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Trends und Ausmaß der Polarisierung in deutschen Städten

Ergebnisse

Zur Messung der Polarisierung in der Einkommensverteilung wurden in Anlehnung an die genutzten Definitionen im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung drei Gruppen gebildet:

  • unterer Bereich (niedrige Einkommen): Haushaltseinkommen bei weniger als 70% des Median,
  • oberer Bereich (hohe Einkommen): Haushaltseinkommen mehr als 150% des Median
  • sowie ein mittlerer Bereich dazwischen.

Einkommensschere öffnet sich

Der Befund des DIW, dass in Deutschland seit dem Jahr 2000 eine deutliche Zunahme der Einkommenspolarisierung zu beobachten ist, hat sich bestätigt: Der Anteil mittlerer Einkommen sinkt im Beobachtungszeitraum 2002-2006 von rund 64% auf knapp 60%, die Einkommensschere öffnet sich deutlich. Das gilt sowohl für Ost- als auch für Westdeutschland, allerdings ist die Intensität der Einkommenspolarisierung in Ostdeutschland höher.

Entwicklung der Einkommenspolarisierung in Deutschland 1992 bis 2006 (%)

Entwicklung der Einkommenspolarisierung in Deutschland 1992 bis 2006 (%)

Zur empirischen Überprüfung der These, dass die Intensität der Polarisierung von der industriellen bzw. tertiären Ausrichtung der Wachstumskräfte abhängt, ist eine Klassifizierung der Regionen nach dem Entwicklungsniveau (Wachstum vs.versus Schrumpfung) und der Art der Veränderung (Industrie vs.versus Dienstleistungen) vorgenommen worden. Vier Entwicklungstypen wurden unterschieden:

  • generelles Wachstum (Zunahme Industrie; Zunahme Dienstleistungen),
  • tertiäres Wachstum (Abnahme Industrie; Zunahme Dienstleistungen; positiver Gesamteffekt),
  • industrielle Schrumpfung (Abnahme Industrie; Zunahme Dienstleistungen; negativer Gesamteffekt)
  • und generelle Schrumpfung (Abnahme Industrie; Abnahme Dienstleistungen).

Es zeigt sich überall eine eindeutige Polarisierungstendenz, die Haushalte mit mittleren Einkommen verlieren durchweg an Bedeutung. Wachstum verhindert im untersuchten Zeitraum nicht Polarisierung, aber reduziert - vor allem in Verbindung mit industrieller Stabilisierung - merklich die Intensität der Polarisierungstendenzen. Umgekehrt stärken allgemeine Schrumpfungstendenzen die Bedeutung der Ränder der Einkommenshierarchie. Die Entwicklungen der Mittelwerte weisen allerdings in den zwei Wachstumstypen auf eine Verschärfung der Einkommensunterschiede zwischen den drei Haushaltsgruppen hin. Die Mittelwerte sinken jeweils in der Gruppe der Haushalte mit niedrigen Einkommen und steigen in der Gruppe der Haushalte mit hohen Einkommen. In den Regionen mit genereller oder industrieller Schrumpfung sind alle Einkommensgruppen von einem Einkommensverlust betroffen.

Konzentration niedriger Einkommen in prekären Gebieten

Zur Analyse teilräumlicher Polarisierungsprozesse innerhalb deutscher Großstädte wurden die microm-Gebietstypen anhand der Einkommensangaben im SOEP den drei Kategorien prekäre, mittlere oder gesicherte Gebiete zugeordnet. Insgesamt wird eine Konzentration der höheren Einkommen in den gesicherten Gebieten und eine fast ebenso deutliche Konzentration der niedrigen Einkommen in den prekären Gebieten erkennbar.

Das deutlichste Anzeichen für eine sozialräumliche Polarisierung ist die starke Zunahme der niedrigen Einkommen in den als "prekär" eingestuften Quartieren. Hier steigt der Anteil der niedrigen Einkommen in Westdeutschland um mehr als ein Viertel auf 30%. In Ostdeutschland ist dieser Anstieg zwar etwas geringer (22%), erreicht aber ein deutlich höheres Niveau als im Westdeutschland: Fast 40% der Bewohner in prekären Gebieten in Ostdeutschland können nur auf Niedrigeinkommen zurückgreifen.

Diese Entwicklung deutet auf einen Rückzug der Haushalte, die nicht von Einkommensarmut betroffen sind, aus den Quartieren hin, die aufgrund ihrer baulichen Situation und aufgrund der sozialen Zusammensetzung der Bewohnerschaft zu den am wenigsten attraktiven Gebieten der Städte gehören. Eine eindeutige Polarisierung auf Kosten der mittleren Quartiere kann aufgrund der vorliegenden Daten nicht festgestellt werden, aber in den von eher marginalisierten Haushalten bewohnten Quartieren zeigen sich Entmischungstendenzen, die als klare Herausforderung für eine sozial integrierte Stadt angesehen werden müssen. Die Entwicklung ist daher mit dem Begriff der Residualisierung genauer zu charakterisieren als mit dem der Polarisierung.

