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Analyse der Ergebnisse des ESPON-Programms 2006 - Aussagen und Bedeutung für Deutschland

Ergebnisse

Ziel des Projektes "Deutschland in Europa" war es, die europäische Perspektive der Projekte des ESPON Programms 2006 um eine deutsche Perspektive zu erweitern und so neue – für Deutschland und seine Regionen bedeutsame – Erkenntnisse aus den dort erarbeiteten Ergebnissen zu gewinnen. Deutschland und seine Regionen sollten anhand dieser Ergebnisse in ihrem europäischen Umfeld dargestellt und positioniert werden. Den thematischen Rahmen stellte die im Mai 2007 verabschiedete Territoriale Agenda der EU.

Die Analyse erfolgte in sechs ausgewählten Themenfeldern, die einen engen Bezug sowohl zu den Leitbildern der deutschen Raumordnung als auch zu den Prioritäten der territorialen Agenda der europäischen Union (TAEU) haben. Folgende Themen haben die Experten analysiert: Städtesystem und Polyzentralität, semi-urbane und ländliche Räume, Netzinfrastrukturen als Verkehrs- und Kommunikationsinfrastrukturen, Umwelt und Risikomanagement, Demographie sowie Wettbewerbsfähigkeit und Innovation.
Daneben wurde eine ergänzende und zukunftsgerichtete Auswertung auf Basis der im Rahmen von ESPON erstellten Szenarien erarbeitet, die mögliche Perspektiven und Entwicklungen für Deutschland und seine Regionen aufzeigt.

Die europäischen Städte wurden im ESPON Programm 2006 insbesondere hinsichtlich ihrer unterschiedlichen funktionalen Bedeutung und unter dem Blickpunkt der Polyzentralität untersucht. Ein wesentliches Ergebnis war die europaweite Abgrenzung und Charakterisierung funktionaler Stadtregionen, den sogenannten FUAs (functional urban areas). Diese lieferte einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des europäischen Städtesystems und war ein wichtiger erster Schritt, um Stadtregionen über Ländergrenzen hinweg vergleichen zu können.
Für Deutschland haben sich folgende wichtige Schlussfolgerungen herauskristallisiert:

  • Deutsche Städte spielen eine bedeutende Rolle im europäischen Städtesystem, auch wenn sie sich nicht immer durch ihre Größe auszeichnen. Die Häufung von international bedeutsamen Städten wie Berlin, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Hamburg, Köln, München oder Stuttgart in einem einzigen Land ist einzigartig in Europa. Keine dieser Städte spielt jedoch in der globalen Liga von London oder Paris.
  • Die unterschiedlichen Spezialisierungen der deutschen Städte tragen zudem zu einer funktionalen Polyzentralität bei, die in Europa ebenfalls ein besonderes Charakteristikum darstellt.
  • Das deutsche Städtenetz ist engmaschig und zeichnet sich in Europa durch eine gute Erreichbarkeit sowohl der großen als auch kleineren Städte aus. Nur wenige Städte sind im europäischen Vergleich als peripher anzusehen.

Einen hohen Stellenwert in den Projekten besaß außerdem die Untersuchung der räumlichen Verteilung wirtschaftlicher Prozesse und sich daraus ergebender räumlicher Disparitäten. Neben der Darstellung typischer Disparitätenmuster anhand des Bruttoinlandsproduktes standen entsprechend den Zielsetzungen der Lissabon-Agenda insbesondere die Analyse von Innovations- und Entwicklungspotenzialen im Mittelpunkt.
Dabei wurden auch neue und komplexe Themen wie der Wandel zur europäischen Informationsgesellschaft untersucht.

  • Deutschland ist in Europa hinsichtlich der Umsetzung der wirtschaftlichen Dimension der Lissabon-Agenda mit führend. Während die wirtschaftlich starken Regionen hinsichtlich Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsvermögen europäische Spitze sind, können Teile Nord- und Ostdeutschlands jedoch häufig höchstens im europäischen Durchschnitt eingeordnet werden.
  • Die polyzentrische Struktur des deutschen Städtesystems spiegelt sich auch in der Bedeutung der wirtschaftlichen Zentren wider. Mit ihrer funktionalen Arbeitsteilung positionieren sie sich im europäischen Vergleich weit vorne, stehen jedoch wiederum hinter den globalen Wirtschaftszentren London und Paris zurück.
  • Die Hochtechnologieindustrie besitzt in Deutschland eine Bedeutung wie in kaum einem anderen europäischen Land. Die damit häufig verbundene hohe Intensität an Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten trägt außerdem maßgeblich zu dem hohen Innovationspotenzial deutscher Regionen bei.

