Logo: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung



Gibt es eine neue Attraktivität der Städte?

Ergebnisse

Ergebnis des Projekt-Workshops: Fragenkatalog für die Fallstudien festgeleg

Auf Grundlage der vorbereitenden Arbeiten und der ersten Statusberichte sind anlässlich des Projekt-Workshops am 16.03.2010 die interessierenden Fragen abschließend festgelegt worden. Die in den Städten zu erarbeitenden Fallstudien werden alle auf die allgemeinen Fragen zur Attraktivität der Stadt eingehen und sich im Weiteren auf die Beantwortung ausgewählter Schwerpunktfragen konzentrieren:

Allgemeine Fragen zur Attraktivität der Stadt

  • Welches sind die Zuzugsschwerpunkte, was zeichnet sie aus und wer zieht dort hin?
  • Gibt es in der Stadt oder Stadtregion Bereiche, die nicht von dem Wachstum profitieren? Welche und warum?
  • Wie lange ist die durchschnittliche Wohndauer in Stadt und Stadtquartier nach unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen?
  • Welche lokalen und regionalen Einflussfaktoren werden in den Kommunen für die positive Bevölkerungsentwicklung verantwortlich gemacht? Welche dieser Faktoren sind kommunal-planerisch beeinflussbar und welche nicht? Oder handelt es sich bei den jüngsten Bevölkerungszuwächsen nur um ein statistisches Artefakt?
  • Inwieweit wurde und wird seitens Stadtplanung und Stadtentwicklung mit ihren Strategien und Instrumenten auf eine positive Bevölkerungsentwicklung hingearbeitet (z.B. angebotsorientierte Bauleitplanung, Baulandbereitstellung, Kooperation mit Eigentümern zur Be-standsqualifizierung, Brachflächenreaktivierung, Qualifizierung der öffentlichen Räume)?
  • Sind diese Strategien und Instrumente wachstumsspezifisch?
  • Was wird positiv bewertet - z.B. eine bessere Verzahnung von Wohnen und Arbeiten, eine gute Auslastung der vorhandenen Infrastruktureinrichtungen, höhere Steuereinnahmen?
  • Was wird möglicherweise negativ bewertet - z.B. Reduzierung der Freiflächenanteile, zu starke bauliche Verdichtung, erhöhtes Verkehrsaufkommen, zunehmende soziale Fragmentierung?
  • Welche Umwelt- und Verkehrsprobleme resultieren aus dem Bevölkerungswachstum, welche Folgen haben sie für die zukünftige Attraktivität der Stadt? Wie versuchen die Kommunen die Probleme zu lösen?
  • Welche Strategien/Instrumente der Stadtentwicklungspolitik des Bundes und des Landes unterstützen oder erschweren ein "Zurück in die Stadt" (inklusive möglicher Ressortforschungsansätze)?

Wohnungsmarktentwicklung und Präferenzen

Schwerpunktthema: Aachen, Bonn, Freiburg, Ingolstadt, Jena, Karlsruhe, München, Potsdam

  • Entsprechen die Wohnungsangebote (Wohnform, Wohnumfeld) der Nachfrage? Wie können kommunalpolitische und stadtplanerische Vorgaben kurzfristig in Wohnungspolitik übersetzt werden?
  • Lässt sich eine Veränderung der Wohnpräferenzen ableiten? (Wohnformen, Standorte, Umfeld)?
  • Führt die generell gute Vermietbarkeit zum Investitionsstau?
  • Wie geht die Stadtplanung mit dem Wachstum und seinen Folgen um? Wie gehen die Kommunen mit endlichen Flächenressourcen um?

"Urbanität" - Zukunft des Städtischen

Schwerpunktthema: Aachen, Bonn, Köln

  • Wie messen wir oder was beschreiben wir als "Attraktivität" der Stadt?
  • Was macht Attraktivität aus (Zielgruppen orientierte Analyse)?
  • Spiegeln die Bevölkerungsgewinne eine Art "Rückbesinnung" auf urbane Lebensweisen?
  • Welche Rolle spielen integrierte Konzepte? Was können Sie leisten, um die Attraktivität der Städte zu erhöhen und dabei nachteilige Auswirkungen zu verhindern?
  • Verhindert eine hohe Fluktuation das Engagement der Bürgerinnen und Bürger für Stadt und Stadtquartier? Ist die Fluktuation auf das Wachstum zurückzuführen?
  • Können die positiven Seiten des Wachstums durch eine stadtregionale Zusammenarbeit optimiert werden, können negative Auswirkungen dadurch abgeschwächt werden? (u.a. Verteilung finanzieller Lasten; Modelle interkommunaler Kooperation)
  • Können Belange einer nachhaltigen Entwicklung, wie zum Beispiel eine stärkere Verzahnung von Wohnen und Arbeiten, im Zuge des Bevölkerungswachstums realisiert werden?

