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Suburbaner Raum im Lebenszyklus

Unter dem Einfluss veränderter gesellschaftlicher und ökonomischer Rahmenbedingungen sind in Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht mehr nur die Kernstädte von negativen Entwicklungsdynamiken wie Bevölkerungsabwanderung oder -stagnation gekennzeichnet, sondern auch suburbane Räume. Damit ist insbesondere der bebaute Raum am Rand der Kernstädte bzw. der Verdichtungsräume gemeint, bestehend aus Ein- und Zweifamilienhausgebieten und eingestreuten Reihenhäusern bzw. Punkthochhäusern sowie Industrie- und Gewerbegebieten und den Standorten des großflächigen Einzelhandels. Auch dieser Teil der Stadtlandschaft steht zunehmend unter Veränderungsdruck. Das Vorhaben untersuchte den Strukturwandel suburbaner Räume in ausgewählten Stadtregionen Deutschlands. Besonderes Gewicht wurde auf differenzierte Analysen der räumlichen und zeitlichen Entwicklungsdynamiken gelegt. Auf dieser Grundlage wurden Strategien zur Anpassung suburbaner Räume an veränderte Rahmenbedingungen benannt.
Projektlaufzeit: Dezember 2010 - März 2013

Blick auf Ränder zwischen Siedlung und LandschaftsraumRänder zwischen Siedlung und Landschaftsraum Quelle: Uwe Grützner 2011

Ausgangslage

Die suburbanen Räume haben in der jüngeren Vergangenheit zwar eine Reihe typisch urbaner Eigenschaften angenommen, wie ein vielfältiges Wohnumfeld, Standortqualität und Arbeitsmarktpotenziale; sie bleiben aber auch von negativen Begleiterscheinungen der Urbanisierung – z.B. steigender Überbauungsgrad, Flächennutzungskonflikte, wachsende Verkehrsbelastungen – nicht verschont. Insbesondere ausgelöst durch die Alterung der Nachkriegssuburbanisierungsgebiete und den feststellbaren Wandel der Wohnungs- und Grundstücksmärkte zeigen sich spezifische Anpassungszwänge und -probleme suburbaner Siedlungen. Unter veränderten demografischen Rahmenbedingungen sowie mit Blick auf künftig weiter steigende Transportkosten könnten wichtige Merkmale bzw. Konstitutionsbedingungen des suburbanen Raums (anhaltend hohe Wohn- und Gewerberaumnachfrage, Expansion der Gesamtstadt/-region, preiswerte Mobilität) in Frage gestellt sein.

Obwohl diese Probleme alles andere als neu sind, finden sie erst in jüngerer Zeit Beachtung. Dies hat vor allem mit dem laufenden Generationenwechsel im Segment der in großer Zahl in den 1960er- und 1970er-Jahren errichteten suburbanen Wohngebieten zu tun (vgl. BMVBS/BBSR 2009). Hinzu kommt die programmatisch-normative Fokussierung der Stadtplanung und Stadtforschung auf Kerngebiete und Innenstädte bzw. innenstadtnahe Räume, die dem Leitbild der europäischen Stadt deutlich näher sind als die Randräume. Entstanden aus der Entwicklungslogik der wachsenden Agglomeration, stellt der Wandel der suburbanen Räume sowohl die Stadt- und Raumforschung als auch die planenden Akteure vor neue Herausforderungen; diese wurden zwar mit Ideen wie der Zwischenstadt (Sieverts 1997) oder der Netzstadt (Jessen 1998) thematisiert. Für den strategischen Umgang mit suburbanen Standorten gibt es jedoch weder theoretische Blaupausen noch hinreichende praktische Erfahrungen, auch verglichen mit dem Umbau der Kernstädte bzw. ihrer Teilräume. Die Rahmenbedingungen sind so verschieden (etwa hinsichtlich Eigentumsverhältnissen, Dichte, städtebaulicher Struktur, Größe und Erfahrungen der betroffenen Kommunen), dass die bisher beim Stadtumbau eingesetzten Methoden nicht hinreichend sind.

