Migration/Integration und Stadtteilpolitik – Städtebauliche Strategien und Handlungsansätze zur Förderung der Integration
Ergebnisse
- Ergebnisse der Bestandsaufnahme
- Quantitative Bestandsaufnahme zu ethnischer Segregation in Stadtquartieren
- Sozialräumliche und schulische Segregation – eine Barriere für die Bildungsentwicklung
- Bestandsaufnahme kommunaler Integrationsstrategien vor Ort
- Programm "Soziale Stadt" – zentrale Bedeutung bei quartiersbezogenen Integrationsstrategien
- Vertiefende Bearbeitung der Fallstudien
- Schlussfolgerungen und Empfehlungen
- Gemeinsamer Handlungsbedarf für Integrationspolitik und Stadtentwicklung
- Stärkung des Städtebauförderungsprogramms "Soziale Stadt" unter integrationspolitischen Zielsetzungen
- Schulen als Orte der Bildung und Integration im Quartier stärken
- Sozialraumorientierte Maßnahmen in die Strukturen der lokalen Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftsförderung übertragen
- Weiterentwicklung von Monitoring und Evaluierung
Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Quantitative Bestandsaufnahme zu ethnischer Segregation in Stadtquartieren
Aufgrund langjähriger selektiver Wanderungsentwicklungen sind z.T. gravierende Unterschiede in der ethnischen und sozialen Bewohnerzusammensetzung in einzelnen Wohnquartieren entstanden. Insgesamt gibt es mehr als 550 Kommunen mit etwa 1.500 von Zuwanderung geprägten Wohngebieten, in denen sozialräumliche Segregation mit ökonomischen Schwächen einhergeht. Migrantinnen und Migranten mit den ungünstigsten Voraussetzungen und Chancen für Integration und Teilhabe – im Bezug auf Bildung, Sprache und Kontaktpotenziale – leben überwiegend (zu zwei Dritteln) in diesen sozial benachteiligten Wohnquartieren, in denen wirtschaftlich und städtebaulich schwierige Rahmenbedingungen aufeinander treffen. Die messbare ethnische Segregation in diesen Wohnquartieren wird somit überlagert durch eine gleichzeitige soziale Segregation.
Sozialräumliche und schulische Segregation – eine Barriere für die Bildungsentwicklung
Eine im Rahmen der vorliegenden Untersuchung durchgeführte Auswertung von rund 13.400 Grundschulen zeigt, dass die ethnische Segregation in den Schulen die ungleiche ethnische Wohnverteilung übersteigt. In einer Stadt konzentrieren sich die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund noch stärker in einzelnen Schulen als die Migrantenhaushalte in einzelnen Wohnquartieren. Gründe sind neben dem Schulwahlverhalten vor allem die unterschiedlichen Wohnstandortverhalten von Familien mit und ohne Migrationshintergrund. Der Anteil der Familien mit Kindern variiert bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach den Quartierstypen. In ethnisch geprägten Wohnquartieren wohnen überdurchschnittlich viele Familien (mit Migrationshintergrund) mit Kindern, während sich die Familienanteile bei den Haushalten ohne Migrationshintergrund genau gegensätzlich verteilen (größerer Familienanteil in Wohnquartieren mit geringem Migrantenanteil).
Wenn man bei der Auswertung der PISA-Datensätze nicht nur die Benachteiligung der einzelnen Schülerinnen und Schüler nach ihrer sozialen Herkunft, sondern auch die Zusammensetzung der Schülerschaft in den jeweiligen Schulen berücksichtigt, so zeigt sich, dass das durchschnittliche Kompetenzniveau aller Schülerinnen und Schüler, sowohl mit als auch ohne Migrationshintergrund, mit zunehmendem Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund deutlich geringer ist, sobald der Anteil der Schülerschaft mit Migrationshintergrund etwas über einem Drittel liegt. Das Kompetenzniveau von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund wird stärker von einem hohen Migrantenanteil der Schülerschaft beeinträchtigt als das von Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund. Dies trifft sowohl auf Schulformen mit Oberstufe (z.B. Gymnasien) als auch auf Schulformen ohne Oberstufe (z.B. Hauptschulen) zu.
In der vorliegenden Studie wird nachgewiesen, dass es Zusammenhänge zwischen sozialer Schicht und der Wahl der Schulform gibt. Zwischen den Schulformen spiegelt sich die Einkommenssituation der Eltern wider, wobei auch innerhalb der Schulformen die Abhängigkeit des durchschnittlichen Kompetenzniveaus von der Einkommenssituation der Eltern zu beobachten ist. Die ethnische Segregation hat einen noch höheren Einfluss auf das durchschnittliche Kompetenzniveau der Schülerinnen und Schüler als die soziale Schicht bzw. die Einkommensungleichheit der Eltern. Soziale Schichtung bildet nach wie vor eine Entwicklungsbarriere, die durch ethnische Segregation an den öffentlichen Schulen noch verstärkt wird.
