzentrationen höher als entfernter liegende, in dem die benötigte Pkw-Fahrzeit als Widerstandswert eingeht. Gestützt wird die ausgewählte Halbwertzeit von 10 min Fahrzeit durch Untersuchungen zum Verkehrsverhalten (u. a. Mobilität in Deutschland 2002, BBSR-Umfrage). Danach halbieren sich Kontakt- bzw. Verflechtungsintensität bei Berufspendlern mit zunehmender Wegedauer etwa alle 10 bis 15 min.

Um vom Indikator "Erreichbare Tagesbevölkerung" zu einer Lagetypisierung der Gemeindeverbände zu gelangen, wurden statistische Kennzahlen zur Bildung von Klassengrenzen herangezogen. Dazu wurde die ursprüngliche Werteskala des Indikators wegen ihrer rechtsschiefen Verteilung logarithmiert. Die Schwellenwertbildung orientiert sich am so berechneten Mittelwert (183.000) +/- eine Standardabweichung. Sie liefert eine Klasseneinteilung in vier Typen, sehr zentrale, zentrale, periphere und sehr periphere Lage.

Aggregation auf Gemeinden und Gemeindeverbände

Um für regionalstatistische Auswertungen nutzbar zu sein, müssen die Ergebnisse auf Gemeinden/Gemeindeverbände oder höhere Raumaggregate bezogen werden. Das Basisstrukturmerkmal Besiedlung unterscheidet auf Rasterebene zunächst nur zwei Typen: städtische Umgebung und ländliche Umgebung. Bei der Aggregation auf Gemeinden/Gemeindeverbände wird wegen der innergemeindlichen Abweichungen die Hinzunahme eines Übergangstyps erforderlich. So ergeben sich drei Typen der siedlungsstrukturellen Prägung:

  • überwiegend städtisch: Gemeinden/Gemeindeverbände mit mindestens 50% Flächenanteil städtisch geprägter Umgebung - das bedeutet, dass diejenigen Gemeinden/Gemeindeverbände, deren Fläche überwiegend in städtischer Umgebung liegt, insgesamt als überwiegend städtisch geprägt eingestuft werden.
  • teilweise städtisch: Gemeinden/Gemeindeverbände mit einem Flächenanteil von mindestens 23% städtisch geprägter Umgebung (Bundeswert) oder mit einer Fläche städtisch geprägter Umgebung von mindestens 15 km² - das heißt, dass alle Gemeinden/Gemeindeverbände mit einem höheren Flächenanteil städtisch geprägter Umgebung als das gesamte Bundesgebiet (23%) als teilweise städtisch geprägt gelten. Ebenfalls unter diesen Typ fallen Gemeinden/Gemeindeverbände mit einer absoluten Fläche in städtischer Umgebung in der Größenordnung der halben Durchschnittsgröße einer Gemeinde (rund 15 km²). Das letzte, absolute Kriterium trägt insbesondere den in jüngster Zeit durch Gemeindegebietsreformen gewachsenen Flächengrößen Rechnung.
  • ländlich: gemeindefreie Gebiete und alle anderen Gemeinden/Gemeindeverbände

Karte der Raumtypen in Form einer Oberflächendarstellung

Das Basisstrukturmerkmal Lage wurde auf Ebene von Gemeindeverbänden typisiert, repräsentiert durch die Siedlungsschwerpunkte. Gebietsstandsänderungen oder Disaggregation auf Gemeinden erfolgen über Wertzuweisungen durch eine interpolierte statistische Oberfläche. Bei Aggregation auf Kreise oder andere höhere Raumniveaus werden ebenfalls Mischtypen für Einheiten, die ein starkes innergebietliches Gefälle aufweisen, erforderlich.

Die folgende Tabelle listet die Flächen-, Bevölkerungs- und Beschäftigtenanteile der Gemeinden, differenziert nach den Raumtypen auf:

Flächen-, Bevölkerungs- und Beschäftigtenanteile der Raumtypen
Siedlungsstrukturelle PrägungLagetypFlächeBevölkerungBeschäftigte
Anteile nach Gemeinden, 13.12.2007

ländlich

sehr peripher17,5%3,2%1,9%
peripher31,9%9,9%6,0%
zentral10,6%4,5%2,5%
sehr zentral0,7%0,4%0,2%
insgesamt60,6%18,1%10,6%
teilweise städtischsehr peripher1,2%0,8%0,9%
peripher8,3%6,1%6,2%
zentral7,9%6,5%5,2%
sehr zentral1,7%1,7%1,3%
insgesamt19,1%15,1%13,6%
überwiegend städtischsehr peripher0,2%0,3%0,3%
peripher2,9%5,2%6,2%
zentral7,9%17,3%19,1%
sehr zentral9,3%44,0%50,3%
insgesamt20,3%66,8%75,8%
insgesamtsehr peripher18,9%4,4%3,1%
peripher43,2%21,2%18,3%
zentral26,3%28,3%26,7%
sehr zentral11,6%46,1%51,8%

Die als überwiegend städtisch eingestuften Gemeinden nehmen nur gut 20% des Bundesgebietes ein. Dort konzentrieren sich zwei Drittel der Wohnbevölkerung und gut drei Viertel der Arbeitsplätze. In den teilweise städtisch geprägten Gemeinden bleiben die Bevölkerungs- und Beschäftigtenanteile hinter einem ähnlichen Flächenanteil von nicht ganz 20% zurück. Die ländlich geprägten Gemeinden umfassen 60% des Bundesgebietes, dort leben etwa 18% der Einwohner und arbeiten nur gut 10% der Beschäftigten.

Auch die Lagetypisierung der Gemeinden zeigt erwartungsgemäß eine starke Konzentration von Bevölkerung und Arbeitsplätzen. In den sehr zentral gelegenen Gemeinden mit einem Flächenanteil von gut 11% lebt und arbeitet etwa die Hälfte der Bevölkerung. Das andere Extrem liefern sehr peripher gelegene Gemeinden, die auf knapp unter 20% der Fläche nur rund 4% der Bevölkerung und 3 % der Arbeitplätze stellen.

Daraus auf die mangelnde Bedeutung des Ländlichen Raumes zu schließen, wäre falsch. Ländlich heißt nicht peripher und im Unterschied zum Ländlichen Raum, der städtische Zentren mit einschließt, sind bei den ländlich geprägten Gemeinden städtische Zentren definitionsgemäß ausgenommen. Erst bei der Aggregation auf Regionsebene kann vom "Ländlichen Raum" gesprochen werden, der natürlich auch städtische Zentren beinhaltet. Die Bedeutung des Ländlichen Raumes liegt in seinen Funktionspotenzialen: Er trägt zahlreiche Funktionen, ohne die das Leben in den Städten und Ballungsräumen unmöglich wäre.

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Thomas Pütz
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