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Fallstudiengestützte Expertise "Klimaanpassungsstrategien zur Überflutungsvorsorge verschiedener Siedlungstypen"

Interview

Interview mit Dr. Fabian Dosch, Projektleiter im Referat "Verkehr und Umwelt"

Dr. Fabian Dosch Dr. Fabian Dosch

Herr Dr. Dosch, Sie begleiten fachlich-wissenschaftlich die Expertise "Klimaanpassungsstrategien zur Überflutungsvorsorge" und weitere Forschungsvorhaben zum Thema. Vorsorge vor Überflutungen und vor Trockenheit – wie stark sind diese Themen kommunal verankert?

Immer häufiger sind Kommunen von kleinräumigen Starkregen mit Sturzfluten, aber auch gesamtstädtisch von längeren Trockenperioden betroffen. Das Bewusstsein in den Kommunen für eine größere Vorsorge vor Überflutung, Hitze und Trockenheit wächst zwar. Risiken zu ermitteln, zudem wenn sie transparent gemacht werden sollen, ist eine komplexe Herausforderung. Dabei gibt es bereits vielfältige Lösungen über wasserbauliche Maßnahmen hinaus. Diese übergreifenden Handlungsoptionen sind aber noch zu wenig bekannt. Auch die Umsetzung konkreter Maßnahmen kann und muss verbessert werden. Wir brauchen umsetzbare, rasch und dauerhaft wirkende Konzepte zur Vorsorge. Handlungswege müssen verkürzt, aber auch die Informationsgrundlagen verbessert werden. Zentral ist auch, die Bevölkerung noch stärker als bisher einzubinden. Denn Vorsorge kann Risiken verringern und die Freiraumqualität verbessern.

Das heißt vor allem, Risiken zu erforschen und das vorhandene Wissen besser zu kommunizieren.

Es gibt Informationen, um Klimarisiken zu bewerten. Aktuelle und bestätigte Erkenntnisse der Klimafolgenforschung gehen von einer Zunahme extremer Starkniederschläge in Deutschland aus. Auch wenn das kleinräumige Risiko durch Extremwetter bisher kaum quantifizierbar ist, lässt sich die Exposition gegenüber Witterungsextremen in bekannten Risikobereichen mindern. Anders ausgedrückt: Nachverdichtung und Bauen in bekannten Überflutungsbereichen erhöht Risiken; Wasserrückhalt in der Fläche hingegen mindert Risiken. Auch können Gefährdungspotenziale besser ermittelt und räumlich verortet werden. Hier müssen aber in den kommenden Jahren erhebliche Forschungsanstrengungen unternommen werden. So initiiert die strategische Behördenallianz von fünf Bundesoberbehörden derzeit ein gemeinsames Forschungsprojekt zur radargestützten Niederschlagsklimatologie in der vorsorgenden Raum- und Stadtplanung. In Forschungsprojekten hat das BBSR webbasierte Anwendungen entwickelt, von denen Kommunen profitieren, die aber auch für die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft von Nutzen sind, z.B. ImmoRisk, der Stadtklimalotse, der Gewerbeklimalotse oder eine Arbeitshilfe Rentabilität. Was wir auch verbessern müssen, ist der Austausch zwischen den Fachdisziplinen und die Arbeit an gemeinsamen, räumlich übergreifenden Konzepten und Maßnahmen.

Sie möchten mit dem Forschungsprojekt auch deutlich machen, dass die Anpassung an den Klimawandel nicht nur Schadensbegrenzung ist, sondern dass von Maßnahmen in den Städten und Regionen auch die Menschen profitieren.

Klimaanpassung hat zwei Seiten: Zum einen geht es natürlich darum, die Schäden so gering wie möglich zu halten und das Leben und die Gesundheit der Menschen zu schützen. Klimaanpassung ist in diesem Sinne Gefahrenabwehr. Nichts zu tun ist meist teurer, als aktive Vorsorge zu betreiben. Eines muss aber auch deutlich werden: Vorsorge bietet eine Chance, indem sie Mehrwert für die Stadtentwicklung schafft: Denn Anpassungsmaßnahmen werten Städte und deren Freiräume auf – und sie fördern die Lebensqualität. Dies gilt auch und insbesondere für die Verdunstungsleistungen und den Wasserrückhalt von Grünflächen, Dach- und Fassadenbegrünungen.

Gibt es einen Baukasten für Anpassungsmaßnahmen? Wie flexibel können die Akteure sein?

Die Hochwasserfibel vom Fachreferat "Bauen und Umwelt" des BBSR bietet konkrete Handlungshilfen zum Objektschutz und zur baulichen Vorsorge, besonders für den klassischen Hochwasserschutz. Darüber hinaus leben Strategien für die integrierte Überflutungs- und Trockenheitsvorsorge von experimentellen Lösungen: Straßen, Plätze und Grünflächen sind bislang keine geplanten Notstauräume für Starkregenabflüsse. Die Anlage von Grünflächen, die über die Verdunstung Kühlung erzeugen, entspricht nicht den konventionellen Vorstellungen von gestalteten urbanen Stadträumen. Auch Verkehr- oder Freizeitflächen können der Überflutungsvorsorge dienen. Das erfordert aber eine ressortübergreifende Zusammenarbeit in den Städten. Und möglicherweise eine sequentielle, das heißt gestaffelte Realisierung von Maßnahmen, welche die wachsenden Kenntnisse der Klimafolgenforschung neu einbezieht. Perspektivisch streben auch wir, neben Fallstudien, einen Baukasten für die Überflutungsvorsorge an, aus dem sich die Kommunen bedienen können.

Sie plädieren für integrierte Lösungen.

Ja, Überflutungs- und Trockenheitsvorsorge muss stärker als querschnittsorientierte Aufgabe in Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft verankert werden. Was nützt es, wenn Planungen nicht oder zu spät umgesetzt werden, weil Planungen unterschiedlicher Fachbereich zu wenig ineinander greifen. Gerade da setzen viele unserer Fallstudien an. Einige Städte haben bereits positive Erfahrungen mit integrierten, fachübergreifenden Konzepten auf der gesamtstädtischen oder stadteilbezogenen Ebene gesammelt. Unsere Modellkommunen haben bereits Modellrechnungen, Gefahrenkarten und Schadensbewertungen für Stadtteile erarbeitet und sind dabei, ihre Regenwassersysteme und Infrastruktur umzustellen. Neben den positiven Effekten für das Stadtklima und das Wohlbefinden in der Stadt liegen die Anreize für integrierte Lösungen vor allem darin, Ressourcen zu bündeln und Geld zu sparen. Bei der Überflutungsvorsorge ist die Siedlungswasserwirtschaft gefragt, aber erst zusammen mit geeigneten Maßnahmen der Stadtentwicklung wird sie besonders effektiv.

Muss auch der Rechtsrahmen angepasst werden?

Die Einführung des Klimaschutzes als Abwägungsbelang in das Baugesetzbuch für die Bauleitplanung hat dazu geführt, dass sich die Stadtplanung besonders beim Stadtumbau und Schaffung von Baurecht intensiver mit dem Thema auseinandersetzt. In der kommunalen Praxis wird nach Vorschriften und Normen gehandelt. Hierfür ist es notwendig, das vorhandene Regelwerk weiterzuentwickeln. Merkblätter, Leitfäden und andere Dokumente sind als Orientierungen für kommunale Akteure wichtig.

(Interview: Christian Schlag)

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Kontakt

Dr. Fabian Dosch
Referat I 6 - Stadt-, Umwelt- und Raumbeobachtung
Tel.: +49 228 99401-2160