Verhältnis von Bevölkerungs- und Beschäftigtenentwicklung

Schwerpunktthema: Dresden, Ingolstadt, Potsdam

  • Wie haben sich die Arbeitsplätze in Stadt und Umland entwickelt? Wie sieht das Verhältnis zwischen Bevölkerungs- und Beschäftigtenentwicklung aus?
  • Wurde auf ein gleichzeitiges Wachsen von Bevölkerung und Arbeitsplätzen hingewirkt? Wurden beide Entwicklungen und die jeweilige Standortfrage im Zusammenhang betrachtet
  • Basiert das Wachstum auf einer wirtschaftlichen Monostruktur? Welchen Einfluss hat die Monostruktur auf Entwicklungsperspektiven?

Soziale Segregation und Polarisierung

Schwerpunktthema: Aachen, Bonn, Freiburg, Ingolstadt

  • Gibt es eine räumliche oder milieumäßige Konzentration (Migration. Bildungsstatus)?
  • Welche Rolle spielt möglicherweise eine Konzentration der Studierenden im Stadtgebiet?
  • Entstehen Formen von Gentrifizierung bzw. sozialräumlicher Polarisierung durch eine neue Attraktivität der Innenstädte?
  • Welche Strategien und Instrumente werden seitens der Kommunen zur Vermeidung oder Korrektur von Segregation und Polarisierung eingesetzt? Wirkt sich Wachstum in diesem Zusammenhang positiv aus?

Zwischenergebnisse

Zwischenergebnisse aus den Städten und ein zweitägiger Expertenworkshop haben grundsätzliche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede im Detail offengelegt. Daraus lassen sich erste Schlüsse auf generelle "Attraktivitätsfaktoren" und spezifische Bedingungen und Entwicklungen der einzelnen Städte ziehen. Gemeinsamkeiten zeigen sich sowohl bei den Ausgangsbedingungen als auch bei den Entwicklungsprozessen. Gemeinsam ist allen Städten z.B. eine auffallende und kritische Ausprägung der Anziehungskraft: ein Mangel an preisgünstigem Wohnraum.

Voraussetzung für den Zuzug sind Neubaupotentiale, ist die Erhöhung des Wohnungsbestands in den Städten. Alle zehn Städte waren in der Lage, Neubaupotenziale zu erschließen, teils größere Areale auf Brachflächen. Diese Voraussetzung ist jedoch noch kein Erfolgsfaktor; hätten doch dann die Industriestädte im Strukturwandel die größten Anziehungspotenziale. Stattdessen wirkt es sich begünstigend auf die wirtschaftliche und Bevölkerungsentwicklung aus, wenn Städte kein altindustrielles Erbe zu bewältigen haben - dies ist ein weiteres gemeinsames Merkmal der zehn ausgewählten Städte. Ohne tiefgreifenden und äußerlich sichtbaren Strukturwandel, der erst noch ein neues Image erzeugen muss, ist die Anziehungskraft offenbar höher. Dem fehlenden industriellen Erbe entspricht, dass sich die Beschäftigungssituation in der Hälfte der Beispielstädte wesentlich positiver darstellt als im Durchschnitt der deutschen Großstädte - dort nahm auch in den Kernstädten von 2001 bis 2005 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten so stark ab, dass im folgenden Konjunkturaufschwung erst 2007 der Stand von 2003 wiedererreicht war, der rund 4 Prozent unter dem von 2001 und 1 Prozent unter dem von 1997 lag.

