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München, Ackermannbogen: NachbarschaftsBörse

Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere - Modellvorhaben

Angaben zum Projekt
KontaktNachbarschaftsBörse
Rosa-Aschenbrenner-Bogen 9
80797 München
Tel.: +49 89 307-49635

www.ackermannbogen-ev.de
ProjekttypNeubau
Nutzflächeca. 80 m2 (NachbarschaftsBörse)
TrägerVerein (bürgerschaftlich getragen)
AkteureAckermannbogen e.V., Wagnis eG, Speisecafé Rigoletto, Stadt München, Forum Schwabing am Olympiapark e.V.
ZielgruppenQuartiersbewohner
Angebotsprofilselbstorganisierte Kultur- und Freizeitangebote, Raumvermietung

Kontext

Das Neubaugebiet am Ackermannbogen entsteht im Münchner Stadtteil Schwabing- West auf einem ehemaligen Kasernenareal. Seit dem Baubeginn 2001 wurden 660 WE realisiert (Bauabschnitt NordOst). 50% davon wurden im öffentlich geförderten Wohnungsbau errichtet. Bis zur Fertigstellung, die für 2010 geplant ist, sollen ingesamt 2.170 Wohneinheiten am Ackermannsbogen entstehen.

Das neue Wohngebiet wird als Quartier für Familien beworben und aufgrund der attraktiven Lage (innenstadtnah, viel Grün in der Nähe) auch entsprechend angenommen. Die Bewohnerstruktur im 1. Bauabschnitt ist deutlich geprägt von Familien mit kleineren Kindern.

Im Jahr 2000 wurde die Wohnungsbaugenossenschaft wagnis eG gegründet, um am Ackermannsbogen ein selbstorganisiertes Wohnprojekt mit ca. 150 Wohneinheiten zu realisieren. Ziele waren eine sozial und ökologisch verantwortbare, sichere Wohnungsversorgung sowie die Förderung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens. Im Jahr 2004 wurden die ersten 92 Wohnungen der Genossenschaft bezogen.

Angaben zum Quartier
Einwohnerca. 1.450 (Stand 2008)
Lage im StadtgebietInnenstadtrand
QuartierstypNeubauquartier auf Konversionsflächen
SozialstrukturKinder und Jugendliche k.A. %
Menschen über 65 Jahre k.A. %
Einwohner mit Migrationshintergrund k.A. %
Transfereinkommen k.A. %
NutzungenWohnen


Konzept

Die NachbarschaftsBörse wurde als Bewohnertreff für quartierbezogene Bewohnerarbeit von der wagnis eG im Zusammenhang mit ihrer ersten Wohnanlage errichtet. Ihr Ziel ist es, den Aufbau sozialer Netzwerke unterstützen und eine lebendige, soziale Nachbarschaft fördern. Kursangebote, Kinderpartizipation, Bereitstellung von Gruppenräumen, Leihstation, Nachbarschaftshilfe, die Herausgabe der Quartierszeitung "Ackermannbote", kulturelle Angebote sowie Konfliktmediation sind Elemente, die das Miteinander aller sozialen Schichten und Generationen im Quartier fördern.

Die NachbarschaftsBörse ist zusammen mit weiteren von der Genossenschaft geschaffenen Infrastruktureinrichtungen - einem Café sowie einem Laden - zentral im Quartier gelegen. In Kooperation mit dem Café im selben Haus werden gemeinsame Veranstaltungen und Feste mit Getränke- und Essensservice ermöglicht. Durch die Lage in einem verkehrsberuhigten Bereich ergeben sich Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten für Kinder im direkten Umfeld.

Träger der Einrichtung ist ein gemeinnütziger Verein, der sich aus den Mitgliedern der Genossenschaft heraus gebildet hat. Die NachbarschaftsBörse wird von einer hauptamtlichen Leiterin geführt, deren Ziel es jedoch ist, die Gemeinschaftseinrichtung weitgehend in selbsttragende Strukturen zu überführen. Die große und mit zunehmender Bevölkerung in dem Neubaugebiet weiter steigende Nachfrage haben den Verein veranlasst an kreativen Konzepten zur Erweiterung des begrenzten Raumangebotes zu arbeiten und sich nach den ersten Anlaufjahren verstärkt um neue Mitglieder und eine stärkere Öffnung in den Stadtteil zu bemühen. Inzwischen hat der Verein einen weiteren Bewohnertreff in dem Neubauquartier in seine Obhut übernommen. Ein überdachter Hausdurchgang (ca. 20m breit, 11m tief, 4,5m hoch), der an die NachbarschaftsBörse angrenzt, wurde zur Spiel- und Kulturpassage ausgebaut. Ungenutzte Parkflächen in der Tiefgarage sollen für die gemeinschaftliche Nutzung ausgebaut werden.

