Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Forschungsprojekt Hidden Champions – Stabilisierungs- und Entwicklungsfaktoren von Kleinstädten in peripheren Lagen

Ergebnisse

Standorte und Charakteristika von Hidden Champions

Jeder fünfte der rund 1.700 heimlichen Weltmarktführer in Deutschland ist außerhalb der Verdichtungsräume beheimatet, viele von ihnen in Kleinstädten, auch solchen in peripheren Lagen. So gibt es etwa in Oberfranken, in der württembergischen Hohenlohe, im Schwarzwald und im Südosten der Schwäbischen Alb viele Unternehmen mit einer führenden Position auf den globalen Märkten. Insgesamt befinden sich 518 und damit rund ein Drittel der Unternehmenssitze von Hidden Champions in Kleinstädten, 174 davon in Kleinstädten in peripherer Lage. In einzelnen Kleinstädten in peripherer Lage sind sogar bis zu vier Hidden Champions angesiedelt, sodass sich die 174 Hidden Champions in insgesamt 147 Kleinstädte befinden.

Die Analyse der Strukturmerkmale der Unternehmen zeigt, dass es sich überwiegend um recht große Unternehmen handelt, die die Obergrenze von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) von 500 Mitarbeitern im Mittel überschreiten. Die Hidden Champions wurden häufig früh gegründet und sind daher schon sehr alt. Die Hälfte der Unternehmen wurden zwischen Mitte der 1910er- und Anfang der 1960er-Jahre gegründet. Die Ursprünge einiger Unternehmen gehen auf das 19. Jahrhundert und darüber hinaus zurück. 74 % der Unternehmen sind als Familienunternehmen eingestuft. Bei einem Großteil (98%) handelt es sich um Industrieunternehmen.

Die betrachteten Indikatoren weisen in der Zusammenschau auf drei dominante Typen der Hidden Champions hin: Die größte Gruppe besteht aus traditionsreichen, familiengeführten Mittelständlern, für die eine enge und historisch gewachsene Verbindung zum Standort anzunehmen ist. Die weiteren Gruppen sind managementgeführte Industrieunternehmen sowie kleinere, überwiegend recht alte, familiengeführte Industriebetriebe, die mit Nischenprodukten weltweit wettbewerbsfähig sind, allerdings über ein eher eingeschränktes Wachstumspotenzial verfügen.

Die wirtschaftliche Situation von Kleinstädten mit Hidden Champions

Bei der Einzelbetrachtung der fünf analysierten Indikatoren zu Einordnung der wirtschaftlichen Situation der Kleinstädte fällt die teils ausgeprägte Spannweite zwischen unter- und überdurchschnittlichen Werten auf. Das Pendlersaldo ist zum Beispiel im unteren Terzil mit einem Wert von –97 deutlich negativer als im oberen Terzil mit einem Wert von –17. Ähnliche Unterschiede gelten auch für die weiteren berücksichtigten Indikatoren. In der Zusammenschau der Indikatoren über den gebildeten Indexwert ist die wirtschaftliche Situation für 19 % aller Kleinstädte als unterdurchschnittlich, für 62 % als durchschnittlich und für 19 % als überdurchschnittlich einzustufen. Die wirtschaftliche Situation in Kleinstädten in peripherer Lage mit Hidden Champions ist gegenüber den Vergleichsgruppen positiver zu bewerten. Dies trifft insbesondere auf den Vergleich mit der Gruppe Kleinstädte in peripherer Lage ohne Hidden Champions zu.

