Navigation und Service

MORO "Regionale Landschaftsgestaltung"

Workshop

AZ 10.05.06-17.8
Protokoll des ersten Querschnittsworkshops vom 23./24. November 2017 in Potsdam

1. Begrüßung und Einführung

Herr Brenner (BMVI) begrüßte die Teilnehmenden im Namen des Forschungsgebers BMVI und wies darauf hin, dass sich BMVI und BBSR schon seit geraumer Zeit mit dem Thema Kulturlandschaften und den Prozessen des Landschaftswandels im Kontext von Raumordnung und Regionalplanung beschäftigen. Auslöser sind der beschleunigte Landschaftswandel im Zuge des Ausbaus der erneuerbaren Energien, des fortgesetzten landwirtschaftlichen Strukturwandels und des Siedlungsausbaus. Mit der Vorstudie wurden die Grundlagen zur Initiierung des Forschungsvorhabens gelegt, aus dessen Modellprojekten man sich einen bundesweiten Erkenntnisgewinn für die Steuerung und Bewältigung von Transformationsprozessen erhofft.
Frau Hartz (agl, Forschungsassistenz) stellte das Programm des ersten Workshoptages vor, das insbesondere der Vorstellung und dem Kennenlernen der beteiligten Modellprojekte gewidmet war. Dabei betonte sie die große Bandbreite der Modellvorhaben, die sowohl räumlich als auch inhaltlich eine Vielfalt an Landschaftstypen und Transformationsprozessen repräsentieren. An die Vorstellung des Programms schloss sich eine kurze Vorstellungsrunde an.

2. Zielsetzungen und Erwartungen des Fördermittelgebers

Frau Beckmann ging auf die Erwartungen des BBSR an das Forschungsvorhaben ein. Die lange Beschäftigung mit den Facetten des Landschaftswandels dokumentiert das Forschungsprojekt „(Kultur)Landschaft im Wandel“, das die Transformationsprozesse vorrangig unter den Aspekten der Erneuerbaren Energien beleuchtet. Das Modellvorhaben „Regionale Landschaftsgestaltung“ soll darauf aufbauend weitere Transformationsprozesse beleuchten, hierzu Steuerungsinstrumente und Möglichkeiten der räumlichen Planung zur Landschaftsgestaltung ausloten und innovative Ansätze erproben. Wesentlich dabei ist, übertragbare Ergebnisse für die regionale Landschaftsgestaltung zu generieren. In den bisherigen Untersuchungen wie auch der Vorstudie wurde deutlich, dass sich viele Nutzungen und Transformationsprozesse der räumlichen Planung und Steuerung entziehen. Zudem werden in der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Sektorplanungen und Planungsebenen viele Steuerungspotenziale bisher nicht genutzt.
Das Forschungsprojekt soll verschiedene inhaltliche Schwerpunkte verfolgen, die in Bezug auf die Steuerung der Transformationsprozesse vielversprechend erscheinen:

  • die Einbindung der Land- und Forstwirtschaft,
  • das Konzept der Grünen Infrastruktur mit der Integration unterschiedlicher Sektorpolitiken,
  • neue Strategien zur Qualifizierung suburbaner Landschaften,
  • Wege zur Integration technischer Infrastruktur in der Landschaft und
  • die Integration neuer Methoden der Landschaftsbildbewertung in die Raumplanung.

3. Die Erkenntnisse der Vorstudie zum Forschungsvorhaben

In einem Überblick stellte Frau Hartz die Ergebnisse der Recherchen und Expertenbefragungen aus der Vorstudie vor. Der Wandel war schon immer charakteristisch für Landschaften und Landschaftsbilder – dabei gab es durchaus auch in historischer Zeit gravierende Umbrüche der Landschaftsnutzung.
Die Geschwindigkeit und flächenhafte Verbreitung der Transformationsprozesse gerade auch in ländlichen Räumen machen den aktuellen, teilweise sehr kontroversen und emotionalen Diskurs um Landschaft und „Heimat“ jedoch nachvollziehbar. Die Entstehung mehrerer neuer infrastrukturgeprägter Landschaftstypen in den letzten zwei Dekaden und die prognostizierte Fortsetzung der Transformationsprozesse verdeutlichen die Dringlichkeit einer Steuerung und Qualifizierung dieser Entwicklung.
Dabei stehen der hohen Raumwirksamkeit des aktuellen Landschaftswandels und der Komplexität der Interessenlagen und Handlungslogiken eine geringe Substantiierung des Schutzguts Landschaft, geringe Ressourcen der Raumordnung und fehlende Strategien zur Gestaltung der Landschaft gegenüber. Aus der Vorstudie lassen sich für das Forschungsprojekt daher folgende Forderungen ableiten:

  • Mehr steuern!
  • Ästhetisch qualifizieren!
  • Intensiver kooperieren und Fachpolitiken vernetzen!

4. Vorstellung und Diskussion der Modellvorhaben

Die Modellvorhaben des Forschungsvorhabens wurden in drei Gesprächsrunden vorgestellt, die die unterschiedlichen Raumtypen widerspiegeln. die Gesprächsrunde 1 nahm die ländlichen Räume in den Fokus, während die zweite Gesprächsrunde die suburbanen Räume polyzentrischer Metropolräume zum Thema hatte. Die dritte Gesprächsrunde befasste sich mit der Landschaftsgestaltung in Ballungsräumen und im Umfeld von Metropolen.
In den Präsentationen und der anschließenden Diskussion sollte auf folgende Leitfragen Bezug genommen werden:

  • Wie verändern Transformationsprozesse die Kulturlandschaften der beteiligten Regionen?
  • Welche Schwerpunkte/ Ansatzpunkte für eine regionale Landschaftsgestaltung setzen die Modellvorhaben?
  • Welche Strategien verfolgen die Modellvorhaben in Bezug auf eine akteursorientierte Planung?
  • Welche raumordnerischen und landschaftsplanerischen Gestaltungsoptionen bieten sich in den Regionen?
  • Wo liegen Mehrwert und innovationsgehalt der jeweiligen Modellvorhaben im Rahmen des MORO?
  • Welche unterschiede lassen sich zwischen den drei Raumtypen feststellen?

