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Hidden Champions – Stabilisierungs- und Entwicklungsfaktoren von Kleinstädten in peripheren Lagen

Konzept

Forschungskonzeption

Das Projekt verknüpfte die Projektbereiche A und B und bearbeiteten Themenblöcke eng miteinander: die wirtschaftliche Rolle von Hidden Champions, ihre lokale Bedeutung und die aktive Mitwirkung dieser Unternehmen an Prozessen der Stadtplanung und -entwicklung.

Schematische Darstellung des inhaltlichen Zusammenspiels der drei Themenblöcke und zwei Forschungsbereiche des Projekts Schematische Darstellung des inhaltlichen Zusammenspiels der drei Themenblöcke und zwei Forschungsbereiche des ProjektsQuelle: Leibniz-Institut für Länderkunde 2017

Forschungsleitfragen

Im Forschungsvorhaben wurden folgende übergreifende Fragen adressiert:

  • Welchen Stellenwert besitzen Hidden Champions wie auch andere in der öffentlichen Wahrnehmung wenig bekannte Weltmarktführer oder hochspezialisierte Unternehmen in Kleinstädten für deren aktuelle und zukünftige Entwicklung?
  • Welche definitorischen und konzeptionellen Grundlagen sind für eine systematische Untersuchung von Hidden Champions im Rahmen des Forschungsprojektes notwendig?
  • Inwieweit tragen die Unternehmen zu einer positiven Entwicklung oder Stabilisierung der Kleinstädte und des jeweiligen Umlandes bei und damit zur Stabilisierung des deutschen Städtesystems und der polyzentralen Raumstruktur?

Im Projektbereich A waren zudem folgende Fragen relevant:

  • In welchen Kleinstädten in peripheren Lagen lassen sich Hidden Champions finden?
  • Was kennzeichnet diese Unternehmen?
  • Welches Potenzial an Arbeitsplätzen sowie finanziellen Ressourcen sind mit den Firmen vor Ort für die Kommunen verbunden?

Die Untersuchungen im Projektbereich B wurden von folgenden Fragen geleitet:

  • Welchen Einfluss üben die Unternehmen direkt und/ oder indirekt auf die Kleinstadtentwicklung aus?
  • Inwieweit sind die Unternehmen in das lokale und regionale Umfeld eingebettet (Sponsoring, CSR, o.ä.)?
  • In welchem Verhältnis stehen die Unternehmen mit der örtlichen Verwaltung und Bürgerschaft?
  • Inwieweit und aus welchen Gründen beteiligen sich diese Unternehmen direkt an der Stadtentwicklung vor Ort?
  • Welche Ansätze, Methoden und Instrumente lassen eine Übertragbarkeit erwarten und können in anderen Kleinstädten und von anderen Unternehmen zur stärkeren Zusammenarbeit hinsichtlich einer integrierten, robusten Stadtentwicklung genutzt werden?

Aktualisierung des Forschungsstands

Für das Gesamtprojekt erfolgte zunächst eine Aktualisierung und Aufbereitung des Forschungsstands. Hierzu konzentrierte sich das Projektteam auf zwei Aspekte: zum einen auf Hidden Champions und ihre räumliche Wirkung und zum anderen auf das Konzept der Corporate Local and Regional Responsibility, um die Bedeutung von Unternehmen in der Stadt- und Regionalentwicklung zu betrachten.

Hidden Champions

Den Begriff Hidden Champion prägte Hermann Simon in den 1990er-Jahren. Als Hidden Champions gelten kleine und mittelständische Unternehmen, die folgende Abgrenzungskriterien erfüllen:

  • Top-3-Unternehmen auf dem Weltmarkt oder Nr. 1 auf einem Kontinent für ein bestimmtes Produkt/Dienstleistung
  • Jahresumsatz unter 5 Mrd. Euro
  • geringe Bekanntheit in der Öffentlichkeit

Oftmals werden die Begriffe Hidden Champions und Weltmarktführer synonym verwendet. Der wesentliche Unterschied besteht in der Größe und im Bekanntheitsgrad der Unternehmen, die sich aus der Definition des Begriffs Hidden Champions ergeben. So ist zum Beispiel Volkswagen für bestimmte Produktsegmente zwar Weltmarktführer, aufgrund der Größe des Unternehmens, insbesondere mit Blick auf den Umsatz sowie den Bekanntheitsgrad der Marke, aber nicht als Hidden Champions einzustufen. Hidden Champions sind also als eine spezifische Gruppe von Weltmarktführern, die sich über die Größe und den Bekanntheitsgrad entsprechender Unternehmen abgrenzen lässt.

Ein wesentliches Kennzeichen von Hidden Champions ist – neben der globalen Präsenz – die oftmals enge Bindung der Unternehmen zu ihrem Stammsitz, die sich häufig aus der Firmengeschichte, der Besitzstruktur und einem engen Verhältnis zu den Mitarbeitern ergibt.

