Nahmobilität und Nahversorgung - Gute Beispiele integrierter Erschließungskonzepte
Ergebnisse
Eine gute Nahversorgung kann Verkehr sparen
Eine gute Ausstattung mit Geschäften zur Deckung des täglichen und periodischen Bedarfs in zu Fuß erreichbarer Entfernung erhöht den Anteil nicht-motorisiert zurückgelegter Wege, vermeidet Pkw-Verkehr, verkürzt die zurückgelegten Distanzen und erhöht die Zufriedenheit der Bevölkerung im Quartier erheblich. Dies gilt auch für Personen mit uneingeschränktem Zugang zum Pkw.
Ein qualitativ differenziertes Nahversorgungsangebot bestimmt das Einkaufen zu Fuß oder mit dem Fahrrad maßgeblich. Isolierte Angebote (etwa ein Supermarkt) stützen die Nahversorgung, tragen aber deutlich weniger zu einer nahräumlichen Orientierung bei als eine vielfältige Ausstattung. In gemischten Gebieten verstärkt die niedrige Motorisierung und die stärkere Neigung von Pkw-Besitzern, zu Fuß zu gehen, die Wirkung der Ausstattung. Eine gute nahräumliche Ausstattung erhöht die Bindung an die Wohnumgebung auch unter Personen mit Pkw um rund zehn Prozentpunkte. Dies geht zu Lasten vor allem von peripheren Einkaufszentren und sonstigen Einkaufsorten, die häufig mit sehr langen Wegen verbunden sind.
Die Raum- und Siedlungsstruktur bestimmt das Einkaufs- und Mobilitätsverhalten
Der Einfluss der Siedlungsstruktur auf die Verkehrsmittelwahl, die zurückgelegten Wegelängen und den Verkehrsaufwand ist dominant. Mit abnehmender Gemeindegröße nehmen die Länge der Einkaufswege sowie die Nutzung des MIV signifikant zu. Innerhalb von Gemeinden sind Einkaufswege an Standorten guter nahräumlicher Erreichbarkeit gravierend kürzer als andernorts und werden häufiger zu Fuß zurückgelegt. Dies spiegelt sich auch in der Zufriedenheit mit der Erreichbarkeit von Einkaufsgelegenheiten wider. In den größten Städten sind nur für neun Prozent der Bevölkerung Geschäfte des täglichen Bedarfs schlecht bis gar nicht zu Fuß erreichbar. In den kleinsten Gemeinden gilt dies dagegen für fast vierzig Prozent.
Die Distanzschwellen für den Einkauf zu Fuß sind niedrig
Bis zu einer Wegelänge von 200 m werden rund 90 % der Einkaufswege zu Fuß gegangen. Eine markante Distanzschwelle für das Gehen zu Fuß liegt bei Pkw-Besitzern bei rund 400 m. Dies wird bis etwa 800 m teilweise vom Fahrrad aufgefangen. Ab 800 m nimmt der Anteil des MIV beim Einkauf stark zu. Unter Personen ohne Pkw liegen die Schwellen für das zu Fuß gehen deutlich höher, etwa bei 800-1 000 m und bei 2 km für den nicht-motorisierten Individualverkehr (NMIV- Fuß und Fahrrad) insgesamt. In kleineren Gemeinden fahren Pkw-Besitzer auch kürzeste Wege zum Einkauf mit dem Pkw und damit in wesentlich stärkerem Maße als in Großstädten. Nahversorgung ist eine zeitsensible Aktivität. Der Einkauf zu Fuß oder mit dem Fahrrad wird deshalb bevorzugt. Großeinkäufe und Getränkeeinkäufe werden – wenn möglich - mit dem Pkw erledigt.
