Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Bremen, Neue Vahr: Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord

Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere - Modellvorhaben

Angaben zum Projekt
KontaktAmt für Soziale Dienste
Sozialzentrum Neue Vahr/Schwachhausen/Horn-Lehe
Wilhelm-Leuschner-Straße 27
28329 Bremen

Mail: sozialzentrum-vahr@afsd.bremen.de
Tel.: +49 421 361-19500
ProjekttypUmnutzung Waschhaus und Sparkasse sowie Öffnung und Umbau Gemeindesaal
Nutzflächeca. 535 m² (Waschhaus)
TrägerVerein
AkteureAmt für Soziale Dienste Bremen, Haus der Familie Vahr, Heilig-Geist-Kirche der Evangelischen Kirchengemein-de in der Neuen Vahr, St. Petri Kinder- und Jugendhilfe, Vacances GmbH Mobiler Sozial- und Pflegedienst, Ad-vertus GmbH & Co KG, Pflege-, Senioren- und Familiendienste, Förderwerk Bremen GmbH.
ZielgruppenQuartiersbewohner
AngebotsprofilDas Profil umfasst bei breites Spektrum von Familienhilfe über Mittagstisch bis hin zur Unterstützung Pflegebedürftiger.

Kontext

Die Großsiedlung "Neue Vahr" wurde in den 1950er und 1960er Jahren errichtet und folgt den Ideen der Gartenstadt. Sie ist monostrukturiert auf das Wohnen ausgerichtet. Seit 1999 ist die Neue Vahr Teil des Bremer Landesprogrammes WiN (Wohnen in Nachbarschaften) und des Bund-Länder-Programmes Soziale Stadt. Heute befinden sich die Gebäude in gutem baulichen Zustand, die Grün- und Freiflächen des Wohnumfeldes sind gepflegt. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GEWOBA spielt eine aktive Rolle bei der Erneuerung des Quartiers. Die Neue Vahr ist durch räumliche Barrieren in mehrere Teilbereiche geteilt. Dies sowie das negative Image der Neuen Vahr trägt zu einer sozialen Verinselung bei. Der Anteil älterer Menschen sowie von Migranten, insbesondere von Spätaussiedlern, ist vergleichsweise hoch. Weiterhin ist insbesondere die Neue Vahr Nord kaum mit Ein-richtungen der sozialen Infrastruktur versorgt. Ein Schlüsselprojekt im Rahmen der sozialen Erneue-rung in der Neuen Vahr Nord ist das "Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord".

Angaben zum Quartier
Einwohnerca. 8.000
Lage im StadtgebietÖstlicher Stadtrand
QuartierstypGroßwohnsiedlung der 1950er Jahre
SozialstrukturKinder und Jugendliche 16 %
Menschen über 65 Jahre 22 %
Einwohner mit Migrationshintergrund 54 %
Transfereinkommen 28 %
NutzungenWohnen, Einkaufen

Konzept

Das Familien- und Quartierszentrum soll dazu beitragen, die Lebenssituation der Bewohner der Vahr Nord zu verbessern und mit entsprechenden Angeboten die Generationen einander wieder näher zu bringen. Die Einflussnahme und Mitgestaltung der Bürger bei der Entwicklung von Angeboten und der Raumnutzung haben zentralen Stellenwert. Freiwilliges Engagement soll gefördert und unterstützt werden.

Das Projekt baut in verschiedener Hinsicht auf Bestehendem auf: Vorhandene Gebäude werden durch Umnutzung und Umbau zum Familienzentrum. Den Kern der neuen Einrichtung bilden Träger und Angebote, die an verschiedenen Stellen bereits im Quartier verankert sind. Die Projektpartner bringen Nutzer und Bausteine zur Finanzierung des Betriebes mit. Das Familien- und Quartierszentrum wird in drei Gebäudekomplexen angesiedelt: einem Waschhaus der GEWOBA, den ehemaligen Schalterräumen der Sparkasse Bremen und in Teilen des Gemeindezentrums der Heilig-Geist-Kirche.

Entscheidende Herausforderung bei der Umsetzung des Projektes ist die Vielzahl der Beteiligten. Zum einen müssen die Kooperationsfragen auf Ebene der drei Grundstücks- und Gebäudeeigentümer (Kirchengemeinde, GEWOBA, Sparkasse) geklärt werden. Zum anderen wird ein Trägermodell entwickelt, das die verschiedenen Beteiligten (Stadt Bremen, Kirchengemeinde, kommerzielle Anbieter sozialer Dienste) einbindet.

Finanzierung

Die Finanzierung des Baus (Kosten 1,1 Mio. Euro) erfolgt größtenteils durch die Nutzung öffentlicher Fördermittel des Bundes (Soziale Stadt) sowie der Stadt Bremen (Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales und Programm "Impulse für lebenswerte Städte"). Ein Teil der Mittel kommt von der Stiftung Wohnliche Stadt. Weiterhin steuern das kommunale Wohnungsunternehmen GEWOBA sowie die Kirchengemeinde St. Petri einen Eigenanteil bei. Die Absicherung der Finanzierung hat in der Projektentwicklung viel Energien und Zeit der Projektteilnehmenden gebunden und zu Verzögerungen im Projektablauf geführt. Parallel zum Einwerben von Finanzierungsmitteln musste in der Planungsphase auch die Umbaukonzeption in Richtung von Einsparmöglichkeiten optimiert werden.

