Logo: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung



Quartiers-Impulse: Neue Wege zur Stärkung der lokalen Wirtschaft

2. Projektwerkstatt "Lokale Mikrofinanzierung" am 17. März 2008 in Offenbach
Veranstaltungsdokumentation

Thema und Tagungsablauf

Das Forschungsfeld "Quartiers-Impulse - Neue Wege zur Stärkung der lokalen Wirtschaft" geht im Bereich der lokalen Mikrofinanzierung in die heiße Phase. Seit Winter 2006 konzipieren und erproben drei Modellvorhaben in Berlin, Dortmund und Offenbach, wie Mikrofinanzierung als Instrument der Stadtentwicklung eingesetzt werden kann. Die drei Modellvorhaben wurden im ExWoSt-Info 31/3 ausführlich vorgestellt. Ziel der zweiten Projektwerkstatt am 17. März in Offenbach war es, den aktuellen Stand der Arbeiten auszuwerten und daraus Schlüsse für das weitere Vorgehen zu ziehen.

Aktueller Stand der Modellvorhaben

Berlin: Neuer Mikrofinanzfonds der Investitionsbank Berlin (IBB)

Aus Berlin wurde berichtet, dass die IBB Berlin einen Mikrokredit für kleine und mittlere Unternehmen aufgelegt hat. Es können Kredite bis 10.000 Euro bewilligt werden. Die Zinsen sind mit effektiv 5,67% sensationell günstig, es werden keinerlei Bearbeitungsentgelte fällig. Sicherheiten sind nicht erforderlich, kein Businessplan, keine Liquiditätsvorschau, extrem kurze Bearbeitungszeiten.

Norbert Kunz, Leiter des Berliner Modellvorhabens, bezeichnete dies als "asymmetrischen Erfolg". Einerseits sei es zu begrüßen, dass Mikrofinanzierung nun offensiv forciert werde. Andererseits zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, dass Mikrofinanzierung ohne qualifizierte Begleitung zu enorm hohen Ausfällen führt. Das IBB-Programm sei daher voraussichtlich nicht nachhaltig und werde ebenso schnell beendet wie es geschaffen worden sei.

Für das Berliner Modellvorhaben bedeute das IB-Programm eine echte Konkurrenz, denn der Ansatz des "finanzwerk" ist für Kreditnehmerinnen und -nehmer deutlich aufwändiger und teurer. Wer lässt sich auf einen mühevollen Prozess ein, wenn es eine sehr viel einfachere Alternative gibt? Die Bemühungen um einen stadtteilfokussierten Mikrokredit sind daher erst einmal deutlich gebremst. "finanzwerk" baut weiter auf Gespräche mit der Senatsverwaltung, prüft den Aufbau eines privaten Fonds und setzt auf die Stärkung von Unternehmenskooperationen.

Dortmund: Startschuss für Kredit-Genossenschaft

Das Dortmunder Modellvorhaben setzt auf Selbsthilfe in einer Genossenschaft. Ziel ist es, dass kreditinteressierte Mitglieder der "Nordhand eG" Geld ansparen und - ähnlich wie bei einem Bausparvertrag - auf dieser Basis einen Kredit in bis zu vierfacher Höhe des Ansparbetrages erhalten können.

Der Aufbau dieser Genossenschaft war enorm aufwändig. Am 27. März 2008 findet nun die Gründungsversammlung statt. Gelungen ist die enge Verzahnung mit der regionalen Wirtschaftsförderung. Auch personell ist man gut aufgestellt: Unter Leitung des Wirtschaftsförderers Hubert Nagusch sind zwei Unternehmensberater, ein Banker und eine Auszubildende eingebunden. Zwei wesentliche Meilensteine sind allerdings noch offen: Es fehlen der Kooperationsvertrag mit dem Deutschen Mikrofinanzinstitut (DMI), der die Kreditvergabe ermöglichen wird und ein konkretes Kreditprodukt.

Sobald diese wichtigen Bedingungen geschaffen sind, kann eine zügige Kreditvergabe erwartet werden, denn die Akteure sind bereits seit einigen Jahren im Quartier aktiv. Die Stränge "Gründungsberatung", "Unternehmens-" und "Qualifizierungsberatung", die im Rahmen einer URBAN-Förderung aufgebaut wurden, sollen zur Stärkung der lokalen Wirtschaft in der Nordstadt weitergeführt werden und versprechen Synergieeffekte für die Etablierung der Mikrofinanzierung.

Offenbach: Weg frei für lokale Mikrokredite

In Offenbach wurde unter der Federführung der Stadt ein lokaler Mikrofinanzfonds etabliert, der Kooperationsvertrag mit dem DMI ist geschlossen, es existiert ein Kreditprodukt, der Marktauftritt steht (Flyer, Website, Plakate, Presse) und es gibt mit Elisabeth Neumann eine kompetente Ansprechpartnerin für alle Kreditinteressierten und das Fördernetzwerk. Zudem wurde für die Verbreitung des Kredites ein Multiplikatorennetzwerk etabliert.

