Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Forschungsprojekt: Untersuchung der Wirkungen der transnationalen Zusammenarbeit am Beispiel von INTERREG IV B-Projekten

Ergebnisse

Wirkungen erkennen

Im Ergebnis der Untersuchung lassen sich sechs themenübergreifende, externe Wirkungen identifizieren und systematisieren.

Gesteigerte Handlungsfähigkeit von Schlüsselakteuren durch erhöhtes Wissen und Kompetenz

Akteure, die innerhalb des Themenspektrums eines Projektes agieren, werden befähigt, neue Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und aktiv zu nutzen. Diese Wirkung wird in zahlreichen Projekten insbesondere durch neue Ansätze und Produkte, eine verbesserte Informationslage sowie ein erhöhtes Bewusstsein herbeigeführt.

Gestärktes, gemeinsames Handeln in politischen Entscheidungsfindungsprozessen

Viele untersuchte Interreg IV B-Projekte schaffen fachliche und organisatorische Grundlagen für eine verstärkte politische Zusammenarbeit. Daneben tragen insbesondere auch bewusstseinsbildende Maßnahmen hinsichtlich des Mehrwertes verstärkter transnationaler Kooperation zu einem gestärkten, gemeinsamen Handeln in politischen Entscheidungsfindungsprozessen bei.

Zielführendere Interessensvermittlung auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene

Zahlreiche Projekte erhöhen den Einfluss auf politische Entscheidungsträger und verstärken somit ihr Bewusstsein für das jeweilige Thema. Im Ergebnis ist das jeweilige Thema prominenter auf der politischen Agenda der relevanten Entscheidungsträger platziert und die gewonnen Erkenntnisse werden in Entscheidungsfindungsprozessen berücksichtigt. Dadurch können beispielsweise erforderliche Veränderungen (zum Beispiel in der Gesetzgebung) angestoßen oder politische Maßnahmen initiiert werden (zum Beispiel Fördermaßnahmen im Bereich Umweltschutz).

Effizientere und effektivere Gestaltung von Arbeitsprozessen

Sowohl in öffentlichen als auch in privatwirtschaftlichen Organisationen werden Arbeitsprozesse durch die Weiterentwicklung von Verfahren und Vorgehensweisen effizienter und effektiver. Dazu zählt insbesondere, dass Entscheidungen stärker zukunftsorientiert getroffen, bestehende Prozesse und Verfahren weiterentwickelt und standardisiert bzw. neue Methoden und Ansätze in die Arbeitsprozesse integriert werden.

Häufigere Anwendung sozialer und technischer Innovationen

Die Projekte steigern die Innovationsleistung von unterschiedlichen Stakeholdern innerhalb der Pro-grammräume. Diese Wirkung führen die untersuchten Interreg IV B-Projekte insbesondere durch einen verstärkten Wissensaustausch von Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft, die Herstellung innovationsfördernder Rahmenbedingungen sowie die Initiierung bewusstseinsbildender Maßnahmen herbei. Die Bereitstellung von Forschungsinstrumenten, stärkere Vernetzungsaktivitäten oder konkrete Partnerschaften machen beispielsweise relevante Forschungsergebnisse für Unternehmen zugänglich und unterstützen die Weiterentwicklung und Umsetzung von Innovationen. Auch der verbesserte Zugang zu Kapital oder geeigneten Räumlichkeiten können Innovationen anstoßen und kreative Pilotansätze befördern.

Verbessertes ökologisches, soziales und wirtschaftliches (Lebens-)Umfeld

Projekte können die Regionen positiv verändern, indem sie die Lebens- und Handlungssituation für regionsansässige Akteure spürbar verbessern. Insbesondere (weiter-)entwickelte Planungsprozesse und Steuerungsstrukturen sowie konkrete Pilotprojekte spielen hier eine zentrale Rolle. Die Verbesserungen betreffen unterschiedliche Lebensbereiche: Einige beziehen sich auf wirtschaftliche und strukturelle Verbesserungen in der Region, andere wiederum auf verbesserte soziale und ökologische Rahmenbedingungen.

Wirkungen verstehen

Im Zuge der eingehenden Auseinandersetzung mit den sechs identifizierten Interreg B-spezifischen Wirkungen, wird deutlich, dass diese teilweise aufeinander aufbauen und einander ergänzen. Um diese Erkenntnis zu veranschaulichen, systematisierte das Projektteam die Wirkungen in zwei Schritten. Dabei identifizierte es zwei Wirkungsdimensionen und systematisierte die Wirkungen in drei Wirkungskategorien. Außerdem machte es vier unterschiedliche Projekttypen aus.

Wirkungsdimensionen

In einem ersten Schritt ordnete das Projektteam die grundsätzlich möglichen Dimensionen von Wirkungen in der transnationalen Zusammenarbeit, zu denen Interreg B beitragen kann, ein. Es identifizierte die folgenden zwei Wirkungsdimensionen:

  • Themenübergreifende Wirkungen, zum Beispiel neue oder verbesserte Strukturen und Prozesse in Organisationen, erweiterte Fähigkeiten von Akteuren transnational zu arbeiten oder erhöhte institutionelle Kapazitäten.
  • Thematische Wirkungen, zum Beispiel eine erhöhte Forschungs- und Entwicklungsintensität oder reduzierte CO2-Emissionen.

