Imagefördernde Stadtteile in Metropolräumen
Ergebnisse

Auswahl der Fallbeispiele
Parallel zu der Erarbeitung von Forschungshypothesen wurde eine Projektrecherche nationaler und internationaler Beispiele durchgeführt. Auf Grundlage eines Kriteriensets für die Auswahl von geeigneten Fallbeispielen für die Primäruntersuchung im Rahmen des Forschungsprojektes, wurden acht internationale und zehn nationale Projekte für die Analyse ausgesucht.
Entscheidende Auswahlkriterien waren zum einem eine Quartiers- oder Stadtteildimension des Projekts. Das heißt, die Projekte umfassen ein ganzes Quartier oder einen Stadtteil und wurden auf Grundlage einer strategischen Gesamtplanung entwickelt. Zum anderen sollte gewährleistet sein, dass die städtebaulichen Großprojekte eine überregionale Ausstrahlung haben und damit das Standortprofil der Gesamtstadt und der Metropolregion prägen. Als Indikatoren für die überregionale Ausstrahlungskraft wurden folgende Informationen, sofern sie verfügbar waren, herangezogen:
- Alleinstellungsmerkmale bzw. Leuchtturmprojekte
- Innovationsbeiträge für die Stadtentwicklung, zum Beispiel hinsichtlich der Planungsprozesse oder hinsichtlich der angesiedelten Nutzungen
- Inszenierung und Marketing: Die Prozesse zur Entwicklung der Projekte sowie die realisierten Ergebnisse werden öffentlichkeitswirksam inszeniert, zum Beispiel durch Events, und die Projekte werden von Beginn an stadtweit und überregional professionell vermarktet
Darüber hinaus war es Ziel, solche Projekte auszuwählen, deren Resultate und Erfahrungen fundiert quantitativ und vor allem qualitativ im Sinne der Forschungsfragen bewertet werden können. Dies setzt voraus, dass die Projekte sich zumindest in der Umsetzungsphase befinden. Projekte, die sich lediglich in einem reinen Planungsstadium befinden, konnten nicht berücksichtigt werden, da hier keine Ausstrahlungseffekte beobachtet und Wirkungsanalysen somit nicht vorgenommen werden können.
Auswahl nationale Fallbeispiele
Auf Basis einer umfassenden Projektrecherche in den 19 Metropolkernen wurden insgesamt 27 potenzielle Fallbeispiele ausgewählt. Für diese Projekte wurden umfangreiche Konzept- und Projektunterlagen zusammengestellt und ausgewertet. Auf dieser Grundlage wurden die folgenden 10 Fallbeispiele ausgewählt (siehe folgende Tabelle):
| Projektname | Stadt | Bundesland | |
|---|---|---|---|
| Stand: 10.01.2011 | Quellen: GEWOS GmbH, Hamburg HafenCity Universität, Hamburg | ||
| Potsdamer Platz | Berlin | Berlin |
| Adlershof | Berlin | Berlin |
| Neumarkt | Dresden | Sachsen |
| Innenhafen | Duisburg | Nordrhein-Westfalen |
| Medienhafen | Düsseldorf | Nordrhein-Westfalen |
| Zeche Zollverein | Essen | Nordrhein-Westfalen |
| Europaviertel | Frankfurt | Hessen |
| HafenCity | Hamburg | Hamburg |
| MediaPark | Köln | Nordrhein-Westfalen |
| Stuttgart 21 (Europaviertel) | Stuttgart | Baden-Württemberg |
Auswahl internationale Fallbeispiele
Hinsichtlich der Untersuchung der internationalen Fallbeispiele muss betont werden, dass es sich hierbei um eine Auswahl von Beispielen handelt, die weder untereinander noch hinsichtlich der deutschen Fallbeispiele 1:1 übertragbar sind. Vielmehr stand bei der Auswahl im Vordergrund, dass es sich um Beispiele handelt, die Anregungen geben können sowie planungskulturelle Besonderheiten und Unterschiede verdeutlichen. Hierzu wurden die Projekte anhand der europäischen Planungskulturen systematisch erfasst. Einen Überblick über die ausgewählten internationalen Fallbeispiele gibt die folgende Tabelle.