Damit verbunden ist die oftmals wichtige wirtschaftliche Rolle und eine in vielerlei Hinsicht prägende räumliche Wirkung von Hidden Champions. Diese ist insbesondere für kleinere Gemeinden und periphere Regionen hervorzuheben. Entsprechend lautet die Definition für Hidden Champions im Projekt:

"Hidden Champions sind kleine und mittelständische Unternehmen, die auf dem Weltmarkt agieren und wirtschaftlich überdurchschnittlich erfolgreich sind. Neben ihrer globalen Präsenz kennzeichnet Hidden Champions eine oftmals enge Verbindung zu ihrem Stammsitz, die sich insbesondere aus der Firmengeschichte, der Besitzstruktur und der engen Bindung von Hidden Champions zu ihren Mitarbeitern und gegebenenfalls weiteren Akteuren und Institutionen vor Ort ergibt."

Corporate Local and Regional Responsibility

Der Begriff der Corporate Local and Regional Responsibility lehnt an die Konzepte Corporate Social Responsibility (CSR) und Corporate Citizenship (CC) an. Ihnen liegt ein ganzheitliches Verständnis von Unternehmensverantwortung zugrunde, das ökonomische, ökologische und soziale Faktoren beinhaltet. CSR kann dabei sowohl im Unternehmen nach innen als auch in die Gesellschaft nach außen wirken, während CC vor allem freiwillige Initiativen, die in die Gesellschaft wirken, umfasst. Dies geschieht zumeist durch die Bereitstellung von finanziellen, personellen oder zeitlichen Ressourcen und ist in der Regel in ein breiteres Akteursgeflecht eingebettet. Darüber hinausgehend integriert das Konzept der Corporate Local and Regional Responsibility eine räumliche Komponente unternehmerischen Engagements. Explizit wird damit die Verantwortung von Unternehmen für ihr örtliches und regionales Umfeld im Sinne einer Entwicklungspartnerschaft angesprochen. Dabei ist unternehmerisches Engagement häufig mit bürgerschaftlichem Engagement verzahnt und trägt dazu bei, Unternehmen im Sinne einer integrativen und kooperativen Stadtentwicklung in strategische Prozesse und Projekte der Stadtentwicklung einzubeziehen. Die Definition im Projekt lautet entsprechend:

Corporate Local and Regional Responsibility wird in Anlehnung an Kiese und Schiek (2016) als „Entwicklungspartnerschaft zwischen Unternehmen und Region“ sowie Kommune(n) definiert, in der Unternehmen sich freiwillig beteiligen und für ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Belange des betrieblichen Umfelds engagieren. Dieses Engagement kann in unterschiedlichen Handlungsfeldern auftreten:

  • als punktuelles Engagement in Form von Geld- oder Sachspenden (Corporate Giving),
  • durch stärker projektbezogenes Engagement, bei dem zum Beispiel die Mitarbeiter für das Projekt freigestellt werden (Corporate Volunteering), oder
  • durch ein strategisch ausgerichtetes Engagement, bei dem Unternehmen sich unter anderem in Stiftungen, Bürgerinitiativen oder Regionalmanagement für die langfristige Entwicklung der Region einsetzen (Corporate Support).

Methodisches Vorgehen

In Arbeitsbereich A (quantitative Analyse) glich das Projektteam zunächst die Standorte der Hidden Champions mit den Stadt- und Gemeindetypen und dem Raumtyp Lage des BBSR (2012) ab. Dann identifizierte es Hidden Champions in Kleinstädten in peripherer Lage. Daran anschließend wurde die wirtschaftliche Rolle und Wirkung von Hidden Champions durch den Fokus auf Kernindikatoren auf Unternehmens- sowie Stadt- und Gemeindeebene betrachtet.

Übersicht zu Kernindikatoren für Unternehmen und Gemeinden
UnternehmenEinheitsgemeinden und Gemeindeverbände
  • Mitarbeiterzahl
  • Humankapital
  • Gründungsjahr
  • Pendlersaldo
  • Wirtschaftszweig
  • Demografie
  • Besitzstruktur
  • Arbeitslosigkeit
  • Gemeindesteuerkraft
Übersicht zu Kernindikatoren für Unternehmen und Gemeinden
Quellen: IfL-Datenbank zu Hidden Champions, INKAR