Ziel des Lebenszyklus-Ansatzes ist es, die in Abhängigkeit von den jeweiligen Rahmenbedingungen zeitlich differenzierten Entwicklungsverläufe der Teilräume nachzuzeichnen und die für die verschiedenen Phasen bzw. Zyklen ausschlaggebenden Faktoren zu ermitteln. Zu diesen Phasen gehören in aller Regel Wachstum, Reife, Übergang, ggf. Resilienz, also das Vermögen, eine Abwärtsbewegung aufzuhalten oder gar eine Trendumkehr zu erreichen. Zu Zyklen entwickeln sich die Phasen dann, wenn es zwischen ihnen temporäre oder periodische Wechsel gibt, die einer bestimmten Logik folgen und durch bestimmte Faktoren und Strategien determiniert werden. Die Grundidee des Lebenszyklusmodells hat vor allem im ökonomischen Kontext Anwendung gefunden, ausgehend von der Produktlebenszyklustheorie von Vernon (1966). Der zugrunde liegende Ansatz wird noch heute in ähnlich gelagerten Kontexten angewandt, etwa bezogen auf den industriellen Lebenszyklus (Klepper 1997) oder mit Blick auf Lebenszyklen von Clustern (Menzel/Fornahl 2010).

Die klassische Untersuchung von Lebenszyklen im räumlichen Kontext wurde in der sozialökologischen Schule der soziologischen Stadtforschung ("Chicago-School") entwickelt, insbesondere durch Robert Park (1952). Sie basierte auf dem bereits 1925 in "The City" vorgelegten Verständnis von Stadt als einer Art ökologischem Lebensraum. In diesem Konzept kam den so genannten "natural areas" eine zentrale Rolle zu – städtische Teilräume bzw. Nachbarschaften, die sich durch eine spezifische Abfolge von Invasion und Sukzession von Populationen (Wohnbevölkerung) herausbilden und stetig verändern. (Diesen naturwissenschaftlichen Begrifflichkeiten verdankt die Denkrichtung der Chicago-School ihre Klassifizierung als "sozial-ökologisch"). Die Abfolge von Wachstum, Niedergang und Rückkehr zum Wachstumspfad spielte auch in den Analysen städtischer Bodenmärkte durch Homer Hoyt, einem weiteren Vertreter der Chicago-School, eine wichtige Rolle (vgl. Beauregard 2007).

Hoover und Vernon (1959) haben diese Überlegungen in ihrem Ansatz zum lebenszyklischen Wandel städtischer Nachbarschaften am Beispiel von New York City weiterentwickelt. Ihre Arbeit brachte eines der populärsten bzw. meistrezipierten Modelle dieser Art hervor. Sie haben den Wandel einer größeren Zahl städtischer Teilräume in den Kontext lebenszyklischer Veränderungen gestellt und dabei verschiedene Phasen oder Stufen identifiziert: Entwicklung, Übergang (Transition), Niedergang, Ausdünnung, Erneuerung. Der Phasenwechsel wird in diesem Modell nicht nur anhand der klassischen Indikatoren, wie Bevölkerung oder Erwerbstätigkeit, analysiert, sondern auch bezogen auf Dichte, sozialen Status oder Segregation, also die räumlich ungleiche Verteilung bestimmter Merkmale bzw. Gruppen. Selektiver Zu- und Fortzug bestimmter Bevölkerungsgruppen ist der zentrale Faktor in der Analyse von Hoover und Vernon. In der Phase der Erneuerung sind auch Elemente dessen angelegt, was später unter dem Stichwort Gentrifizierung anhaltend hohe Aufmerksamkeit erfahren sollte.

Auch Choldin et al. (1980) haben Statusveränderungen suburbaner Räume als Element lebenszyklischen Wandels untersucht. Dies führte auch hier zur These, dass suburbane Räume ähnlich wie Kernstädte nach einer Phase stetigen Wachstums in Niedergang übergehen: "Recent suburban trends imply that local socioeconomic status may not be stable. The oldest suburbs, built in the first decades of the twentieth century, now have old housing, noncompetitive business districts, and concomitant local problems. The suburban zone is absorbing many central city functions such as apartment housing and various types of employment […].” (Choldin et al. 1980, 973) Die entsprechende Analyse der zeitlichen Variation und Pfadentwicklung suburbaner Räume bleibt zunächst deskriptiv, hat noch kein eigenständiges Erklärungsvermögen. Sie bettet die verschiedenen Phasen oder Zyklen jedoch in einen größeren Kontext ein (auslösende Faktoren, lokale und regionale Rahmenbedingungen) und bezieht daraus ihren Mehrwert gegenüber einer statischen Betrachtung.

