Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Forschungsprojekt: Baukultur in ländlichen Räumen

Konzept

Vorgehensweise

Bereits zu Beginn des Projekts stand fest, den Schwerpunkt der Arbeit auf die Praxisebene zu legen und anhand einiger weniger Gemeinden ein detailliertes Portrait der Baukulturprozesse zu zeichnen. Das Konzept bestand zudem nicht darin, eine "flächendeckende" Analyse durchzuführen – was bei einem derart umfangreichen Forschungsgegenstand gar nicht möglich gewesen wäre. Das wesentliche Ziel war, nachvollziehbar zu machen, unter welchen Bedingungen Baukultur entsteht und wie die Kommunen und ihre Akteure mit den jeweiligen Herausforderungen, Problemen und Fragestellungen umgegangen sind. Im Vordergrund stand dabei nicht das einzelne Bauprojekt sondern die Gesamtheit der räumlichen Entwicklung der jeweiligen Dörfer und Kleinstädte in den letzten 15 bis 20 Jahren und die Vermittlung des Kontexts, in dem sie handeln. Der Fokus lag vor allem auf den Prozessen und Personen, die für die außergewöhnliche Entwicklung der Orte entscheidend waren.

Bei der Auswahl der Beispielgemeinden war wichtig, sowohl eine ausgeglichene regionale Streuung zu erreichen als auch Orte mit möglichst unterschiedlichen Voraussetzungen darzustellen. Die Bandbreite reichte von agrarisch geprägten Dörfern über Tourismusorte bis zu ehemaligen oder aktuellen Industriestandorten. Es sollte greifbar werden, unter welchen Bedingungen Baukultur entsteht und wie die Gemeinden und ihre Akteure mit den jeweiligen Herausforderungen, Problemen und Fragestellungen umgegangen sind. Die Themen reichen von der Bodenpolitik und strategischen Ortsentwicklung, über den Einsatz kooperativer Bürgerbeteiligung bis zur Gestaltung öffentlicher Freiräume und dem konstruktiven Umgang mit Leerstand und Brachen. Gezeigt wurde nicht nur, was bereits erreicht wurde, sondern auch, auf welche Hürden und Konflikte die Beteiligten in der Praxis gestoßen sind, wie sie diese gemeistert haben und wo es besonderen Handlungsbedarf gibt.

Die Recherche erfolgte über Empfehlungen, Literaturrecherche und eine Durchsicht von unterschiedlichen Auszeichnungen an Gemeinden und Projekte im ländlichen Raum. Parallel zur Recherche wurden ca. 25 Gemeinden in neun Bundesländern besucht, die zentralen Akteure wurden vor Ort interviewt und es fanden in zahlreichen Orten gemeinsame Ortsrundgänge und Fahrten durch das Gemeindegebiet statt. Fast alle der neun ausgewählten Beispiele wurden ein zweites Mal bereist und bei den Interviews darauf wert gelegt, die Prozesse aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten – aus der Sicht der Politik und Verwaltung, involvierter Bürgerinnen und Bürger sowie beteiligter Expertinnen und Experten.

Lebenswirklichkeiten in ländlichen Räumen - Beispiele

Als Ergebnis der bundesweiten Recherche wurden vier Baukulturgemeinden, in denen sowohl die übergeordneten planerischen Strategien als auch das gebaute Ergebnis von hoher Qualität sind, sowie fünf Baukulturinitiativen dargestellt, die interessante Ansätze verfolgen, in denen die Arbeit aber meist auf einzelne Aspekte und wenige Akteure beschränkt blieb. Dennoch sind auch diese Baukulturinitiativen darstellungswürdig, denn sie bieten ein wichtiges Motivations- und Lernfeld, und ermöglichen Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die kommunale Praxis.