Gesprächsrunde 1: Landschaftsgestaltung in ländlichen Räumen

Landschaftsgestaltung in der Mecklenburgischen Seenplatte – im Spannungsfeld von kulturellem Erbe, Schrumpfung und Energiewende

Christoph von Kaufmann (Regionaler Planungsverband Mecklenburgische Seenplatte)

Die Modellregion der Mecklenburgischen Seenplatte umfasst Landschaften sehr unterschiedlicher Prägung: den „Erbelandschaften“ des Nationalparks Müritz und der Naturparks mit hohem Waldanteil stehen die agrarisch geprägten Offenlandschaften gegenüber, die mehr und mehr von industriellen, digitalisierten Produktionsbetrieben mit sehr ausgedehnten Ackerschlägen eingenommen werden, die selbst die Dimensionen der LPGs der DDR-Epoche bei weitem übertreffen. Teile dieser Agrarlandschaft mit „weiten Horizonten“ haben sich bereits in „windenergieanlagengeprägte Landschaften“ gewandelt. Die Dörfer entwickeln sich zu reinen Wohnstandorten, während die Dynamik der umgebenden Landschaft von wenigen Akteuren und Investoren gesteuert wird. für die zentralmecklenburgische guts- und Parklandschaft als historische Kulturlandschaft besonderer Prägung stellt sich die frage der nachhaltigen Entwicklung innerhalb der landwirtschaftlichen und teilweise energieanlagendominierten Produktionslandschaft.
Mit dem demografischen Wandel und deutlichen Schrumpfungsprozessen in den Siedlungen besteht die Gefahr einer fortgesetzten Negativspirale. Die Regionalplanung hat mit dem informellen Raumentwicklungskonzept einen ersten Schritt zur Steuerung der Landschaftsentwicklung im Zusammenhang mit einer nachhaltigen Entwicklung im Hinblick auf Tourismus und Naturschutz unternommen. Das formelle Regionale Raumordnungsprogramm gibt hierfür aufgrund zu allgemeiner Formulierungen derzeit keine Hilfestellung. Gleichzeitig wird neben dem Schutz der „Erbelandschaften“ der Bedarf an landschaftlicher Qualifizierung deutlich: in den agrarisch geprägten Bereichen wächst der Widerstand gegen die dortige Konzentration unliebsamer Entwicklungen.

Resilientes Schwarzatal – Landschaftsgestaltung als STADTLAND-Prozess

Dr. Burkhardt Kolbmüller (Zukunftswerkstatt Schwarzatal e.V.)

Das Schwarzatal stellt eine tradierte, dünn besiedelte Erholungslandschaft dar, deren wirtschaftliche Grundlagen nach der Wiedervereinigung weitgehend zusammengebrochen sind. Dies drückt sich trotz einiger innovativer Ansätze durch gravierenden demografischen Wandel, Verwahrlosung der Ortsbilder und Leerstand, eine fragile Landwirtschaft und einen Rückzug der am öffentlichen Interesse orientierten Forstwirtschaft aus. Damit verschärfen sich zunehmend auch die Probleme der Daseinsvorsorge, aber auch mit der „Heimat“ als Identitätsanker. Die geplante Verwaltungsreform kann die Region politisch noch weiter auseinander fallen lassen.
Der Abwärtsspirale der sozialen und landschaftlichen Entwicklung und dem Gefühl der „doppelten Vernachlässigung“ soll durch innovative Projekte und initiativen begegnet werden, die eine Belebung der Stadt-Land-Beziehung, die Eröffnung von Möglichkeitsräumen für neue (auch temporäre) Stadtflüchtlinge („Landlust“) und die Reaktivierung der „Sommerfrische“ mit neuen Kontexten zum Ziel haben. Über ein kooperatives Wettbewerbsverfahren
sollen in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren zukunftsorientierte Landschaftsbilder und eine „Marke“ für das Schwarzatal entwickelt werden, die über Pilotprojekte mit leben gefüllt werden. dabei ist der städtische Blick auf die ländliche Region durchaus erwünscht.
Die Zukunftswerkstatt Schwarzatal stellt dabei die Kooperation der regionalen/lokalen Akteure sicher, während die IBA Thüringen die konzeptionelle und finanzielle Umsetzung des Projektes unterstützt.

Diskussion

Im Vergleich der beiden ländlichen Modellvorhaben zeigt sich, dass in ländlichen Räumen sehr unterschiedliche Problemstellungen und Lösungsstrategien vorkommen können. im Schwarzatal steht die Organisation von Landschaft(sgestaltung) als Gemeinwesenprojekt – auch im stadtland-Kontext – im Vordergrund. Solidarische Landschaftsentwicklung, die Gründung neuer Gemeinschaften auf dem Land, die Wiederbelebung des Kulturerbes und die Neuerfindung der Sommerfrische als Verbindung von Erholung und arbeiten können hierbei Impulse setzen. Offen bleiben bei diesen Ansätzen noch die Verknüpfungen mit der Raumordnung und Regionalplanung.
Dagegen stellt sich in der Region der Mecklenburger Seenplatte die Aufgabe des „Planens im großen Format“ mit wenigen landschaftsrelevanten Akteuren mit landschaftsbestimmenden betriebswirtschaftlichen Interessen. Es wird deutlich, dass für beide Modellvorhaben jeweils regionalspezifische Ziele der Landschaftsentwicklung gefunden werden müssen.
Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel wurden die bisherigen raumplanerischen Aktivitäten und Konzepte kritisch hinterfragt, da sie die Suburbanisierung der Metropolen förderten und zumindest nicht ausreichend verhinderten, dass ländliche Räume qualitätslos zurückgelassen würden. Dem wurde gegenübergestellt, dass das Arbeitsplatzangebot in wesentlich stärkerem Maße die Wohnortwahl der Menschen beeinflusse, als raumordnerische Vorgaben.

