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Pilotprojekte Energetische Stadtsanierung

Ergebnisse

Planungswissenschaftliche Perspektive – energetische Quartierskonzepte und Sanierungsinstrument als Stadtentwicklungsinstrument betrachten und einsetzen

Ein zentrales Ergebnis der Begleitforschung ist, dass der integrierte Ansatz energetischer Quartierskonzepte eine unverzichtbare inhaltliche Grundlage für eine gelingende energetische Stadtsanierung darstellt. Quartierskonzepte können dann umfassend wirken, wenn sie erstens alle Handlungsfelder der energetischen Stadtsanierung thematisieren und zweitens die Handlungsfelder in ihrem Zusammenwirken betrachten. Energie ist dann integraler Bestandteil, aber nicht alleiniger Fokus. Um energetische Quartierskonzepte und das Sanierungsmanagement als nachhaltiges Stadtentwicklungsinstrument zu nutzen, ist es wichtig, die energetische Stadtsanierung als einen Prozess und weniger als Abfolge zweier Förderbausteine zu gestalten. Die Grundlagen für diesen Prozess werden schon mit der Vorbereitung des Förderantrags bei der KfW gelegt. Hier lassen sich Möglichkeiten zum Einbezug von Schlüsselakteuren sowie zur Verknüpfung energetischer Aspekte mit anderen Themen der Quartiersentwicklung frühzeitig eruieren. Enge Verknüpfungen mit laufenden Prozessen der Quartiersentwicklung gelangen in Pilotprojekten, die auf Städtebauförderkulissen aufsattelten, besonders gut.

Das Sanierungsmanagement hat seine Stärken für die Vorbereitung der Umsetzung von im Quartierskonzept formulierten Maßnahmen bewiesen. Es koordiniert, sensibilisiert, informiert, berät (technisch), vernetzt und vermittelt bei möglichen Interessenskonflikten. Sein wichtigstes Werkzeug: ein aus dem Quartierskonzept resultierender klarer Maßnahmenplan mit Prioritätensetzungen. Besonders wichtig war die Funktion des Sanierungsmanagements als Koordinator und Kümmerer, der die Belange der energetischen Stadtsanierung in die laufenden Prozesse der Quartiersentwicklung einbringt. Gleichzeitig zeigten sich Grenzen des Sanierungsmanagements für die Vorbereitung der Umsetzung von CO2-einsparenden Maßnahmen: Insbesondere größere Projekte privater Investoren haben ihre eigene Dynamik. Die "weichen" Einflussmöglichkeiten des Sanierungsmanagements haben eine nur eingeschränkte Wirkung im Vergleich zu allgemeinen Investitionslogiken von Akteuren. Zentral für die Handlungsfähigkeit des Sanierungsmanagements sind daher ein direkter Draht zu den Kolleginnen und Kollegen in der kommunalen Verwaltung sowie die Einbindung in Entscheidungsgremien von Schlüsselakteuren.

Beispielgebend sind hier regelmäßige gemeinsame Steuerungsrunden zwischen Vertretern der Kommune, dem jeweiligen Schlüsselakteur (z.B. Vertreter eines Energieunternehmens) und dem Sanierungsmanagement. Auch ist politischer Rückhalt – öffentlich und klar artikuliert – wichtig, um der Arbeit des Sanierungsmanagements die entscheidende Durchsetzungskraft zu geben. Gut bewährt hat sich die Rolle des Sanierungsmanagers als Lotse durch die verschiedenen Beratungs- und Fördermöglichkeiten vor Ort – im Sinne von Initialberatungen. Als weitere Aufgabenbereiche manifestierten sich die Qualifizierung lokaler Energieberater sowie der Aufbau von Beratungsnetzwerken vor Ort. Eine regelmäßige Evaluation der Arbeit des Sanierungsmanagements im Prozess ist grundlegend, um die im Konzept entwickelten Handlungsstrategien auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen.

Ingenieur- und umweltwissenschaftliche Perspektive – Energie- und klimapolitische Ziele und Effekte strategisch entwickeln

Die Entwicklung von Strategien zur Erhöhung der Modernisierungsquote auf der Quartiersebene ist ein entscheidender Ansatzpunkt, um die Klimaschutzziele des Bundes im Gebäudebestand zu erreichen. Das Dämmen und Dichten der Gebäudehülle lohnt sich langfristig nicht nur, sondern ist für das Erreichen der Klimaschutzziele sogar notwendig. In den Maßnahmenbereichen "Energetische Sanierung von Wohngebäuden" und "Effizienzsteigerung der Heiztechnik in einzelnen Gebäuden" zeigten sich die größten Umsetzungserfolge vor Ort. Die energetische Optimierung der Wärmeversorgung entfaltet auf der Ebene des Quartiers ein besonderes Einsparpotenzial. Konkrete Lösungen wurden vor allem in Quartieren entwickelt, in denen Akteure mit hoher Kooperationsbereitschaft zusammenkommen. In Zusammenarbeit zwischen Wohnungswirtschaft und Energieversorger wurden beispielsweise langfristige Strategien zur Optimierung einer vorhandenen Wärmeversorgung, basierend auf einem umfassenden Modernisierungskonzept für den Gebäudebestand, entwickelt.