Eine der zentralen Besonderheiten von Interreg B gegenüber regionalen Strukturfondsprogrammen besteht in der Gewichtung, mit der die themenübergreifenden und thematischen Ziele adressiert werden: Während in Interreg B die themenübergreifenden Ziele von spezifischer Bedeutung sind, stehen in den regionalen Strukturfondsprogrammen die thematischen Ziele erkennbar stärker im Fokus der Förderung.

Wirkungskategorien

Die Interreg B-spezifischen Wirkungen teilte das Projektteam in drei Wirkungskategorien ein. Diese bilden die Entwicklungsschritte ab, die erforderlich sind, um nachhaltig erfolgreiche und wirksame Kooperationen in den jeweiligen Regionen zu etablieren. Innerhalb jeder Wirkungskategorie werden sowohl themenübergreifende als auch thematische Wirkungen erzielt. Der Unterschied zwischen den drei Kategorien liegt in der Gewichtung zwischen den beiden Wirkungsdimensionen.

Die dargestellten drei Wirkungskategorien, innerhalb derer die Wirkungen der untersuchten Interreg IV B-Projekte zusammengefasst sind, greifen ineinander und bauen teilweise aufeinander auf. Abhängig von der Zielsetzung, der Ausgangslage und den Rahmenbedingungen können Interreg B-Projekte diese Wirkungskategorien in unterschiedlichem Maße adressieren. Ein Interreg B-Projekt muss also nicht jede der drei skizzierten Wirkungskategorien bedienen, um erfolgreich oder besonders wirksam zu sein. Vielmehr hängen die Wirkungskategorien, die ein Projekt im Zuge der Förderung durchläuft, von der jeweiligen Ausganssituation, von den Akteuren sowie von weiteren Rahmenbedingungen des Projekts ab.

Wirkungskategorie: Befähigung von Schlüsselakteuren

  • Wirkung: Gesteigerte Handlungsfähigkeit von Schlüsselakteuren durch erhöhtes Wissen und Kompetenz

Transnationale Zusammenarbeit kann Schlüsselakteuren ermöglichen, neue Handlungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Als Schlüsselakteure werden in diesem Kontext jene Akteure bezeichnet, die in dem betreffenden Themengebiet fachlich, politisch und regional in bedeutsamer Rolle aktiv sind. Der Grad der Befähigung dieser Akteure ist ein wichtiger Indikator für den Erfolg und die Wirksamkeit des Projekts. Die anvisierte Befähigung erreichen die Projekte auf unterschiedlichen Wegen: Diese reichen von der Neu- oder Weiterentwicklung von Wissen, Kompetenzen, Methoden und Produkten bis hin zur Sensibilisierung über eben solche Entwicklungen. Diese Wirkungskategorie ist somit deckungsgleich mit der ihr untergeordneten und in den Interreg IV B-Projekten identifizierten Wirkung "Gesteigerte Handlungsfähigkeit von Schlüsselakteuren durch erhöhtes Wissen und Kompetenz".

Die Wirkungskategorie der Befähigung ist zudem als Vorstufe für die im Folgenden beschriebenen Wirkungskategorien "Aktivierung" und "Anwendung" zu verstehen: Schlüsselakteure müssen zunächst befähigt werden, neue, sich bietende Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. In einem zweiten Schritt können sie aktiv werden, die sich bietenden Möglichkeiten nutzen und entsprechende Maßnahmen realisieren.

Wirkungskategorie: Aktivierung von Entscheidungsträgern

  • Wirkung: Zielführendere Interessensvermittlung auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene
  • Wirkung: Gestärktes, gemeinsames Handeln in politischen Entscheidungsfindungsprozessen

Transnationale Zusammenarbeit kann zu einer Aktivierung von Entscheidungsträgern beitragen. Entscheidungsträger sind in diesem Kontext politische Akteure in für den jeweiligen Themenbereich relevanten Schlüsselpositionen. Sie sind aufgrund ihres Verantwortlichkeitsbereichs und ihres politischen Einflusses entscheidend dafür, die nötigen politischen Rahmenbedingungen für die anschließende Umsetzung von zielgerichteten Maßnahmen zu schaffen. Relevante Rahmenbedingungen sind beispielsweise neue themenrelevante Entscheidungsprozesse oder eine verstärkte Koordinierung und Abstimmung. Je nach regionalem Kontext und adressiertem Themenbereich können die hier beschriebenen Entscheidungsträger auch identisch mit den in der Befähigungskategorie adressierten Schlüsselakteuren sein.

