Modellvorhaben "Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere"
Fallstudie "Das Quartier ist bunt – 400 qm Dessau"
Dessau – Am Leipziger Tor (Sachsen-Anhalt)
| Stadt | 80.000 EW |
| Stadtquartier | 9.650 EW(Grünau) |
| Quartierstyp | Blockrand, Reihe, Zeile |
| Kreistyp | Kernstadt |
| Lage | Innenstadtrand |
| präg. Baualter | komplexer Wohnungsbau der 70er/80er Jahre |
| Sozialdaten | 30% > 60 Jahre 15% < 18 Jahre 3,8% Zuwanderer 25% Arbeitslose |
| Träger/Eigentümer | Planungswerkstatt/Kommune, Wohnungsbaugesellschaften |
| Förderung | Programm Stadtumbau Ost (Aufwertung) |
1. Kontext
"Urbane Kerne – landschaftliche Zonen": unter diesem Motto beteiligt sich die Stadt Dessau mit einem zeitlich und räumlich flexiblen Stadtumbaukonzept an der Internationalen Bauaustellung (IBA) Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010. Urbane Stadtkerne sollen stabilisiert und über die durch Abriss frei gewordenen Flächen mit einem wachsenden und dichter werdenden Landschaftszug verbunden werden. Dieser Landschaftszug entsteht Schritt für Schritt nach dem Prinzip "wo Gebäude fallen, entsteht Landschaft". Die Landschaftsmodule folgen einem einheitlichen Raster in der Größe von 20x20 Metern.
400 qm Dessau: Der In-Kulturnahme von durch Abriss freigewordenen Flächen kommt eine Initialrolle bei der Aktivierung von Bewohnern zu. Die Bürger der Stadt werden aufgerufen, so genannte Claims, die unter der Marke "400 qm Dessau" kommuniziert werden, in ihre Verantwortung zu übernehmen oder im Sinne einer Patenschaft zu pflegen. Die ersten Claims werden im Kerngebiet des Dessauer Stadtumbaus, im Quartier Am Leipziger Tor, angelegt. Dieses Quartier gehört zu den von Abriss und von Abwanderung am stärksten betroffenen Stadtteilen. In ihm ist der soziale Erosionsprozess weit voran geschritten.
2. Konzept (Generationen, Quartier)
Für die In-Kulturnahme der Flächen mit integrativem Charakter wurde 2004 ein erster Aufruf gestartet. 20 konkrete Interessenten für Nach- und Zwischennutzungen wurden in einem "Katalog der Akteure" aufgenommen, der inzwischen um das Netz der sozialen Einrichtungen aus dem Quartier erweitert wurde.
Aktuell wird an einem Apothekergarten, einem Interkulturellen Garten, einem Claim mit Kurzumtriebsplantagen sowie einem Frauen- und Sinnes-Garten mit Permakultur gearbeitet. Es gibt des weiteren Interessenten für einen Senioren-Claim. Für die Pflege und Aneignung dieser 400 qm-Claims haben sich auch Bewohner gemeldet, die zwar keinen Garten anlegen, aber "mithelfen" wollen. So beteiligen sich Schüler der benachbarten Schule an der Pflege einer neu entstandenen Spielwiese, Partnerschaften mit Kindereinrichtungen sind beim Apothekergarten und beim Frauengarten vorgesehen, ein Schuttgarten soll ausdrücklich auch Bildungszwecken dienen. Der Kleingartenverband hat sein Interesse an einem Generationengarten signalisiert, weil es eine größere Zahl älterer Mitglieder gibt, die den alten Familiengarten allein nicht mehr bewirtschaften können und nach Möglichkeiten suchen, sich mit Gleichgesinnten, aber auch anderen sozialen Gruppen und Alterstrukturen auszutauschen sowie an Maßnahmen zur Förderung des Gemeinwohls zu beteiligen.
3. Innovationen
Neue Freiraumtypen als öffentliche Orte - Stabilisierung durch neue Quartiersanker
- In einer Gesamtstrategie zur Quartiersstabilisierung eingebundener Ansatz zur Schaffung neuer Freiräume mit hoher Aneignungsqualität
- Stimulierung und Förderung innovativer Nutzungsformen und moderner Milieus bei Integration verschiedener sozialer Gruppen sowie adäquater neuartiger Landschaftsbilder
- Initiierung von Raumaneignung und Interaktion (Bewohner und soziale Akteure übernehmen vermehrt Verantwortung für den Raum und für das Quartier).