Auch in Offenbach wurde bisher noch kein Kredit vergeben. Aus Sicht einiger Offenbacher Macher ist dies noch kein großes Problem, "denn mit Anlaufschwierigkeiten ist immer zu rechnen", so Projektleiterin Elisabeth Neumann. Zudem sei Mikrofinanzierung in Deutschland per se kein Selbstläufer. Man müsse dafür werben. Andererseits müsse man im Auge behalten, dass die Projektziele, insbesondere die Vergabe einer gewissen Zahl von Mikrokrediten, auch innerhalb der Projektlaufzeit erreicht werden. Dies auch deshalb, um die nachhaltige Unterstützung des Instruments durch die Kommune und die lokale Akteurskulisse nicht in Frage zu stellen.

Die nächsten Schritte sind daher, den Offenbacher "Ostpol-Kredit" offensiv zu vertreiben. Einerseits werden intensiv Multiplikatoren einbezogen, also jene Menschen, die einen persönlichen Zugang zu den Menschen im Quartier haben. Andererseits setzt Offenbach auf Streetworking: Eine Mitarbeiterin geht direkt auf die Gewerbetreibenden im Quartier zu und kommt zum Thema Finanzierung ins Gespräch.

Workshopteilnehmer Auditorium

Mikrofinanzierung zwischen Theorie, Politik und Praktikabilität


Sehr intensiv wurde in der Werkstatt diskutiert, wie es zu bewerten sei, dass es nach über einem Jahr Projektlaufzeit noch nicht gelungen ist, Mikrokredite auszugeben. Es sei politisch nicht zu vertreten, wenn man sich "als Stadt aus dem Fenster lehne, um einen Mikrofinanzfonds zu ermöglichen und dann nach einem Jahr noch kein Kredit vergeben wurde". "Dann interessiert sich auch keiner mehr für die Gründe dafür", so ein Vertreter einer Stadt.

Der Mikrofinanzbedarf in Deutschland ist vorhanden. So erkennen Kritikos/Kneiding (GfA) in ihrer Befragung 2006, dass 10% der Befragten einen echten Mikrofinanzbedarf haben, der nicht anderweitig (Banken, Familie, Freundinnen und Freunde) gedeckt wurde. Die Stichprobe umfasste 213 ehemalige Gründerinnen und Gründer zweier Gründerzentren, die überwiegend länger als vier Jahre am Markt waren.

Auch gibt es konkrete Erkenntnisse aus den Quartieren der Modellvorhaben. So kam die Befragung in Berlin zum Ergebnis, dass 17 von 30 (57%) Unternehmen einen Mikrokredit in Anspruch nehmen würden.

In Dortmund gibt es persönliche Kontakte in das Quartier. Seit 2005 wurden 274 lokale Gründungs- bzw. Unternehmensberatungen durchgeführt, zudem 607 Beratungen im Strang "Qualifizierung". Aus diesen Kontakten heraus liegen 10 Kreditanfragen vor.

Im Rahmen des Offenbacher Streetworking-Ansatzes wurden bislang 77 Gespräche mit der Zielgruppe im Quartier geführt. 15 Personen (19% der Befragten) fanden das Angebot grundsätzlich interessant.

Der Bedarf nach Mikrofinanzierung in den Quartieren ist damit schlüssig belegt. Allerdings konnte dieser noch nicht in Nachfrage transformiert werden, denn in zwei von drei Modellvorhaben sind Kredite noch gar nicht verfügbar. Hier ist die erste Herausforderung, der Strukturaufbau, noch nicht bewältigt. Aber auch wenn die Struktur steht, ist die Kreditvergabe kein Selbstläufer. Es bedarf eines niederschwelligen Kreditproduktes und eines offensiven "Vertriebs" im Quartier.

Mikrofinanzierung als politischer Prozess


Damit Mikrofinanzierung im Quartier funktioniert, sind zunächst Rahmenbedingungen zu schaffen:

  • Sicherstellung des Haftungskapitals
  • Aufbau eines lokalen Projektes mit regionalen Partnern
  • Deckung der Prozesskosten

Mikrofinanzierung als Instrument der Stadtentwicklung ist in Deutschland noch "Neuland". Daher ist es plausibel, dass der Aufbau einer lokal verankerten Struktur der Mikrofinanzierung Zeit braucht: Es ist aufwändig, das lokal notwendige Netzwerk zu mobilisieren, den Kredit institutionell zu verankern, die notwendigen Kooperationsverträge zu schließen und die Haftung zu organisieren. Zudem ist es eine Herausforderung, das Kreditprodukt und die Ansprache der Zielgruppe hinreichend niederschwellig zu gestalten.

Aber: In politischen Prozessen müssen Erfolge schnell und plakativ erkennbar sein, damit die politischen Promotoren nicht unglaubwürdig werden - ganz unabhängig von der Sachlage. Hieraus ergibt sich ein Spannungsfeld.

Es wird sich zeigen, ob dieses Spannungsfeld im Rahmen der Projektlaufzeit noch aufgelöst werden kann und in wieweit Kredite vergeben werden können.

Zusatzinformationen

Logo  Experimenteller Wohnungs- und Städtebau

Kontakt

Dr. Peter Jakubowski
Referat I 5 - Verkehr und Umwelt

Tel.: +49 228 99401-2150
peter.jakubowski@bbr.bund.de

Zum Projekt

Weitere Infos



Diese Seite:

© Copyright by BBR. Alle Rechte vorbehalten.