Navigation und Service

Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere

Veranstaltungsdokumentation

Fachveranstaltung „Impulse aus Deutschland und Europa“
am 06. November 2008 in Braunschweig

Nach zweijähriger Laufzeit des Forschungsfeldes „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“ konnten bei der zweiten fachöffentlichen Veranstaltung in Braunschweig viele positive Ergebnisse präsentiert werden. Grundlage hierfür waren nicht nur die Erfahrungen, die die 26 Modellvorhaben im Forschungsfeld in den vergangenen Jahren gesammelt haben. Im Mittelpunkt standen vor allem die Analyseergebnisse von 29 generationenübergreifenden Nachbarschaften in Deutschland und sieben europäischen Fallstudien. Insgesamt besuchten 230 Teilnehmer aus Kommunen, Politik, Verbänden der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, Stiftungen, gemeinnützigen Trägern sowie Planungsbüros unterschiedlicher Fachrichtungen die Veranstaltung.

Impulse aus Europa und Deutschland

Mit einer Einführung in das Thema „Stadtquartiere für Jung und Alt – eine internationale Pionieraufgabe“ eröffnete der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin MdB Ulrich Kasparick die Veranstaltung. Kasparick verdeutlichte die politische Relevanz der demografischen Entwicklung auf die Handlungsebene Stadtquartier und wies auf die Chancen hin, die sich durch die Stärken und Potenziale unterschiedlicher Altersgruppen und das Miteinander der Generationen im Quartier für die zukünftige Stadtentwicklung ergeben. Er betonte, dass mit dem Zusammenbringen verschiedener Gruppen und Akteure, die sonst wenig oder nichts miteinander zu tun haben, auch Spannungen und Widersprüche zu Tage treten werden. Gerade in solchen Reibungsflächen sieht er aber eine wichtige Quelle für Innovationen in den Projekten.

Ulrich Kasparick, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Ulrich Kasparick, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Quelle: empirica

Im Anschluss begrüßte Wolfgang Zwafelink, Stadtbaurat der Stadt Braunschweig, die Besucher der Veranstaltung und stellte das Modellvorhaben „St. Leonhards Garten“ der Stadt Braunschweig vor. Für das Areal des Stadtbahndepots ist ein generationenübergreifendes Wohnquartier geplant. Dies geschieht auf Grundlage des „Universal Design“, einer Planungsmethodik, mit der ein für Jung und Alt nutzbarer Wohnungs- und Städtebau entstehen soll. Professor Dr. Johann Jessen vom Städtebau-Institut der Universität Stuttgart gab im Anschluss einen Überblick über Strategien und Maßnahmen in den europäischen Nachbarländern. Diese sind das Ergebnis eines Sondergutachtens, das im Rahmen des Forschungsfeldes in Auftrag gegeben wurde. Analysiert wurden zwölf Fallbeispiele in sieben Ländern. Entsprechend des interdisziplinären Forschungsansatzes standen die drei Themenschwerpunkte Wohnen, Gemeinschaftseinrichtungen und urbane Freiräume im Mittelpunkt der Untersuchungen.

Prof. Dr. Johann Jessen  Prof. Dr. Johann Jessen Quelle: empirica

Die europäische Praxis – drei Fallstudien

Drei Fallstudien aus der europäischen Praxis wurden im Detail vorgestellt. Barbara Buser, Kantensprung AG berichtete, wie das Projekt „Gundelinger Feld“ in der Schweiz nach Schließung einer Maschinenfabrik durch eine Initiativgruppe aus dem Quartier entstanden ist. An diesem Beispiel wurde deutlich, dass bürgerschaftliches Engagement nötig ist, um weitgehend ohne Fördermittel ein Quartierszentrum zu errichten, das sich durch die Nutzungen selber trägt. 

