Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Jugend.Stadt.Labor

Veranstaltungsdokumentation

Camp #1 "Jugend.Stadt.Labor"
am 18. und 19. September 2014 in Witten

Das erste Jugend.Stadt.Labor Camp fand am 18. und 19. September 2014 in Witten statt. Das Modellvorhaben "Schwarzmarkt Witten" lud dazu in die Räumlichkeiten des Co-Working […] Raum, welchen das Modellvorhaben als Impulsprojekt unterstützt, sowie in die Studiobühne des knut´s (Jugend belebt Leerstand) ein. Zum Camp reisten jeweils 2-4 VertreterInnen aus den Modellvorhaben an, insgesamt waren 28 AkteurInnen dabei. Aus dem Jugendforum kam eine Teilnehmerin, die das Camp illustrativ festhielt. Außerdem waren Dr. Anna Richter der HafenCity Universität Hamburg, Ines-Ulrike Rudolph von tx-architektur Berlin, Prof. Dr. Holger Schmidt der TU Kaiserslautern, Thomas Dönnebrink von OuiShare Berlin/Deutschland und Chris Herrmann vom FABLab Nürnberg als externe ExpertInnen dabei.

1. Camp-Tag

Der erste Camp-Tag stand unter dem Motto "Junge Gemeinschaften" und wurde durch eine Schwarzmarkt-Aktion eröffnet. Im Speed-Dating Format erhielten alle TeilnehmerInnen des Camps die Gelegenheit, sich gegenseitig vorzustellen und auszutauschen. Der Fokus des Austauschs lag auf dem kurzen Darlegen des Stands der Dinge der jeweiligen Modellvorhaben. So erhielten alle Anwesenden eine Übersicht.

Anschließend wurden den Modellvorhaben jeweils einem/r ExpertIn zugeteilt. Diese Modellvorhaben-internen Arbeitsgruppen erhielten den Auftrag den Status-Quo ihrer jungen Gemeinschaft aus Kerngruppe, Basisstation und Impulsprojekten im Modell nachzubauen. Mittels der Modelle konnten die Kerngruppen ihre Gemeinschaft und ihre internen Strukturen, mit Aufgaben und Entscheidungsgremien visualisieren. Die Rolle der Basisstation für die Gemeinschaft wurde definiert und deren Wirkungsgrad dargestellt. Gemeinsame Werte wurden festgehalten und Beziehungen zur offiziellen Stadtentwicklung aufgezeigt.

Im Anschluss stellten die Arbeitsgruppen ihre Gemeinschaftsmodelle in der großen Runde vor. Darauf aufbauend moderierte Prof. Klaus Overmeyer die erste Camp-Diskussion. Vordergründig hierbei waren die Fragen "Wie bilden wir Gemeinschaft" und "Wie erzeugen wir Langfristigkeit?".

"Wie bilden wir Gemeinschaft?"

Die Frage, wie Gemeinschaften gebildet wird, wurde von den einzelnen Modellvorhaben unterschiedlich beantwortet. Eine beliebte Möglichkeit, um erst einmal in den Kontakt zu treten und Menschen vor Ort zu involvieren, ist für viele eine öffentliche Veranstaltung wie z.B. eine Informationsveranstaltung mit Rahmenprogramm (s. Halle, Witten, Hannover, Esslingen, Wittlager Land) oder eine Kick-Off-Woche (s. Dessau, Görlitz, Anklam).

Kontinuierliche Reflektion

Um Gemeinschaft dauerhaft zu bilden und zu erweitern, ist es wichtig, dass eine kontinuierliche Reflexion in der Kerngruppe stattfindet. So entstehen gemeinsame Ziele und Visionen und es wird möglich sich immer wieder kritisch zu hinterfragen und weiter zu öffnen. Zudem müssen gemeinsame Spielregeln festgelegt werden, um diese Zielsetzung zu erreichen. Dazu gehört auch die Definition der "Komplizenschaft": Wer gehört dazu und wer nicht? Und welche Impulsprojekte sollen nach welchen Kriterien realisiert werden? Es wurde in der Diskussion deutlich, das gleiche Werte und Ziele sehr wichtig für die Gemeinschaft sind, auch wenn diese nicht explizit benannt sondern mehr gelebt werden.

