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Lage und Zukunft der Kleinstädte in Deutschland – Bestandsaufnahme zur Situation der Kleinstädte in zentralen Lagen

Veranstaltungen

Am 21. und 22. März 2018 fand die Fachwerkstatt zum Projekt im Bundesbauministerium in Berlin statt. 34 Teilnehmende aus den Fallstudienstädten, Vertreterinnen und Vertreter der Auftraggeber, des Forschungsteams sowie weiterer Fachleute aus Wissenschaft und Praxis diskutierten zwei Tage über Probleme und Handlungsstrategien der Kleinstädte in zentralen Lagen.

Ziel der Fachwerkstatt war es, die vorliegenden Ergebnisse des Forschungsprojekts –  insbesondere die identifizierten Handlungsfelder, Herausforderungen und Lösungsstrategien der Fallstudienstädte – mit den Vertreterinnen und Vertretern der Fallstudienstädte zu reflektieren, konstruktiv weiterzuentwickeln und mit anderen Erfahrungen wie aus dem ExWoSt-Forschungsfeld „Potenziale von Kleinstädten in peripheren Lagen“ zu spiegeln.

Nach der Begrüßung durch die Auftraggeber stellte das Forschungsteam die wichtigsten Ergebnisse kurz vor. Auf Basis regionalstatistischer Analysen ließen sich vier Stadttypen sowie zur Berücksichtigung der regionalen Einbindung vier stadtregionale Entwicklungsstufen identifizieren. Die insgesamt 16 möglichen Ausprägungen weisen darauf, wie vielfältig die Kleinstädte in Deutschland sind. Knapp 60 Prozent der Kleinstädte in zentralen Lagen gehören zum Kleinstadttyp D (durchschnittlicher Typ mit teilweise leicht unterdurchschnittlicher Erreichbarkeit höherwertiger Infrastrukturen und Arbeitszentralität). Entsprechend wurden daraus die meisten Fallstudien untersucht. Die Ergebnisse einer Haushaltsbefragung in den Fallstudienstädten ergaben eine erstaunlich übereinstimmende hohe Zufriedenheit mit der Wohn- und Lebenssituation in den Kleinstädten in zentralen Lagen, wenngleich auch erhebliche strukturelle und lagebezogene Unterschiede zwischen den Kleinstädten insgesamt sowie teilweise zwischen ost- und westdeutschen Kleinstädten konstatiert werden müssen. Besonderen Handlungsbedarf erfordern in diesem Ranking Breitband-Internet, Ärzteversorgung Angebote für Kinder und Jugendliche, Polizeistationen und ÖPNV.

Im Anschluss hatten die Vertreterinnen und Vertreter der Fallstudienstädte die Gelegenheit, die besonderen Herausforderungen ihrer Städte kurz vorzustellen.

Das Forschungsteam hat insgesamt acht Handlungsfelder identifiziert, in denen die untersuchten Kleinstädte Herausforderungen und unterschiedlichen Handlungsbedarf sahen. Die Handlungsfelder wurden mit dem jeweiligen Handlungsbedarf vorgestellt und anschließend in fünf thematischen Diskussionsblöcken vertieft diskutiert.

Das Handlungsfeld „Verkehr und Erreichbarkeit/Nachhaltige Mobilität“ einschließlich der zunehmend wichtiger werdenden Anbindung an das Oberzentrum (ÖPNV/SPNV) stellt mit einem unzureichenden Nahverkehr, teils hohen Belastungen durch Durchgangsverkehre sowie fehlenden innerstädtischen Stellplatzangeboten und schlechtem Straßenzustand teils weit über den kommunalen Einflussbereich hinausgehende Herausforderungen. Dennoch versuchen die untersuchten Kleinstädte, mit Verkehrslenkung, Aufwertung des Straßenraums (Anpflanzung von Blumen und Büschen), sukzessivem Umbau und Sanierung eine Verbesserung zu erreichen. Besonders bei der Anbindung an den SPNV sind aber auch Landkreise, Länder und teils sogar der Bund gefordert, regionale Mobilitätskonzepte zu unterstützen – zumal Schienenverbindungen in Zukunft noch bedeutender werden. Zusätzlich sollte in Mobilitätskonzepten nicht nur die Schnittstellenthematik zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern in den Blick genommen, sondern auch der innerörtliche Verkehr zwischen den Ortsteilen in die Diskussion miteinbezogen werden.

