Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Forschungsprojekt: Baukultur in ländlichen Räumen

Ergebnisse

Erkenntnisse

Den ganzheitlichen Begriff von "Baukultur" stärker verankern
Ein Ergebnis der Recherche war, dass Baukultur (im ländlichen Raum) vor allem als die regionaltypische, traditionelle Bauweise verstanden wird, die es zu bewahren gilt und mit der die gegenwärtige Bauproduktion so gut wie möglich in Einklang zu bringen ist. Ein umfassender Begriff von Baukultur, der Raumentwicklung, Bodenpolitik, Freiraumgestaltung und Architektur miteinschließt, ist kaum etabliert, was sicher damit zu tun hat, dass der Baukulturdiskurs in diesem Bereich erst am Anfang steht.

In den Planungsprozessen wird selten über das Einzelobjekt hinausgedacht, das Ineinandergreifen baulicher und organisatorischer Lösungen oft nicht beachtet bzw. gibt es Schwierigkeiten im Prozess bei der Anknüpfung von übergeordneten Strategien zu konkreten Projekten. Es stellte sich als echte Schwierigkeit im Forschungsprojekt heraus, überhaupt ländliche Gemeinden zu finden, die auf mehreren Ebenen und kontinuierlich über einen längeren Zeitraum best-practice-Arbeit leisten. Dass sowohl städtebauliche bzw. ortsräumliche Konzepte erstellt wurden als auch das konkret Gebaute in überdurchschnittlicher Qualität umgesetzt worden ist, traf - mit ganz wenigen Ausnahmen - fast nur in Kleinstädten zu.

Bessere Ressourcen für Baukultur in der Verwaltung
Während in Kleinstädten bereits ein Bewusstsein für die Qualität der gebauten Umwelt feststellbar ist und man auch kompetent besetzte Verwaltungen vorfindet, gibt es in kleineren Gemeinden wenig bis gar kein Personal, das sich um Baukultur – insbesondere um die weichen Faktoren bei der Vermittlungsarbeit – kümmern könnte. Gut ausgebildete Fachkräfte sind nicht sehr leicht in kleine Gemeinden zu locken. Dass sich z.B. eine ländliche Gemeinde wie Weyarn mit 3.400 Einwohnern eine eigene Koordinationsstelle für Bürgerbeteiligung leistet, ist eine echte Ausnahme, die vor allem auf die Überzeugungsarbeit des Bürgermeisters zurückzuführen ist.

Dort wo die Verwaltungen ausgedünnt und fachfremd besetzt sind, hängt der Einsatz für Baukultur überwiegend von anderen Akteuren ab. Meist geht das Engagement von Architektinnen und Architekten aus, mitunter aber auch von Bürgerinnen und Bürgern, die dann aber eher nur Einzelaspekte im Blickfeld haben und nicht das große Ganze. Außerdem ist persönlicher Einsatz ohne einen gewissen Rückhalt in der Gemeinde sowie fachlicher und finanzieller Unterstützung auf Dauer nicht aufrechtzuhalten.

Mehr Baukultur-Beratung
Kleinere Gemeinden holen sich selten kompetente Beratung im Vorfeld von Projekten, die über die Feststellung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und technischen Möglichkeiten hinausgehen. Was fehlt sind Hilfestellen in der Hinsicht, welche baulichen Eingriffe und Projekte überhaupt sinnvoll sind und wie die räumlichen Qualitäten verbessert werden können. Besonders bei kommunalen Bauvorhaben wäre wichtig, viel stärker nach Synergien zwischen laufenden Projekten zu suchen. Das bedeutet aber auch, dass Berater und Beraterinnen (z.B. in Form von Beiratsmodellen) entkoppelt von der Beauftragung eines Bauprojekts engagiert werden müssten. In manchen Gemeinden versuchen sich Architekturschaffende aus Eigeninitiative und mehr oder weniger ehrenamtlich in die Gemeindeentwicklung einzubringen, was aber mitunter eher auf Skepsis stößt als zu einer Zusammenarbeit führt, von der beide Seite profitieren könnten.

Insgesamt war zu beobachten, dass häufig der Mut, Neues und Unkonventionelles auszuprobieren fehlt, bzw. mangelt es auch an Energie, Widerstände auszuhalten oder bereits definierte Aufgaben neu aufzurollen und die scheinbar unverschiebbaren Grenzen des Konventionellen zu überschreiten.

Grenzen der Betrachtung auf kommunale Ebene
Eine ganzheitliche Sicht von Baukultur bringt mit sich, dass sie viele Themen berührt, die über die kommunale Ebene weit hinausgehen und die nicht auf Gemeindeebene bearbeitet werden können (z.B. Auswirkungen des Standortwettbewerbs, Energiewende, ungleiche Entwicklung und räumliche Disparitäten, demographischer Wandel, Zukunft des ländlichen Raum, Herausforderungen interkommunaler oder regionaler Zusammenarbeit). Es wurde versucht, die Komplexität von Planungsprozessen und die Grenzen der kommunalen Steuerung zu vermitteln und die Beispiele in größere Zusammenhänge einzuordnen.

Empfehlungen und Handlungsbedarf

Baukultur in ländlichen Räumen ist ein Thema, das auf vielschichtige Weise weiterverfolgt werden sollte. Zu den nächsten konkreten Schritten gehören u.a. die Etablierung von Netzwerken und die Bereitstellung von Infrastruktur, die Verbesserung des fachlichen Austauschs der Zusammenarbeit sowie die Motivation durch Würdigung guter Beispiele.