Überblick zu den Indikatorenwerten auf Gemeindeverbandsebene für das Jahr 2015
IndikatorMittelwert unteres TerzilMittelwert mittleres Terzil Mittelwert oberes Terzil

Humankapital

Verhältnis junge (15-<20J) zu alten (60-<65J) Erwerbsfähigen in %

5482103

Pendlersaldo

Pendlersaldo je 100 SV Beschäftigte am Arbeitsort

-95-71-17

Demographie

Anteil der Einwohner 65 Jahre und älter an den Einwohnern in %

252219

Arbeitslosigkeit

Arbeitslose je 1.000 Einwohner im erwerbsfähigen Alter

6.33.92.5

Gemeinde-steuerkraft

Gewerbesteuer-aufkommen in € je Einwohner

167351770

Grundlage: alle Kleinstädte in Deutschland (n= 2.111); Quellen: INKAR, eigene Berechnung, 2018.

Beteiligung von Hidden Champions an Stadtentwicklung

Die untersuchten Hidden Champions sind wirtschaftlich bedeutende Akteure in ihren jeweiligen Kleinstädten. Die Unternehmen gehören vor Ort zu den größten Arbeitsgebern. Sie tragen durch ihre wirtschaftlichen Kernaktivitäten substantiell zur lokalen und regionalen Entwicklung bei, insbesondere mit Hinblick auf Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen, Generierung von Kaufkraft und Steueraufkommen (Gewerbesteuer sowie Einkommenssteuer) sowie erfolgter/anvisierter Unternehmensexpansion am Stammsitz. Mit ihren eigentlichen Kernaktivitäten tragen langfristig erfolgreiche Hidden Champions wie auch andere erfolgreiche Unternehmen damit indirekt zur Sicherung und Schaffung investiver Handlungsspielräume für die Kommunen bei. Zudem geht von Hidden Champions eine überregionale Strahlkraft aus, die positiv auf örtliche Entwicklungen wirken kann – beispielsweise hinsichtlich Aktivitäten in Verbänden, Unternehmensnetzwerken oder Kontakten zur landespolitischen Ebene.

Alle Fallstudien betrachteten Hidden Champions lassen sich als lokal verwurzelte Unternehmen bezeichnen. Die sich daraus ergebenden Bezüge scheinen grundsätzlich förderlich auf das örtliche Engagement der Unternehmen zu wirken. Alle Unternehmen wurden in der betrachteten Kleinstadt gegründet und blicken auf eine teils lange Historie am Standort zurück. Zudem haben alle Unternehmen in der Vergangenheit, auch in der jüngeren, ihre Unternehmensentwicklung am Stammsitz vorangetrieben und diesen entsprechend gestärkt – trotz bestehender Herausforderungen beispielsweise hinsichtlich infrastruktureller Anbindung. Weiterhin ergibt sich die lokale Einbettung über die Integration der Unternehmen in lokale/regionale Wirtschaftskreisläufe (z.B. Beschaffung, Beauftragung von Subunternehmern, Geldkreislauf). Lokale Einbettung drückt sich zudem auch über die Belegschaft und deren Identifikation mit Unternehmen und Region aus. Im Falle familiengeführter Hidden Champions ergibt sich über die persönlich-emotionale Bindung der Entscheidungsträger zum Standort eine weitere, spezifische Dimension lokaler und regionaler Verwurzelung. In der Querschnittsbetrachtung der Fallstudien bestätigt sich grundsätzlich die These, dass sich familiengeführte Hidden Champions besonders umfassend für örtliche Belange engagieren.

Alle Fallstudien verdeutlichen, dass Hidden Champions nicht nur wirtschaftlich für die Kleinstädte relevant sind, sondern auch durch ihr freiwilliges Engagement. Beteiligung und Engagement der Unternehmen unterliegen dabei der Prämisse lokaler und regionaler Ausrichtung. Wirkungen des Engagements sollen dem direkten Unternehmensumfeld sowie der eigenen Belegschaft zugute kommen.

