Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel
Veranstaltungsdokumentation
2. MORO-Fachkonferenz "Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel"
2.-3. Juli 2009, Berlin

"Auch in Zeiten der Wirtschaftskrise behält der Klimaschutz seine hohe Priorität. Trotz aller Anstrengungen aber wissen wir: der Klimawandel ist in Gang gekommen; er wird zu einem wichtigen Faktor für die Stadt- und Regionalentwicklung. Anpassung bedeutet das Management der unvermeidlichen Klimawandelfolgen für Mensch und Umwelt, für Wohlstand und Lebensqualität, für wirtschaftliche und soziale Entwicklung."

Damit eröffnete Karin Roth, Parlamentarische Staatssekretärin (PStS) beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) die zweite MORO-Fachkonferenz "Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel" und stellte sie in den Kontext der interministeriell erarbeiteten Deutschen Anpassungsstrategie, zu deren Umsetzung bis 2011 ein "Aktionsplan Anpassung" vorgesehen ist.

Mehr als 220 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Planungspraxis nahmen an der zweitägigen Fachkonferenz teil. Es gibt keine Klimawandel-Fachplanung, daher kommt der Raumplanung eine wichtige Kooperations- und Koordinationsfunktion zu. Aufbauend auf den bisher erarbeiteten (Zwischen-)Ergebnissen widmete sich Tag eins dem wissenschaftlichen Austausch über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Raumentwicklung und den damit verbundenen Anforderungen an Raumordnung und Fachpolitiken. Am zweiten Tag präsentierten sich erstmals die neuen acht Modellregionen, die in den nächsten beiden Jahren regionale Klimawandelstrategien erarbeiten und konkrete Lösungsansätze erproben sollen.

Zu Beginn der Tagung verwies Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Co-Chair des International Panel for Sustainable Resource Management, am Beispiel des in jüngsten Prognosen sich verstärkenden Meeresspiegelanstiegs auf den Ernst der Lage. Er forderte dazu auf, die Bedrohung durch den Klimawandel als Chance zu nutzen, einen langfristigen "grünen" Wachstumszyklus zu initiieren und Strategien der Umsteuerung konsequent zu verfolgen. Dass es dabei einmal mehr auf Vernetzung und Wissenstransfer von der globalen bis zur lokalen Ebene ankommt, betonte Gerry Metcalf vom UKCIP (UK Climate Impacts Programme).
Was genau kommt nun auf die Regionen zu? Mit welchen (neuen) Risiken müssen wir rechnen? Welche Rolle spielen Raumordnung und Fachplanungen im Kontext integrierter Anpassungsstrategien auf regionaler Ebene? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Diskussionen des ersten Tages in vier parallel arbeitenden, durch Podiumsstatements angereicherten Workshops: [1] "Siedlung und Verkehr", [2] "Kritische Infrastrukturen", [3] "Berggebiete, Kulturlandschaften und Biodiversität" sowie [4] "Flussgebiete, Küsten und Schifffahrt". Dem Aspekt der Risikovorsorge vor dem und der Minimierung von Folgen des Klimawandels kommt gerade auf der Ebene der Stadt- und Regionalplanung eine wichtige Rolle zu, sei es beim vorbeugenden Hochwasserschutz, dem Siedlungsklimaschutz, beim Wasserhaushalt, Küstenschutz oder dem Schutz von Berggebieten. Die Ergebnisthesen wurden im Plenum vorgestellt und sollten am zweiten Tag mit den Modellregionen vertieft erörtert werden.
Am Abend des ersten Tages wurden die Gewinner des Fotowettbewerbs "Klimawandel und Anpassung" prämiert: Studierende der Fachrichtungen Fotografie sowie Kunst- und Mediendesign in Berlin und Brandenburg setzten sich künstlerisch mit den Folgen des Klimawandels auseinander und produzierten beeindruckende Fotocollagen.