| Projektname | Stadt - Land | |
|---|---|---|
| Stand: 10.01.2011 | Quellen: GEWOS GmbH, Hamburg HafenCity Universität, Hamburg | |
| Referenzprojekte aus der Planungskultur der "britischen Familie" | ||
| 1 | Salford Quays / Salford | Greater Manchester – England |
| 2 | Dublin Docklands | Dublin / Irland |
| Referenzprojekte aus der Planungskultur der "napoleonischen Familie" | ||
| 3 | 22@Barcelona | Barcelona – Spanien |
| 4 | Abandoibarra | Bilbao – Spanien |
| Referenzprojekte aus der Planungskultur der "skandinavischen Familie" | ||
| 5 | Norra Älvstranden | Göteborg -Schweden |
| 6 | Fjord City | Oslo – Norwegen |
| Referenzprojekte aus der Planungskultur der "germanischen Familie" | ||
| 7 | Museumsquartier (MQW) | Wien - Österreich |
| 8 | Zürich-West | Zürich - Schweiz |
Schlussfolgerungen
Gemeinsam ist allen Projekten, dass sie eine starke Aufmerksamkeit und Imagewirkung innerhalb und auch außerhalb der jeweiligen Stadt entfalten und einen großen planerischen, finanziellen und kommunikativen Aufwand erfordern. Damit geht einher, dass Großprojekte und neue Stadtquartiere im Fokus der Öffentlichkeit und der Diskussion um die Stadtentwicklung stehen. Eine besondere Bedeutung hat daher die Öffentlichkeitsarbeit. Die Kommunikation des Projektes gehört in der Regel zu den Aufgaben der Projektentwicklung und des Projektmanagements. Diese werden häufig zusammen mit den Aufgaben der gestalterischen und technischen Planung, der Koordination der verschiedenen öffentlichen und privaten Akteure sowie der Finanzierung aus den traditionellen Verwaltungsstrukturen ausgegliedert und in relativ eigenständige Projektgruppen verlagert oder gleich auf Entwicklungsgesellschaften übertragen.
Die Entwicklung neuer Stadtteile bietet den Städten die Möglichkeit, sich grundlegend neu zu positionieren und einen Imagewandel einzuleiten oder zu unterstützen. Radikale Neuentwicklungen und -positionierungen wie sie etwa für Dublin oder Manchester zu konstatieren sind, konnten in dieser Ausprägung bei keinem der Projekte in Deutschland festgestellt werden. Eine grundlegende Neupostionisierung einer Stadt oder Region durch ein einzelnes Stadtentwicklungsprojekt ist nicht erfolgt. Viel mehr werden bestehende Images aufgegriffen und diese dann weiterentwickelt.
Im Hinblick auf die Konzeption städtebaulicher Großprojekte und neuer Stadtquartiere stellten sich in der vorliegenden Untersuchung folgende Grundelemente als wesentlich für einen positiven Entwicklungsschub und Imagegewinn heraus:
- Wesentlich für den Erfolg der Projekte ist, ob die Projekte eine authentische Botschaft oder "Erzählung" vermitteln, d.h. aus der Prägung der Stadt entwickelt sowie in der Substanz und Gestaltung der Projekte auch verankert wurden. Eine radikale Neuerfindung im Sinne einer Abkehr vom Tradierten und Bekannten ist bei den untersuchten deutschen Fallbeispielen im Gegensatz zu einzelnen internationalen Referenzbeispielen nicht zu finden. Ausrichtungen auf "modische" Themen wie etwa Medien scheiterten geradezu.
- Von grundlegender Bedeutung ist der Nutzungsmix in den neuen Quartieren, der in der Regel neben Büros und Wohnungen auch Gastronomie und insbesondere auch kulturelle Einrichtungen beinhaltet. Dieser sorgt für gestalterische und funktionale Vielfalt sowie Attraktivität für die Bevölkerung der Region und Touristen. Bei Quartieren, deren Nutzungen bisher eingeschränkt waren, werden sogar im Nachhinein die Nutzungsprofile erweitert.
- Funktionale und gestalterische "Leuchttürme" unterstützen aufgrund ihrer visuellen Präsenz und Zeichenhaftigkeit vor allem die überregionale Wahrnehmung der Großprojekte. Sie können als maßgeblicher Impuls für die Entwicklung des Umfelds fungieren ("Bilbao-Effekt", etwa zu finden am Dresdener Neumarkt) oder in Folge einer Quartiersentwicklung überhaupt erst entstehen (wie beispielsweise die Elbphilharmonie in der Hamburger HafenCity). Das Beispiel der Elbphilharmonie macht allerdings auch deutlich, dass dominante Einzelvorhaben erhebliche Risiken bergen können, die auch für das Gesamtprojekt negative (Image)Effekte bewirken können.