Basisstation

Ein weiteres wichtiges gemeinschaftbildendes Element ist der gemeinsame Ort, an dem sich die Mitglieder regelmäßig treffen können und damit einen Rhythmus können. Dieser Ort sollte Offenheit ausstrahlen und eine Niedrigschwelligkeit suggerieren, also ein "Magnet mit niedrigen Schwellen" sein (z.B. eine Bar), so dass sich neue potenzielle Mitglieder der Gemeinschaft leichter anschließen können. Gemeinschaft entsteht über persönliche Kontakte und Kommunikation, es müssen also Mittel und Wege gefunden werden, die Begegnungen einfach ermöglichen.

Unterstützungskultur

Für den Aufbau einer Gemeinschaft ist es wichtig, eine Unterstützungskultur zu etablieren und MacherInnen zu gewinnen. Es reicht nicht, sich in theoretischen Konzepten zu verlieren, die Gemeinschaft braucht gemeinsame Aktionen um zusammenzuwachsen. Eine gute Gelegenheit bieten hierfür Arbeitseinsätze, z.B. beim Aufbau der Basisstation (siehe: Demokratiebahnhof Anklam oder Energiefabrik Görlitz). Gemeinsam in Aktion zu treten, kann außerdem durch die Konzeption und Umsetzung der Impulsprojekte erfolgen. Mittels der Impulsprojekte können andere wiederum inspiriert werden und kann sich die Gemeinschaft erneut vergrößern und verändern.

Gemeinsame Lobbyarbeit

Um die Gemeinschaft zu stärken und eine Wirkung nach Außen zu generieren, werden soziale Netzwerke (z.B. Facebook oder Twitter) genutzt, sowie öffentlichkeitswirksame Maßnahmen (z.B. eigene Homepage, Flyer) geschaffen. Darüber hinaus ist es, vor allem in Bezug auf die Vernetzung mit der offiziellen Stadtentwicklung, wichtig, Lobbyarbeit zu betreiben. Es müssen Rhizome gebildet werden, die die Gemeinschaft immer weiter vernetzen und in der Folge nachhaltig tragen.

Pioniergeist

Über all dem schwebt der Pioniergeist. Die Camp-TeilnehmerInnen sind davon überzeugt, dass es, für die Bildung von Gemeinschaften wichtig ist, ein Image zu entwickeln und zu etablieren, dass ein gewisses Maß an Coolness suggeriert. Die Jugend.Stadt.Labore sollen neu und anders sein und Möglichkeiten für junge Menschen schaffen, die es vielleicht vorher so noch nicht gegeben hat. Durch dieses coole Image und die Chance, eine Vorreiterrolle einzunehmen, fühlen Jugendliche sich angesprochen, "dabei zu sein" und sich einer Gemeinschaft anzuschließen.

"Wie erzeugen wir Langfristigkeit?"

Um Verbindlichkeit in einer Gemeinschaft zu erreichen und damit Langfristig zu erzeugen, ist es in wichtig, dass Verantwortlichkeiten auf verschiedene AkteurInnen zu verteilen. Somit können diese sich mit bestimmten Aufgaben identifizieren und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln; sind also selbst Handlungsfähig und werden nicht autoritär geführt.

Wichtig ist außerdem, Teilerfolge sichtbar zu machen und diese auch zu feiern. Durch das Sichtbarmachen und Anerkennen von Erfolgen im Prozess, wird die Gemeinschaft motiviert und kann ggf. auch mit Rückschlägen einfacher umgehen.

Als Killer von Langfristigkeit benennen die Camp-TeilnehmerInnen den Faktor der "Orientierungslosigkeit". Ebenso wie zum Bilden von Gemeinschaft, ist es auch für das verbindliche und langfristige "Dabei bleiben" wichtig, dass klare Strukturen aufgebaut werden und gemeinsame Werte und Ziele definiert sind.

2. Camp-Tag

Der zweite Camp-Tag mit dem Thema "Ökonomien der Gemeinschaft" wurde mit einer Vorstellung des FABLabs Nürnberg durch dessen Mit-Initiator Chris Herrmann eröffnet.

FABLab Nürnberg

Ein FABLab ist ein Fabrikationslabor, eine offene Werkstatt, in der Maschinen öffentlich genutzt werden können. Der Grundgedanke eines FABLabs ist, Produktion zu demokratisieren. Die Produktion findet dezentral, mit digitalen Produktionsmaschinen statt, die von der Community entwickelt werden und die für die Öffentlichkeit zugänglich sind (Open Source).

Das FABLab Nürnberg versteht sich als Ort oder Amt für Ideen. Hier werden kreative Technologien entwickelt und in Vermittlungsformaten, z.B. durch Workshops mit Schulen, weitergegeben. Regelmäßig freitags und samstags finden "open labs" statt und die Türen stehen allen offen. Das FABLab Nürnberg kooperiert mit Unternehmen, wodurch ein Teil der Finanzierung gedeckt wird. Um das offene Konzept erhalten zu können, ist das FABLab außerdem auf Förderungen angewiesen.