Die Unternehmen engagieren sich zum Wohle der Stadt- und Regionalentwicklung in thematisch unterschiedlichen Handlungsfeldern und wenden dafür umfangreiche Ressourcen auf – sowohl zeitliche als auch finanzielle. Als zentrale Handlungsfelder lassen sich die Bereiche Bildung, Kultur und Soziales identifizieren. Hier engagieren sich alle betrachteten Unternehmen auf unterschiedliche Weise, jedoch insbesondere mittels Zuwendungen durch Finanz- und Sachspenden (Corporate Giving), beispielsweise zur Unterstützung des lokalen Vereinswesens, sowie punktuell durch konkrete Projektdurchführung und -beteiligung (Corporate Volunteering: z.B. Kooperationen mit weiterführenden Schulen). Durch Beteiligung in diesen Handlungsfeldern tragen die Unternehmen maßgeblich zum Erhalt und Ausbau der Standortattraktivität bei – und damit mittelbar zur Stadtentwicklung. Solch umfassendes Engagement der Unternehmen erfolgt nicht aus rein altruistischen Motiven, sondern ist immer auch von unterschiedlichen unternehmensbezogenen Eigeninteressen gesteuert. Als handlungsleitend lassen sich insbesondere Aspekte zur Fachkräftesicherung und -gewinnung identifizieren. Ein attraktives und lebendiges Unternehmensumfeld gilt als wichtiger Standortfaktor im Kontext der Fachkräftethematik.

Beteiligung an strategischer Stadtentwicklung und Planung (Corporate Support) bildet im Portfolio der Engagementaktivitäten der Unternehmen eher die Ausnahme. Vielmehr zeigt sich, dass die Einbindung der Unternehmen und deren langfristige Steuerung für die Stadtverwaltung eine komplexe Aufgabe ist. Um dies aus kommunaler Sicht strategisch und strukturiert voranzutreiben, braucht es umfangreiche (zeitliche) Ressourcen. Beteiligungsmöglichkeiten an Prozessen der Stadtentwicklung sind aus Unternehmenssicht nicht immer konkret genug gestaltet, um (Aus)Wirkungen und Relevanz für das eigene Unternehmen ableiten zu können. Dennoch wird das Engagement von Hidden Champions und insbesondere ihre Beteiligung an strategischen Prozessen zur Stadtentwicklung vor Ort durchaus als Signal verstanden, das unter Umständen die Beteiligung weiterer Akteure und entsprechende Synergieeffekte nach sich zieht. Die Bereitschaft, sich vor Ort und unter substantieller Ressourcenaufwendung zu engagieren, scheint generell bei erfolgreichen, regional verwurzelten Unternehmen wie Hidden Champions vorhanden zu sein und unterstreicht die bedeutende Rolle von Unternehmen als Stadtentwicklungsakteure.

Alle Fallstudien deuten die zentrale Bedeutung der Kommunikationsformate zwischen Verwaltung, Unternehmen und Bürgerschaft an. Kommunikationsformate, die direkten Austausch zwischen örtlichen Akteuren ermöglichen, fungieren als förderliche Faktoren zur Beteiligung von Unternehmen in Prozessen der Stadtentwicklung. Institutionalisierte Formate wie Unternehmerstammtische bieten eine Plattform, um ortsrelevante Entwicklungen zu kommunizieren und unter Beteiligung einer breiteren Öffentlichkeit zu diskutieren. Des Weiteren wird deutlich, dass insbesondere informellen Kommunikationskanälen eine wichtige Funktion zukommt. Solch „kurze“ Kommunikationswege ermöglichen effektiven und vertrauensvollen Informationsaustausch und eröffnen den Akteuren konkrete Handlungsoptionen. Persönlicher Austausch zwischen Vertretern aus Verwaltung, Unternehmen und Bürgerschaft befördert die effektive Ausgestaltung informeller Kommunikationswege und ist in gewisser Weise ein Spezifikum von Kleinstädten.