Grundgedanke der Finanzierung des laufenden Betriebes ist es, dass durch den Zusammenschluss vorhandener Angebote und Einrichtungen im Stadtteil neue Handlungsspielräume eröffnet werden. Durch die Einbindung aller Beteiligten in das Trägermodell und die Verpflichtung der einzelnen Akteure, die für die eigenen Räume anfallenden Kosten selbst abzudecken, wird die langfristige Grundfinanzierung ermöglicht. Der Eigentümer (GEWOBA) verpflichtet sich, die Räume für soziale, gemeinnützige Nutzungen bis zu 20 Jahre mietfrei zur Verfügung zu stellen. Finanziert werden müssen daher nur die Mietnebenkosten. Für die Gemeinschaftsflächen werden diese entsprechend den Flächenanteilen der einzelnen Träger umgelegt. Der laufende Betrieb wird durch Eigenmittel der Träger finanziert sowie durch Raumvermietung. Noch offen ist, in welcher Höhe der laufende Betrieb durch ehrenamtliche Tätigkeiten und durch Sponsoring von Kosten entlastet werden kann.

Aspekte der generationen- und zielgruppenübergreifenden Nutzung

Zielgruppen des Familien- und Quartierszentrums Neue Vahr Nord sind die Bewohner der Neuen Vahr Nord, Menschen aller Altersstufen, Nationalitäten und Kulturen. Ein Schwerpunkt liegt auf (jungen) Familien und älteren Menschen, da beide Gruppen im Ortsteil stark vertreten sind und entsprechende Angebote der sozialen Infrastruktur fehlen. Viele der Familien haben Migrationshintergrund, besonders stark vertreten ist die Gruppe der Aussiedler.

Wechselbeziehungen Wohnen: Freiflächen: Gemeinschaftseinrichtungen

Die verbindende Freifläche zwischen den drei Gebäuden wird als "Spielplatz der Generationen" in die Gesamtkonzeption der Gemeinschaftseinrichtung einbezogen. Die Freifläche übernimmt hier vielfältige Funktionen: Sie ist im Eingangsbereich die "Visitenkarte" der Einrichtung, gleichzeitig bietet sie im hinteren Bereich geschützte Aufenthaltsqualitäten, die für Erholung, aber auch für Aktivitäten von Jung und Alt genutzt werden können.

Fokus Prozess: Kooperative Projektentwicklung als Herausforderung

Aus dem bestehenden Stadtteilnetzwerk haben sich Anfang 2005 Interessierte zu einer Arbeitsgruppe zusammengefunden. Da von Seiten der Stadt Bremen keine zusätzlichen Haushaltsmittel in Aussicht gestellt wurden, musste das Familien- und Quartierszentrum durch Verlagerung und Bündelung bestehender Einrichtungen aufgebaut werden, was auch den Kreis der Teilnehmenden mitbestimmte. Die unterschiedlichen Kompetenzen, Sichtweisen und Bedarfe der Teilnehmenden konnten über die gesamte Planungsphase hinweg eingebracht, rückgekoppelt und mit dem Realisierbaren weit möglichst in Einklang gebracht werden. Günstige Voraussetzung für die Kooperation im Planungsprozess ist, dass auf vernetzte Strukturen im Stadtteil, die sich im Zuge der Umsetzung der Programme Soziale Stadt und WiN aufgebaut hatten, zurückgegriffen werden konnte.

Die Projektsteuerung lag von Beginn an beim Amt für Soziale Dienste (Sozialzentrum) und wird von allen Beteiligten der Arbeitsgruppe getragen. Über die Vernetzung des Sozialzentrums war die Einbindung der Kommunalpolitik – sowohl auf Stadtteilebene wie auf gesamtstädtischer Ebene – gesichert. Hierdurch konnte auf politischen Ebenen ein starker Rückhalt für das Projekt generiert werden.

Die von Beginn an gemeinsame Projektentwicklung erforderte in einem jahrelangen Diskussionsprozess von allen Beteiligten viel Energie, Zeit und Geduld. Die hohe Motivation aller Beteiligten hat dazu geführt, dass auch inhaltliche Auseinandersetzungen und teilweise Zähigkeit im Prozess die Zusammenarbeit nicht nachhaltig belastet haben. Durch die Offenheit des Prozesses und die breite Basis der Beteiligung wurde der Prozessverlauf positiv beeinflusst.

Fokus Trägermodell: Trägerverbund - Basis für breite Akzeptanz

Grundstücke und Gebäude des Familien- und Quartierszentrums gehören drei unterschiedlichen Eigentümerinnen (Kirchengemeinde, GEWOBA, Sparkasse). Träger des Projektes sind als gemeinnützige Einrichtungen das Amt für Soziale Dienste mit dem Haus der Familie Vahr, die Stiftung St. Petri Kinder- und Jugendhilfe, die Heilig-Geist-Kirche der Ev. Kirchengemeinde in der Vahr sowie die privaten Anbieter der Sozial- und Pflegedienste Advertus und Vacances.