Die Produktpalette des FABLab Nürnberg ist weit gefächert und reicht von Geschenken bis zu wissenschaftlichen Arbeiten, die bestimmte Bauteile für Maschinen entwickeln. Im FABLab Nürnberg gibt es eine große Auswahl von Maschinen, die öffentlich genutzt werden können, u.a. ein 3D Drucker, ein Laser Cutter, eine Stichmaschine und eine Platinfräse.

Impulsvortrag "Ökonomie der Gemeinschaft"

Anschließend an die Vorstellung des FABLabs Nürnberg, hielt Thomas Dönnebrink (OuiShare Berlin/ Deutschland) einen Impulsvortrag mit dem Titel "Ökonomien der Gemeinschaft(en)":

OuiShare ist eine globale Community und ein think & do-tank. Das Ziel von OuiShare ist eine teilende Gesellschaft. Bisher funktionierten kollaborative Ökonomien (Konsum, Produktion, Lernen, Finanzierung) fast ausschließlich Online-basierend, OuiShare möchte dazu verhelfen, dass jetzt ein Übertrag ins echte Leben stattfindet. Das Prinzip der kollaborativen Ökonomien ist: "Zugang statt Besitz", also Konsum, Produktion, Lernen und Finanzierung für alle nutzbar zu machen, anstatt nur für einzelne Privilegierte. Die Produktion wird in der kollaborativen Ökonomie demokratisiert (s. auch FABLab).

Kollaborative Ökonomien verändern, wie wir leben und arbeiten und somit unser Umfeld. Damit wird auch die Frage aufgeworfen, wie wir in der Gemeinschaft zusammen leben wollen. Die Vision von OuiShare ist in der Folge, eine Peer to Peer Gesellschaft mit einer kollaborativen Wirtschaft zu schaffen. Der homo oeconomicus wird zum homo collaborans.

Campdiskussion

Nach dem sehr vielseitigen Input von Thomas Dönnebrink, moderierte Prof. Klaus Overmeyer die zweite gemeinsame Camp-Diskussion mit einem Fokus auf die "Werte" der einzelnen Modellvorhaben. Die Benennung der eigenen Werte stellte sich als herausfordernd dar; obwohl die meisten Modellvorhaben ihre Werte bereits definiert hatten, wurden diese bisher nicht artikuliert und waren daher für viele zwar selbstverständlich, aber nicht offensichtlich. Die konkrete Benennung der Werte stellte sich in der Folge als hilfreich heraus. In der Diskussion konnte ein gemeinsamer Wertepool erschlossen werden:

An erster Stelle steht für alle Projekte der Wert des "Zugangs statt des Besitzes". Die Modellvorhaben möchten ihre Jugend.Stadt.Labore so weit wie möglich für andere öffnen und auch die Fördergelder gemeinschaftlich verteilen bzw. nutzbar machen. Viele Modellvorhaben verstehen sich als Meta-Hausmeister; sie konzipieren und unterstützen Impulsprojekte gemeinsam mit der Gemeinschaft und verwalten dabei die Finanzen.

Des Weiteren ist wichtig, die "Kultur des Machens" zu fördern und zu etablieren. Aktion, do-ocracy, do-tank, try & error sind wichtige Werte in der Erprobung von innovativen Ideen. Insbesondere wird hier ein Fokus auf das Machen aus der Kompetenz und der Verantwortung heraus gelegt. Die Kultur des Scheiterns und des Fehler-Machens wird hierbei in den Zusammenhang gestellt: das Schuldprinzip wird hinfällig, vielmehr geht es um lösungsorientiertes Schaffen und die Rückversicherung unter Kollaborateuren (der Gemeinschaft).

Folglich ist Vertrauen ein Wert, der von allen Modellvorhaben vorausgesetzt wird. Entscheidungen müssen auch selbstbestimmt getroffen werden können. Dabei gilt es immer, das Wohl der Gemeinschaft zu erhalten. Der einzelne denkt für andere mit.

Werte entstehen vor allem auch aus Erfahrung. Daher ist das gemeinsame Machen wichtig, um voneinander und miteinander zu lernen. Eine Öffnung der Projekte gewährleistet wiederum, dass eine Vielzahl von Erfahrungen generiert werden können.

Zugehörige Projekte

Jugend.Stadt.Labor

Status: Abgeschlossen Laufzeit: November 2013 – Oktober 2016

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