Finanzierung

Da es keine öffentliche Unterstützung für den Bau der Gemeinschaftseinrichtungen der Genossenschaft - NachbarschaftsBörse, Café, Gästeappartements - gab, beteiligten sich alle Genossenschaftsbewohner mit 5% der erforderlichen Genossenschaftseinlagen an der Finanzierung der Gesamtkosten von 265.000 Euro. Die Betriebskosten wurden in den ersten drei Jahren über eine städtische Anschubfinanzierung aus dem Münchner Programm "Quartierbezogene Bewohnerarbeit" finanziert, die auch die Einrichtung der NachbarschaftsBörse beinhaltete.

Aspekte der generationen- und zielgruppenübergreifenden Nutzung

In dem noch jungen Neubauquartier Ackermannbogen ist der Anteil älterer Bewohner relativ gering. Entsprechend ist die Zielgruppe der älteren Menschen zur Zeit noch weniger im Angebot der NachbarschaftsBörse repräsentiert. Für Jugendliche haben sich die zentral gelegenen, gut einsehbaren Räumlichkeiten als nicht geeignet erwiesen. Die Ansprache der unterschiedlichen sozialen Milieus gehört zu den erklärten Zielen der NachbarschaftsBörse, erweist sich jedoch als schwierig. Die überwiegende Zahl der selbstorganisierten Angebote spricht eher eine sozial homogene Gruppe mit ähnlichem Bildungshintergrund an. Die Entwicklung von Angeboten für sozial benachteiligte Haushalte ist kein "Selbstläufer", sondern muß professionelle organisiert werden. Auch der Zwang, über die Angebote Mieteinnahmen zu erwirtschaften, kann den Zugang für finanzschwache Haushalte erschweren.

Wechselbeziehungen Wohnen: Freiflächen: Gemeinschaftseinrichtungen

Die Entstehung der NachbarschaftsBörse aus dem Zusammenhang eines genossenschaftlichen Wohnprojektes hat die zügige selbstverständliche Aneignung gefördert, die gleichzeitig die Grundlage für das hohe ehrenamtliche Engagement im Rahmen des Betriebes bildet.

Fokus Betriebskonzept – Auf dem Weg zu selbsttragenden Strukturen

Das Konzept der NachbarschaftsBörse ist so angelegt, das der Betrieb sich mittelfristig selbst tragen soll. Nach den ersten drei über die kommunale Anschubförderung finanzierten Anlaufjahren, erwies sich dieses Ziel allerdings als noch nicht umsetzbar. Das inhaltliche Angebot mit einer breiten Palette von Aktivitäten für alle Alters- und Interessensgruppen wird zwar weitestgehend ehrenamtlich gestaltet und getragen, die Gesamtkoordination in Verbindung mit der finanziellen Verantwortung für einen kostendeckenden Betrieb ließ sich bisher allerdings nicht auf der Basis von reinem bürgerschaftlichen Engagement sicherstellen. Mit der Übernahme eines zweiten Bewohnertreffs, der wiederum von der Kommune im Aufbau gefördert wird, konnte eine Finanzierung für die erforderliche Weiterbeschäftigung der Treffleitung für wiederum 3 Jahre gefunden werden. Gleichzeitig wurde damit eine erfahrene und im Quartier verankerte Trägerschaft für den neuen Bewohnertreff sichergestellt.

Um die Basis für den weiteren Ausbau selbsttragender Strukturen zu legen, eine stärkere Verankerung im Quartier zu befördern und darüber neue Zielgruppen und Akteure für die ehrenamtliche Mitarbeit zu gewinnen, wurde der aus genossenschaftlichen Zusammenhängen gegründete Trägerverein wagnis e.V. umstrukturiert und in Ackermannbogen e.V. umbenannt. Ziel des neu strukturierten Quartiersvereins ist es, ein neues Finanzierungskonzept zu entwickeln, das durch die Eigenfinanzierung selbständiger Projektgruppen getragen wird.