Netzinfrastrukturen wurden im ESPON Programm 2006 in erster Linie im Sinne von Verkehrsinfrastrukturen untersucht, ergänzt durch einzelne Aspekte der Kommunikationsinfrastruktur. Zentral waren insbesondere die Bestimmung und Untersuchung von verkehrsmittelspezifischen sowie multimodalen Erreichbarkeitsindizes für den europäischen Raum. Folgende zentrale Schlussfolgerungen ergeben sich für die deutschen Regionen:

  • Deutschland verfügt über ein sehr hohes Erreichbarkeitsniveau, welches jedoch mit ebenfalls großen Disparitäten einhergeht. Je nach Indikator beginnt die europäische Peripherie bereits in einzelnen deutschen Regionen.
  • Die Wirtschaftskraft deutscher Regionen bleibt relativ gesehen zumeist hinter ihrem Lagepotenzial zurück. Ursachen sind ein abnehmender Grenznutzen in Regionen mit sehr hohem Erreichbarkeitspotenzial und wirtschaftliche Umstrukturierungsprozesse in vielen östlichen und altindustriellen Regionen, die den Standortfaktor Lagegunst zurücktreten lassen.
  • Vom Ausbau der transeuropäischen Verkehrsnetze, auch außerhalb Deutschlands, profitieren die deutschen Regionen in besonderem Maße. Beim Ausbau der Verkehrsnetze in den östlichen Nachbarstaaten gewinnen deutsche Regionen, vor allem die in den neuen Bundesländern, sogar absolut mehr an Wirtschaftskraft als die Regionen, in denen die Verkehrsprojekte realisiert werden.

Natürliche Bevölkerungsentwicklung, Migration, die Veränderung der Bevölkerungsstruktur und sich daraus ergebende Konsequenzen, beispielsweise für den Arbeitsmarkt, waren die Themenschwerpunkte der demographischen Analysen in den ESPON Projekten. Aus diesen leiten sich verschiedene demographische Trends für die deutschen und europäischen Regionen ab:

  • Alterung und demographischer Wandel sind nicht nur ein deutsches Problem, sondern es ist in Zukunft in den meisten europäischen Regionen sowohl mit Alterung als auch einem natürlichen Bevölkerungsrückgang zu rechnen. Für die Gesamtentwicklung der regionalen Bevölkerung sind in der Regel jedoch noch für einige Jahre (Binnen-)Wanderungsprozesse entscheidend.
  • Die geringe Fertilitätsrate und die Alterung großer Kohorten mittleren Alters führen zu einem massiven Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Zum Teil kann diesem Rückgang mit Zuwanderung entgegengewirkt werden, ein Erhalt des aktuellen Verhältnisses von Erwerbsbevölkerung und älterer Bevölkerung erscheint jedoch auch mit hoher Zuwanderung unrealistisch.
  • Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland wird seit den 1990er Jahren wie in keinem anderen westeuropäischen Land durch den Fall des eisernen Vorhangs beeinflusst. Durch die Zuwanderung von Aussiedlern wurde Deutschland Europas Einwanderungsland Nummer eins, es gab eine massive Binnenwanderung von Osten nach Westen und die Transformation der Gesellschaft beeinflusste in Ostdeutschland die Fertilitätsraten.

Im Mittelpunkt der Untersuchung der ländlichen Räume standen die europaweite regionale Abgrenzung und Typisierung von Stadt und Land. Ergänzt wurde dies durch Analysen zu den Auswirkungen europäischer Agrarpolitiken und Zukunftsszenarien für den ländlichen Raum.

  • Deutschlands Regionen sind städtischer und mehr durch Menschenhand geprägt als die der meisten anderen europäischen Länder. Selbst die nach deutschem Verständnis ländlichen Regionen weisen oft ein hohes Maß an städtischen Charakteristika auf.
  • Die Agrarpolitik der EU fördert in Deutschland insbesondere ländliche und wirtschaftlich schwächere Regionen in Nord- und Ostdeutschland und trägt somit zu einem innerdeutschen Ausgleich bei, während in Europa ansonsten eher wirtschaftsstärkere Räume gefördert werden. Dies begründet sich vor allem in den speziellen Betriebsstrukturen.
  • Den Zukunftsszenarien entsprechend ist die Gefahr der Marginalisierung für die deutschen ländlichen Räume im europäischen Vergleich eher gering. In der nationalen Betrachtung ist die Verfestigung eines wirtschaftlichen Rückstandes jedoch nicht auszuschließen.