Das Handlungsfeld „Wohn- und Gewerbeflächenentwicklung“ umfasst die differierenden Aufgaben, weitere Flächen im Umland der Metropolen aufgrund hoher Nachfrage und entsprechender Preissteigerungen auf dem Grundstücksmarkt für Wohnungsbau und gewerbliche Entwicklung zur Verfügung zu stellen oder zu sichern. Andererseits stehen vor allem schrumpfende Städte vor der Herausforderung, kreativ mit Wohnungs- und Gewerbeleerständen umzugehen. Die Fallstudienstädte verfolgen bereits strategische Ansätze einer aktiven Liegenschaftspolitik, interkommunalen Entwicklungsgebieten, differenzierten Monitorings sowie das Einschalten von Vermittlern/Kümmerern, um Nachfrage und Angebot zusammenzubringen. In der Diskussion wurde unterstrichen, dass Flächenengpässe nicht zur ungebremsten Flächenerweiterung führen dürften und dass Innenentwicklung durch Nachverdichtung, Konversion von Brachflächen und Lückenschließung die besseren Möglichkeiten sind. Das gilt insbesondere auch, weil sich die derzeitige Wachstumsphase absehbar wieder abschwächen wird. Bei der Wohnungsmarktentwicklung muss es zukünftig stärker um neue Wohnformen (kleine Mietwohnungen, Mehrgenerationenwohnen, temporäre Angebote, etc.) in Kleinstädten gehen. Eine innovative und bereits mehrfach duplizierte Strategie ist „Jung kauft Alt“, mit der über ein mittels eines kommunales Förderprogramm gezielt altersbedingt leerstehende oder absehbar leerstehende Wohngebäude an junge Familien vermittelt werden.

Im Handlungsfeld „Nahversorgung /Daseinsvorsorge“ sind Konzentrationstendenzen in der Nahversorgung in schrumpfenden Kleinstädten problematisch. Insbesondere die Versorgung peripherer Ortsteile ist häufig bereits nicht mehr gegeben. Zusätzlich sind Ausstattungs- und Angebotsniveaus an Bevölkerungsrückgang und -wachstum sowie altersstrukturell bedingte Nachfrageänderungen anzupassen oder in den wachsenden Kleinstädten auszubauen. Neben der Sicherung einer wohnortnahen Nahversorgung bereitet die bereits eingetretene oder absehbare medizinische Unterversorgung Kommunalpolitikern Sorgen. Einige Fallstudienstädte verfolgen trotz teils geringer kommunaler Steuerungsmöglichkeiten die alternative Strategie, ein hohes Ausstattungsniveau der wichtigsten Funktionen aufrechtzuerhalten: Nahversorger, Kitas, Grundschulen/Ganztagsschulen sowie Angebote seniorengerechter Wohnformen.

„Fachkräftemangel /Arbeitsmarkt“ ist zwar kein typisches kommunales Handlungsfeld, gilt in den untersuchten Kleinstädten jedoch teils als zentral für die weitere Stadtentwicklung. Der Handlungsbedarf ist vor allem in den industriell-gewerblich geprägten Städten hoch. Hier fehlen häufig Fachkräfte. In den Kleinstädten in den Metropolräumen ist dagegen eine Konkurrenz um gut ausgebildetes Fachpersonal in kommunalen Verwaltungen zu beobachten. In diesem Handlungsfeld wird die Stadtpolitik/Verwaltung eher als Wegbereiter und Moderator gesehen. Die Hauptakteure sind die Unternehmen selbst. In einzelnen Fallstudienstädten engagieren sich erfolgreiche Unternehmen zum Beispiel in Schulprojekten für eine bessere/erfolgreiche Bildung sowie frühzeitige Bindung potenzieller zukünftiger Arbeitskräfte an Stadt und Unternehmen. Dass Unternehmen sich aktiv an Stadtentwicklungspolitik beteiligen, ließ sich bei den Fallstudienstädten nicht beobachten. In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass sich Potenziale an Arbeitskräften und kreativen Ideen für die Stadtentwicklung generieren lassen, wenn Wirtschaft und örtlicher/ortsnahe Wissenschaft zusammengeführt werden.

Das Handlungsfeld „Innenstadtstärkung/Entwicklung Stadtzentrum“ stellt große Herausforderungen an alle Fallstudienstädte. Eine besondere Herausforderung ist die Entwicklung eines Stadtzentrums aus dezentralen Strukturen. Gewachsene Stadtzentren bei wachsenden und schrumpfenden Städten zu stärken, stellt die Kleinstädte in zentralen Lagen angesichts des rückläufigen Einzelhandels, zunehmender Leerstände und hoher Verkehrsbelastung aber ebenfalls vor Herausforderungen. Strategische Antworten sind es, den öffentlichen Raum und die Aufenthaltsqualität aufzuwerten, die Multifunktionalität zu fördern und die Wohnfunktion zu stärken. Zusätzlich werden kunden- und besucherorientierte Events (lange Nächte, Konzerte, Sportveranstaltungen) und Marketingmaßnahmen mit den Wirtschaftsakteuren realisiert.