Bestandsaufnahme kommunaler Integrationsstrategien vor Ort
Ein Großteil der Kommunen verfolgt fachübergreifende Integrationskonzepte und gestaltet Integration als Querschnittsaufgabe. Bei den Integrationsstrategien vor Ort spielt das Handlungsfeld "Wohnen, Wohnumfeld und öffentlicher Raum" auf kommunaler Ebene eine zentrale Rolle. Auch die soziale und kulturelle Infrastruktur wird zunehmend zum zentralen Ort der stadträumlichen Integration.
Die Kommunen messen der Schule und der Bildung im Quartier einen hohen Stellenwert bei. Es gibt vereinzelt Beispiele der Kooperation verschiedener Akteure, um Schulen als Nachbarschaftsschulen mit speziellen Integrationskonzepten zu entwickeln. Allerdings ist die Zusammenarbeit im Quartier bisher im Wesentlichen auf ein hohes Maß an Engagement einzelner Lehrkräfte bzw. Schulleitungen, Wohnungsunternehmen und Kommunen angewiesen.
Auf der Ebene vor Ort werden auch Ausbildung und Beschäftigung als wichtige Voraussetzungen für eine gelingende Integration gesehen. Die vorliegende Studie zeigt, dass nach wie vor ein großer Anteil an Migrantinnen und Migranten ungünstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration hat. Mithilfe verschiedener Bundes- und Länderprogramme werden Maßnahmen der Beschäftigungspolitik, der Bildungs- und Ausbildungsförderung und der beruflichen Qualifizierung gefördert.
Programm "Soziale Stadt" – zentrale Bedeutung bei quartiersbezogenen Integrationsstrategien
Das Programm "Soziale Stadt" bietet mit einem sozialräumlichen, fachübergreifenden Ansatz viele Handlungsmöglichkeiten für die Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern. Die Untersuchungen auf kommunaler Ebene zeigen, dass quartiersbezogene Strategien der Integrationspolitik zu einem großen Teil im Rahmen des Programms "Soziale Stadt" entwickelt und umgesetzt werden. Ressortübergreifende Zusammenarbeit wird dabei ebenso erprobt wie innovative Lösungsansätze und Maßnahmen. Zu den Maßnahmen der Stadtteilprogramme zählen insbesondere wohnräumliche Aufwertungsansätze, bildungs- und erziehungsbezogene Projekte, Strategien zur Unterstützung der ethnischen Ökonomie oder auch Ansätze zur Verbesserung der kulturellen und sozialen Infrastruktur in den Quartieren.
Vertiefende Bearbeitung der Fallstudien
Karte 1: Lage der Fallstudien
Auf der Basis der bundesweiten Bestandsaufnahme wurden 13 Wohnquartiere und zwei Landkreise vertiefend als Fallstudien untersucht. Die Erfahrungen dieser Beispiele trugen wesentlich zur Beantwortung der Forschungsfragen bei und liefern übertragbare Konzepte für andere Kommunen. Ziel der Fallstudien war es, die jeweiligen Rahmenbedingungen und Erfolgsfaktoren der kommunalen Integrationsansätze in den Quartieren zu identifizieren.
Die Fallstudien wurden anhand von Vor-Ort-Erhebungen in den Gebieten, Expertengesprächen mit Vertretern der Kommune und anderen Akteuren untersucht. Ergänzend lieferten Bewohnergespräche punktuelle Einblicke in die Erfahrungen der Wohnbevölkerung hinsichtlich der Wohn- und Lebensbedingungen und die Integration in den Gebieten.
