Berlin-Mitte: Nauener Platz - Umgestaltung für Jung und Alt
Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere - Modellvorhaben
| Kontakt | Regina Rossmanith http://www.nauenerneu.de |
| Projekttyp | Plätze und Parks in gründerzeitlichen Stadtquartieren |
| Nutzfläche | 5.000 m² |
| Eigentümer | Bezirksamt Mitte von Berlin |
| Kooperationspartner | Bezirksamt Mitte Abteilung Jungend und Finanzen, Haus der Jugend |
| Akteure | Bezirksamt Mitte, Initiative Nauener Neu, Café Naumi, Quartiersmanagement Pankstraße, Seniorenwohnlage Kaiser-Wilhelm- und Augusta-Stiftung, Radijojo – das Kinderradio und weitere Akteure |
| Planung | planung•freiraum, Berlin (Freiraumentwurf), studio dinnebier, Berlin (Lichtkonzept), TU-Berlin (Soundscapes) |
| Moderation | Conceptfabrik, Berlin |
Kontext
Der Nauener Platz befindet sich in einem gründerzeitlich hoch verdichteten Wohnquartier im Ortsteil Wedding im Bezirk Mitte von Berlin. Die öffentliche Grün- und Platzfläche grenzt an stark befahrene Stadtstraßen und ist von Gemeinbedarfseinrichtungen aus den 1960er und 1970er Jahren umgeben. Die angrenzenden Wohnquartiere gelten als soziale Problemgebiete mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen und Mitbürgern ausländischer Herkunft.
Vor der Umgestaltung waren Platz und Grünfläche mit Spiel- und Bolzplatz stadträumlich kaum erlebbar. Verdrängungsprozesse haben zudem zu einem Ausschluss insbesondere von Kindern, Mädchen und älteren Menschen am Nauener Platz geführt, der jahrelang als Trinkertreff und Drogenumschlagplatz diente.
Im Jahr 2006 wurde im Rahmen des Programms Soziale Stadt ein umfangreiches Bürgerbeteiligungsverfahren zur Umgestaltung des Platzes begonnen, das Ende 2006 mit der Aufnahme in das IFAS-Forschungsfeld erweitert wurde.
| Einwohner | Bezirk Mitte: 315.205 Quartier: 12.211 |
| Lage | Innenstadt |
| Quartierstyp/Baualter | Gründerzeit sowie 1950er – 1970er Jahre |
| Sozialdaten | Menschen < 18 Jahre 21 % Menschen > 65 Jahre 17 % Zuwanderer 43 % Transfergeldempfänger 24 % |
Konzept
Der Nauener Platz wird als ressortübergreifendes Projekt in Federführung durch das Amt für Umwelt und Natur umgestaltet. Ziel ist ein innovativ gestalteter Freiraum, der als sicherer Aufenthaltsort allen Nutzern und Generationen Räume bietet und eine positive Ausstrahlung auf das angrenzende Quartier hat. Durch Beteiligung und durch die Unterstützung der ehrenamtlich Tätigen soll die Verantwortung der Anwohner für diesen Ort gestärkt werden.
Bausteine des Umgestaltungskonzeptes sind:
- Moderiertes Beteiligungsverfahren von unterschiedlichen Akteuren aller Altersgruppen
- Platzmanagement zur Aktivierung und Verstetigung von bürgerschaftlichem Engagement
- Entwicklung von generationsübergreifenden Raumelementen und Nutzungsangeboten, wie Bewegungs-, Sitz- und Liegeelementen
- Entwicklung aktiver und passiver Klangelemente im Freiraum auf der Grundlage des neuartigen Ansatzes "Soundscapes" der Lärmwirkungsforschung
- Entwicklung und Umsetzung eines Lichtkonzeptes mit niedrigen Betriebskosten und geringer Störanfälligkeit zur Steigerung des Sicherheitsempfindens und Verbesserung der Platzatmosphäre
Wechselbeziehungen Wohnen – Freiräume – Gemeinschaftseinrichtungen
Als öffentlicher Aktivitätsort und bauliche Mitte des Nauener Platzes hat das Haus der Jugend eine wichtige soziale Funktion im Quartier. Weitere Gemeinbedarfseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Senioren grenzen an den Platz an. Der neu gestaltet Freiraum bildet eine generationenübergreifende Plattform für diese sozialen Einrichtungen und für die "unorganisierten" Quartiersbewohner.