„Ausbau regionaler/interkommunaler Kooperationen“ ist in allen untersuchten Kleinstädten ein Thema. Metropolnahe Kleinstädte sind ebenso wie zentrenfernere Kleinstädte in Verdichtungsräumen stärker auf Kooperation mit Nachbarkommunen fokussiert als auf die benachbarte Metropole oder das nächstgelegene Zentrum. Themen der Kooperationen sind neben gemeinsamen Verwaltungsämtern insbesondere interkommunale Gewerbegebiete. Für Wildau ist die Gestaltung der Siedlungsentwicklung im Umfeld des neuen Hauptstadtflughafens ein Kooperationsthema.

„Sozialer Zusammenhalt/Integration“ ist eine große Herausforderung an die Kommunalpolitik in Bezug auf die Mitnahme der Stadtgesellschaft angesichts starker Siedlungsentwicklung insbesondere in Metropolennähe. Hier gilt es, einen Interessenausgleich von „alten“ und zugezogenen Bewohnern zu organisieren. Die Integration von Geflüchteten ist in allen Kleinstädten ein Thema. Sie gelingt dort am ehesten, wo Wohnungsleerstände eine Integration im Wohnungsbestand ermöglichen und die Bevölkerung beteiligt ist. Klare Regeln können dabei die Chancen auf angemessene Wohnraumversorgung erhöhen (eine Person bekommt einen Raum, eine Familie eine Wohnung).

Im Handlungsfeld „Image/Identität/Stadtmarketing“ veranlassen vielfach die anhaltenden Veränderungsprozesse die Reflektion des städtischen Images und der bürgerschaftlichen Identität. Strategisches Ziel ist es dabei, lokalspezifische Potenziale zu identifizieren und im Stadtmarketing zu nutzen. Vielfach wird versucht, an altbewährte Traditionen (z. B. Karneval) oder die Industriegeschichte anzuknüpfen (Ofenstadt).

Als zusätzlich wichtige Handlungsfelder nannten die Teilnehmenden Digitalisierung und Internet, Industrie und Gewerbe 4.0 sowie Nachhaltigkeit/Umweltschutz/Energieeffizienz.

Die Bedeutung von bürgerorientierten/partizipativen Planungsprozessen kann aus dem ExWoSt „Potenziale von Kleinstädten in peripheren Lagen“ mitgenommen werden. Besondere Bedeutung erlangen darin Modelle der Beteiligung von Jugendlichen. Die Diskussion verdeutlichte, dass es heute darauf ankommt, zukunftsfähige Kleinstadt- und Beteiligungsstrukturen aufzubauen. Auch eine mittelfristige Finanzplanung inklusive Rücklagenbildung wurde empfohlen, stieß jedoch nicht auf die spontane Gegenliebe kommunaler Vertreter.

Die Bedeutung von Förderprogrammen zeigt sich darin, dass alle Fallstudienstädte mindestens in einem Städtebauförderprogramm aktiv sind. Sie beklagen aber auch den gestiegenen Aufwand an Bewerbung und Abwicklung bei diesen und anderen Förderprogrammen, die häufig zudem nicht kompatibel sind (Gebietsbezug, zeitlicher Rahmen, Abrechnungsmodi etc.)

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Entwicklungen von Kleinstädten in zentralen und peripheren Lagen sind zwar sehr verschieden,  dennoch werden gleiche Handlungsfelder benannt. Die Ziele von zentral und peripher gelegenen Kleinstädten sind weitgehend identisch: Kleinstädte streben lebendige, nutzungsgemischte Innenstädte an. Oft profitieren sie von landschaftlich attraktiver Lage mit hohem Freizeitwert. Die Ansätze der Fallstudienstädte im Hinblick auf Familienfreundlichkeit einerseits und Nutzung der Wissenschaft für (technologische) Innovationen andererseits sind insofern richtig. Die zunehmende Komplexität überfordert die Verwaltungen von Kleinstädten allerdings. Hier braucht es die gezielte Förderung, Beratung und Unterstützung von Wissenstransfer.

Am 26. und 27. Juni 2018 fand der Kongress „Kleinstädte in Deutschland - Urbanität. Vielfalt. Perspektiven“ in Berlin statt. Der zweite Veranstaltungstag bildete den Auftakt der Initiative „Kleinstädte in Deutschland“. An diesem zweiten Tag wurden auch die Ergebnisse aus der Studie präsentiert. Weitere Informationen >> http://www.kleinstaedteindeutschland.de/

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Kontakt

Antonia Milbert
Referat I 6 - Stadt-, Umwelt- und Raumbeobachtung
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