Gesprächsrunde 2: Landschaftsgestaltung in suburbanen Räumen polyzentrischer Metropolregionen

Postindustrielle Kulturlandschaft der Metropole Ruhr

Frank Bothmann (Regionalverband Ruhr)

Der Landschaftswandel in der Metropole Ruhr wird stark vom Leitbild eines aktiven Wiederaufbaus von Landschaft in einer postindustriellen Region getragen. der von der IBA Emscherpark initiierte Landschaftsaufbau wird inzwischen vom großräumigen wasserwirtschaftlichen Umbau des Emschersystems sowie einer Hinwendung zum produktiven Park getragen, in dem die lokalen Nutzer und Akteure verstärkte Aufmerksamkeit und Hinwendung erfahren. Dabei wird einerseits auf die urbane, multifunktionale Landwirtschaft als Partner bei der Landschaftsgestaltung gesetzt andererseits soll das Engagement von Akteuren aus der Bürgerschaft geweckt werden. Dabei stellt sich für die ohnehin „flächenknappe“ Landwirtschaft häufig das Problem konkurrierender Flächenansprüche, insbesondere auch im Zusammenhang mit doppelten Flächeninanspruchnahmen landwirtschaftlicher Fläche durch Siedlung/Infrastruktur und erforderliche ausgleichs- und ersatzmaßnahmen.
Im Modellprojekt wird interkommunal die aktive Steuerung und Qualifizierung der Co-Produktion von Landschaft in einem ausgewiesenen Grünzug angegangen. Auf lokaler Projektebene soll die akteursorientierte Gestaltung und Unterhaltung eines Mitmachparks erprobt werden. Strategien für die Weiterentwicklung des Kompensationsmanagements für eine nachhaltige Landschaftsgestaltung sind der Inhalt eines gemeinsamen Workshops mit den relevanten Akteuren und den Naturschutzverwaltungen.

Landschaftskonzept 2020+ für die Metropolregion Rhein- Neckar

Dr. Claus Peinemann (Verband Region Rhein-Neckar)

Dem Regionalverband Rhein-Neckar, der sich über drei Bundesländer erstreckt, wurde als politisch verfasste Region die Aufgabe der Regionalplanung und Landschaftsentwicklung übertragen. Die wirtschaftliche Dynamik der Metropolregion mit der Oberrheinebene als europäischer Infrastrukturkorridor initiiert ein dynamisches Siedlungswachstum und den weiteren Ausbau von (Groß)Infrastrukturen. gleichzeitig verschärft sich der landwirtschaftliche Strukturwandel mit der Intensivierung der Sonderkulturen und der Ausbreitung eines landschaftsprägenden Anbaus unter Folientunneln. In den Flussauen besteht das Erfordernis zur Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen für den vorsorgenden Hochwasserschutz. das Landschaftskonzept 2020+ soll eine neue Auseinandersetzung mit Landschafts(bildern) initiieren, um in einem moderierten Prozess landschaftsbezogene Leitbilder über die Ländergrenzen hinweg festzulegen. Mit einem Akteursnetzwerk sollen künftige Anforderungen an die Landschaft gemeinsam identifiziert und Ziele für die Landschaftseinwicklung vereinbart werden, die mit Handlungsempfehlungen hinterlegt werden. Mit der Fortschreibung des Wettbewerbs „Landschaft in Bewegung“ sollen gute Beispiele der Landschaftsgestaltung stärker kommuniziert und Pilotprojekte angestoßen werden.
Über die Digitalisierung und Verbesserung der Landschaftsanalyse sollen bisher weiche Bewertungskriterien gestärkt und auch das quantitative und qualitative Landschaftsmonitoring effektiver organisiert werden. Die Erstellung eines digitalen Kulturlandschaftskatasters sowie die Entwicklung von Landschaftsstrukturmaßen geben hierzu im Landschaftskonzept 2020+ wichtige Impulse.

Diskussion

Beide Projekte verdeutlichen die breite Spannweite der Problemstellungen und Lösungsansätze in den suburbanen Räumen polyzentrischer Metropolregionen. Während die postindustrielle Metropolregion an der Ruhr den Wiederaufbau von Landschaft als generationenübergreifendes Großprojekt fortsetzt und dabei neue Partner sucht, steht mit der Metropolregion Rhein-Neckar ein in klassische Wald- und Agrarlandschaften eingebetteter Wachstumsraum mit der Rheinschiene als Verkehrskorridor im Fokus. Gemeinsam ist beiden Regionen der Bedarf zur Einbettung von Großinfrastrukturen und zur Bewältigung des Spannungsfeldes zwischen Siedlungsausbau und Landschaftsentwicklung.
In beiden Modellprojekten wird die Landwirtschaft als wichtiger Partner identifiziert. Dabei befindet sich die urbane Landwirtschaft der Ruhr aufgrund der Flächenknappheit und hoher Pachtanteile unter starkem ökonomischem Druck, während in der Region Rheinneckar vielfach die Tendenz zu weiterer Spezialisierung, Vergrößerung und Intensivierung der Bewirtschaftung in einem landwirtschaftlichen Gunstraum besteht. Über den Gewässerumbau und den Hochwasserschutz besteht das Potenzial und die Anforderung zur Verbesserung der Klimaresilienz.
Die aktive Ausgestaltung planerischer Instrumente wie das Kompensationsmanagement oder die Gestaltung von Grünzügen sind wichtige Bausteine der Projektstrategie. Dies spiegelt sich auch in der Vielfalt der akteursorientierten Ansätze wieder, die in der Modellregion Rhein-Neckar auf regionale Stakeholder fokussiert sind, während der Regionalverband Ruhr beispielhaft auch lokale aAkteursgruppen aktivieren und direkt für die Landschaftsgestaltung gewinnen will.
Der Bedarf an Landschaftsmonitoring auch auf qualitativer Ebene ist gerade in den suburbanen Räumen mit ihren vielfältigen Nutzungsinteressen und Flächenansprüchen evident. Hier will insbesondere die Region Rhein-Neckar neue Wege eines GIS-basierten Monitorings erproben.