Das Handlungsfeld energieeffiziente Stromnutzung hatte in den Pilotprojekten eine eher untergeordnete Bedeutung. Die Strategieentwicklung zur Einsparung elektrischer Energie blieb in den meisten Projekten auf einer abstrakten Ebene. Die Elektrizität wird bei der Mobilität und der Wärmeversorgung jedoch zukünftig eine größere Rolle einnehmen. Perspektivisch können diese Sektorkopplungen mit Speichern kombiniert werden. Das Spektrum reicht über Power to heat, bei dem das Gebäude als thermischer Speicher genutzt wird, bis zu chemischen Batteriespeichern. Die elektrische Infrastruktur eines Quartiers wird also an die weiteren Anforderungen angepasst werden müssen.

Auch das Handlungsfeld klimagerechte Mobilität spielte eine eher untergeordnete Rolle vor Ort. Hier dominierten Sekundäranalysen vorhandener, häufig gesamtstädtischer Daten. Eigene Mobilitätserhebungen und Mobilitätskonzepte gab es kaum, was mit dem zusätzlichen Arbeitsaufwand und der Mitwirkung weiterer Fachplanungsbüros im Zusammenhang stand. Der Einsatz erneuerbarer Energien stellt einen entscheidenden Ansatzpunkt zur Reduzierung von CO2-Emissionen dar. Im Verhältnis dazu wurde diesem Handlungsfeld in vielen Konzepten noch zu wenig Beachtung geschenkt. Hauptfokus war der Ausbau der Erzeugung von Solarenergie.

Als weiteres Handlungsfeld lässt sich die Förderung eines klimabewussten Verhaltens feststellen. Hier bestehen hohe Einsparpotenziale. Kreative Mitmach-Kampagnen, die Privathaushalte animieren, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, haben sich als wichtig und richtig erwiesen, um den Prozess integriert zu gestalten.

Die Erstellung der handlungsfeldübergreifenden energetischen Quartiersbilanz ist ein zentraler Baustein, um die Potenziale der energetischen Stadtsanierung im Quartier einzuschätzen. Die vor Ort eingesetzten Methoden und der Detailgrad divergierten jedoch stark. Von Vorteil kann es daher sein, in der Konzeptphase eine fortschreibungsfähige quartiersbezogene Energie-Datenbank aufzubauen. Solche oft auf GIS basierende Systeme können eine Vielzahl von Funktionen erfüllen: als Grundlage der Bestands- und Potenzialanalyse, beim Aufbau von Informationsangeboten für die Eigentümer sowie bei der Bilanzierung und Erfolgskontrolle.

Politik- und sozialwissenschaftliche Perspektive – Akteure als Motoren im Prozess und für die Umsetzung

Alle im Quartier ansässigen Akteure sind angesprochen, um den Prozess der energetischen Stadtsanierung ins Quartier hineinzutragen. Zentrale Akteure, zusätzlich zur Kommune, sind Wohnungs- und Immobilieneigentümer sowie die Energiewirtschaft. Als Multiplikatoren fungieren Verbände und Interessenvertretungen, aber auch Bildungseinrichtungen, Kirchen und soziale Träger. Ein Schulterschluss von Vertretern der Kommune, der Wohnungseigentümer und der Energiewirtschaft ist von hoher Bedeutung für den Erfolg des Quartierskonzepts. Wohnungsunternehmen und Energieversorger sind nicht nur einzeln betrachtet von Relevanz, ihre Strategien stehen oft auch in einem Wechselverhältnis. Verlässliche Planungen der Wohnungswirtschaft zur energetischen Modernisierung erleichtern beispielsweise die Optimierung der Wärmeversorgung durch die Energiedienstleister. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Akteuren erwies es sich als hilfreich, dieser möglichst frühzeitig einen formellen Rahmen zu geben (z.B. in Form von Kooperationsvereinbarungen).