Einnahmequellen, die zum Teil schon heute für den Betrieb der NachbarschaftsBörse genutzt werden und mittelfristig auszubauen wären, sind:

  • Nutzungsgebühren für Gruppenräume
  • Verkauf von Kaffee und gespendeten Kuchen bei Veranstaltungen
  • Anzeigen in der Quartierszeitung und dem Internetportal
  • Akquisition von Spenden
  • projektbezogene öffentliche Fördermitteln (Stadt, Land)
  • Stiftungsmittel z.B. Glücksspirale
  • projektbezogenes Sponsoring und Fundraising

Inwieweit die verlässliche Übernahme der Akquise der unterschiedlichen Finanzierungsbausteine sowie die Koordination der ehrenamtlichen Kursangebote allein auf der Basis von bürgerschaftlichem Engagement sicherzustellen sind, wird sich erst im Laufe der nächsten Jahre zeigen. Das Quartier Ackermannbogen, mit seinem hohen Anteil engagierter Bewohnergruppen bietet vergleichsweise gute Vorraussetzungen für selbsttragende Strukturen. Die Erfahrungen aus dem Projekt deuten aber auch an, dass die ehrenamtlich organisierten Angebote sich verstärkt auf eine homogene Zielgruppe beziehen und ein milieuübergreifendes Angebot auf dieser Basis nur bedingt realisierbar ist.

Fokus bauliche Aspekte - Raumressourcen kreativ nutzen

Die NachbarschaftsBörse wurde, entsprechend ihrer Bedeutung für das soziale Leben in der Genossenschaft und im Quartier, sehr zentral im Erdgeschossbereich der genossenschaftlichen Wohnanlage angesiedelt.

Die zentrale Lage erhöht die Wahrnehmbarkeit sowie die beiläufige Nutzbarkeit und hat so einen großen Einfluss auf die Besuchsfrequenz. Die Integration der relativ großen Gemeinschaftsflächen in ein Wohngebäude bringt allerdings auch Probleme mit sich. Zum einen sorgt die Lärmbelastung, die durch das Kommen und Gehen sowie die Benutzung der Räume und angrenzenden Freiflächen durch die NachbarschaftsBörse im Alltag entsteht, für Konflikte mit den direkten Anwohnern. Zum anderen sind aufgrund der integrierten Lage die Möglichkeiten begrenzt, den räumliche Erweiterungsbedarf, den die große Nachfrage nach den Angeboten der Gemeinschaftseinrichtung erzeugt, vor Ort zu decken.

Als mögliche Antwort auf diese Problemlage bot sich die Umnutzung nicht benötigter Stellplatzkapazitäten in der unterhalb der Wohnanlage und der NachbarschaftsBörse gelegenen Tiefgarage an. Hier besteht sich die Chance, zusätzliche Raumangebote zu schaffen für Nutzungsbedarfe, die in der NachbarschaftsBörse keinen Platz finden. Darunter einen großen, multifunktionalen Gruppenraum, einen Werkraum sowie Lagerräume. Nutzungen, die aufgrund höherer Lärmemissionen bisher nicht möglich waren oder zu Konflikten führten (z.B. Werken und Musik machen), sollen "unter die Erde" verlagert werden. Gleichzeitig wird die Chance gesehen, durch das Angebot von weniger einsehbaren Aufenthaltsorten und z.B. der Möglichkeit, im Keller Musik zu machen, ohne die Nachbarn zu belästigen, stärker auch jugendliche Zielgruppen anzusprechen.

Mit einer vorübergehenden Befreiung von der Nachweispflicht des vorgeschriebenen Stellplatzschlüssels durch die genehmigende Behörde bis zum Jahr 2014 wurden die rechtlichen Voraussetzungen für die Umnutzung geschaffen. Die Ausarbeitung des Umnutzungskonzeptes erwies sich trotz der günstigen baulichen Voraussetzungen, die die Räume mit ihrer soliden und neutralen Grundstruktur boten, aufgrund der hohen technischen Anforderungen, insbesondere beim Schallschutz und der Lüftung, als sehr aufwändig. Auch die genehmigungsrechtliche Vorbereitung mit dem Zustimmungserfordernis unterschiedlicher Eigentümer (WEG) sowie Abstimmungen mit der Bauordnung forderte viel Zeit. Die hohen, mit den bauordnungsrechtlichen Anforderungen verbundenen Auflagen führten zur Erhöhung der geschätzten Umbaukosten.

Trotz der hohen Auflagen und Investitionen in den Schallschutz stehen einzelne Anwohner der Umnutzung der Tiefgararge kritisch gegenüber, in der Befürchtung, dass sie weitere Lärmbelastungen mit sich bringen wird. Es zeigt sich das potenzielle Konflikte nur durch einen intensiven, kontinuierlichen Kommunikations- und Aushandlungsprozess verhindert werden können.