Fokus Bauliche Lösungen: Platzmöblierung für alle, von allen entwickelt
Durch vielfältige Maßnahmen wird der öffentliche Raum so umgestaltet, dass er sowohl der älteren Bevölkerung Aufenthalts- und Aneignungsmöglichkeiten bietet als auch Kindern und Jugendlichen als Spielplatz und sozialer Treffpunkt dient.
Der neue Platz zeichnet sich durch eine sehr differenzierte Freiraumplanung aus, die den verschiedenen Nutzergruppen gerecht wird. Im Entwurf werden einzelne Teilräume so gestaltet und angeordnet, dass sie möglichst von allen Bevölkerungs- und Altersgruppen als Ort der Kommunikation, des Rückzugs, der Kontemplation und als Treffpunkt interpretierbar und erlebbar sind. Auf einer Gesamtfläche von 5.000 m², die durch das Haus der Jugend in zwei Teilbereiche getrennt wird, entstehen nach dem räumlichen Konzept straßenseitig eine Promenade, ein Spielplatz und ein Marktplatz sowie im Inneren des Platzes Südterrassen, ein Hof-/Bühnenbereich, eine Sportzone, ein Bereich für Spiel- und Aufenthalt, Bürgergärten sowie eine offene Rasen-/Sandfläche.
Generationenübergreifende, multifunktionale Bewegungselemente sollen die Motorik aller Generationen anregen und zu einer Belebung und Attraktivitätssteigerung, vor allem der im hinteren Platzbereich gelegenen Flächen beitragen. In einer Themenwerkstatt mit Experten wurde eine bequeme, attraktive Möblierung für Jung und Alt und Bewegungsgeräte, die insbesondere auch für Senioren geeignet sind, entwickelt. Licht- und Klangelemente sollen die Atmosphäre und ein Beleuchtungskonzept die Sicherheit am Platz verbessern.
Um die unterschiedlichen Interessen zu erkennen, sind bereits zahlreiche Treffen und Workshops veranstaltet worden, mit denen gezielt Anwohner jeden Alters und jeder Herkunft in den Gestaltungsprozess integriert wurden. Aufbauend auf den so entstandenen Ideen entwickelten Fachleute und Künstler mit den Bewohnern Konzepte zur Begrünung, Möblierung und Lärmbeseitigung. Die Möblierung ist so konzipiert, dass sie in Attraktivität und Funktionalität alle Zielgruppen gleichermaßen anspricht. Darunter sind Geräte für Gleichgewichts- und Geschicklichkeitsübungen sowie ergonomische Sitzgelegenheiten.
Fokus Technologische Aspekte: Neue Klänge für den Nauener Platz
Um die Aufenthaltsqualität angesichts des starken Verkehrslärms zu verbessern, werden innovative Soundkonzepte erprobt. Als Ergebnis einer Themenwerkstatt wurde seit Oktober 2007 das Modul "Soundscapes und Klang" in das Projekt integriert. Unter Verwendung des Soundscape-Ansatzes aus der Lärmwirkungsforschung wird mit Fokus auf die Interaktion von Mensch und Schall eine systemische Lösung des Umgangs mit verlärmten Freiräumen und die Übertragbarkeit auf die Freiraumsituation in anderen Stadtquartieren erforscht. Es soll herausgefunden werden, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Nutzer der öffentlichen Freifläche nicht nur durch eine qualitätsvolle Freiraumgestaltung zum Aufenthalt aufzufordern, sondern auch durch den zum Ort passenden Klang die Akzeptanz und Identifikation zu fördern. Die am bisherigen Projektverlauf beteiligten Bewohner des Stadtquartiers werden als Experten verstanden und konkret in das Untersuchungsverfahren eingebunden. Die Beteiligung an "Soundwalks" eröffnet die Möglichkeit, den Freiraum auf neue Art kennen zulernen und zu erfahren. In Zusammenarbeit mit der Freiraumarchitektin werden Klangmöbel wie Audioringe oder Ohrenbänke sowie schallabweisende Elemente wie Gabionen entwickelt und im Freiraum verortet.