Energetische Stadtsanierung benötigt mehr denn je die Akzeptanz der Anwohnerinnen und Anwohner. Die Beteiligungsverfahren zeigten sich jedoch oft reduzierter als in anderen Stadtentwicklungsprozessen. Anwohnerbeteiligung wurde im weiteren Umsetzungsprozess aber als wichtige Gelingensbedingung erkannt, Beteiligungsstrukturen wurden teilweise intensiviert. Mit der Arbeit des Sanierungsmanagements entstanden schließlich zahlreiche kreative Formen der Öffentlichkeitsarbeit und der Aktivierung. Folgende Erkenntnisse sind aus Sicht der Begleitforschung hervorzuheben:

  • Um Bewohnerinnen und Bewohner und insbesondere private Eigentümer zum Mitmachen zu motivieren, ist eine regelmäßige Präsenz des Sanierungsmanagements im Quartier hilfreich. Aufsuchende Beratung kann dabei genauso ein Instrument sein wie Fachmessen, Bürger- u. Stadtteilfeste oder mediale Präsenz.
  • Wichtig sind gute Zeitpunkte für eine Beratung (z.B. Generationenwechsel), Multiplikatoren für Erstkontakt und konkrete Informationen (z.B. durch Nutzung von Baufibeln).
  • Wichtige Weichensteller sind Beratungen über konkrete auf Eigentümer zugeschnittene Fördermaßnahmen, kostenlose Erstberatungen wurden gut angenommen.

Ökonomische Perspektive – Anreize schaffen, Finanzierungsmöglichkeiten aufzeigen und bündeln

Wirtschaftlichkeitsanalysen in den Quartierskonzepten sind als Entscheidungsgrundlage für öffentliche und private Maßnahmen unverzichtbar – jedoch mit unterschiedlichem Grad an Differenziertheit. Für die Aktivierung privater Eigentümer ist es wichtig, Orientierungswerte zu Kostenrahmen und Amortisationszeiten aufzuzeigen. Für die Zusammenarbeit mit Wohnungsunternehmen sind detailliertere Berechnungen erforderlich, die wohnungswirtschaftliche Parameter berücksichtigen. Mit Blick auf die Entwicklung von Finanzierungsmodellen zeigte sich, dass das Spektrum der vorhandenen Fördermöglichkeiten, die sich für die Umsetzung von im Quartierskonzept formulierten Maßnahmen verknüpfen lassen, sehr breit und ausreichend sind. Ergänzungsbedarf besteht bei sehr niedrigschwelligen Anreizinstrumenten, um Aktivierungserfolge bei privaten Eigentümern zu verbessern. Mit Blick auf das Potenzial von Rechtsinstrumenten zeigte sich, dass steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten gemäß § 10f EStG im Falle von förmlich ausgewiesenen Sanierungsgebieten besonders relevant für Privateigentümer sind.

Die Auswertung erfolgreich umgesetzter Maßnahmen in den Pilotprojekten zeigte, dass die Umsetzbarkeit – neben der Beurteilung der Wirtschaftlichkeit – auch von Motivationen oder Anlässen der Handelnden abhängt. So waren für viele, insbesondere kommunale Wohnungsunternehmen auch der soziale Ertrag oder der allgemeine Beitrag zur Energiewende wichtige Entscheidungskriterien. Bei Energieversorgern ging es auch darum, neue technische Lösungen zu erproben, um mittel- und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Als zentrale Strategie für die energetische Stadtsanierung wurde insofern erkannt, vorhandene Investitionsanlässe aufzugreifen und die energetische Optimierung anstehender Maßnahmen fachlich zu unterstützen.

Ausblick – Kultur der energetischen Stadtsanierung etablieren

Für die Zukunft der energetischen Stadtsanierung ist es wichtig, aus den in den KfW 432-Quartieren angestoßenen Projekten noch stärker einen Prozess des Klimaschutzes und der Energieeinsparung vor Ort zu machen. Klimaschutz und Energieeinsparung brauchen positiv-visionäre technische Ansätze und Lösungen, vor allem aber Kommunikatoren auf der Quartiers-, der Kommunal- und der Politikebene. Die energetische Stadtsanierung gibt wichtige Impulse für die Entwicklung solcher Visionen vor Ort. Zugleich aber sollte energetische Stadtsanierung "normal" sein. Nur wenn die energetische Stadtsanierung nicht on top läuft, sondern in die integrierte Stadtentwicklung eingebettet ist, die Bürgerinnen und Bürger genauso von Beginn an einbezieht wie etwa Strategien der Sozialen Stadt und der Entwicklung urbaner Grüner Infrastruktur, kann man von einer gemeinsamen Kultur der energetischen Stadtsanierung sprechen. Für die langfristige Entwicklung der energetischen Stadtsanierung als ein Beitrag zur Stadtkultur und zum städtischen Selbstverständnis ist es unabdingbar, Strukturen aufzubauen, die über die fünf Jahre des KfW-geförderten Sanierungsmanagements hinaus reichen: verankert im Alltagsgeschäft der Kommunen und selbstverständlich im Bewusstsein der Eigentümer und der Stadtgesellschaft.

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Kontakt

Wolfgang Neußer
Referat II 11 - Wohnungs- und Immobilienmärkte
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