Da es mit der Europäischen Umweltagentur (EUA) bereits eine Europäische Institution gibt, die sich mit Umwelt und Ökologie in Europa beschäftigt, machten diese Themen trotz ihrer enormen Bedeutung und Aktualität nur einen kleinen Teil der Projektanstrengungen im ESPON Programm aus. Die Projekte des ESPON Programms liefern somit in erster Linie eine territoriale Ergänzung der bereits bestehenden Erkenntnisse sowie Abschätzungen natürlicher und technischer Risikopotenziale europäischer Regionen:

Europa ist anthropogen stark überformt, seine Naturräume sind stark fragmentiert. Dies ist eine Gefahr für die Artenvielfalt, für deren Erhalt zusammenhängende Naturräume unabdingbar sind. Deutschland ist durch seine hohe Siedlungsdichte ebenfalls stark fragmentiert. Größere unzerschnittene naturnahe Areale finden sich vor allem noch in den Mittelgebirgen und den Alpen.

Die wachsende Flächeninanspruchnahme in Deutschland und Europa ist nicht nachhaltig, gerade in Regionen mit stagnierender oder rückläufiger Bevölkerungsentwicklung.
Europa beherbergt vielfältige natürliche Risiken. Hinsichtlich der natürlichen Gefahren herrscht im Südwesten und Süden Deutschlands ein erhöhtes Potenzial, vor allem aufgrund möglicher Überschwemmungen. Deutschland hat zudem, gemeinsam mit seinen Nachbarn, ein hohes technologisches Risikopotenzial zu tragen. Dieses ist quasi die Hypothek eines stark industrialisierten Landes.

Im Rahmen der Diskussion um mögliche Entwicklungspfade Europas und seiner Regionen wurden im ESPON Programm 2006 verschiedene Szenarien entwickelt. Diese gehen jeweils von unterschiedlichen globalen und gesellschaftlichen Trends sowie unterschiedlichen Schwerpunkten europäischer Politiken aus. Die Szenarien bieten somit eine Grundlage für Diskussionen über Leitbilder und zukünftige Politiken. Folgende Schlussfolgerungen können für Deutschland und Europa aus den Szenarien abgeleitet werden:

  • Die unterschiedlichen Szenarien machen deutlich, dass die räumliche Entwicklung von Faktoren beeinflusst wird, auf die die Politik oft nur begrenzten Einfluss hat. Auch wenn nationale Politiken oft einen größeren Einfluss ausüben können als die europäische Politik, ist ihre Macht trotzdem begrenzt. Die Szenarien zeigen aber auch Ansatzpunkte auf, an denen die Politik eingreifen kann und sollte, um bestimmte Entwicklungen zu beeinflussen.
  • Metropolregionen sind in allen Szenarien wichtige wirtschaftliche Wachstumspole. Dies führt unweigerlich zu einer Konzentration der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen auf die Stadt- und Metropolregionen. Das Maß der Konzentration ist abhängig von der Wahl des Szenarios.
  • Ländliche und altindustrielle Räume müssen nicht marginalisiert werden. Die Verhinderung von Marginalisierung wird jedoch eine zunehmende Herausforderung für die Politik auf allen Ebenen darstellen.

Auf Basis dieser inhaltlichen Auswertungen wurden zum einen Empfehlungen für zukünftige Projektthemen entwickelt. Weiterhin wurden die für Deutschland relevanten Ergebnisse mit den Prioritäten der Territorialen Agenda der EU in Beziehung gesetzt und so eine Einordnung Deutschlands und seiner Regionen im Sinne der Territorialen Agenda ermöglicht.
Die hier getroffene Einordnung Deutschlands und seiner Regionen in Europa liefert einerseits viele hilfreiche Informationen, kann aber nicht abschließend sein, weder zeitlich noch räumlich. Aus zeitlicher Perspektive sind die fortlaufenden Veränderungen der territorialen Einordnung – nicht zuletzt aufgrund der ökonomischen Aufholprozesse in Osteuropa – nicht aus dem Auge zu verlieren. Diese Veränderungen wirken sich auch auf die Positionierung der deutschen Regionen aus. Eine erweiterte räumliche Perspektive muss den Blick über den europäischen Raum hinaus lenken, denn die deutschen Regionen stehen nicht nur im Wettbewerb der europäischen Regionen sondern auch im Wettbewerb mit Ländern und Regionen in anderen Teilen der Welt.
Dies schließt neben den außerhalb Europas liegenden industrialisierten Ländern wie den USA oder Japan auch andere aufstrebende Länder, insbesondere in Asien, ein. Somit darf beispielsweise die Schlussfolgerung, dass sich die deutschen Metropolen ‚vorne in der zweiten Reihe’ in Europa befinden, nicht zu einem Erlahmen in den Anstrengungen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit führen und nicht als ‚Ruhepolster’ angesehen werden. Vielmehr ist diese verhältnismäßig gute Ausgangsposition aktiv zu nutzen.

Zusatzinformationen

Kontakt

Dr. Karl Peter Schön
Referat I 3 - Europäische Raum- und Stadtentwicklung

Tel.: +49 228 99401-2130
peter.schoen@bbr.bund.de

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