Erst in der Kombination mit einer stabilen Beschäftigtenentwicklung kann der Standortfaktor "Hochschule" die positive Bevölkerungsentwicklung deutlich verstärken. Alle Projektstädte sind Hochschulstandorte, meist dominiert der Zuzug junger Erwachsener in die Städte. Sie werden von den Ausbildungs- und Arbeitsmärkten der großen Städte angezogen. Dennoch stehen die Zahlen nicht nur für städtische Attraktivität. Sie bilden gleichzeitig die veränderte Bildungslandschaft ab: Der Anteil der 18- bis unter 30-Jährigen an der Bevölkerung in Deutschland lag während der vergangenen 15 Jahre zwischen 14 und 15 Prozent. In den nächsten Jahren wird diese Alterskohorte stetig abnehmen, da die 6- bis unter 18-Jährigen als Nachfolgegeneration derzeit weniger als 12 Prozent Bevölkerungsanteil haben. Zugenommen hat hingegen in den vergangenen Jahren der Anteil der Schulabgängerinnen und -abgänger mit allgemeiner Hochschulreife an einem Altersjahrgang auf derzeit 27 Prozent bundesweit. Auch die Studierendenquote ist entsprechend angestiegen, wovon noch alle Hochschulstandorte profitieren. So waren 2008 in Westdeutschland durchschnittlich 16,1 Prozent, in Ostdeutschland sogar 17,5 Prozent der Großstädterinnen und Großstädter zwischen 18 und 29 Jahre alt.

Studierende tragen dazu bei, Quartiere zu lebendigen Vierteln mit Geschäften, Gastronomie und dezentralen Kulturangeboten zu formen. Solche Viertel sprechen dann durchaus unterschiedliche Bevölkerungsgruppen an, sofern auch das Wohnungsangebot vielfältigen Präferenzen gerecht wird. Bekannt ist das Phänomen gut verdienender, beruflich erfolgreicher Singles, die in solch innerstädtische, studentisch geprägte Viertel, am liebsten schöne Gründerzeitquartiere ziehen. Viele Familien sind in Universitätsstädten in diesem Segment nicht konkurrenzfähig, denn studentische Wohngemeinschaften sind in der Lage hohe Mietpreise für große Wohnungen aufzubringen und wirken so Preis treibend. Fast alle Projektstädte sehen deshalb eine Herausforderung darin, junge Familien an die Stadt zu binden. Im typischen Familiengründungsalter, also bei der Altersgruppe der 25- bis unter 45-Jährigen, ist der Umlandwanderungssaldo bei allen projektbeteiligten Städten negativ, obwohl die Städte Bonn, Ingolstadt, Karlsruhe, München und Potsdam für diese Altersgruppe insgesamt Wanderungsgewinne verzeichnen können. Die Wahl der Wohnung und des Wohnstandortes ist immer ein Kompromiss, Vor und Nachteile werden gegeneinander abgewogen. Deswegen kommt es auf das Preis-Leistungsverhältnis an . Die jungen Familien, die nicht von vornherein den individuellen Wohnungsbau an der Peripherie bevorzugen, entscheiden sich nur dann für die Stadt bzw. zentrale Lagen in den Städten, wenn sie eine Wohnung finden, an deren Standort sie die städtischen Vorteile nutzen, Nachteile reduzieren und ihren definierten Wohnstandard finanzieren können.

Auch älteren Menschen wird eine Affinität zu innerstädtischen zentralen Lagen unterstellt. Diese einleuchtende Annahme findet keine Bestätigung in der Städtestatistik, im Gegenteil: wenn ältere Menschen umziehen, dann vorrangig ins Stadtumland. Hier können Statistiken auf den ersten Blick auch zu Fehleinschätzungen führen. Ein differenzierter Blick zeigt, dass ältere Menschen häufig, etwa im Pflegefall, zu ihren Kindern ziehen, die heute als ehemalige Randwanderer im Umland leben. Eine grundsätzliche Präferenz älterer Menschen für das Wohnen im Umland lässt sich aus diesen Zahlen nicht ableiten. Stattdessen ergibt sich aus einer Detailuntersuchung Aachens, dass der Anteil älterer Menschen an der Gruppe der "Rückwanderer" aus dem Umland in die Kernstadt besonders hoch ist.