Auf Basis der Unternehmensindikatoren wurden die Hidden Champions zunächst charakterisiert, um darauf aufbauend dominante Typen dieser Unternehmen zu identifizieren. Neben der Einzelbetrachtung der Indikatoren zur Einschätzung der wirtschaftlichen Situation in den Kleinstädten wurden diese gleichgewichtet zu einem Index gebündelt. Hierzu wurden Punkte für die einzelnen Indikatoren vergeben (0 Punkte unteres Terzil, 1 Punkt mittleres Terzil und 2 Punkte oberes Terzil) und aufaddiert. Die Summe der Punkte (maximal 10) wurde im Anschluss durch die Anzahl der Indikatoren geteilt, sodass der Wertebereich für den Index zwischen 0 und 2 liegt (Wertebereiche für die Bewertung: 0–0,4: unterdurchschnittlich; 0,6–1,4: durchschnittlich; 1,6–2: überdurchschnittlich). Für jeden Indikator wurden die Daten zunächst auf- und absteigend in Terzile einsortiert. Die Stichprobe (alle Einheitsgemeinden und Gemeindeverbände der Kategorie Kleinstädte in Deutschland) wurde demnach in drei gleich große Teile geteilt. Die Bewertung der wirtschaftlichen Situation der Kleinstädte führte das Projektteam in Abgleich mit vier Vergleichsgruppen durch.

Bewertung der wirtschaftlichen Situation von Kleinstädten Darstellung der Vergleichsgruppen für die Bewertung der wirtschaftlichen Situation von Kleinstädten mit und ohne Hidden Champion in zentraler oder peripherer LageQuelle: eigene Darstellung 2019

Arbeitsbereich B (qualitative Analyse) untersuchte vornehmlich die Bedeutung der Hidden Champions, die über rein wirtschaftliche Bezüge zwischen Unternehmen und Kleinstädten und deren Umland hinausgehen.

Ausgehend von einem qualitativen und Akteurs zentrierten Zugang beleuchtete das Projektteam die direkte und indirekte Beteiligung von Unternehmen an Prozessen der Stadtplanung und Stadtentwicklung. In diesem Zusammenhang bestand ein explizites Interesse an den Motiven, die Unternehmen mit einer Mitwirkung wie auch möglichen Nicht-Mitwirkung verbinden, und an den direkten und indirekten Wirkungen, die sich daraus im Kontext regionaler Entwicklung, Einbettung, Prozessbeteiligung etc. ergeben.

Dazu wurden in Arbeitsbereich B drei qualitativ-explorierende, kontrastierende Einzelfallstudien erarbeitet: Finsterwalde (Brandenburg; Hidden Champion: Kjellberg-Finsterwalde), Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen; Hidden Champions: EJOT Holding GmbH & Co. KG und BSW Berleburger Schaumstoffwerk GmbH) und Marktgemeinde Schierling (Bayern; Hidden Champion: Holmer Maschinenbau GmbH).

Die Auswahl der Fallkommunen erfolgte auf Basis unterschiedlicher Kriterien. Neben der wirtschaftlichen Situation der Kleinstädte, ihrer Größe und Lage wurden auch Eigenschaften der jeweiligen Unternehmen (Besitzstruktur, Größe) berücksichtigt.

wirtschaftliche Situation der Kleinstädte
Typisierung HCsgeringØhoch
OstWest/ NordwestSüd
Typ 1-Bad Berleburg (2x)-
Typ 2Finsterwalde-Markt Schierling
Typ 3---
Typ 0---

Tabelle: Überblick zur Fallauswahl
Quelle: eigene Darstellung, 2019

Die Ergebnisse aus den Einzelfallstudien stützen sich auf leitfadengestützte Interviews, die dass Projektteam vor Ort in den Fallkommunen mit Vertretern unterschiedlicher Akteurs Gruppen (Verwaltung, Unternehmen, Zivilgesellschaft) durchgeführt hat. Mehrtägige Bereisungen boten zudem die Möglichkeit, einen tiefergehenden Eindruck zu den untersuchten Kleinstädten zu erhalten sowie Umsetzungsprojekte persönlich in Augenschein zu nehmen. Ergänzt wurde das Material durch zusätzliche Daten (z.B. durch Internetrecherchen, Dokumentanalysen). Im Anschluss an die Analysen wurden die Ergebnisse den am Forschungsprozess beteiligten Akteuren in den Fallkommunen präsentiert und gemeinsam reflektiert.

Eine Kurzbeschreibung der Fallstädte sowie der jeweiligen Hidden Champions können Interessierte als PDF-Datei herunterladen.

In einer Synopse werden die Forschungsergebnisse aus den Projektbereichen A und B abschließend zusammengeführt, sodass ein umfassender Überblick über die wirtschaftliche und räumliche Wirkung der Hidden Champions in Kleinstädten in peripherer Lage gegeben wird und als Basis für die erarbeiteten Handlungsempfehlungen dient.

Zusatzinformationen

Kontakt

Lars Porsche
Referat I 7 - Baukultur und Städtebaulicher Denkmalschutz
Tel.: +49 228 99401-2351