Dies entspricht auch den Tendenzen, die in den letzten beiden Jahrzehnten in anderen europäischen Metropolen beobachtet worden sind. Analysen zur sozialräumlichen Entwicklung von Paris, London, Kopenhagen und Zürich belegen insgesamt eine Aufwertungstendenz für die innerstädtischen Gebiete und eine zunehmende Konzentration von einkommensschwachen Haushalten in wenigen Quartieren. Zwar verdienen die unteren Einkommensgruppen nicht weniger als zu einem früheren Zeitpunkt, aber die Einkommensschere hat sich überall geöffnet, und die unteren Einkommensgruppen werden aus den Räumen der sozialen Aufwertung verdrängt. Die soziale Marginalisierung ist also tendenziell mit einer räumlichen Residualisierung und Peripherisierung verbunden.

Letzteres stimmt nicht für Berlin, die einzige Stadt in Deutschland, für die genauere Analysen zur sozialräumlichen Entwicklung vorliegen. Aufgrund des geringeren Anteils von einkommensstarken Haushalten liegen die Quartiere mit einer hohen Konzentration einkommensschwacher Haushalte im inneren Bereich der Stadt und nicht - wie in den anderen zum Vergleich herangezogenen europäischen Großstädten - in zunehmendem Maße am Rand der Stadt.

Da eine Auswertung der Daten des SOEP für Teilräume einzelner Städte wegen zu geringer Fallzahlen nicht möglich ist, wurde die Analyse durch eine Zusammenstellung und Durchsicht von Berichten ergänzt, die auf kommunaler Ebene verfasst und veröffentlicht worden sind. Die insgesamt rund 200 Berichte sind nach Zweck, Herausgeber und Inhalt äußerst heterogen, die meisten sind auf ausgewählte Zielgruppen bezogen oder thematisieren die Versorgungsdichte von sozialen Diensten. Für die derzeitige kommunale Sozialberichterstattung sind ein starker Umsetzungsbezug und eine häufige Fokussierung auf Defizitanalysen und Problemidentifikationen typisch. Unterschiedliche Indikatoren, Methoden und Gebietszuschnitte erschweren einen interkommunalen Vergleich.

Angaben zum Einkommen oder Beschreibungen über längere Zeiträume sind die Ausnahme, so dass letztlich nur für acht Städte (Berlin, Dresden, Düsseldorf, Erfurt, Gelsenkirchen, München, Stuttgart und Wiesbaden) Berichte vorliegen, die inhaltlich für die vorliegende Fragestellung relevant sind. Auffallend ist zunächst einmal, dass in den eher prosperierenden Regionen Süddeutschlands (München, Stuttgart) und in der Rheinschiene (Düsseldorf) keine zunehmenden teilräumliche Polarisierungsprozesse erkennbar sind. Die Berichte enthalten entweder keine Angaben, die auf solche Prozesse schließen lassen (Düsseldorf, Stuttgart) oder formulieren diese Aussage als Ergebnis bei der Interpretation der Daten selbst (München). Zu der Frage, ob auf gesamtstädtischer Ebene eine Einkommenspolarisierung zu beobachten ist, enthalten sie keine Angaben.

Umgekehrt lassen sich auf der Grundlage der Untersuchungen, die in den ostdeutschen Städten zu verwandten Themen angestellt worden sind oder mit deren Daten weitergehende Analysen möglich waren, teilräumliche Polarisierungen beschreiben. Dies kann als Bestätigung der bereits bei der Analyse der SOEP-Daten gemachten Beobachtung gewertet werden, dass solche Prozesse unter Schrumpfungsbedingungen intensiver verlaufen und/oder deutlicher erkennbar sind. Die Entspannung der Wohnungsmärkte lässt dort eine erhöhte Fluktuation zu, bei der relativ wohlhabende Haushalte offenbar eher die Chance ergreifen, in "milieugleiche" Umgebungen umzuziehen, als dies in angespannten Märkten möglich ist. Dies könnte heißen, dass unter den Bedingungen des wirtschaftlichen Wachstums zwar ebenfalls eine Polarisierung der Einkommen stattfindet, aber die geringe Bewegungsmöglichkeit zwischen den Wohnungsteilmärkten die "Übersetzung" der Einkommenspolarisierung in eine räumliche Polarisierung erschwert. Die gegenwärtig zu beobachtenden Entmischungstendenzen sind also vor allem auf die gesteigerten Optionen der einkommensstärkeren Haushalte bei der Wohnstandortwahl auf entspannten Wohnungsmärkten zurückzuführen.

Sollte sich der Trend zu einer Polarisierung der Einkommensverteilung fortsetzen, wird sich dies auch in den wachsenden Städten bemerkbar machen – eventuell nach dem Modell von Paris oder London, wo die einkommensschwachen Haushalte flächendeckend aus den innerstädtischen Quartieren verdrängt werden.

Zusatzinformationen

Kontakt

Jürgen Göddecke-Stellmann
Referat I 4 - Städtebauförderung, Soziale Stadtentwicklung
Tel.: +49 228 99401-2261

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