Die Beteiligten einigten sich im Jahr 2007 auf die Gründung eines gemeinnützigen Vereins als Trägermodell. Der Trägerverein und sein Vorstand übernehmen die zentrale Funktion im Rahmen der Projektsteuerung und stehen in der Verantwortung für das Gesamtprojekt. In der Trägerstruktur findet der integrative Anspruch des gleichberechtigten Miteinanders auch auf der formalen Ebene Ausdruck.
Die rechtliche Umsetzung des gewählten Trägermodells wirft einige Fragen auf. Insbesondere problematisch ist die Verbindung öffentlicher Träger mit kommerziellen Anbietern, da dies bei den bewilligten Fördermitteln zu Problemen geführt hätte. Die Vereinssatzung sieht die Mitgliedschaft von natürlichen Personen als Vertreter von Institutionen vor. Die Mitgliedschaft der privaten Anbieter ist in diesem Konstrukt möglich. Um das Familien- und Quartierszentrum darüber hinaus im Stadtteil zu verankern und mehr Menschen einbinden zu können, wurde ein Förderverein gegründet.

Fokus bauliche Aspekte: Vorhandene Raumressourcen durch Kombination nutzbar machen

Die Umnutzung und Umgestaltung von drei vorhandenen Gebäuden und der dazwischen liegenden Freifläche bestimmen baulich-räumlich gleichzeitig die Schwierigkeiten und die Chancen des Projektes. Für die beiden Hauptzielgruppen Familien und ältere Menschen ist die Barrierefreiheit von großer Bedeutung. Die Potentiale und Schwierigkeiten aller drei Gebäude sind unterschiedlich:

Als unkompliziert erweisen sich Umnutzung und Umbau des bisherigen Sparkassengebäudes für die Kindergruppe. Hier stehen die Bedürfnisse einer Zielgruppe (der bis 3-jährigen) klar im Vordergrund, die Räume sind auf ihren Hauptnutzungszweck hin umgestaltet worden, die Verknüpfung mit dem Spielplatz der Generationen muss noch erfolgen. Das umzubauende Waschhaus wird sowohl Räume enthalten, die nach Zielgruppe und/oder Nutzungszweck festgelegt sind (z.B. Büro- und Beratungsräume), Räume für einen Hauptnutzungszweck und/oder einer Hauptnutzergruppe (z.B. Kinderbetreuung, Medienraum) als auch funktions- und zielgruppenoffene Räume (Café, Orangerie, Mehrzweckraum).

Die Anordnung und Gestaltung dieser Räume muss so geplant werden, dass Konflikte vermieden werden, Abgrenzung möglich und Offenheit spürbar wird. Der geplante Umbau der Räume der Kirchengemeinde umfasst zwei neue Eingangsbereiche (Saal und Foyer), die zu den benachbarten Gebäuden des Familien- und Quartierszentrums orientiert werden.

Die Freifläche zwischen den Gebäuden soll als "Spielplatz der Generationen" zum zentralen Bereich werden, der für eine Annahme und Nutzung von sowohl älteren Menschen wie Kindern geeignet sein muss. Eine Herausforderung stellt der Geländesprung von mehr als einen Meter auf der Freifläche dar. Weiterhin wird der Eingangsbereich zum Grundstück offen und einladend gestaltet.

Erfahrungen und Übertragbarkeit

Im partizipativen Verfahren lässt sich erkennen, dass ein Schlüssel für den Projektfortschritt in Bremen das Vorhandensein von besonders engagierten Menschen ist. Diese "Projektmotoren" können sowohl Vertreter von Trägern oder der Stadt sowie Bewohner und zukünftige Nutzer sein. Ein breiter Rückhalt für das Projekt bei den Bewohnern sowie in Politik und Verwaltung entscheidet mit über den Erfolg (und die Finanzierung) des Projektes.

Das gleichberechtigte Zusammenwirken verschiedener Träger stößt auf eine Reihe von Schwierigkeiten. Hierbei gibt es zum einen die internen Schwierigkeiten, im Lauf der Zeit zu einer Kooperation zu finden, die mehr ist als die Addition der einzelnen Arbeitsbereiche. Zum anderen treten externe Schwierigkeiten auf, u.a. das Problem, dass die Beteiligung kommerzieller Partner den Zugang zu einigen Fördermitteln erschwert. Der Projektanspruch des gleichberechtigten Miteinanders der verschiedenen Partner ist formal nur mit Umwegen umsetzbar. Im Extremfall kann das dazu führen, dass die formalen Anforderungen von Förderprogrammen die geplante Trägerstruktur des Projektes verändern.

Weiterführende Informationen

Die Projektbeschreibung können Sie sich hier auch als barrierefreie PDF herunterladen.
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Alle Modellvorhaben des Projekts

Liste der Modellvorhaben

Zugehörige Projekte

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