Geeignete Modelle der Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Bürgerschaft und Experten entwickeln und einsetzen
Es braucht neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Gemeinde, Bürgerschaft und Expertinnen und Experten. Dazu gehören z.B. partizipative Wettbewerbsformate und Beiratsmodelle, die eine neue Qualität der Gesprächskultur im Vorfeld von Bauprojekten mit sich bringen und das gegenseitige Verständnis fördern. Insbesondere geht es hier auch um Beratungsleistungen, die eine Zwischenstelle zwischen Raumplanung, Städtebau bzw. Ortsraumentwicklung und Architektur darstellen und nicht als eigene Dienststelle in der Verwaltung angesiedelt sind, sondern ländliche Gemeinden punktuell unterstützen und bei Bedarf auch gemeindeübergreifend beraten. Hier ist auch die Förderung der interkommunalen Kooperation ein zentraler Punkt, der nicht nur für die gegenseitige Inspiration wichtig ist sondern auch zu einer nachhaltigen regionalen Entwicklung beitragen kann.

Es handelt sich dabei um eine Art „Erste Hilfe“, die in der Auseinandersetzung mit Bedürfnissen und Anliegen, die es erst zu formulieren gilt, als eine Empfehlungsstelle für die nächsten Schritte fungiert. Als zentral muss in diesem Zusammenhang auch die Frage erachtet werden, für welche Bedürfnisse überhaupt bauliche Maßnahmen eine angemessene Antwort sind und welche auf organisatorischer Ebene lösbar sind.

Die genannten Aufgaben sind aber in der Berufsausbildung der Planungsdisziplinen noch kaum etabliert bzw. erfordern ein hohes Maß an interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Neue Institutionen zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen schaffen
Derzeit gibt es auf Bundesebene keine Institution, die sich explizit mit Baukultur in ländlichen Räumen beschäftigt. Präsent sind hier vor allem die Europäische Dorferneuerung mit ihrem Dorferneuerungspreis und den Begleitveranstaltungen und Institutionen aus dem Bereich Landwirtschaft (z.B. Dorfwettbewerb: „Unser Dorf hat Zukunft“ des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz), wobei hier zum Teil ein sehr traditionalistisches Bild von Baukultur transportiert wird bzw. Baukultur nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Insbesondere existieren keine Anlaufstellen, an die sich Engagierte wenden können, die z.B. eine Bauberatung, ein unkonventionelles Verfahren oder Ähnliches in der Gemeinde umsetzen wollen oder an einem Entwicklungspunkt nicht mehr weiter wissen. Hier bräuchte es auch noch Forschungsbedarf, auf welcher Ebene (bundesweit, landesweit etc.) so eine Stelle angesiedelt werden kann, wie sie organisiert sein könnte (als Verein, als offizielle Servicestelle) und wie deren Aufgabenprofil konkret aussehen könnte.

Es müsste geprüft werden, ob und wie ein umfassender und zeitgemäßer Begriff von Baukultur als Qualitätskriterium in bestehenden Institutionen und Wettbewerben besser verankert werden könnte.

Vermittlungsarbeit und Know-how-Transfer etablieren
Parallel zur Etablierung geeigneter Anlaufstellen sollte an der Weiterentwicklung geeigneter Kommunikationsformate gearbeitet werden, die von den Akteuren unkompliziert in Anspruch genommen und auch verstanden werden (z.B. Mischung aus Vorträgen, Filmen und Exkursionen, Motivation durch Ausschreibung von speziellen Baupreisen auf kommunaler Ebene oder eines umfassenden Baukulturgemeinde-Preises). Die klassischen Medien und Auszeichnungen (z.B. Architekturausstellungen, Broschüren, Architekturpreise für Einzelobjekte) sind zu sehr auf die Fachwelt gerichtet und reichen nicht aus, um der Zielgruppe der Entscheidungsträger und engagierten Bürgern in den Gemeinden Lust auf Baukultur zu machen und auf einfache Weise ein Basiswissen zur Umsetzung zu vermitteln. Dazu braucht es geeignete Methoden und spezielle Medienarbeit, die sich gezielt an die Entscheidungsträger in der Verwaltung und an interessierte Bürgerinnen und Bürger wenden.

Kein Rückzug aus dem ländlichen Raum ohne Begleitmaßnahmen
Der Rückbau öffentlicher Infrastrukturen, die Konzentration von Förderprogrammen auf mittlere und größere Städte, der Wegzug der Jungen, die keine Zukunft am Land sehen, verstärken verständlicherweise die Frustration, die in vielen ländlichen Regionen spürbar ist. Übrig bleibt die Frage, was Baukultur bedeutet, wo nichts mehr gebaut wird und das Vorhandene nur noch schwer erhalten werden kann. Wo ein Rückzug nur schwer vermeidlich ist und eine Ausdünnung der öffentlichen Infrastruktur den Menschen latent mehr Selbstverantwortung zumutet, ist es besonders wichtig, die betroffenen Gemeinden und Regionen nicht sich selbst zu überlassen, sondern den Prozess des Rückbaus so gut wie möglich planerisch zu begleiten und Einschnitte in der Lebensqualität möglichst abzufedern.

Das Thema Schrumpfung wird wahrscheinlich auch in den kommenden Jahren zu den wesentlichen Herausforderungen in der Auseinandersetzung mit ländlichen Räumen gehören.

In der Debatte um die Zukunft und Lebensqualität in ländlichen Räumen ist die Gestaltung der gebauten Umwelt ein zentrales Element, egal ob es sich dabei um Orte des Wohnens, der Verwaltung, der Produktion, um Erholungs-, Versorgungs- oder Verkehrsräume handelt.

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