Relevante Handlungsfelder: Bedeutung in der Praxis für die Integration vor Ort
Bei der Integration vor Ort spielen laut Auswertung wissenschaftlicher Forschungen und der eigens für die vorliegende Studie vorgenommenen schriftlichen Kommunalbefragung insbesondere folgende Handlungsfelder eine Rolle:
- Wohnen, Wohnumfeld und öffentlicher Raum
- Soziale und kulturelle Infrastruktur
- Ethnische Ökonomie
- Beteiligung von Migrantinnen und Migranten an der Quartiersentwicklung
Wohnen, Wohnumfeld und öffentlicher Raum
Aktuell werden in verschiedenen Wohnquartieren bestehende Einrichtungen umgenutzt und als Treffpunkt im Quartier mit vielseitigen Angeboten umgestaltet. Die Fallstudie Biebrich-Südost in Wiesbaden zeigt z.B. das erfolgreiche Zusammenspiel zwischen baulichen, sozialen, bildungsbezogenen und kulturellen Maßnahmen. Es ist hier mit Hilfe des Programms "Soziale Stadt" gelungen, einen bestehenden sozialen Brennpunkt baulich und in der Bewohnerzusammensetzung in einen attraktiven Quartierstreffpunkt zu verwandeln. Familien mit Kindern als Hauptzielgruppe werden im Quartier aktiv am Erneuerungsprozess beteiligt und sind Motor der eigenen Veränderung. Mit sozialen und kulturellen Angeboten sowie den dadurch initiierten Folgeprojekten können zunehmend Kommunikationsbarrieren und auch Bildungsdefizite überwunden werden.
Die Aufwertung des Wohnumfeldes für die stadträumliche Integration gewinnt an Bedeutung. In besonders stigmatisierten Gebieten mit zum Teil hohen Leerständen im Bestand werden Wohnungsbestände abgerissen, um einerseits den Wohnungsleerstand zu reduzieren und andererseits die Freiflächen aufzuwerten. So sind z.B. im Landkreis Eichsfeld Wohnungsbestände abgerissen worden, um den Wohnungsleerstand zu reduzieren. Parallel sind der verbleibende Wohnungsbestand und das Wohnumfeld aufgewertet und verschiedene soziale Maßnahmen initiiert worden. In einigen Kommunen gibt es gute Erfahrungen mit internationalen/interkulturellen Gärten. Die Gärten, wie auch Erdgeschosswohnungen direkt zugeordnete Mietergärten, bieten Anlässe für interkulturelle Kontakte in der Nachbarschaft. So sind in Singen-Langenrain im Rahmen einer durchgreifenden Modernisierung den Erdgeschosswohnungen private Gärten entstanden. Insbesondere Haushalte mit Migrationshintergrund nutzen diese Gärten vielseitig und das Zusammenleben der verschiedenen Generationen hat sich deutlich verbessert.
Zunehmend gewinnt das Thema Wohneigentumsbildung von Migrantinnen und Migranten in der Stadtentwicklungsforschung und auch der Praxis vor Ort an Bedeutung. Es zeigt sich, dass die Wohneigentumsbildung insbesondere in benachteiligten Stadtquartieren eine stabilisierende Wirkung auf diese Wohngebiete ausübt. Untersuchungen in verschiedenen Wohnquartieren zeigen, dass der Verbleib einkommensstärkerer Migrantinnen und Migranten zu einer Stabilisierung der Bewohnerschaft und des Quartiers beiträgt. Die Folge ist, dass sich die Fluktuation verändert und sich im Rahmen verschiedener Investitionstätigkeiten das Image verbessert. So hat z.B. in Singen-Langenrain der Eigentumserwerb eine stabilisierende Wirkung auf das gesamte Wohngebiet. Die Integration ist hier erfolgreich gelungen, weil sich der Handlungsschwerpunkt nicht nur auf die Modernisierung des Wohnumfeldes, sondern auch auf Privatisierung im Bestand fokussiert und somit Eigentumswohnungen für Mieterinnen und Mieter angeboten werden. Die Privatisierung im Bestand hat in Singen besonders große Akzeptanz bei türkischen Haushalten gefunden. Ergänzender Neubau für den Eigentumserwerb, um insbesondere sozial stabile Haushalte zu halten bzw. zu gewinnen, kann zu einer weit gehenden Aufwertung führen. Es gibt einige Beispiele dafür, wie durch Abriss von Teilbereichen (z.B. mit Substandard) Flächenpotenziale für die Realisierung neuer Einfamilienhäuser gewonnen werden können, wie z.B. in Lindau-Zech. Solche neuen Eigenheime können zur Integration beitragen, auch wenn sie überwiegend nicht an Bewohner mit Migrationshintergrund verkauft werden. Das Halten bzw. Zuziehen von deutschen Haushalten und damit die nachbarschaftliche Nähe bauen Vorurteile ab.
Für den Erfolg der Wohneigentumsbildung von Migrantinnen und Migranten ist allerdings eine gezielte Information und Beratungsarbeit notwenig. Um auch einkommensschwächeren Migrantenhaushal-ten die Wohneigentumsbildung zu ermöglichen, werden insbesondere Ansätze für gemeinschaftliches Wohnen wie etwa Genossenschaftsmodelle als Erfolg versprechend gewertet.