Die vier ausführlich porträtierten Orte sind die Kleinstädte Biberach in Baden-Württemberg und Luckenwalde in Brandenburg, die Gemeinde Weyarn in Bayern und das Dorf Volkenroda in Thüringen: In der Kreisstadt Biberach an der Riß sorgt man u.a. mit einem eigenen Gestaltungsbeirat und Architekturwettbewerben für eine hochwertige und vielfältige Architektur. In der ehemaligen Industriestadt Luckenwalde brachte eine gewissenhafte Stadtplanung und Aufarbeitung des baulichen Erbes mit Mut zu ungewöhnlichen Umnutzungen neuen Wind in die schrumpfende Kleinstadt. In Volkenroda führte der Wiederaufbau eines verfallenen Klosters zur Belebung des gesamten Dorfes und zur Etablierung eines neuen kulturellen Zentrums. Und in der auf zahlreiche Ortsteile verstreuten Gemeinde Weyarn wurden über Jahrzehnte tragfähige Strukturen der Bürgerbeteiligung erarbeitet und eine innovative Bodenpolitik im Erbbaurecht umgesetzt.

Die Schwerpunktthemen der fünf porträtierten Initiativen sind u.a. strategische Ortsentwicklung, Umnutzung leerstehender Bausubstanz, Ökologie und Landschaft: In Baiersbronn im Schwarzwald wurde vor einigen Jahren begonnen, das Thema "Baukultur & Tourismus" verstärkt ins Visier zu nehmen. Im brandenburgischen Baruth entstand mit dem Institut zur Entwicklung des ländlichen Kulturraums eine Initiative, die sowohl konkrete Projekte umsetzt als auch Diskussionen über Baukultur und Stadtentwicklung lanciert. In Burbach setzt man sich in Kooperation mit der Universität Siegen für die Ortskernentwicklung ein. In Leiferde wurde eine leerstehende Landwirtschaft zu einem vielfältigen Frauenwirtschaftshof und soziokulturellen Treffpunkt umgebaut und in Lüchow kam es zur Wiederbelebung eines schon beinahe aufgegebenen mecklenburgischen Dorfes. Die fünf Initiativen wurden in Form von Interviews dargestellt, die die subjektiven Erfahrungen der Akteure vermitteln.

Die ausgewählten Gemeinden sind Ausnahmen, die alle eine langfristige Vision einer qualitätsvollen baulich-räumlichen Entwicklung anstreben, deren Umsetzung in vielen Fällen durch die geschickte Akquise von Fördermitteln möglich gemacht und unterstützt wurde. Es handelt sich nichtsdestotrotz größtenteils um typische Bau- und Planungsaufgaben, wie sie sich auch in vielen anderen Gemeinden auf ähnliche Weise stellen.

Die Beispiele sollen allen, die sich in ähnliche Prozesse einbringen möchten oder bereits in diese involviert sind, als praxisnahe Anregung und Hilfestellung dienen. Sie sollen aber auch zur Reflexion darüber anregen, wie die räumlich-bauliche Realität auf dem Land aussehen kann und wie die Baukultur in ländlichen Räumen generell gefördert werden kann. Darüber hinaus zeigen diese Beispiele auch auf, wie sehr das prozesshafte Arbeiten an Bauaufgaben unter Einbindung der Bevölkerung zu einer positiven Entwicklung in den Gemeinden beitragen kann, die weit über das Baugeschehen hinaus reicht.

Symposium und Film-Dokumentation

Filmdokumentation des Symposiums

Ein wesentlicher Teil des Forschungsprojekts war ein zweitägiges Symposium, das von 23.-24. Mai 2013 in Volkenroda in Thüringen stattfand, also in einem der untersuchten Baukultur-Orte. Neben den ausgewählten neun Beispielen aus Deutschland wurden auch zwei österreichische Gemeinden präsentiert: die Vorarlberger Gemeinde Zwischenwasser und die oberösterreichische Gemeinde Ottensheim, die für ihre über Jahre andauernde und umfassende Baukulturarbeit mit dem österreichischen Baukulturgemeindepreis prämiert wurden. Die Vortragenden waren großteils Akteure aus den porträtierten Orten, deren baukulturelles Engagement zum Motor einer positiven Gemeinde- und Regionalentwicklung geworden ist.

Die Veranstaltung diente dem Austausch zwischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern auf kommunaler und regionaler Ebene, Vertreterinnen und Vertretern von Planungs- und Architekturbüros sowie engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Programm der Veranstaltung

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