Start der Modellvorhaben
Am zweiten Veranstaltungstag standen die acht Regionen des Modellvorhabens "Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel" im Fokus. Die Modellregionen wurden in einem zweistufigen Verfahren ausgewählt; eine Grundlage hierfür bildet der regionale Handlungsrahmen Klimaanpassung, die so genannte "Blaupause" (vgl. BBSR Online-Publikation Heft 17/2009). Sie bietet einen schnellen Einstieg für regionale Entscheidungsträger etwa zur Abschätzung der Klimafolgen, bei der Entwicklung von Maßnahmen und dem Management sowie bei Umsetzung und Kommunikation.

Trotz kurzer Vorlaufzeit erarbeiteten die Modellregionen Poster, um ihre spezifischen regionalen Fragestellungen und Konzepte vorzustellen. Die Konferenz konnte so intensiv genutzt werden, eine erste Rückmeldung von den Teilnehmenden aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen und Verwaltungsebenen zu erhalten. Dazu waren alle Anwesenden in einem ersten Rundgang eingeladen, mit den Modellregionen ins Gespräch zu kommen und auf einer Kommentarwand individuelle Anregungen zu notieren. Es folgte eine vertiefte Diskussion der Modellregionen in Kleingruppen auf der Basis von Leitfragen: Was sind prioritäre Aspekte in dieser Modellregion? Welche der Fragestellungen sind besonders gut auf andere Regionen übertragbar? Welche Fragen oder kritischen Aspekte sind noch zu klären? Welche Chancen eröffnen sich für die Regionen durch die vorgestellten Konzepte? Die Antworten dazu resümierte der für die Modellvorhaben federführende Projekt- und Referatsleiter Hanno Osenberg vom BMVBS.
Noch einmal zurück zur Eröffnung der Tagung, bei der PStS Karin Roth die Regionen dazu ermutigte, die Herausforderung anzunehmen, unbequeme Fragen zu stellen und unkonventionelle Lösungen zu erarbeiten. Damit wurde deutlich, welche Bedeutung das BMVBS diesen "Laboratorien" bei der Erprobung von Anpassungsstrategien an den Klimawandel beimisst. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Verantwortlichen auf allen Ebenen lernen, auch unter den Bedingungen von Unsicherheit und raschem Wandel bei den Klimaprojektionen belastbare und dennoch flexible Planungsentscheidungen zu treffen – auch im Sinne eines klimabezogenen Risikomanagements. Alle Regionen sollen einen Beitrag dazu leisten, das bestehende Instrumentarium der Raum- und Stadtentwicklung an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen und durch kooperative Strategien Vernetzung und Wissenstransfer zu verbessern.
Marnix de Vriend von der Royal Haskoning (Nijmegen, Niederlande) leitete das Abschlusspodium mit der Forderung nach einem Paradigmenwechsel ein: Klimaresistenz bedeute auch, der natürlichen Dynamik mehr Raum zu geben und Raumentwicklungsstrategien diesen Veränderungen anzupassen und zudem nach transnational wirksamen Lösungen zu suchen. Dabei sei es wichtig, zu einem Mainstreaming für den Klimawandel zu kommen und eine Integration in bestehende Verfahren zu erreichen, so Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz.
Der energetische Stadtumbau und die Umsetzung erfolgreicher Anpassungsstrategien in der Raumentwicklung sind eine Herausforderung, die nur gemeinsam bewältigt werden kann, so Dr. Peter Runkel, Abteilungsleiter Raumordnung, Stadtentwicklung, Wohnen im BMVBS in seinem Fazit. Die lebhaften Diskussionen bei der Konferenz unterstrichen die Bedeutung der Raumordnung bei der planerischen Vorsorge und Weiterentwicklung von Maßnahmen zum Schutz vor und zur Anpassung an den unvermeidbaren Klimawandel.
Wissenschaftlich begleitet wurde die Konferenz von der Planungsgruppe agl, dem "Institute for Environment and Human Security/United Nations University",und dem Büro INFRASTRUKTUR & UMWELT Professor Böhm & Partner.
Eine umfassende Dokumentation der Tagungsergebnisse erfolgte in der Tagungsbroschüre "Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel", die als BBSR-Sonderveröffentlichung erschienen ist.
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