Wirkungskategorie: Anwendung von Wissen und Kompetenz

  • Wirkung: Verbessertes ökologisches, soziales und wirtschaftliches (Lebens-)Umfeld
  • Wirkung: Häufigere Anwendung sozialer und technischer Innovationen
  • Wirkung: Effizientere und effektivere Gestaltung von Arbeitsprozessen

Projekte der transnationalen Zusammenarbeit wirken auch fachlich und operativ, wenn Schlüsselakteure und Zielgruppen politische, wirtschaftliche oder prozessbezogene Maßnahmen realisieren. Diese Wirkungskategorie baut somit auf den anderen beiden auf. Erhöhtes Wissen und gesteigerte Kompetenzen und, falls relevant, veränderte politische Rahmenbedingungen sorgen dafür, dass Maßnahmen konkret umgesetzt oder neue, aufgezeigte Handlungsmöglichkeiten genutzt werden.

Projekttypen

Die Untersuchungsergebnisse geben Aufschluss über Korrelationen zwischen bestimmten Wirkungen. Bei allen untersuchten 25 Interreg IV B-Projekten ist mehr als eine Wirkung erkennbar; meistens treten zwei Wirkungen in Erscheinung, bei einigen Projekten sind es drei Wirkungen. Insgesamt lassen sich die Projekte in vier unterschiedliche Projekttypen aufteilen.

  • Projekttyp 1: Befähigung von Schlüsselakteuren + Anwendung von Wissen und Kompetenz
  • Projekttyp 2: Befähigung von Schlüsselakteuren + Aktivierung von Entscheidungsträgern
  • Projekttyp 3: Befähigung von Schlüsselakteuren + Aktivierung von Entscheidungsträgern + Anwendung von Wissen und Kompetenz
  • Projekttyp 4: Aktivierung von Entscheidungsträgern

Die farblich hinterlegten Kreisabschnitte beziehen sich auf jene Wirkungskategorie(n), die die jeweiligen Projekte während ihrer Interreg IV B-Förderung durchlaufen. Die nicht ausgefüllten, schattierten Abschnitte des jeweiligen Kreises bilden jene Wirkungskategorien ab, die entweder bereits im Vorfeld der Förderung des Projektes durch Interreg IV B durchlaufen wurden oder im Anschluss an die Interreg-Förderung bedient werden.

Wirkungen erhöhen

Es ist von herausragender Bedeutung, die Projekteumsetzung zu optimieren. Die Addition ihrer Effekte führt in der Folge dazu, dass sich die Wirkungskraft ihrer Programme weiter erhöht. Damit der Mehrwert der Interreg B-Förderung zukünftig noch besser zum Tragen kommt, ist es sehr wichtig, dass die Akteure auf allen Ebenen die herausgearbeiteten spezifischen Wirkungen der Förderung zukünftig aktiv berücksichtigen – also sowohl auf der Projekt- und der Programmebene als auch auf der Legislativebene. Folgende spezifische Handlungsempfehlungen lassen sich aus der Untersuchung ableiten:

  • Explizitere Anerkennung und stärkere Berücksichtigung der Interreg B-spezifischen Kombination aus themenübergreifenden und thematischen Wirkungen durch die Erarbeitung entsprechender rechtlicher Grundlagen und die Entwicklung eines Wirkungskatalogs.
  • Durchführung einer präzisen Bestandsaufnahme der Situation im Programmraum und darauf aufbauend die Bestimmung der passenden Balance aus themenübergreifenden und thematischen Zielen für die Förderung.
  • Entwicklung themenübergreifender Interventionslogiken, um präzise Zielstellungen für die Förderung zu formulieren.
  • Entwicklung von Ergebnisindikatoren, die auch die themenübergreifenden Wirkungen der Förderung berücksichtigen und Weiterentwicklungen in diesen Bereichen abbilden.

Darüber hinaus gibt es fünf Gelingensfaktoren, die den Erfolg der Projekte und die Erreichung der identifizierten Interreg B-spezifischen Wirkungen maßgeblich beeinflussen. Die Erkenntnisse über die besonders wichtigen Gelingensfaktoren sollten bewusst genutzt werden, um die positiven Effekte von Interreg B weiter zu erhöhen und langfristige Wirkungen zu erzielen.

Die Gelingensfaktoren spielen bei der Projektumsetzung, aber auch schon bei der Projektvorbereitung eine für den Erfolg entscheidende Rolle. Projektakteure sollten sie entsprechend frühzeitig berücksichtigen. Es ist anzumerken, dass die fünf Gelingensfaktoren grundsätzlich für nahezu jede Art von Projekt zutreffend sind. Allerdings stellen sich im transnationalen Kontext besondere Anforderungen bezüglich ihrer Berücksichtigung.

Die aufgeführten fünf Gelingensfaktoren sind integraler Bestandteil eines Gesamtkonstrukts: Projektakteure sollten idealerweise alle aufgeführten Gelingensfaktoren berücksichtigen, um mit ihrem Vorhaben eine möglichst hohe Wirksamkeit zu erzielen. Je mehr Bestandteile fehlen, desto fragiler wird das Gesamtkonstrukt und desto weniger wahrscheinlich ist eine hohe Wirksamkeit des jeweiligen Projekts. Tatsächlich identifizierte das Projektteam in jedem der 25 untersuchten Interreg IV B-Projekte mindestens drei von jenen fünf Gelingensfaktoren.

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