Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Dokumenttyp: Fachbeitrag Datum 13.12.2012 Flächenverbrauch für Siedlungszwecke in Europa

Die Auswertung der jüngsten im Frühsommer des Jahres 2012 von der Europäischen Umweltagentur zur Verfügung gestellten Angaben der Landnutzungsänderungen auf Basis des CORINE Land Cover (CLC) zeigt: In Europa sind zwischen 2000 und 2006 wie schon im vorherigen Auswertungszeitraum (1990 bis 2000) in erheblichem Maße Flächen für Siedlungszwecke umgewidmet worden sind.

Fachbeitrag: Dezember 2012

  • Erhebliche Flächenumwidmungen für Siedlungszwecke
  • Jährlicher Verbrauch für bebaute Flächen in Spanien am höchsten
  • Siedlungsentwicklung zu Lasten von Ackerflächen

Die jährliche Flächeninanspruchnahme durch bebaute Flächen betrug in Europa im Zeitraum 2000 bis 2006 rund 116.000 ha. Städtisch geprägte Flächen und Industrie-, Gewerbe- und Erholungsflächen waren hieran zu rund 70% beteiligt. Verkehrsflächen machten rund 10% der Veränderungen aus. Im Vergleich zur Vorperiode 1990 bis 2000 stieg der jährliche Flächenverbrauch um rund 19% (Europäische Umweltagentur: Land take Assessment 2011). Immer mehr Ackerflächen werden umgewidmet und somit der Produktion von Nahrungsmitteln oder auch von Biomasse entzogen. Im Umfeld von Städten in oftmals siedlungsbegünstigter Lage sind es dann vor allem die fruchtbaren landwirtschaftlichen Flächen, die verloren gehen. Doch auch Wälder sowie natürliche und halbnatürliche Bereiche müssen dem Expansionsdrang der Menschen weichen. Das geht einher mit dem Verlust wertvoller ökologischer Funktionen. Von 2000 bis 2006 verbrauchten die bebauten Flächen insgesamt rund 524.000 ha Ackerland und Weideflächen, knapp 100.000 ha Wald und 65.000 ha an naturnahen Flächen, Feuchtgebieten und Wasserflächen. Das bedeutet in diesem Zeitraum eine Bebauung von insgesamt 313 ha pro Tag. Davon entfallen auf landwirtschaftliche Flächen 240 ha.

Flächenverbrauch für Siedlungszwecke

Das Corine Land Cover hat das Ziel, einheitliche und somit vergleichbare Daten zu 44 festgesetzten Bodenbedeckungskategorien und Landnutzungsklassen für Europa zu liefern. Im europäischen Vergleich ist es im Grunde genommen die einzige harmonisierte Datengrundlage zur Analyse der Flächennutzung und deren Veränderung. Die Kartierung erfolgt im Maßstab 1:100.000 auf der Basis von Satellitendaten. Es lassen sich somit gut großräumige Veränderungen wie die Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungszwecke beobachten.

Dargestellt wird nicht nur der Flächenverbrauch insgesamt. Differenziert wird auch nach Nutzungskategorien, die nationale und regionale Besonderheiten deutlich machen.
In der regionalen "Spitzengruppe" mit einem Flächenverbrauch von 32 und mehr ha pro Einwohner befinden sich überwiegend spanische Regionen. Aber auch in Irland, Island und einigen Regionen Schwedens und Norwegens ist ein solch hoher Landverbrauch zu verzeichnen. Insgesamt zeigt sich ein moderates West-Ost-Gefälle, auffallend ist der sparsame Landverbrauch in der Schweiz.

Unterschieden wird auch nach Nutzungsarten: Wohnungen/Dienstleistungen/Freizeit, Industrie/Gewerbe, Verkehr und Infrastrukturen, Baustellen sowie Abbauflächen und Deponien. Der Vergleich offenbart nationale Besonderheiten und Schwerpunkte in der Entwicklung der bebauten Flächen. Wohnungen, Dienstleistungen und Freizeit prägen die Entwicklung der bebauten Flächen. In Deutschland machen sie rund 45% der Flächenumwidmungen aus. In Italien sind sie mit rund 30% am Verbrauch beteiligt, hier machen die Industrie- und Gewerbeflächen mit 40% das Gros der Entwicklung aus.

In einigen Ländern zeigt sich der in dem betrachteten Zeitraum abzeichnende wirtschaftliche Aufholprozess. Dieser manifestiert sich zu einem gewissen Grade in der Gebietskategorie Baustellen. Sie repräsentiert begonnene, aber noch nicht abgeschlossene und eindeutig zuzuordnende Flächenumwidmungen. Mit einem Anteil von 50% in Spanien spiegelt sich hier im Satellitenbild der Bauboom zu Beginn des 21. Jahrhunderts, der sich in der Wirtschaftkrise als platzende Immobilienblase erwies. Eine Aktualisierung der CLC-Daten wird über die Entwicklung dieser Nutzungkategorie Aufschluss geben.

Großer "Verlierer": Ackerland wird am häufigsten umgewidmet

Die Umwidmungen gehen zumeist zulasten landwirtschaftlicher Nutzflächen, zu einem deutlich kleineren Teil zulasten von Wäldern sowie halb-natürlichen und natürlichen Flächen. Der Verlust der landwirtschaftlichen Nutzflächen wirft Fragen zur städtischen Dimension des Klimawandels auf und auch zu regionalen Versorgungsmodellen in Zeiten steigender Energiepreise.

In Deutschland erfolgt die Umwidmung fast ausschließlich auf Kosten von Ackerland - eine Flächenart, die am leichtesten verfügbar gemacht werden kann. Ursache dafür könnten das Planungsrecht sein sowie der im Vergleich zu Wäldern und anderen Biotopen nur geringen Schutzstatus. Ähnliche Trends scheinen auch für andere europäische Staaten zu gelten, da auch hier am häufigsten Ackerflächen für Siedlungszwecke in Anspruch genommen worden sind. Ausnahmen sind natürlich die Staaten, in denen im Verhältnis zu den großen Agrarstaaten nur sehr wenig landwirtschaftliche Nutzfläche existiert.

Fazit

Der Flächenverbrauch für Siedlungsflächen in Europa steigt, und die fortschreitende Inanspruchnahme wertvoller Ackerflächen und auch anderer bislang unversiegelter Flächen beeinflusst das Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungen. Im Sinne einer flächenschonenden Entwicklung wird eine endogene Flächenentwicklung innerhalb von besiedelten, industriell genutzten und durch Infrastruktur geprägten Bereichen an Bedeutung gewinnen müssen.

Die demographische Entwicklung und die steigenden Energiepreise werden ein weiteres Wachstum zum Beispiel insbesondere im Umland der großen Städte absehbar in Frage stellen müssen. Die Frage wird auch sein, inwieweit sich die im Vergleich zur Vergangenheit hohen Zuwachsraten der Siedlungsflächen zu Beginn des Jahrtausends unter dem Einfluss die Finanz- und Schuldenkrise in Zukunft gestalten werden. Inwieweit werden Lehren der Entwicklung wie etwa in Spanien gezogen, die weniger auf Expansion als auf eine interne Erschließung zielen?

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