Es wird zunehmend deutlich, dass eine Förderung der Wohneigentumsbildung nur im Rahmen einer integrierten Gebietsentwicklungsstrategie erfolgreich sein kann. Von großer Bedeutung ist dabei die Bildungssituation im Stadtteil, die häufig über den Verbleib stabiler Migrantenhaushalte entscheidet. Auch die Schaffung eines familienfreundlichen Wohnumfeldes und eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität können in diesem Kontext einem Wegzug von Haushalten entgegenwirken.
Stadtteilfest auf dem BauHof in Wiesbaden
Neubau für sozial stabile Haushalte in Lindau-Zech
Soziale und kulturelle Infrastruktur
Die positive Entwicklung, die Nachbarschaftsschulen mit spezieller Integrationskonzeption in benachteiligten Wohnquartieren herbeiführen können, wird zunehmend erkannt. Das erfolgreiche Beispiel der mittlerweile bundesweit bekannten Grundschule in Dortmund Nord Kleine Kielstraße zeigt, dass Schüler auch unter schwierigen Umfeldbedingungen in die Lage versetzt werden können, erfolgreich am eigentlichen Unterricht teilzunehmen. Durch die verbesserten schulischen Leistungen sowie durch weitere Angebote der Nachbarschaftsschule wie z.B. Berufsberatung, Internetcafé oder Präventionskurse wird die Situation im Stadtteil insgesamt verbessert. Auch die Fallstudie Offenbach zeigt, dass durch spezielle Betreuungs- und Förderangebote sowie umfangreiche außerschulische Kooperationen der Mathildenschule die Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss verringert werden konnte. Die Grund-, Haupt- und Realschule mit starkem Quartiersbezug hat es geschafft, durch ein ganzheitliches Förder- und Beratungskonzept den Spracherwerb und die Übergangsmöglichkeiten von Schule in den Beruf zu verbessern.
Wenn eine Kita spezielle Angebote zur Förderung von Familien mit Migrationshintergrund bietet, so kann sie eine große Bedeutung als zentraler Kommunikationsort für Kinder und deren Mütter im Quartier einnehmen. Die Neuerrichtung der Kita 04 im Offenbacher Stadtteil Östliche Innenstadt mit räumlicher Nähe zur Mathildenschule hat sich als zentrale Anlaufstelle im Quartier etabliert. Wenn der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund sehr hoch ist, kann die Integration erfolgreich sein, wenn die Kita mit der Schule zusammenarbeitet. Die Kinder erhalten in der Kita zudem positive Impulse durch spezielle Sprach- und Integrationsangebote und für die Mütter gibt es ergänzende Beratungs- und Kommunikationsangebote wie z.B. ein Frauenfrühstück. Zur hohen Akzeptanz der Angebote trägt vor allem das Erzieherteam mit Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft bei.
Moscheen als Begegnungszentren in Wohnquartieren gewinnen zunehmend an Bedeutung. In Duisburg-Marxloh zeigt sich, dass durch einen repräsentativen Moscheeneubau nicht nur die Identifikation der muslimischen Bewohner im Quartier erhöht wird, sondern zugleich eine offene Bildungs- und Begegnungsstätte für alle Bewohner im Quartier geschaffen werden konnte. Die Erweiterung der Moschee um eine Begegnungsstätte ist das Ergebnis eines Beteiligungsverfahrens der Bewohner im Stadtteil, das zugleich die Akzeptanz für den Moscheebau im Stadtteil gestärkt hat. In Berlin-Neukölln wurde eine bestehende Moschee um ein Begegnungs- und Informationszentrum erweitert. Parallel dazu erhielt die Genezareth-Kirche im selben Quartier ein interkulturelles Zentrum. Durch die Verstetigung der Kooperation der beiden Religionsgemeinschaften wird die Integrationsarbeit im Quartier dauerhaft verbessert.