Gesprächsrunde 3: Landschaftsgestaltung in Ballungsräumen bzw. im suburbanen Umland von Metropolen

Informelles Netzwerk der Regionalparks Brandenburg – Berlin:
Landschaftsgestaltung im Umfeld der Metropole Berlin

Sybille Lösch (Dachverband der Regionalparks in Brandenburg und Berlin e.V.)

Im Umland der stark wachsenden Metropole Berlin nimmt der siedlungsdruck insbesondere entlang der Siedlungsachsen (Siedlungsstern), aber auch im Zuge von Ansiedlung und Ausbau von Großinfrastrukturen (z.B. Flughafen Schönefeld) oder erneuerbarer Energien in erheblichem Umfang zu. Das Ziel multifunktionaler Landschaften wird aufgrund teilweise nachlaufender Planungsprozesse und zweckorientierter Erschließung meist nicht erreicht. Eine Besonderheit stellt der relativ abrupte Übergang der Metropole in eine ländlich geprägte, tendenziell schrumpfende Region dar. Entsprechend erwarten auch die Umlandgemeinden in den geplanten Freiräumen zwischen den Siedlungsachsen, an den ökonomischen Wachstumsimpulsen zu partizipieren.
Das Modellvorhaben zielt darauf ab, die Regionalparks im Umfeld von Berlin als Prozessmanager und „Dachmarke“ der Landschaftsentwicklung zu stärken. Gemeinsam mit den Projektpartnern der gemeinsamen Landesplanung und des Kommunalen Nachbarschaftsforums (sowie weiteren landschaftsrelevanten Akteuren) werden Leitbilder und Strategien zur Landschaftsentwicklung und aktiven Landschaftsgestaltung ausgearbeitet. Eine Herausforderung besteht dabei in der Verknüpfung der vorhandenen raumwirksamen Konzepte und Programme zu einer gemeinsamen Landschaftsplanung.
Die Erstellung von Masterplänen für die beiden handlungsräume „Barnimer Feld“ und „Das Schöne Feld“ soll eine Konkretisierung der entwickelten Strategien und Handlungsfelder bis zur Maßnahmenebene ermöglichen. Über die Regional- und Landesplanung erfolgt eine Rückkopplung des informellen Planungsprozesses in die formale Landschafts- und Raumplanung. Es wurde deutlich, dass die Begleitung der Wachstumsprozesse, die Freiraumsicherung und -qualifizierung in und zwischen den Siedlungsachsen sowie die Einbettung von Großinfrastrukturen im Vordergrund steht. Dabei gilt es, im Hinblick auf die zahlreichen Planungsakteure und die Vielzahl unterschiedlicher raumwirksamer Konzepte eine anspruchsvolle Koordinations- und Moderationsaufgabe zu bewältigen.

Internationale Bauausstellung IBA Basel 2020: Grenzüberschreitende Landschaftsgestaltung im Trinationalen Eurodistrict Basel

Sonya Baron (Landratsamt Lörrach – SST Grenzüberschreitende Zusammenarbeit)

Drei unterschiedliche Planungssysteme begegnen sich in der grenzüberschreitenden Stadtregion des Großraums Basel. Als wesentliche landschaftliche Transformationstreiber lassen sich das starke Siedlungswachstum mit zahlreichen Pendlern, die Funktion Basels als Verkehrsdrehscheibe mit überlasteten Mobilitätssystemen und die Nutzung des Rheins als Schifffahrtsstraße und industrieller Transportweg hervorheben.
Eine grenzüberschreitende Strategie zur Sicherung von Landschaft und Freiräumen gab es in der Vergangenheit nicht. Mit dem Agglomerationsprogramm hat der Trinationale Eurodistrikt (TEB) ein grenzüberschreitendes Raumentwicklungskonzept vorgelegt, das auf eine integrierte Planung von Landschaft, Siedlung und Verkehr setzt. Aus der AG Raumordnung des TEB ist die IBA Basel 2020 hervorgegangen, die innovative Anstöße für eine grenzüberschreitende Kooperations- und Planungskultur setzen will. Ziel der IBA, in der drei verschiedenen Planungskulturen mit zahlreichen Akteuren verknüpft werden, ist die Realisierung von herausragenden grenzüberschreitenden Projekten zum Zusammenwachsen der Stadtregion. Mit Projekten wie 3Land (Entwicklung eines Hafenareals) und Rheinliebe (Aufwertung und Vernetzung der Rheinufer) sollen die Freiräume grenzüberschreitend qualifiziert und neue Zugänge geschaffen werden.
Im Rahmen des MORO sollen aus den Erfahrungen der IBA Basel, des Agglomerationsprogramms und des TEB die Herausforderungen der Grenzsituation, bewährte und geeignete Umsetzungswege für die aktive Landschaftsgestaltung, die „Lernkurven“ der trinationalen Projekte und Prozesse sowie die Integration in die formalen Planungssysteme der beteiligten Staaten herausgefiltert werden.

Diskussion

In beiden Modellprojekten stehen die Bewältigung des Siedlungsdrucks und die Sicherung der Freiräume innerhalb wie auch im Umfeld der Metropole im Vordergrund. Die Projekte streben eine integrierte Entwicklung von gebauter Stadt, (Verkehrs-)Infrastruktur und Landschaft an. Ziele sind demnach eine Qualifizierung und Vernetzung der Freiraumachsen sowie eine koordinierte Flächenentwicklung.
Angesichts der Flächenkonkurrenz liegt eine wesentliche Herausforderung für die zukünftige Planung darin, Multifunktionalität, die Überlagerung von Raumfunktionen bzw. das „Stapeln“ von Nutzungen zu fördern. Während in Berlin vorrangig die Kooperation der formellen und informellen Planungsträger und des Akteursnetzwerks im Umland gefragt ist, liegt in Basel der Fokus auf den Herausforderungen durch die unterschiedlichen Planungskulturen der drei Grenzländer.