Schema zum Lebenszyklusmodell Schema LebenszyklusmodellSchema Lebenszyklusmodell Quelle: Markus Hesse 2011

Das Modell des Lebenszyklus und der Einsatz entsprechender Grundgedanken in der Stadtforschung ist weit verbreitet und wird unter gleichen oder ähnlichen Termini auch in empirischen Zusammenhängen heute noch verwendet (vgl. etwa Friedrich 2003, Bizer et al. 2008). In der wissenschaftlichen Diskussion wurde es auch einer grundlegenden Kritik unterzogen, wie die sozial-ökologische Schule insgesamt. Die differenzierte raum-zeitliche Analyse wurde als Vorteil dieser Modelle gesehen. Kritisiert wurde zugleich die stark deterministische Interpretation des räumlichen Wandels. Auch die naturalistische Sprache und Denkweise der Sozialökologie ist seit längerem Gegenstand kritischer Kommentierung; allein aus diesen beiden Gründen gelten diese Ansätze heute nicht mehr als hinreichend. So wurden im nordamerikanischen Diskurs Aussagen zur Entwicklung der Immobilienmärkte (Gotham 2006), zu Konsumentenpräferenzen (Short 1978; Clark et al. 2002) oder zur Bedeutung struktureller Faktoren, wie ökonomische Restrukturierung, eingefordert. Nachfrageseitig sind sicher auch "weiche" Faktoren wie Image oder konstruierte Identitäten zu berücksichtigen. Ein kritischer Punkt in Zyklenmodellen bleibt schließlich, warum sich wann welche Tendenzen durchsetzen und wo die berühmten "tipping points" (Gladwell 2000) liegen – also die Schwellenwerte, nach deren Überschreiten eine Trendentwicklung modifiziert wird, abbricht oder sich neu konstituiert. Diese Fragen stehen heute auch im Zentrum der Forschung unter dem konzeptionellen Dach von "Resilienz".

Schlussfolgerungen

Welche Schlussfolgerungen und weiterführenden Erkenntnisse konnten aus diesen methodologischen Überlegungen gezogen werden? Prinzipiell wurde die Annahme verfolgt, dass suburbane Räume im Zeitablauf und unter veränderten Randbedingungen ihr Entwicklungstrajekt ändern (können) – wie andere städtische Teilräume auch. Außerdem wurde davon ausgegangen, dass sie dabei Restrukturierungen erfahren, die je nach ihrer Positionierung im Lebenszyklus und je nach betrachtetem Gegenstand (Bewohner, Wohngebäude, Betriebsgebäude, Infrastrukturen) spezifisch ausfallen.

Vor diesem Hintergrund diente das Lebenszyklusmodell als konzeptionelle Richtschnur für die weitere Arbeit. Dazu wurde es aber nicht als formal rigider Erklärungsansatz verwendet, der zur Bestätigung kausal-deterministischer Annahmen über die Entwicklung der suburbanen Räume dient. Es war eine analytische Brille, mit deren Hilfe sich zentrale Eigenschaften des Forschungsgegenstandes besser erkennen ließen. Ein solches Vorgehen kann sich nicht nur als ein hilfreiches, analytisches Instrumentarium erweisen, Veränderungsdynamiken zu erkennen; ggf. können diese Dynamiken auch durch frühzeitiges, strategisches Gegensteuern beeinflusst werden. Dies setzt allerdings voraus, dass zu den einzelnen Dimensionen des lebenszyklischen Wandels hinreichende Informationen vorliegen, sodass ausgehend von der aktuellen Entwicklung die jüngeren Trajekte der einzelnen Teilräume rekonstruiert und entscheidende Ereignisse, die zur Pfadmodifikation beitragen, ermittelt werden können.

Zur Umsetzung dieses konzeptionellen Ansatzes wurde im weiteren Verlauf des Vorhabens an der Operationalisierung der Lebenszyklen gearbeitet. Dabei wurde dieser Begriff als neutraler Oberbegriff auf alle betrachteten Analysegegenstände bezogen, d.h. auch auf die "nicht-lebenden" Sachverhalte.

Die Komplexität der lebenszyklischen Betrachtung nimmt zu, wenn verschiedene Gegenstände oder Schichten, aus denen sich die jeweiligen räumlichen Analysegegenstände zusammensetzen, in ihrer Interdependenz betrachtet werden. Also wenn beispielsweise ein Schlüsselereignis (Werksschließung) zu Arbeitsplatzverlusten, selektivem Wegzug, Anpassungsdruck und infolgedessen zu nachlassendem Immobilienwert führt. Ein solcher Wirkungszusammenhang lässt sich nicht auf dem Wege kausaler Beweisführung, sondern nur über empirische Plausibilitäten herstellen. Vor diesem Hintergrund setzte sich das Untersuchungsfeld aus den folgenden Elementen zusammen:

  • Räumlicher Analysegegenstand – suburbane Wohngebiete, Gewerbegebiete, Einzelhandelsstandorte, (Sub-)Zentren, gebündelt zu Typen;
  • Phasen oder Stufen im Lebenszyklus: Aufbau, Reife, Übergang, Resilienz;
  • Schichten des lebenszyklischen Wandels: Bevölkerung (Anzahl, Lebenssituation, Alter), Gebäudebestand, Arbeitsplatzbesatz, Infrastruktur, Image, Community und Selbstorganisation.