In verschiedenen Wohnquartieren bestehen Einrichtungen, die als Treffpunkte im Quartier genutzt werden können. Die Fallstudie Wiesbaden-Dotzheim zeigt, wie es mit einer sozialen Anlaufstelle vor Ort gelungen ist, auf die entstehenden Probleme zu reagieren und frühzeitig Ansatzpunkte für eine soziale Stabilisierung im Quartier zu etablieren. Das Beratungs- und Betreuungszentrum der evangelischen Ortsgemeinde besteht aus einem Netzwerk von verschiedenen Angeboten von der Kita über das Jugendzentrum bis hin zum Stadtteilbüro, die vor allem eine präventive Funktion im Quartier erfüllen. Ohne einen vergleichsweise gravierenden Problemdruck finanziert die Stadt Wiesbaden gemeinwesenbezogene Angebote mit kommunalen Mitteln. Neben der sozialen Anlaufstelle ist eine intensive Zusammenarbeit zwischen Quartiersbüro, Kita und Schule für quartiersbezogene Maßnahmen unbedingt notwendig. In der Fallstudie Wiesbaden-Biebrich Südost wurde mit Hilfe des Programms "Soziale Stadt" ein ehemaliger Bauhof zu einem Quartierstreffpunkt umgestaltet. Auf dem neu gestalteten Bauhof werden z.B. Sprach-, Integrations- und Elternkurse mit Kinderbetreuung, Be-schäftigungsmöglichkeiten, künstlerische Tätigkeiten sowie ein Mittagstisch angeboten. Mit diesen sozialen und kulturellen Angeboten sowie den dadurch initiierten Folgeprojekten können zunehmend Kommunikationsbarrieren überwunden werden.
Die Fallstudie Berlin-Marzahn-Hellersdorf verdeutlicht, dass Integrationsmaßnahmen insbesondere dann erfolgreich sind, wenn sich die Maßnahmen an den Kompetenzen der verschiedenen Migrantengruppen orientieren und diese gezielt einbinden.Die Einbindung der Migrantinnen und Migranten erfolgte hier über die Gründung eines Kulturzentrums mit einem deutsch-russischem Theater, an dem sich alle Altersgruppen aktiv beteiligen. Ähnlich gute Erfahrungen wurden auch in der Fallstudie Wiesbaden-Biebrich Südost erzielt. Hier wurde ein multimediales Theaterstück von Migrantinnen und Migranten über die Migrationsgeschichte im Quartier aufgeführt und so weitere Kommunikationsbarrieren überwunden.
Nachbarschaftshaus in Marzahn-NordWest
Mittagstisch in Lindau: Anlass für Integration
Ethnische Ökonomie
Das Fehlen etablierter und funktionstüchtiger Kooperationsstrukturen zwischen Gewerbetreibenden unterschiedlicher ethnischer Herkunft bildet häufig ein Manko für strategische Standortaufwertungsprozesse. Die Einbindung der "ethnischen Ökonomie" als starken Partner im Quartiersmanagement und Standortmarketingprozess bleibt dabei nach wie vor eine wichtige Aufgabe der Stadtteilentwicklung. Beispiele in der Dortmunder Nordstadt oder in der Weseler Straße in Duisburg Marxloh zeigen, welche Effekte Kommunikations- und Netzwerkansätze für die Unternehmensentwicklung und für die Standortentwicklung haben können. So hat sich die Weseler Straße nach einer Phase des Funktionsniedergangs mittlerweile wieder als Einkaufsstandort mit hoher Ausstrahlung entwickelt. Insbesondere das Cluster an Brautmodengeschäften ethnischer Unternehmer zieht Kunden weit über die Stadtgrenzen an.
Eine zentrale Befürchtung gegen Einwanderung war lange, dass Zuwanderung bei einheimischen Arbeitskräften zu Einkommensverlusten und steigenden Beschäftigungsrisiken führen könnten. Wie eine DIW-Studie analysiert führt die Erhöhung des Ausländeranteils in einer Branche in der Regel zu keiner Veränderung der Wahrscheinlichkeit des Wechsels einheimischer Arbeitskräfte in andere Branchen und es gibt auch keinen gebietsbezogenen Einfluss des Ausländeranteils auf die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden. Die Untersuchungen zur Integrationsarbeit im Landkreis Düren haben der lokalen Politik sehr deutlich gemacht, welchen wirtschaftlichen Stellenwert ethnische Unternehmen in den Kommunen im Landkreis haben. Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen der ethnischen Ökonomie bilden in diesem Fall nicht nur problemorientierte Analysen und Auswertungen, sondern vor allem eine potenzialorientierte Sichtweise. Dieser Ansatz hat die politische Akzeptanz für die Integrationsarbeit vor Ort erleichtert und die Entwicklung eigener kommunaler Strategien erleichtert.