5. Exkursion ins südliche Stadtumfeld von Berlin

Mit dem Bus erkundeten die Teilnehmer des Querschnittsworkshops – fachkundig geleitet und informiert von Herrn Mohn vom Landschaftspflegeverband Mittelbrandenburg – den Süden des Berliner Stadtumlands, der exemplarisch für den Landschaftswandel am Berliner Stadtrand steht.
Die erste Station an den Rieselfeldern bei Großbeeren veranschaulichte die historische Landschaftsstruktur, die ausgelöst von der industriellen Entwicklung Berlins 1881 mit dem ersten städtischen Kanalisationssystem und der Verrieselung der Abwässer auf den von der Stadt erworbenen Grundstücken angelegt wurde. Über ein Absetzbecken und ein Grabensystem wurde das Abwasser in die Rieselfeldschläge geleitet, versickert und über Drainagerohre geklärt wieder einem Vorfluter zugeführt. Der getrocknete Schlamm wurde den Landwirten als Dünger verkauft. Mit der Verrieselung und Bewässerung konnte eine erhebliche Ertragssteigerung und Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion erzielt werden. Insgesamt wurden im Umfeld Berlins zeitweise 20.000 ha in die Rieselfeldnutzung einbezogen. Mit der zunehmenden chemischen Belastung der Abwässer musste die Verrieselung letztlich 1996 aufgegeben werden.
Bis heute stellen die Rieselfelder ein kleinparzelliertes Nutzungsmosaik mit zahlreichen Hecken, Grünland, Gräben und Obstbaumreihen dar, das heute als Erholungsraum und zur Umsetzung ökologischer Kompensationsmaßnahmen dient. Die Rieselfelder von Großbeeren sind als Technikdenkmal ausgewiesen. Die Rieselfelder bilden bis heute im Umland Berlins ein charakteristisches Landschaftselement.
An der zweiten Station „Heidering“ wurde die Umnutzung der Rieselfelder durch die Ansiedlung Erneuerbarer Energien (PV- und Windkraftanlagen) veranschaulicht. Dabei wurde versucht, die Grundstruktur der Rieselfelder beizubehalten und die energetischen Nachnutzungen in Kombination mit landwirtschaftlichen Nutzungen patchworkartig zu integrieren. Dabei stellt sich auch das Problem verrieselungsbedingter hoher Bodenbelastungen mit Schwermetallen. Mit der Justizvollzugsanstalt Heidering wurde zusätzlich eine ausgezäunte öffentliche Anstalt in die Rieselfelder im Süden Berlins ausgelagert. Bei der Freiraumnutzung der PV-Anlagen stellt sich aufgrund der Einzäunung der Flächen ebenfalls das Problem der fehlenden Zugänglichkeit, gleichzeitig wirken sie als Barrieren für die Fauna. Auch die Pflege der Anlagen gestaltet sich aufwendig, da die Flächen nicht beweidet werden können (geringe Anlagenhöhe).
Ein gravierender Landschaftswandel mit der Entstehung einer Logistiklandschaft konnte an der Station 3 mit der Ansiedlung eines großflächigen Güterverkehrszentrums bei Großbeeren (GVZ mit insgesamt 440 ha, eine von drei GVZ im Umland Berlins) nachvollzogen werden. Es handelt sich überwiegend um Flachbauten, Lagerflächen und Umsetzungssysteme unterschiedlicher Logistikunternehmen. Die Flächen sind heute weitgehend belegt und von einem Grünzug durchzogen, wobei die verbindenden Elemente angesichts der Dimension der Baukörper und der Weitläufigkeit der Verkehrsachsen schwierig zu entwickeln sind. Deutlich wird die starke Überprägung der Landschaft, die eine multifunktionale Nutzung kaum zur Entfaltung kommen lässt und von einem intensiven Flächenverbrauch gekennzeichnet wird.

Der teilweise abrupte Übergang zwischen der Metropole Berlin und dem ländlich geprägten Umland wurde an Station 4 deutlich, wo die Stadtkante von Berlin-Lichtenfelde entlang des Berliner Mauerwegs sich deutlich von den offenen Ackerflächen des Umfelds abhebt. Das Merkmal der offenen Landschaft mit weiten Blicken wird hier zwar auch durch das Zusammenwachsen der Umlandorte sukzessive reduziert, doch wird versucht, die markante Trennung von Stadt und Umfeld aufrecht zu erhalten. Der Berliner Mauerweg entfaltet inzwischen eine hohe touristische Attraktivität.

6. Positionierung der Gemeinsamen Landesplanung Berlin-Brandenburg

Herr Drews (Abteilungsleiter GL) begrüßte die Teilnehmenden im Namen der Gemeinsamen Landesplanung Berlin-Brandenburg am zweiten Workshoptag und ging auf die raumordnerischen Aufgabenstellungen ein. Das Wachstum Berlins stelle die Gemeinsame Landesplanung vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig bietet die Wachstumsregion Chancen für die gemeinsame Raumplanung: Ohne eine intensive Kooperation zwischen Berlin und Umlandgemeinden sei die weitere Entwicklung der Metropole nicht mehr zu steuern. Das Leitbild der Stadtentwicklung folge entsprechend der historischen Genese dem Siedlungsstern entlang der Verkehrsachsen, was angesichts der Konkurrenz unter den Kommunen nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt. Die Freiraumachsen müssen außer dem Etikett als Erholungsraum für die Berliner weitere Qualifizierungen erfahren.
Die Gemeinsame Landesplanung hat großes Interesse an den Ergebnissen des Modellprojektes „Netzwerk Regionalparks Brandenburg – Berlin: Landschaftsgestaltung im Umfeld der Metropole Berlin“ und verspricht sich insbesondere innovative Lösungen und realistische Perspektiven für die konkrete Landschaftsgestaltung sowie die Institutionalisierung und Finanzierung von Governancestrukturen. Insbesondere das Zusammenwirken von formellen und informellen Planungsträgern und Planungsprozessen bietet erfolgversprechende Ansätze für nachhaltige Lösungen. Die Gemeinsame Landesplanung sichert dem Modellprojekt und dem MORO Forschungsvorhaben seine volle Unterstützung zu.