Zielsetzung

Ziel war es, die laufenden Entwicklungen angemessen differenziert zu analysieren und daraus Ableitungen für strategische Entwicklungen vorzunehmen. Dabei wurde davon ausgegangen, dass es im Gegensatz zur landläufigen Kritik an der Suburbanisierung einen konstruktiven Umgang mit diesen Problemen geben muss. Entsprechende Ansätze waren bis dato jeweils spezifisch, in einer dem Gegenstand bzw. seiner starken Differenzierung angemessenen Weise zu suchen. Dies galt nicht nur für die große Bandbreite an räumlichen bzw. städtebaulichen Typologien, die in der Kategorie des suburbanen Raums anzutreffen sind, sondern insbesondere für die Berücksichtigung der nutzungs- oder lebenszyklischen Abschnitte im suburbanen Entwicklungstrajekt. In Abhängigkeit von Alter, sozialer Schichtung bzw. Homogenität der Standorte ergaben sich sehr unterschiedliche planerische Herausforderungen, auf die von den Verantwortlichen mit einem abgestuften, zeitlich variablen Set von Konzepten und Maßnahmen zu reagieren war.

Literatur

  • Beauregard, R. (2007): More Than Sector Theory: Homer Hoyt’s Contributions to Planning Knowledge. Journal of Planning History 6 (3), 248-271.
  • Bizer, K., Dappen, C., Deffner, J., Heilmann, S., Knieling, J. u. I. Stieß (2008): Nutzungszyklus von Wohnquartieren in Stadtregionen. Modellentwicklung. Hamburg.
  • Choldin, H., Hanson, C. u. R. Bohrer (1980): Suburban status instability. American Sociological Review 45, 972-983.
  • Clark, T., Lloyd, R., Wong, K. u. P. Jain (2002): Amenities drive urban growth. Journal of Urban Affairs 24, 493–515.
  • Friedrich, S. (2003): Umbau des Wohnens am Stadtrand. DISP 155, 38-48.
  • Gotham, K. F. (2006): The Secondary Circuit of Capital Reconsidered: Globalization and the U.S. Real Estate Sector. American Journal of Sociology 112 (1), 231-75.
  • Hoover, E. M. u. R. Vernon (1959). Anatomy of a Metropolis. Cambridge.
  • Klepper, S. (1997): Industry life cycles. Industrial and Corporate Change 6 (1), 145–181
  • Menzel, M.-P. u. D. Fornahl (2010): Cluster life cycles—dimensions and rationales of cluster evolution. Industrial and Corporate Change 19 (1), 205-238.
  • Park, R. (1952): Human Communities. Glencoe.
  • Schwirian, K. P. (1983): Models of Neighborhood Change. Annual Review of Sociology 9, 83-102.
  • Short, J. R. (1978): Residential mobility. Progress in Human Geography 2 (1), 419-447.
  • BMVBS/BBSR (2009): Strategien für Wohnstandorte an der Peripherie der Städte und in Umlandgemeinden. BBSR-Online-Publikation 38/2009. Bonn.
  • Sieverts, T. (1997): Zwischenstadt. Braunschweig/Wiesbaden.
  • Jessen, J. (1998): Stadtmodelle im europäischen Städtebau – Kompakte Stadt und Netzstadt. In: Becker, H., Jessen, J., Sander, R. (1998): Ohne Leitbild? Städtebau in Deutschland und Europa, 490-504. Stuttgart/Zürich.
  • Vernon, R. (1996): International Investment and International Trade in the Product Cycle. In: Oxford Journals. Quarterly Journal of Economics, 80 (2), 190-207. Oxford
  • Menzel, M.-P., Fornahl, D. (2010): Cluster life cycles – dimensions and rationales of cluster evolution. In: Industrial and Corporate Change 19 (1), 205-238.
  • Park, R. (1952): Human Communities. Glencoe.
  • Gladwell, M. (2000): The Tipping Point: How Little Things Can Make a Big Difference. New York.

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