Sandra Schluchter zeigte, wie es in Hoogvliet, einem benachteiligten Stadtteil von Rotterdam, gelungen ist, einen attraktiven Kristallisationspunkt über die Bündelung von Aktivitäten – u.a. Festivals – verbunden mit der Gestaltung eines neuen Freizeit- und Erholungsparks und eines Kulturzentrums zu schaffen. Die Strategie, mit dem Park und dem Kulturzentrum bestehendes Engagement von Wohnungsunternehmen, Vereinen und Schlüsselpersonen an einem Ort zu konzentrieren, ist auch über die Planungs- und Realisierungsphase hinaus erfolgreich: Heute wird der Park vielseitig genutzt und organisiert sich ohne das ursprünglich verantwortliche professionelle Organisationsteam. 

Dr. Karen Kienzl-Plochberger demonstrierte mit dem Fallbeispiel Sargfabrik aus Wien, wie auf Basis einer privaten Initiative ein Wohnprojekt in Kombination mit wohnungsnahen und quartiersbezogenen Angeboten realisiert werden konnte. Das Wohnprojekt hat durch Angebote wie Kulturhaus, Seminarräume, Kindergarten, Badehaus sowie Restaurant positive Auswirkungen auf das gesamte Quartier. Für die deutsche Praxis ist besonders die Tatsache interessant, dass die private Initiativgruppe als Verein Grundeigentümer, Bauherr, Betreiber und Vermieter ist.

Die anschließende Diskussion unter der Leitung von Sabine Rheinhold machte deutlich, dass sich der Blick über den Tellerrand lohnt. Auch wenn die Fallbeispiele abhängig von den länderspezifischen Rahmenbedingungen zum Teil sehr individuelle Lösungen zur Schaffung generationenübergreifender Stadtquartiere entwickelt haben, wurden in Bezug auf Beteiligungsverfahren sowie Organisations- und Trägerstrukturen innovative Anregungen gegeben.

Plenum im Kongresssaal der IHK Braunschweig                                                                                                                      Plenum im Kongresssaal der IHK Braunschweig Quelle: empirica

Generationenübergreifende Nachbarschaften – Innovationen in Deutschland

Nach der Darstellung der Rahmenbedingungen im europäischen Ausland und Präsentation guter Beispiele standen im weiteren Verlauf der Veranstaltung die nationalen Ergebnisse aus dem Forschungsfeld im Mittelpunkt. Seit 2006 wurden insgesamt 30 Fallstudien durch die mit der Beleitforschung beauftragten Büros plan zwei, bgmr und empirica begleitet und analysiert. Die Ergebnisse wurden entsprechend der Themenschwerpunkte Gemeinschaftseinrichtungen im Quartier, Urbane Freiräume und Attraktives Wohnen im Quartier dargestellt.

Dr. Klaus Habermann-Nieße (plan zwei Stadtplanung und Architektur) berichtete aus dem Themenfeld Gemeinschaftseinrichtungen. Das Forschungsfeld verdeutlicht, dass Gemeinschaftseinrichtungen in den Stadtteilen zum Kristallisationspunkt der Quartiersentwicklung werden können, wenn sie sich zu einem mehrdimensionalen und offenen Netzwerkknoten im Stadtteil entwickeln. Sie erreichen diese Bedeutung, wenn sie der Förderung von Nachbarschaft und der Integration dienen, Beratungs- und Bildungsangebote vor Ort sicherstellen, Kultur- und Freizeitangebote im Stadtteil anbieten, haushaltsnahe Dienstleistungen entwickeln und Raum für Selbstorganisation ermöglichen. Werden diese Angebotsformen erreicht, liefern Gemeinschaftseinrichtungen einen zentralen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von Stadtquartieren.