7. Schwerpunktthema: Landschaft – Wahrnehmung und Bewertung; Bezüge zu Identität und Heimat

Frau Hartz leitete das Schwerpunktthema im Hinblick auf den Umgang mit und die Bewertung von Landschaftsbildern, gekoppelt mit den Themen Identität und Heimat, ein. Sie erläuterte dazu vier Thesen:

  • These 1: Seit einigen Jahren werden Landschaften in ihrer Bedeutung für das natürliche und kulturelle Erbe erfasst und hierzu Grundlagen für die räumliche Planung geschaffen.
  • These 2: Landschaften sind ein maßgeblicher Faktor für Lebensqualität und Ortsverbundenheit. Dies betrifft insbesondere die „Alltagslandschaften“. In der räumlichen Planung spielen sie bislang eine untergeordnete Rolle.
  • These 3: Verfahren zur Landschaftsbildbewertung sind eine wichtige Grundlage für die räumliche Planung. Hier gibt es bislang keinen konsensfähigen „Methodenkanon“. Zudem steht die Bewertung des Landschaftswandels als Grundlage für die räumliche Planung noch am Anfang.
  • These 4: Landschaft bzw. die Wahrnehmung von Landschaft spielen eine wesentliche Rolle als „Identitätsanker“ und für das Heimatkonzept vieler Menschen. Dennoch bleibt die Auseinandersetzung mit Heimat ambivalent.

Anhand von Interviews verdeutlichte Frau Hartz, dass der Heimatbegriff individuell sehr unterschiedlich empfunden und verortet werden kann, ja teilweise überhaupt kein Ort mehr mit dem Begriff Heimat verbunden werde. Die Ambivalenz des Begriffs Heimat wird auch in einer Auswertung der Parteiprogramme zur Bundestagswahl deutlich, wo der Begriff Landschaft v.a. von den Grünen und der CDU/CSU thematisiert wird. Der Begriff der Heimat wird hingegen häufiger in den Parteiprogrammen aufgegriffen, vor allem im Kontext der Flüchtlingspolitik. Auffällig war, dass er vereinzelt auch in einem abgrenzenden Sinn, u.a. im Kontext der Verteidigungspolitik, verwendet wird.

Vortrag: Landschaft und Heimat: Vielfalt, Wahrnehmungen, Wandlungsprozesse

Dr. Erik Aschenbrand (stadt- und Regionalentwicklung der Universität Tübingen)

Herr Aschenbrand stellte zunächst die frage nach den unterschiedlichen Dimensionen des Landschaftsbezugs mit den Ebenen

• des physischen Raums,

• der Aneignung von Landschaft (die bestimmte Elemente ausblendet und andere mit neuen Deutungen versieht),

• der gesellschaftlichen Landschaft (mit der öffentlichen Wahrnehmung und Darstellung) sowie

• der individuellen Landschaft (in der alle persönlichen Kenntnisse und Vorstellungen über eine Landschaft gesammelt sind).

Dabei werden dem Begriff Landschaft zahlreiche Inhalte zugewiesen, die sich im lauf der Jahrhunderte deutlich verschoben und erweitert haben. Im Alltagsgebrauch werden mit dem Begriff Landschaft relativ verbreitete Elemente der ländlichen Landschaft wie Wälder, Wiesen oder Dörfer verbunden.
Grundsätzlich lässt sich zwischen der heimatlichen Normallandschaft, die in erster Linie vertraut ist, und der stereotypen Ideallandschaft, die als schön empfunden wird, unterscheiden. Die heimatliche Normallandschaft speist sich aus einem Grundkanon an gesellschaftlichen Vorstellungen von Landschaft sowie spezifischen Vorstellungen und emotionalen Verbindungen zum Heimatbegriff. Bei der Wahrnehmung von Heimat und Verbundenheit ist durchaus ein Wandel der Wertmaßstäbe über die Generationen hinweg erkennbar, wie sich am Beispiel der Altindustrielandschaften belegen lässt.
Dabei wird es meist als problematisch empfunden, wenn rasche, markante Veränderungen die üblichen Seherwartungen und emotionalen Verbindungen auf die vertraute Normallandschaft stören oder zu stören drohen. So lassen sich teilweise die Differenzen zwischen der allgemeinen Zustimmung zum Ausbau der erneuerbaren Energien und der wachsenden Konflikte im Zuge der konkreten Planungen beim Windkraft- und Stromnetzausbaus erklären. Der Landschaftswandel wird hier zum Problem, insbesondere, wenn keine persönliche teilhabe an den Vorteilen wahrgenommen wird. Auch im Zusammenhang mit der Rohstoffgewinnung wird diese Haltung deutlich, auch wenn der Rohstoffabbau einen traditionellen Teil vieler Kulturlandschaften darstellt und die rekultivierten Abbauflächen vielfach wieder als schön wahrgenommen werden.

Thesen

• Die heimatliche Normallandschaft bildet einen Identitätsanker und Pol der Ruhe und Dauerhaftigkeit, kann aber intergenerationell unterschiedliche Zuschreibungen erhalten. Schnelle Veränderungen werden als Verlust und Verunsicherung wahrgenommen und abgelehnt.
• Die Anforderungen an die Normallandschaft variieren nach Alter, Geschlecht und Herkunft und sind im Zeitverlauf wandelbar auf der Grundlage einer gewissen „Wertbasis“.
• Landschaft und Heimat sind Kategorien hoher gesellschaftlicher Relevanz, stellen aber keine wertfreien physischen Objekte dar.
• Die landschaftliche Perspektive kann eine Schlüsselrolle im Umgang mit Umbrüchen und Veränderungen im Raum einnehmen. Sie ermöglicht die Einbindung ästhetischer und emotionaler Zugänge und von materiellen, sozialen und individuellen Zusammenhängen. Dabei können der Landschaft je nach eigener Nutzungsperspektive sehr unterschiedliche Bedeutungen und Idealzustände zugeschrieben werden.
• Angesichts des hohen Stellenwerts der landschaftlichen Vielfalt, Eigenart und Schönheit im Bundesnaturschutzgesetz stellt sich die Frage nach Bewertungsverfahren, die sowohl die Objektebene als auch die subjektive Wahrnehmung integrieren können und damit belastbare Grundlagen für die Planung schaffen.
• Die schwierige Messbarkeit bewirkt eine Unterbewertung der Landschaft im Planungsprozess, die in diametralem Gegensatz zur gesellschaftlichen Relevanz steht. Eine Möglichkeit der Implementierung sind gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, wie sie auch im MORO Regionale Landschaftsgestaltung vorgesehen sind.