Fokus Wechselbeziehung Freiraum- Hausdurchgang wird zur Stadtteilbühne

Eine weitere Möglichkeit, die Spielräume der NachbarschaftsBörse zu erweitern, war die Nutzung des Freiraums in Form eines 20 m breiten, 11 m tiefen und in der Höhe über 2 Geschosse reichenden Hausdurchgangs. Die Passage grenzt unmittelbar an die Gemeinschaftseinrichtung an und verbindet einen urbanen Nachbarschaftsplatz im Osten mit einer naturnahen "Großen Wiese" im Westen. Sie soll Raum für "kulturelle Impulse" in der neuen Nachbarschaft bieten, die Alltagskultur bereichern und die Identität des Quartiers stärken durch gemeinsame Spiel- und Kulturaktionen mit allen Altersgruppen. Ein weiteres Ziel ist die Sensibilisierung insbesondere von Kindern und Jugendlichen für kulturelle und soziale Belange.

Die "Spiel- und Kulturpassage" war von Beginn an auch als Zeichen und Mittel der konkreten Öffnung des genossenschaftlichen Wohnprojekts in die Nachbarschaft konzipiert. Für die Veranstaltungsplanung wurde eine Bewohnerarbeitsgruppe gegründet, die sich aus Mitgliedern der Genossenschaft und anderen Stadtteilbewohnern zusammensetzt. Über Blitzumfragen im Stadtteil wurden nach den ersten Veranstaltungen Meinungsbilder und Verbesserungsvorschläge aus der Bewohnerschaft eingeholt. Konflikte in der direkten Nachbarschaft aufgrund von Lärmbelastungen konnten bisher im Dialog gelöst werden.

Die Spiel- und Kulturpassage wird von vielen Zielgruppen im Quartier gut angenommen. Das Programmangebot reicht von Musik über Theater und Performances bis hin zu Stadtteilaktionen, wie Flohmarkt u.ä. Die hohe Qualität und Dichte des Programms beruht allerdings auf dem außerordentlichen Engagement einer kleinen Gruppe von Aktiven. In der nächsten Zeit wird es die Aufgabe sein, die Möglichkeiten der Mitwirkung zu verbreitern, dazu gehört z.B. eine leicht verständliche Gebrauchanleitung für die komplizierte Bühnentechnik zu erstellen.

Erfahrungen und Übertragbarkeit

Das Modellvorhaben München zeigt die hohe Bedeutung von Gemeinschaftseinrichtungen beim Aufbau nachbarschaftlicher Netzwerke in Neubaugebieten. Es steht für ein außergewöhnliches Maß an bürgerschaftlichem Engagement in der Projektentwicklung und im Betrieb, das in engem Zusammenhang steht mit einem hohen Anteil engagierter Bewohnergruppen aus selbstorganisierten Wohnprojekten im Umfeld der Einrichtung. Gleichzeitig verweist das Projekt auf die Grenzen selbsttragender Strukturen, da selbst in diesem günstigen Umfeld der Betrieb ohne eine professionelle Koordination nur schwer zu organisieren ist.

Die nachbarschaftlichen Konflikte, die aufgrund der Lärmbelastung aus der intensiven Nutzung der Nachbarschaftsbörse entstanden sind, stehen exemplarisch für die Probleme von Gemeinschaftseinrichtungen in integrierten Lagen. Gleichzeitig sind die hohe Identifikation der Bewohner mit dem Projekt, die auf einem partizipativen Planungsprozess fußt, sowie die ausgeprägte nachbarschaftliche Kommunikationskultur entscheidende Voraussetzungen für die Lösung dieser Konflikte.

Mit der Nutzung ungewöhnlicher Raumressourcen, wie ungenutzter Stellplätze und einem Hausdurchgang, zur Erweiterung der Nutzungsspielräume der Nachbarschaftsbörse beweist der Trägerverein das besondere kreative Potenzial, das bürgerschaftlich getragene Projekte häufig auszeichnet. Die Entwicklung des Umnutzungskonzeptes für Teilflächen der Tiefgarage, zeigt jedoch auch, dass der damit verbundene zeitliche wie finanzielle Aufwand nicht zuletzt aufgrund hoher bauordnungsrechtlicher Auflagen nicht unerheblich ist. Inwiefern Aufwand und Nutzen in einem akzeptablen Verhältnis stehen, lässt sich erst im Zusammenhang mit der tatsächlichen Nutzung bewerten.

Weiterführende Informationen

Die Projektbeschreibung können Sie sich hier auch als barrierefreie PDF herunterladen.
Download (pdf/454-KB)

Zusätzliche Informationen erhalten Sie auch auf folgenden Internetseiten:



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