Empfehlungen

Die in der vorliegenden Studie identifizierten förderlichen und hemmenden Faktoren zur Beteiligung von Unternehmen lassen sich zur kooperativen Umsetzung von Prozessen der Stadtentwicklung in Kleinstädten in peripheren Lagen nutzen. Aus dem Forschungsprojekt lassen sich beispielsweise folgende, an unterschiedliche Akteure gerichtete Empfehlungen ableiten:

  • Kommunen sollten sich als Impulsgeber für gesellschaftliche Kooperation und ein zukunftsfähiges sowie funktionierendes Gemeinwesen verstehen. Wichtige Impulse dazu liefert die Schaffung und fortlaufende Gestaltung lokaler Rahmenbedingungen wie personelle Ausstattung, Infrastrukturen, Strategieentwicklung, Strukturaufbau und Zuständigkeiten sowie Verbindlichkeiten in Prozessen.
  • Unternehmen sollten die Beteiligung an Stadtentwicklung und ihr freiwilliges Engagement als Chance zur aktiven Gestaltung ihres Unternehmensumfelds begreifen. Die Attraktivität des Standorts kann langfristig nur im Zusammenspiel von Kommunen, Unternehmen und Zivilgesellschaft gelingen.
  • Für Politikberatung und staatliche Institutionen, zum Beispiel in den Bereichen Stadtentwicklung, Städtebauförderung und Wirtschaftsförderung, erscheint es sinnvoll, Kommunen und Unternehmen für Themen kooperativer Stadtentwicklung zu sensibilisieren. Sowohl in gemeinsamen als auch in spezifisch auf die jeweilige Zielgruppe ausgerichteten Veranstaltungen (z.B. Transferwerkstätten) gilt es dabei insbesondere, Reflektionsprozesse anzustoßen und den Mehrwert von Zusammenarbeit herauszustellen. Ergänzend dazu erscheinen zudem Formate zum Erfahrungsaustausch, zur Vermittlung und zur Verbreitung von Best Practices sinnvoll.

Das Projekt konnte zudem bestehende Forschungslücken in der Kleinstadtforschung identifizieren. Grundsätzlich mangelt es an flächendeckenden, systematisierten Studien zu Fragen der Unternehmens- und Wirtschaftsstruktur in Kleinstädten – auch aufgrund eingeschränkter Datenverfügbarkeit. Dies betrifft in der Folge auch Arbeiten zur wirtschaftlichen Dynamik, zu Innovationspotenzialen und damit verbundenen Spezifika des Stadttyps Kleinstadt. Insbesondere gilt dies für Arbeiten, die sich mit Innovationspotenzialen auf kommunaler Ebene befassen – beispielsweise hinsichtlich der Einbindung von Unternehmen zur Gestaltung kooperativer und integrierter Stadtentwicklung.

Des Weiteren ergeben sich durch die explorative Ausrichtung der Fallstudien aus dem Projekt heraus weitere Forschungsbedarfe. Die vorliegende Studie ist demnach lediglich eine erste Annäherung an das Untersuchungsfeld zu lokalen Wirkungen von Unternehmen mit Bezug zur Kleinstadtentwicklung dienen. Die vorliegende Studie ist demnach lediglich eine erste Annäherung an das Untersuchungsfeld zu lokalen Wirkungen von Unternehmen mit Bezug zur Kleinstadtentwicklung. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass erfolgreiche, regional verwurzelte Unternehmen generell dazu bereit sind, sich an der Stadtentwicklung zu beteiligen. Zudem gibt es insbesondere hinsichtlich der Beteiligung managementgeführter Unternehmen noch Potenziale zu aktivieren. Die Beschränkung auf drei explorative Einzelfallstudien, die zudem tendenziell als Positivbeispiele gesehen werden können, vermag zwar einen ersten Einblick, jedoch kein umfassendes Bild zur Einbindung/Beteiligung von Unternehmen zu vermitteln. Künftige Forschungsvorhaben sollten daher weniger fokussiert ausgerichtet sein, also neben Hidden Champions und Kleinstädten auch andere Unternehmens- und Stadttypen sowie Akteursgruppen einbeziehen.

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