Diskussion

In der Diskussion wurde auf die Unterschiedlichkeit der Begriffe Heimat und Herkunft verwiesen. Der Begriff Herkunft leite sich stärker von der Sozialisierung und Prägung der Individuen ab. Die Heimat hingegen könne auch unabhängig von der Herkunft verortet werden. Räumliche Festlegungen für das individuelle Landschaftsempfinden sind in der Regel schwierig zu ermitteln. Das Expertenurteil allein kann diese Wahrnehmungen nicht integrieren. Die Deutung von Kulturlandschaft wird letztlich im Diskurs ausgehandelt. Dabei können Kunst und Kultur wie auch der gesellschaftliche Umgang mit bestimmten Landschaften Impulse für die Landschaftswahrnehmung und -bewertung setzen.

Vortrag: Methoden der Landschaftsbildbewertung als Grundlage für die räumliche Planung und regionale Landschaftsgestaltung

Prof. Dr. Michael Roth (Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen)

Ein 2017 veröffentlichtes Expertengutachten für das BfN arbeitet die Geschichte und aktuellen Entwicklungen im Bereich der Landschaftsbildbewertung als Planungsgrundlage auf. Der hohen planerischen Relevanz des Landschaftsbilds stehen sehr unterschiedliche Methoden der Landschaftsbildbewertung gegenüber. Sie unterscheiden sich z.B. stark hinsichtlich der Aktualität des Wissensstandes und in der konkreten Anwendung. Dies zeigt sich im Einsatz oftmals „veralteter“ Methoden der Landschaftsbildbewertung in der Planung.
Als Schlüsselfaktoren für die Qualitätssteigerung in der praktischen Anwendung wurden die Standardisierung der Bewertungsmethodik, die intensive Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis sowie eine qualifizierte Landschaftsbildbewertung in der (vorhabenbezogenen) Landschaftsplanung identifiziert.

Fallbeispiel 1: Regionale Landschaftsbildbewertung als Basis für die Planung von Windenergiestandorten

Bei einer regionalen Landschaftsbildbewertung für die Planung von Windenergiestandorten im Regionalverband Saarbrücken wurden folgende Arbeitsschritte vorgenommen:

GIS-basierte Sichtbarkeitsanalyse (Gesamtsichtbarkeit / individuell / kumulativ)
• Empirische Bewertung des heutigen Landschaftsbildes (Web-Umfrage mit 900 Fotos, 600 Teilnahmen, > 6.000 Datensätze) • gisbasierte Visualisierung der Windparks
• empirische Bewertung der Auswirkungen der WEA (Web-Umfrage)
GIS-basierte historische Landschaftsanalyse
GIS-basierte Konfliktanalyse und darauf aufbauend eine Unterstützung des Abwägungs- und Entscheidungsprozesses
Die Ergebnisse eines durchgeführten Expertenworkshops bestätigten die Annahme, dass die einzelnen Expertenurteile aufgrund ihrer Bandbreite weder repräsentativ noch belastbar sind.
Bei der Wahrnehmung der WEA-Anlagen erwies sich, dass die Anlagenhöhe ein wichtigerer Faktor ist, als die letztendliche Anzahl der Einzelanlagen. Zudem wird eine Erstanlage in einem Gebiet als störender empfunden, als der Zubau zusätzlicher Anlagen in einem Gebiet, in dem bereits Anlagen stehen. Daraus wäre die Schlussfolgerung zu ziehen, dass es für die Wahrnehmung des Landschaftswandels günstiger ist, wenige Räume konzentriert zu erschließen, als die anlagen breit zu verteilen.
Mit dem eingesetzten Verfahren wurde eine aktuelle empirische Datengrundlage geschaffen. Die Partizipation war in mehreren Verfahrensschritten gegeben, gleichzeitig wurde mit dem Verfahren eine hohe Anzahl aktiver Teilnehmer am Planungsprozess erzielt. Die Differenzierung der Anlagenstandorte in unterschiedliche Konfliktstufen ließ eine klare Priorisierung unter dem Gesichtspunkt der Veränderung der Landschaftsbildwahrnehmung zu.

Fallbeispiel 2: Bundesweite Landschaftsbildbewertung als Basis für die Stromnetzplanung

Der länderübergreifende Stromnetzausbau bedarf für die SUP zum Bundesbedarfsplan und Bundesfachplan eine belastbare, von Ländergrenzen unabhängige Inwertsetzung des Schutzguts Landschaftsbild, um eine qualifizierte Berücksichtigung in der Planung und damit eine Steuerungswirkung zu erzielen. Grundlage der bundesweiten Landschaftsbildbewertung war einerseits die reale Landschaft, die über digitale Landschaftsdaten im GIS modelliert wurde, andererseits die Wahrnehmung der Menschen, die über eine Online-Umfrage mit anschließender statistischer Analyse und Modellierung erfasst wurde. Beide Aspekte wurden GIS-gestützt zu einer Landschaftsbildbewertung zusammengefasst. Dazu wurde ein Stichprobenkonzept mit 30 Referenzräumen (25-30 Fotos je Referenzraum) angewendet.
In der Onlineumfrage mit 3.328 Teilnehmern (sozio-demografisches Panel) und 44.753 Bildbewertungen entstand die weltweit größte, bisher durchgeführte Umfrage zur Landschaftsbildbewertung
mit einer repräsentativen räumlichen und sozio-demografischen Verteilung der Teilnehmer. Die aufwendige statistische Modellierung der Sichtraumanalyse umfasst die relevanten Landschaftselemente, Landnutzungen und Landschaftsstrukturmaße in ihren Distanzzonen zum Betrachter. Diese werden in Relation zur Bildbewertung aller Umfrageteilnehmer (bezogen auf das jeweilige Bewertungskriterium) gesetzt und zu einem statistischen Modell hochgerechnet. Das Modellierungsmodell wird flächendeckend bundesweit auf ein 1km-Raster angewendet. Damit konnte eine flächendeckende GIS-basierte Bewertung des Landschaftsbildes für die Kriterien Schönheit, Eigenart und Vielfalt vorgenommen werden.
Ein Ergebnistransfer in die Planungspraxis steht noch aus. Ebenso ist die Abschichtung im Zuge nachgeordneter Planungsverfahren noch zu klären.