Nicht nur für die Selbständigkeit, sondern auch für andere berufliche Bereiche bilden die interkulturellen Kompetenzen von Fachkräften mit Migrationshintergrund im Berufsalltag weitere Potenziale. Dies gilt z.B. für kommunikationsorientierte Dienstleistungen. Weitere berufliche Potenziale bieten neben den noch nicht ausgenutzten Potenzialen im Handwerk und unternehmensbezogenen Dienstleistungen auch die so genannten kreativen Milieus mit spezifischen kulturellen Nischen, die in einigen Ballungsräumen zu wachsen beginnen. Das Beispiel der Internationalen Woche in der Dortmunder Nordstadt im Mai 2008 mit einer großen Resonanz auch über das Stadtgebiet hinaus und die Wiederauflage in 2009 zeigt, dass die Stadt Dortmund die Nordstadt als internationalen und kreativen Stadtteil erfolgreich vermarktet. Die Beispiele zeigen, dass die ethnische Ökonomie in einigen Städten als standortrelevanter Beitrag zur Diversifizierung kommunaler Handels- und Dienstleistungs- und Kulturspektren entdeckt werden. In diesem Zusammenhang bilden ethnische Quartiere auch einen Standortvorteil für die Ergänzungs- oder auch Nischenökonomie.
Zentrale Handlungsfelder zur Unterstützung der ethnischen Ökonomie bilden Förderungen durch Beratung, Finanzierung und Qualifizierung sowie Vernetzung. Um beispielsweise Kreditzugänge ethnischer Unternehmerinnen und Unternehmer zu verbessern und Unternehmenskonzepte qualitativ aufzuwerten wird in der Dortmunder Nordstadt mit dem Ansatz der Unternehmensvernetzung gearbeitet. Dort wollen langjährig erfolgreiche ethnische Unternehmer Neugründer als Berater und Vermittler gegenüber Behörden und Kreditinstituten unterstützen. Durch ihre eigene unternehmerische Tätigkeit vor Ort können Sie Unternehmenskonzepte und -ideen einschätzen und Existenzgründer begleiten. Auch die Fallstudie Bremen-Gröpelingen zeigt, dass durch eine direkte, zielgerichtete Ansprache von Migrantenbetrieben die lokale Ökonomie gestärkt werden konnte. Dabei spielte die Gewinnung von Multiplikatoren unter den teilnehmenden Firmen eine große Rolle, um so einen möglichst breiten Aktionsradius des Projektes im Quartier zu gewährleisten. Zwei Mitarbeiter mit türkischem Migrationshintergrund nehmen Kontakt zu den ansässigen Betrieben auf und beraten diese.
Alte Jülicher Straße in Düren-Nord
Beratungsgespräch in Bremen-Gröpelingen
Beteiligung von Migrantinnen und Migranten an der Quartiersentwicklung
Bei einer gezielten Ansprache und bestimmten Zugeständnissen an kulturelle Besonderheiten, zeigt sich, dass sich Migrantinnen und Migranten in vielfacher Hinsicht an Stadtteilentwicklungsprozessen beteiligen, sich einbringen und engagieren. Die Fallstudien zeigen Beteiligungsverfahren und Formen der Aktivierung die in unterschiedlichen Phasen des Stadtteilentwicklungsprozesses berücksichtigt werden sollten:
In Halle (Saale) ist es gelungen, eine kommunale Netzwerkstruktur für Integration aufzubauen, die es Migrantinnen und Migranten ermöglicht, aktiv und gleichberechtigt am gesellschaftspolitischen Leben zu partizipieren. Dabei übernehmen die in den Stadtteilen verankerten Migrantenselbstorganisationen eine Schlüsselrolle. Durch die Einbindung von Migrantinnen und Migranten in das Netzwerk wird die Koordination der Angebote verbessert und die Hemmnisse in der Zusammenarbeit mit Ämtern und politischen Institutionen verringert. Wichtig ist, dass die Zusammenarbeit „auf gleicher Augenhöhe“ erfolgt. In Halle wird dies in Form der aktiven und gleichberechtigten Einbindung in sämtliche Gremien der kommunalen Integrationsarbeit geleistet. So sind die beteiligten Migrantinnen und Migranten gleichzeitig Sprachrohr aus und ins Quartier und können Bedarfe aus dem Quartier bzw. neue Entwicklungen frühzeitig mitteilen.
Kommunikationsprozesse und die Einbindung von Migrantenselbstorganisationen spielen im Sinne der Förderung der kulturellen Akzeptanz und Anerkennung eine wichtige Rolle. In Duisburg-Marxloh wurde über Stadtteil-Dialogverfahren eine Plattform geschaffen, auf der Stadtteilentwicklungsthemen mit unterschiedlichen Beteiligtengruppen erörtert, Konflikte entschärft und Akzeptanz für Bedürfnisse einzelner Gruppen vermittelt werden. Der Dialogansatz war die Grundlage für die erfolgreiche Beteiligung der Stadtteilakteure am Bau der Moschee. Durch Stadtteil-Dialog-Verfahren kann das Gefühl für Akzeptanz und Anerkennung der eigenen kulturellen Identität, z.B. der muslimischen Stadtteilbewohnerinnen und -bewohner gestärkt werden.