Alle Städte haben neben ihrem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt jeweils eigene, gleichwohl überregional bekannte Attraktivitätsfaktoren - wie etwa der Dom in Köln oder die Babelsberger Filmstudios in Potsdam - und meist zusätzlich noch heraussagende naturräumliche Qualitäten im regionalen Umfeld. Diese Standortfaktoren begründen allerdings erst einmal die Attraktivität der Stadtregion für Standortsuchende. Die Attraktivität der Kernstadt als Wohnstandort lässt sich eher aus Qualitäten begründen, die in gewachsenen, dezentralen Strukturen liegen. Hierin liegt ein weiteres gemeinsames Merkmal der zehn Projektstädte. Der Blick in einzelne Städte hinein belegt, dass kleinteilige, gewachsene und durchmischte Strukturen eine besonders hohe Nachfrage erzeugen. So zeigt sich am Beispiel Bonns, dass in gewachsenen, dörflichen Stadtteilen besonders hohe Zuwächse bei den Einwohnerzahlen zu verzeichnen sind.

Die Qualifizierung des Freizeitangebots erweist sich als Handlungsfeld von hervorgehobener stadtpolitischer Bedeutung. Es wird damit ein Standortfaktor ins Auge gefasst, der sich theoretisch auf die Interessen der Stadtbevölkerung zuschneiden lässt und der dezentral organisiert unmittelbar den Bürgerinnen und Bürgern der Städte zu Gute kommen kann.

Ausblick

Auf der Grundlage der Endberichte der Städte wird das Zwischenfazit ergänzt und die Bestimmung der Attraktivität konkretisiert. Außerdem soll der Blick weiter für begünstigende Entwicklungsfaktoren auf der einen und Problemstellungen auf der anderen Seite geöffnet werden. Ziel der Forschungsarbeit ist ein Betrag zu Erklärung der Anziehungskraft der Städte. Erklärungsmuster sollen in ein Wirkungsgefüge eingebettet werden und ausgehend von den Anforderungen an eine nachhaltige Stadtentwicklung bewertet werden.

Eine wesentliche Voraussetzung ist die Unterscheidung von Phänomen, die Anzeichen einer "Rückbesinnung auf urbane Lebensweisen" geben, und ihrem Niederschlag in der Bevölkerungsstatistik. Phänomen und Bevölkerungszahlen bilden zwar eine gemeinsame Schnittmenge, werden aber auch getrennt - durch fehlende Angebotsstrukturen, durch ein schlechtes Preis-Leistungsverhältnis, eine verklärte Sicht des Städtischen, die typische Konflikte ausblendet. Etwaige Motive, (wieder) in die Stadt zu ziehen oder dort zu bleiben, können auch dann in ihrer Realisierung scheitern, wenn Städte zu wenig "Städtisches" zu bieten haben wie kurze Wege, Polyzentralität, ein positiv wirkendes, durchgrüntes Stadtbild, vielfältige, nahe gelegene Versorgungs- und Freizeitangebote, Kommunikations- und Nutzungsmöglichkeiten in öffentliche Räumen.

Ist Attraktivität nachhaltig? Ist Attraktivität planbar? Beim fortschreitenden Aufdecken der Erklärungsmuster dürften sich zumindest Hinweise zur Klärung dieser Fragen ergeben. Die feststellbaren Attraktivitätsfaktoren zeigen erhaltenswerte städtische Qualitäten an, die sich gleichwohl je nach Bevölkerungsgruppe unterschiedlich darstellen können. Gewarnt werden kann jetzt schon vor überzogenen Erwartungen an die Planbarkeit. Abgesehen von den Schwierigkeiten, die wirtschaftliche Entwicklung zu steuern, sind auch andere Attraktivitätsfaktoren nicht einfach und wirkungsvoll herstellbar. Das räumlich-gesellschaftliche Gefüge der Städte ist dazu zu komplex, Eine weitere Vertiefung könnte in der Frage liegen, welche Relevanz die Ergebnisse, die für Großstädte gewonnen werden, für Mittel- oder auch Kleinstädte haben können.

Zusatzinformationen

Kontakt

Dr. Brigitte Adam
Referat I2 - Stadtentwicklung

Tel.: +49 228 99401-2325
brigitte.adam@bbr.bund.de

Dr. Gabriele Sturm
Referat I 6 - Raum- und Stadtbeobachtung

Tel.: +49 228 99401-1360
gabriele.sturm@bbr.bund.de

Zum Projekt

Weitere Infos



Diese Seite:

© Copyright by BBR. Alle Rechte vorbehalten.