Dr. Carlo Becker (bgmr Landschaftsarchitekten) stellte im Themenschwerpunkt „Urbane Freiräume“ fest, dass dessen Bedeutung in den Stadtquartieren als Orte der gesellschaftlichen Interaktion und als Bühne der Stadtgesellschaft mit dem demografischen Wandel zunimmt. Zeitgemäße urbane Freiräume erfordern neben einem neuen Aufgabenverständnis in der Gestaltung, Pflege und Unterhaltung auch die verstärkte ressortübergreifende Kooperation in der kommunalen Verwaltung. Vielfach entstehen Freiräume im Stadtquartier in einem offenen, dialogorientierten Prozess mit den Bewohnern und mit weiteren Akteuren im Quartier. Ein wichtiges Handlungsfeld ist, solche Planungs- und Aneignungsprozesse programmatisch anzuregen und zu befördern. Eine professionelle Beratung und Moderation durch die Stadt und die Träger hat sich hierbei bewährt.

Dr. Marie Therese Krings-Heckemeier (emprica AG) legte den Schwerpunkt bei ihrer Präsentation der 10 Fallstudien im Themenschwerpunkt „Attraktives Wohnen im Quartier“ auf die Frage der Übertragbarkeit. Abhängig von den Rahmenbedingungen im Quartier sind unterschiedliche Konzeptionen (z.B. Umstrukturierung des Quartiers, Familienverbund im Quartier, gemeinschaftlich orientierte Wohnprojekte) realisierbar. Anhand der Fallstudien wurden Hemmnisse aber auch Erfolge in Bezug auf Bautypologie, Trägerschaft und Rechtsfragen aufgezeigt, die anderen Initiatoren (Kommunen, Wohnungsunternehmen, private Initiativen, Bauträger, etc.) als Orientierung dienen können.

Die detaillierten Ergebnisse der Fallstudienuntersuchungen wurden in den Heften Werkstatt:Praxis 59 bis 61 dokumentiert. Nach dem ergebnisorientierten Überblick der Forschungsassistenz wurden im Anschluss drei Fallstudien mit erfolgreichen Strategien zur Entwicklung von generationenübergreifenden Quartieren vorgestellt.

Der Vortrag „Wir fürs Quartier: Haus im Viertel Bremen“ von Ursula Schnell, Bremer Heimstiftung, verdeutlichte, wie die Bremer Heimstiftung es erreicht hat, ein Angebot des Betreuten Wohnens im Quartier so zu öffnen, dass das „Haus am Viertel“ und die Dienstleistungen vom gesamten Quartier angenommen werden. Insbesondere das Café gilt als Kristallisationsort für alle Generationen. Es wird von einem Verein betrieben, dem Mieter des Hauses, Nachbarn, Freunde und Verwandte angehören.

Thomas Weyland von Org.Beratung Schulten & Weyland beschrieb in seinem Vortrag „Freiräume durch Kooperation und Netzwerkbildung in der Elberfelder Nordstadt“ welche Leistungen engagierte Bürger als Experten für ihr Quartier im Rahmen einer Platzumgestaltung in Wuppertal erbracht haben. Gleichzeitig machte er auch darauf aufmerksam, dass die Feststellung, bürgerschaftliches Engagement führe kurzfristig zu Einsparungen von Geld und Personal in der Verwaltung, ein Irrglaube ist. Allerdings werden durch die Übernahme von Verantwortung und Verstetigungen im Quartier aus seiner Sicht qualifizierte Anforderungen an die Verwaltung kommuniziert, die zu Lösungen führen, die dem tatsächlichen Bedarf im Quartier entsprechen und mit denen sich die Bewohner identifizieren. Als ein Lösungsansatz für eine höhere Autonomie im Quartier wird die Einführung von Quartiersfonds gesehen.

Sebastian Büttner von Conplan GmbH hob in seinem Vortrag „Projektsteuerung gemeinschaftlicher Wohnprojekte“ hervor, dass die frühe Einbindung der Bürger – bereits bei der Erarbeitung des Nutzungskonzeptes - unabdingbar für dessen Erfolg ist. Nur so ist garantiert, dass sich die Bewohner mit dem gemeinschaftlichen Wohnprojekt identifizieren und es später mit Leben füllen. In Lübeck wurde aber auch die Relevanz eines Projektsteuerers deutlich, um die Planung, Finanzierung und Umsetzung von rd. 60 Wohneinheiten zu organisieren. Nicht zuletzt ist ein Vorgehen Hand in Hand mit der Kommune gewünscht, um Projekte wie den Aegienhof zu unterstützen, die mit hohem Anspruch auch soziale und öffentliche Aufgaben übernehmen.