Als Beispiel einer praxisnahen und umsetzungsorientierten Beteiligungsform dient die Aktivierung einer Clique von russlanddeutschen Jugendlichen, die für eine Reihe von Vandalismustaten im Donauwörther Stadtteil Parkstadt verantwortlich waren und bei anderen Bewohnern zu einem subjektiv empfundenen Unsicherheitsgefühl im öffentlichen Raum beigetragen haben. Sie wurden gezielt angesprochen und erhielten die Möglichkeit, unter Anleitung ein altes Bademeisterhaus am Rande der Siedlung zu renovieren und als Treffpunkt zu nutzen. Inzwischen wird der Treffpunkt von den Jugendlichen in Eigenregie geführt und selbst verwaltet. Dadurch konnten die Selbsthilfepotenziale der Jugendlichen aktiviert und deren Eigenverantwortlichkeit gefördert werden.
Für Frauen mit Migrationshintergrund gibt es meist keine vorhandenen Netzwerkstrukturen. Bislang sind die Hemmschwellen insbesondere für muslimische Frauen sehr hoch, Beratungsangebote wahrzunehmen und sich an Quartiersentwicklungen zu beteiligen. In Offenbach werden gezielt die Mütter der betreuten Kinder der Kita 04 angesprochen und über ergänzende Angebote wie z.B. das "Frauenfrühstück" als vertrauensbildende Maßnahme in die Kita eingebunden. Dieses Vertrauen wird von der Kita genutzt, um die Mütter mit Themen und Projekten, die einen direkten Bezug zum Alltag und zur Lebenswelt haben, anzusprechen, zu beraten und sich darüber auszutauschen. Das Mütterfrühstück bietet darüber hinaus eine Plattform, Themen anzusprechen, die das Wohnumfeld und den Stadtteil betreffen. Im geschützten Rahmen formulierten sie Kritikpunkte übergaben diese dem Quartiersmanagement. Daraufhin wurden Ortsbegehungen z.B. auf Spielplätzen gemeinsam mit den Müttern organisiert und Verbesserungsmaßnahmen eingeleitet. Die Fallstudie Offenbach verdeutlicht demnach, dass die Aktivierung insbesondere von muslimischen Frauen über die Kinder Erfolg versprechend ist.
Donauwörther Jugendtreff in Eigenregie
Kita 04 in der Mathildenstraße
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Gemeinsamer Handlungsbedarf für Integrationspolitik und Stadtentwicklung
Neben allgemeinen Integrationsstrategien und Maßnahmen, insbesondere der Sprachförderung und der Bildungs- und Beschäftigungspolitik, haben quartiersbezogene Ansätze zur Integration vor Ort eine wachsende Bedeutung. Das unmittelbare Wohn- und Lebensumfeld und das nachbarschaftliche Zusammenleben sind mitentscheidend für Erfolg und Verlauf von Integrationsprozessen. Integrationspolitik und Stadtentwicklungspolitik müssen daher als fachübergreifende Querschnittsaufgaben zusammenwirken.
Stärkung des Städtebauförderungsprogramms "Soziale Stadt" unter integrationspolitischen Zielsetzungen
Die Bündelung der Fachpolitiken von Bund, Ländern und Kommunen ist seit dem Programmstart im Jahr 1999 stetig erweitert und verstärkt worden. Zum einen wurde die Kooperation der Städtebauförderung mit anderen Ressorts zunehmend intensiviert, etwa in den Bereichen Beschäftigung, Jugend- und Bildung, Integration und Gesundheit. Zum anderen ist im Rahmen des Programms "Soziale Stadt" seit 2006 die Option eröffnet, baulich-investive Stadterneuerungsmaßnahmen in den Programmgebieten mit sozial-integrativen Modellvorhaben zu verbinden. Solche Synergien gilt es unter integrationspolitischen Zielsetzungen zu verstärken, auch durch stärkere sozialräumliche Öffnung von Fachpolitiken.