4. Ziele
- Aufwertung des Wohnumfeldes, Nachbarschaften stabilisieren, das Image verbessern
- Praktizierung neuer Freiraumkonzepte, die sich vor allem aus dem sozialen und kulturellen Kontext generieren
- neue Wohnangebote in den Randlagen von Kernen schaffen, die helfen, junge Bewohner anzuziehen oder Bewohnern mit Umzugsabsichten Alternativen im Quartier zu bieten
- dem weiteren Verfall durch Brachen auf Abrissflächen, Leerstand, Verwahrlosung oder "Besitzlosigkeit" entgegenwirken
- Integration von Ressourcen und Anforderungen verschiedener, bisher getrennt agierender Ressorts wie "Jugendarbeit", "Schulische Bildung", Frauenarbeit und Seniorenarbeit
5. Maßnahmen/Verfahren
Die Nutzung von Flächen erfolgt auf der Basis von Gestattungsverträgen, die zwischen Akteur und Eigentümer geschlossen werden. Der zeitliche Rahmen wird verhandelt, angestrebt wird eine Nutzungszeit von mind. 5 Jahren. Informelle "Spielregel" der In-Kulturnahme ergänzen die Verträge und regeln die Rahmenbedingungen für diese Form einer temporären Nutzung.
6. Finanzierung/Förderung/Kosten
Die Akteure bekommen die Flächen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Bisher wurden Abrissflächen im städtischen Eigentum bereitgestellt, im nächsten Schritt werden Flächen der Wohnungsunternehmen einbezogen. Für den Apothekergarten wurden Aufwertungsmittel des Förderprogramms Stadtumbau Ost bereitgestellt.
7. Projektstand
Die Arbeit mit Akteuren wird seit 2004 in regelmäßigem Rhythmus durchgeführt. Die Kontaktstelle Stadtumbau bei der Lokalen Agenda Initiative koordiniert diese Arbeit. Stadtumbauspaziergänge und Aktionstage kommunizieren den Projektfortschritt in die Öffentlichkeit.
8. Akteure/Beteiligte
Träger: Dessauer Planungswerkstatt Stadtumbau (Verwaltung, Vertreter von (Wohnungs-) Unternehmen, Planer, Vereine und Initiativen, kulturelle Institutionen usw.).
Kümmerer: Kontaktstelle Stadtumbau (einmal wöchentliche Sprechstunde, kontinuierliche Betreuung in so genannten Montagsrunden).
Geplant: Verstetigung der Arbeit der Kontaktstelle zum Beispiel in Form einer Bürgerstiftung.
Ansprechpartner:
Stiftung Bauhaus Dessau
Heike Brückner
Tel.: 0340-6508229
brueckner@bauhaus-dessau.de
9. Gender-Relevanz
Die Projektidee schafft Möglichkeitsräume für alle Altersgruppen, Geschlechter und ethnische Gruppen.
10. Wechselbeziehungen Wohnen : Freiflächen : Gemeinschaftseinrichtungen
- Stabilisierung urbaner Kerne und Verbesserung der Wohn- und Freiraumsituation vvor allem in Randlage zum Landschaftszug
- Die Claims, die angelegt werden, befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Wohnquartieren, so dass eine enge Wechselwirkung zwischen Quartier und angrenzendem Freiraum besteht.
11. Besonderheiten/Anmerkungen
Der neuartige Charakter der entstehenden Stadtlandschaft wird über so genannte Sehund Lesehilfen in die Öffentlichkeit kommuniziert. Das sind Großplakate, die an die Giebel der verbleibenden Häuser angebracht werden und die Vielfalt der Akteure und Nutzungsformen darstellen
12. Weiterführende Informationen
Planungswerkstatt Stadtumbau in Dessau
Brückner, Heike: Transformation in einen unbekannten Zustand. In: Die anderen Städte, Internationale Bauaustellung (IBA) Stadtumbau 2010, Band 1, Berlin 2005