Thesen zur regionalen Landschaftsbildbewertung:

• Partizipation ist in allen Verfahrensschritten (Forschung, Bewertung, Planung) möglich.
• Die digitale Partizipation vergrößert die Anzahl aktiver Teilnehmer am Planungsprozess um ein Vielfaches.
• Durch GIS und einen empirischen Ansatz kann die wissenschaftliche Belastbarkeit der Analysen sichergestellt und der Dynamik des Planungsprozesses standgehalten werden
• Durch die Berücksichtigung rechtlicher Bewertungsmaßstäbe (“aufgeschlossener Durchschnittsbetrachter”) ist die Rechtssicherheit des Verfahrens und der Ergebnisse sichergestellt.
• Es kann eine regionsspezifische, aktuelle empirische Wertebasis für die Planung hergestellt werden, die auch für künftige Planungen einsetzbar ist.

Thesen zur bundesweiten Landschaftsbildbewertung:

• Eine großräumige, valide Landschaftsbildbewertung ist mit der vorgestellten Methodik möglich.
• Damit kann eine belastbare Grundlage für Beurteilung großräumiger Planungsalternativen geschaffen werden. Für regionale / lokale Fragestellungen ist die Anwendung eines differenzierteren Modelles der regionalen Landschaftsbildbewertung erforderlich.
• Die Kenntnis der Prognosegüte der Modelle in Bezug auf empirische Grundlage erlaubt die Beurteilung der Validität auf unterschiedlicher Maßstabsebene.
• Durch die Berücksichtigung rechtlicher Bewertungsmaßstäbe (“aufgeschlossener Durchschnittsbetrachter”) ist die Rechtssicherheit des Verfahrens und der Ergebnisse sichergestellt.
• Die Landschaftsbildbewertung leistet einen substanziellen Beitrag zur Findung von Trassenkorridoren.

Diskussion

Die vorgestellten Methoden zur Landschaftsbildbewertung stießen auf großes Interesse. Es wurde allerdings von einzelnen Teilnehmern in Frage gestellt, ob das Bewertungsverfahren zu aktuellen Planungsverfahren kompatibel und angesichts des damit verbundenen Aufwandes für die Planungspraxis verwendbar sei. Auch in der Perspektive für die Landschaftsgestaltung stelle sich die Frage nach der Umsetzbarkeit des Verfahrens (z.B. über eine Szenariotechnik) in der aktiven räumlichen Planung. Deshalb wird der noch ausstehende Praxistransfer mit Spannung erwartet; ein weiterer Austausch im Rahmen des MORO ist vorgesehen.
Der Bewegungsaspekt der WEA-Anlagen, oft in Kombination mit unterschiedlichen Typen und Höhen der Anlagen, spielt gerade in den flachen Offenlandschaften mit hohen Sichtbarkeitswerten eine in der Bewertung noch zu wenig berücksichtigte Faktorenkombination. Auch wurden die Bedeutung der Visualisierung und die Verbindung der Sichtbarkeitsanalyse mit qualitativ hochwertigen Blickpunkten betont. Wichtig sei die Schaffung einheitlicher Bewertungsgrundlagen.
Herr Roth wies darauf hin, dass bei den kollektiven Bewertungsverfahren ein Maßstabssprung vorzunehmen ist. Bei großräumigen Bewertungen sollte auf ein repräsentatives sozialwissenschaftliches Panel zur Bewertung zurückgegriffen werden. Bei regionalen/kommunalen Bewertungsverfahren ist die Bewertung über ortsspezifische Bewerter vorzunehmen, um die regionalen Vertrautheiten und Maßstäbe zu berücksichtigen.

8. Termine und weiteres Vorgehen

Für die nächsten Termine im MORO-Forschungsverbund wurden folgende Veranstaltungsorte festgelegt:

VeranstaltungVeranstaltungsort
Zweiter Querschnittsworkshop im Mai/Juni 2018Mecklenburger Seenplatte
(Neustrelitz)
Expertengespräch im November/Dezember 2018Regionalverband Rhein-Neckar
(Mannheim)
Themenwerkstatt zu Landschaftsgestaltung in
Grenz- und Stadtregionen im Februar 2019
Basel
Dritter Querschnittsworkshop im April 2019Schwarzatal
Abschlusstagung im Juni 2019Regionalverband Ruhr

Die konkreten Termine sollten auch im Hinblick auf zu blockierende Räumlichkeiten möglichst frühzeitig festgelegt werden.
In Bezug auf die weitere Zusammenarbeit der Modellprojekte soll auch der bilaterale Austausch zwischen den Modellvorhaben (zu gemeinsamen Fragestellungen wie z.B. Erfahrungen mit dem Kompensationsmanagement) gefördert werden. Für die Vernetzung kann gerne die Forschungsassistenz in Anspruch genommen werden.

Zusatzinformationen

  • Logo Modellvorhaben der Raumordnung - Landschaftsgestaltung

Kontakt

Gisela Beckmann
Referat I 6 – Stadt-, Umwelt- und Raumbeobachtung
Tel.: +49 228 99401-2305
Dr. Fabian Dosch
Referat I 6 - Stadt-, Umwelt- und Raumbeobachtung
Tel.: +49 228 99401-2160