Ein Lichtkonzept schafft Atmosphäre und Sicherheit
Eine wichtige Fragestellung im Projekt ist, wie kann mehr Sicherheit in einem öffentlichen Freiraum vermittelt werden. Ein Lichtkonzept mit niedrigen Betriebskosten und geringer Störanfälligkeit soll zur Steigerung des Sicherheitsempfindens beitragen. Besonders für die Abendstunden wird der Wunsch nach mehr Sicherheit, z. B. durch Beleuchtung, wiederholt geäußert. Dazu sollen Möglichkeiten des Einsatzes von nahezu betriebskostenneutralen Leuchtelementen im Freiraum (nachleuchtende und reflektierende Folien, LED‘s), sowie eine Beleuchtung, die wenig zerstörungsanfällig ist, erforscht und umgesetzt werden.
Fokus Kooperationen: Zusammenarbeit von Verwaltung und Bürgern als Schlüssel für lebendige Freiräume
Die Initiative Nauener Neu und das Haus der Jugend gaben den Anstoß für die Platzumgestaltung. Die Verwaltung unterstützte die Initiative in der Anfangsphase durch einen Platzmanager, um das ehrenamtliche Engagement zu stärken und langfristig auf eigene Füße zu stellen. Hieraus gründete sich der Verein Nauener e. V. zur Förderung des sozialen, generationsübergreifenden Engagements im Kiez Nauener Platz und zur Stärkung von Pflege-Partnerschaften für die Weiterentwicklung des öffentlichen Raumes.
Eine Herausforderung lag aber auch in der Kooperation von Behörden. Beispiel hierfür ist die Partnerschaft zwischen dem Amt für Jugend und Finanzen, das das Haus der Jugend leitet, und dem Amt für Umwelt und Natur, die sich gemeinsam mit den Ergebnissen des Beteiligungsprozesses auseinander setzen und die Umsetzung engagiert vorantreiben.
Verstetigung von bürgerschaftlichem Engagement durch professionelle Unterstützung fördern
Im Beteiligungsverfahren wurden Möglichkeiten von Gartenpatenschaften, Betreuung der Spielflächen, halböffentliche Mieter-/Seniorengärten abgefragt. Angestrebt wird auch die weitere Beteiligung der Anwohner an der Nutzung, Weiterentwicklung und Pflege des Platzes im Sinne von Verantwortung übernehmen für den öffentlichen Raum. Ein wichtiger Partner ist die Initiative Nauener Neu, die sich bereits seit vielen Jahren für die Umgestaltung des Platzes einsetzt. Das am Platz liegende Haus der Jugend ist ebenso involviert wie das benachbarte Seniorenwohnheim.
Durch professionelle Anleitung wurde die Initiative Nauener Neu (Verein in Gründung), die die Umgestaltung mit initiiert hat, in der Verstetigung des ehrenamtlichen Engagement unterstützt.
Fokus Prozess: Vom sozialen Brennpunkt zum Treffpunkt und Ort der Aneignung für Jung und Alt
Durch eine umfangreiche Beteiligung unterschiedlicher Akteure aller Altersgruppen soll die Verantwortung der Anwohner für diesen Ort gestärkt werden. Dabei sollen auch Wege aufgezeigt werden, wie unterschiedliche Akteure und schwer erreichbare Gruppen z.B. Senioren, Migranten etc. im Sinne des Gender Mainstreaming in den gesamten Bau- und Nutzungsprozess am Nauener Platz integriert werden können, um so einen Identitätsort für alle zu schaffen.