Von einer guten Nahversorgung profitieren alte Menschen, Haushalte mit Kindern und Haushalte ohne Pkw
Jugendliche, Frauen und Personen ohne Zugriff auf einen Pkw kaufen in überproportionalem Maße im Nahraum und in integrierten Zentren ein. Unterschiede zwischen den Geschlechtern nehmen tendenziell ab. Bei jungen Familien mit kleinen Kindern sind sie aber sehr ausgeprägt. Einkäufe sind häufig in komplexe Wegeketten eingebettet. Dies gilt besonders für Frauen, Erwerbstätige, Alleinerziehende und generell für Haushalte mit (kleinen) Kindern. Wegeketten lassen sich interpretieren als Ausdruck eines komplexen und "turbulenten" Alltags sowie im Sinne einer effizienteren Alltagsgestaltung. Der Zeitaufwand für Einkaufswege ist insbesondere bei älteren Menschen, bei Personen ohne Pkw im Haushalt, bei Beziehern geringen Einkommens und damit auch bei Migranten (fehlender Pkw) überdurchschnittlich hoch.
Bemerkenswert ist die große Einkaufshäufigkeit unter alten Menschen. Selbst Hochbetagte über 75 Jahre kaufen häufiger als junge Menschen ein und gehen dabei wesentlich häufiger zu Fuß. Die Gründe sind nicht nur fehlende Pkw-Verfügbarkeit, sondern auch nachbarschaftliche soziale Netzwerke, Gesundheitsvorsorge und Alltagsorganisation. Alte Menschen sind damit von Einschränkungen nahräumlicher Angebote besonders stark betroffen.
Nahversorgung ist mehr als Einkaufen
Nahversorgung hat für eine wachsende Zahl von Menschen (ältere Menschen, Erwerbslose, versorgende Personen) wichtige soziale und kommunikative Funktionen. Für Stadtquartiere, Orts- und Stadtteilzentren ist diese wichtige Frequenzbringerin und Identitätsstifterin: Identifizieren sich die Einwohner mit ihren Nahversorgungseinrichtungen, gehen sie auch längere Wege zu Fuß.
In unterversorgten Bereichen ist Nahversorgung nur durch Kombination vieler Funktionen in räumlicher Nähe tragfähig. Erfolgversprechend sind Zentren, die neben dem Einzelhandel gastronomische und andere Dienstleistungen anbieten sowie soziale Dienste, Treffpunkte und Kulturangebote bündeln. Zusätzliche Angebote wie schnelle Internetverbindungen, Online-Verwaltungsdienstleistungen und serviceorientierte oder altengerechte Wohnangebote schaffen weitere Frequenz. Erfolgreiche Versorgungsstandorte konnten nicht nur in dünn besiedelten Bereichen u.a. mit den DORV-Zentren, den Markt-Treffs sowie den Komm-In Dienstleistungszentren entwickelt werden.
Kommunen sollten ihre Optionen konsequent nutzen
Für die kommunale Steuerung der Nahversorgung und die Sicherung städtebaulich gewünschter Zentren hat sich die Aufstellung und konsequente Umsetzung von Einzelhandels- und Zentrenkonzepten bewährt. Flankiert werden können sie durch Verbesserungen der Bedingungen für die Nahmobilität zu Fuß und mit dem Rad. Pläne und Maßnahmen sollten gemeinsam mit den Akteuren des Einzelhandels und privaten Anliegern vorbereitet und umgesetzt werden. All diese Instrumente können ihre Wirkung jedoch nur dann entfalten, wenn die Kommunalpolitik (sowohl auf Ebene der Gesamtkommune als auch von Orts- bzw. Stadtteilen) ihre eigenen Beschlüsse respektiert und diese konsequent umgesetzt.
Nahversorgung kann nicht überall zu Fuß möglich sein
Mittel- bis langfristig wird nicht in allen Räumen eine stationäre Nahversorgung vorgehalten werden können. Es wird künftig neben den ländlichen Räumen auch in den Städten Siedlungsbereiche (z. B. Einfamilienhausgebiete am Stadtrand) geben, wo sich eine fußläufige Nahversorgung nicht mehr rechnet. Dies ist zu kommunizieren, um die Konsequenzen von Wohnstandortentscheidungen nachvollziehbar zu machen. Es ist darüber nachzudenken, wie Lösungsstrategien für solche Gebiete entwickelt werden können (z.B. Erhöhung der Umzugsbereitschaft, Unterstützung von Nachbarschaftshilfe, mobiler Handel).