Schulen als Orte der Bildung und Integration im Quartier stärken
Quartiersansätze müssen künftig Kindergärten und Schulen sehr viel stärker in das Zentrum von Strategien und Maßnahmen stellen. Erforderlich sind die Öffnung von Schulen zum Wohnquartier und die Kooperation zwischen Schulen, Kommunalverwaltung und anderen Einrichtungen im Quartier. In der Weiterentwicklung von gebietsbezogenen Förderprogrammen müssen solche Kooperationen grundlegende Bestandteile werden. Gute Beispiele zeigen, dass die Öffnung von Schule zum Wohnquartier und deren Stärkung als Ort der Begegnung und Integration gelingen kann. Das Programm „Soziale Stadt“ kann hierzu einen Beitrag leisten, indem es baulich-investive Maßnahmen in Bildungseinrichtungen mit sozial-integrativen Projekten etwa zur interkulturellen Moderation in Schulen oder Angeboten der schulischen oder außerschulischen Bildung bündelt. Auch mit dem von Bund, Ländern und Kommunen im Jahr 2008 geschlossenen Investitionspakt zur energetischen Sanierung kann in städtischen Problemgebieten der Ausbau von Schulen und Kindertagesstätten zu Stadtteilschulen und Quartierskindergärten gefördert werden. Solche Strategien sollten durch eine vorausschauende und sozialraumorientierte Integrations-, Bildungs-, Jugend- und Familienpolitik aktiv unterstützt werden.
Sozialraumorientierte Maßnahmen in die Strukturen der lokalen Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftsförderung übertragen
Ein Ansatz ist das aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) mitfinanzierte Bundesprogramm "Soziale Stadt – Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier (BIWAQ)" (2008-2015). Mit diesem Programm werden zusätzliche beschäftigungspolitische Projekte für Langzeitarbeitslose und Jugendliche – insbesondere auch mit Migrationshintergrund – und Maßnahmen zur Stärkung der lokalen Ökonomie in den Programmgebieten der Sozialen Stadt gefördert. Auch die aus dem ESF finanzierten lokalen Mikroprojekte des Programms "Lokales Kapital für Soziale Zwecke" und seines Nachfolgeprogramms "Stärken vor Ort" tragen zur Weiterentwicklung der Wohnquartiere und zur sozialen und beruflichen Integration vor allem junger Menschen bei. Solche im Rahmen von Förderprogrammen erprobten, sozialraumorientierten Maßnahmen gilt es, in die Strukturen der lokalen Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftsförderung zu übertragen und auszuweiten.
Weiterentwicklung von Monitoring und Evaluierung
Um Monitoring und Evaluierung als Instrumente des Qualitätsmanagements und der Politiksteuerung einzuführen, sind ausreichend Ressourcen in den Kommunen erforderlich. Daneben ist allerdings auch der Zugang zu relevanten Indikatoren entscheidend. Zentrale sozialräumliche Belastungsindikatoren sind Indikatoren zur Bildungssituation, gemessen am Bildungsstand Gleichaltriger nach Wohnort der Schülerinnen und Schüler. Daten liegen hierzu grundsätzlich vor (z.B. Schulentlassene nach Abschlussarten, Schulübergänge, Sprachstand etc. nach jeweiligen Wohnquartieren der Schülerinnen und Schüler), sie sind jedoch nicht systematisch zugänglich. Der hohen inhaltlichen und politischen Priorität dieser Datengrundlagen entsprechend wäre eine Praxis der Bildungsdatenaufbereitung wünschenswert, die auch relevante sozialräumliche Informationen liefert. Eine Umorientierung würde eine empirische Grundlage für die Definition von Interventionsbedarfen bieten und die Steuerung kommunaler Integrationspolitik dauerhaft erleichtern.
Ausweitung des Programms "Soziale Stadt"
Eine Ausweitung des Programms "Soziale Stadt" und relevanter Förderansätze auf weitere Wohnquartiere mit sozialem und integrationspolitischem Handlungsbedarf könnte entscheidend dazu beitragen, geeignete Ansätze in den Kommunen und Quartieren umzusetzen und tragfähige Strukturen aufzubauen. Für die Kommunen sind Strategien für die Verbreitung guter Beispiele, mit denen die Erkenntnisse, Erfolgskriterien, Voraussetzungen und Anforderungen angepasst an die jeweilige Situation vor Ort vermittelt werden können, eine wichtige Unterstützung.
Die Praxis zeigt auch, dass häufig noch Einzelmaßnahmen für Migrantinnen und Migranten überwiegen, die nicht zu einer umfassenden Chancengleichheit führen. Nachhaltige und dauerhafte Integrationsstrategien erfordern integrierte Gesamtkonzepte auf kommunaler und Quartiersebene. Der Verzahnung und Verstetigung von Programmen von Bund, Ländern und Kommunen, der sozialraumorientierten Verknüpfung von Politikansätzen und einer Überführung guter Beispiele sozialräumlicher Integrationsmaßnahmen in die Regelfinanzierung kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu.