Ein erstes Fazit: Diskussion und Ausblick

In der Podiumsdiskussion am Nachmittag mit Expertinnen und Experten aus Ländern, Kommunen, Forschung, Stiftung und Planung wurden unter Moderation von Sabine Rheinhold zentrale Fragen zur Übertragbarkeit der Erkenntnisse aus den bisherigen Forschungsergebnissen diskutiert. Eine wichtige Botschaft dieser Diskussion war, dass in Zukunft vor allem über Strategien für Quartiersentwicklungen nachgedacht werden muss, die nicht von Subventionen (Bund/Land) abhängig sind. Es wurde aber deutlich dafür plädiert, dass sich das Engagement der Kommunen und Wohnungswirtschaft trotz knapper werdender Ressourcen lohnt. Das Engagement der Kommunen liegt dabei in erster Linie in der Erarbeitung von übergeordneten, integrierten Handlungskonzepten sowie in der Steuerung von (Beteiligungs-)Prozessen. Vorteile, die sich für die Kommune ergeben, sind neben der städtebaulichen Qualität insbesondere die Stabilisierung von Quartieren durch ein hohes Engagement von Bewohnern (z.B. Beteiligung bei Gestaltung und Übernahme von Verantwortung für Freiräume oder für Gemeinschaftseinrichtungen) sowie durch eine altersgemischte Nachfragegruppe (z.B. Auslastung der Infrastruktur). Es wurde ebenfalls deutlich, dass die Integration aller Altersgruppen ins Quartier im europäischen Ausland z.T. deutlich weiter geht als in Deutschland. In diesem Zusammenhang wurde von Erfahrungen aus Dänemark berichtet. Hier werden Wohnformen auch für pflegebedürftige Ältere so ins Quartier integriert, dass ein Verbleib im angestammten Quartier bis zum Lebensende möglich ist.

Dass das Thema der generationenübergreifenden Quartiersentwicklung nicht nur aus Sicht des Bundes und der Kommunen eine hohe Relevanz hat, wird auch von Studenten an der Technischen Universität in Berlin erarbeitet. Die Ergebnisse der Studenten gehen weit über die bisher praktizierten Beispiele hinaus und geben mutige Anregungen insbesondere bei visionären Formen des Zusammenlebens in den Quartieren und dem Einsatz innovativer Technologien.

Podiumsdiskussion: Britta Tornow, Prof. Elke Pahl-Weber, Heike Brückner, Ursula Pepper, Dr.  Manfred Fuhrich, Peter Busch (v. l.) Podiumsdiskussion: Britta Tornow, Prof. Elke Pahl-Weber, Heike Brückner, Ursula Pepper, Dr. Manfred Fuhrich, Peter Busch (v. l.) Quelle: empirica

Dr. Ulrich Hatzfeld (BMVBS) beschloss das Programm mit einem Ausblick zu den „Perspektiven für familien- und altengerechte Stadtquartiere“. Er forderte die Teilnehmer der Tagung auf, weiterhin den Diskurs über lebenswerte Stadtquartiere für alle Generationen zu fördern und zur Verbreitung zukunftsweisender Lösungsansätze beizutragen.

Zusatzinformationen

Logo  Experimenteller Wohnungs- und Städtebau

Kontakt

Iris Ammann
Referat II 12 - Wohnen und Gesellschaft
Tel.: +49 228 99401-1576
Stephan Willinger
Referat I 2 - Stadtentwicklung
Tel.: +49 228 99401-1275