Im Hinblick auf die skizzierten Grundelemente muss allerdings betont werden, dass die untersuchten städtebaulichen Großprojekte und neuen Stadtquartiere aufgrund ihrer besonderen Rahmenbedingungen nicht als "Modelle" oder gar "Leitbilder" angesehen werden sollten, deren Grundzüge oder Muster auf andere städtebauliche Situationen übertragen werden könnten. Die Projekte entsprechen eher einem "Schaufenster", in dem wesentliche Elemente oder Botschaften für die jeweilige Stadt und ihre zukünftig erwünschte Entwicklung jeweils spezifisch konzentriert entwickelt und exponiert werden.
Die neuen Stadtquartiere sind in der Regel verkehrlich gut an bestehende Netze angebunden. Die neu errichteten Gebäude bilden jedoch einen starken Kontrast zu den umgebenden Bestandsquartieren. Die in der Regel hohe Dichte in der Kombination mit dem für Neubauquartiere typischen Fehlen von Gebrauchsspuren und Alterungsprozessen sowie der modernen Architektursprache führen zu einer deutlichen Absetzung gegenüber dem Bestand. Zugleich führt das in der Regel hohe Kauf- und Mietpreisniveau tendenziell zu einer Konzentration "Besserverdienender". Die untersuchten Großprojekte und neuen Quartiere sind also in verschiedener Hinsicht im übertragenen Sinne von einer Insellage geprägt. Nichts desto trotz haben sich viele Quartiere zu innerstädtischen Erlebnisräumen mit vielfältigen Angeboten und Nutzungen entwickelt, die von einem breiten Publikum frequentiert werden. Aufgrund der eher insularen Situation sind größere Auswirkungen der Projekte auf das direkte städtebauliche Umfeld in keinem der untersuchten Fälle feststellbar. Befürchtete Verdrängungsprozesse ("Gentrifizierung") sind bisher nicht zu beobachten.
Der Stellenwert imageprägender Stadtquartiere im westeuropäischen Ausland muss vor dem Hintergrund unterschiedlicher planungskultureller und planungsrechtlicher Kontexte reflektiert werden. Die Unterscheidung in die britische, napoleonische, niederländische und germanische "Familie" ist dabei hilfreich, um Vorhaben kontextualisiert ("how and why") einschätzen zu können und um nicht nur auf der Ebene der baulich-räumlichen Erscheinungen und der Architektur(-kritik) zu verharren. Bei allen Quartieren haben einmalige politische und ökonomische Rahmenbedingungen den Projektstart befördert ("window of opportunities"). Das Transferpotential ist daher nur selektiv nutzbar.
Die untersuchten Vorhaben haben eine herausragende Stellung in der jeweiligen Stadtentwicklungsplanung. Damit wird Aufmerksamkeit auf diese Quartiere fokussiert, während andere Stadtviertel und Probleme Gefahr laufen, aus dem Blickfeld zu geraten. Bei allen Vorhaben wurden unterschiedliche Formen von Entwicklungsträgern ("Quangos") eingerichtet, da die bestehenden Governance- und Implementierungsstrukturen als unflexibel und zu bürokratisch zur raschen Umsetzung des Projektes eingeschätzt wurden. Die Bewerbung mit Internetauftritten, Newslettern und Infocentern sowie auf Messen wird bei allen Vorhaben, aber unterschiedlich aufwendig, betrieben. Identifikationsanker und einzelne Leuchttürme sind zentrale Elemente zur Bewerbung des Quartiers, wie auch die Einbeziehung von "Stararchitekten". Während die Vorhaben zunächst mit einer dominanten Nutzung initiiert wurden ("office-led", "housing-led" etc.), wurden später andere Nutzungen "ergänzt". Bei allen Quartieren wurden neue Planungskulturen erprobt und eingeübt, so dass die Vorhaben Vorbildcharakter für die jeweilige regionale und nationale Planungskultur bekamen. Paradoxerweise wird - auch in Skandinavien - auf "mediterranen Lebensstil", auf vielfältige Freiraumnutzungsmöglichkeiten und hochwertige Außenanlagengestaltung gesetzt.
Bei den Quartieren - mit sehr unterschiedlichen Start- und Rahmenbedingungen - war immer eine vorbildhafte nachholende Modernisierung in Verbindung mit einem radikalen Strukturwandel intendiert. Diese "Oaseneffekte" - häufig als Verluste von Identität wahrgenommen - fungieren als Umstrukturierungsbeschleuniger. Die Fremdkörperwirkung wurde gezielt genutzt, mit Pfadabhängigkeiten gebrochen und ergebnisoffen ohne finalistischen Anspruch mutig experimentiert. Ein gewünschtes Image des neuen Quartiers war immer komplementär und an bestehende Gegebenheiten wie das architektonische Erbe anknüpfend oder auch strukturbrechend integraler Bestandteil der Planung ("Phoenix aus der Asche").