Die Partizipation der verschiedenen Nutzergruppen seit Beginn der Planung und während der gesamten Bau- und Nutzungszeit ist ein wichtiger Projektbestandteil, um die Identifikation der Menschen im Quartier mit dem Nauener Platz zu erhöhen. In zahlreichen Workshops und zwei Raumnutzungswerkstätten wurden die Bedarfe und die potenziellen Konflikte der generationsübergreifenden Nutzung ermittelt. Mit den Ergebnissen haben Fachleute und Künstler Ideen für innovative Raumelemente, besondere Klangelemente sowie ein Lichtkonzept entwickelt.
Um die Bedürfnisse und Anforderungen der unterschiedlichen Generationen und Geschlechter gezielt aufzunehmen und zu berücksichtigen, hat sich ein zweistufiges Beteiligungsverfahren bewährt:
- Getrennte Befragung von Zielgruppen mittels spielerischer Instrumente
- Raumnutzungswerkstätten nach Gender-Aspekten aufgeteilt, um Konkurrenzen beim Planen zu vermeiden und die unterschiedlichen Interessen herauszuarbeiten
Wesentlich für die Bindung von unterschiedlichen Nutzern war eine kontinuierliche Einbindung in den Planungs- und Entscheidungsprozess, sowie die laufende Rückkoppelung des Entwicklungsstandes des Projektes:
- Bürgerversammlungen gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen zur Abstimmung der Planungsalternativen
- Ergebnispräsentation beim Fest der Sinne und dem Sommerfest zum Baubeginn
- Abstimmung der einzelnen Freiraumelemente mit den einzelnen Bewohnergruppen, Initiativen und den Fachämtern
Förderlich für das Interesse und für die Identifikation mit dem Umgestaltungsprozess waren Möglichkeiten einer aktiven Teilnahme in Form eines Lichtversuchs, an Soundwalks und weiteren Platzaktionen (Aufräumtage, Baumeisterschaft). Auch während der Bauphase wird das Beteiligungsverfahren in Form von Mitmachbaustellen fortgeführt. Mit einem großen Sommerfest im Juni 2008 wurde der Baubeginn gefeiert.
Erfahrungen und Übertragbarkeit
Das Modellvorhaben will eine grüne Oase im vom Verkehrslärm belasteten und dicht besiedelten, sozial schwachen Kiez schaffen: Das ist die Zielsetzung von Verwaltung, Politik und Bevölkerung bei der Aufwertung des Nauener Platzes. Aus Sicht der Grünplanung wird deutlich, dass es bei der Gestaltung urbaner Freiräume immer mehr um die Moderation von Initiativen und die Bereitstellung einer geeigneten Plattform für soziale Prozesse geht.
Der bisherige Prozess zeigt, dass die Einbindung der Akteure in den Prozess Verantwortlichkeiten, Selbstvertrauen und Identifikation schafft.
Der ressortübergreifende Planungs- und Umsetzungsansatz erfordert, dass Kompetenzen der kommunalen Verwaltung, Fachplaner und lokaler Akteure gebündelt werden und Schnittstellen genau zu definieren sind. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der verwaltungsinternen und der externen Projektsteuerung zu.
Es werden aber auch Grenzen der Verwaltungsressourcen deutlich: Sowohl die investiven Eigenmittel zur Projektfinanzierung als auch die Personalmittel sind limitiert. Ein derart breit angelegtes und intensives Beteiligungsverfahren ist aus den herkömmlichen Haushaltsmitteln ohne Subventionierung nicht möglich.
Noch offen ist die Frage, wie sich die Arbeit der Platz-Kümmerer über einen längeren Zeitraum verstetigen lässt.
Weiterführende Informationen
Die Projektbeschreibung können Sie sich hier auch als barrierefreie PDF herunterladen.
Download (pdf/706-KB)

